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Georges Delnon im Interview Hilferuf eines Opern-Intendanten: „Kulturbranche wird jetzt auf den Prüfstand gestellt“

Der Hamburger Musikprofi spricht über die gefährdete Zukunft der Hochkultur, Kurzarbeit im Staatsbetrieb und das Skandalpotenzial seines Saisonstarts.
03.09.2020 - 14:17 Uhr Kommentieren
„Wir alle erleben eine tief greifende Krise. Da gibt es nichts zu beschönigen.“ Quelle: Carsten Dammann
Georges Delnon, Intendant der Staatsoper Hamburg

„Wir alle erleben eine tief greifende Krise. Da gibt es nichts zu beschönigen.“

(Foto: Carsten Dammann)

Hamburg Eigentlich wäre es fast einen Aufschrei wert, wenn es keinen Aufschrei gäbe: Die Hamburger Staatsoper startet am Samstag mit einem zeitgenössischen Stück in die neue Saison, bei dem Frank Castorf Regie führt.

Und der ist nicht nur Ex-Chef der Berliner Volksbühne und als Klassiker-Zertrümmerer berüchtigt. Er hat auch ebenso früh wie scharf die Corona-Politik der Regierung kritisiert.

Intendant Georges Delnon hat derweil noch ganz andere Sorgen. Die ganze Kulturbranche erlebe „eine tief kreisende Krise“, bilanziert er nach einem halben Jahr mit dem Virus.

„Das fordert Opfer.“ Delnon rechnet damit, dass Corona das ganze Geschäft revolutioniere. Dass man künftig mehr mit Open-Air-Kultur experimentieren müsse und die Spielpausen schon deshalb vom Sommer in den Winter legen könnte.

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    Delnon fürchtet: „Es dürfte kaum zu vermeiden sein, dass Politiker, die etwas weniger kulturaffin sind, bald mit Kürzungsszenarien um die Ecke kommen.“ Damit wiederum drohe „Vielfalt und Qualität verloren zu gehen“.

    Lesen Sie hier das ganze Interview:

    Herr Delnon, am 5. September startet Ihre Staatsoper Hamburg in die neue Spielzeit – und damit auch in eine neue Welt?
    Auf jeden Fall. Für eine Situation wie Corona gab es ja keine Generalprobe. Das merken wir in allen Bereichen. Und das wird uns wohl noch Jahre begleiten – vielleicht sogar nie mehr verlassen. In unglaublich kurzer Zeit mussten wir alle in der Kulturbranche Tätigen viel lernen.

    Was verändert Corona?
    Alles, von der Wahl der Stücke bis zu den Beziehungen untereinander … im Ensemble, aber auch von und zwischen uns Menschen generell. Manche unserer Beschäftigten zum Beispiel avancieren sinnvollerweise plötzlich zu Experten in neuen Feldern, etwa dem Arbeitsschutz. Das kann dazu führen, dass sich da zwangsläufig eine neue, interne Verhaltenspolizei formiert. Vieles verliert dadurch seine (Durch-)Lässigkeit und Ungezwungenheit.

    Zum Beispiel?
    Stellen Sie sich nur mal ein Requisit vor, das von einem zum anderen Akteur gereicht werden soll, plötzlich eigentlich nur noch mit Handschuh weitergereicht werden darf und danach auf der Seitenbühne gleich desinfiziert werden muss; und der Vorgang sollte selbstverständlich nicht nur befolgt, sondern auch beaufsichtigt werden.

    Wie haben Sie selbst die Monate von Lockdown und Neustart erlebt?
    Zunächst als Schock und Moment der Selbstbesinnung. Es war ja anfangs auch ein Akt der Entschleunigung. Dann folgte aber schnell die Erkenntnis, dass wir alles würden neu entwickeln müssen.

    Opulente Inszenierungen wie „Elektra“ haben Sie bereits verschoben, weil das dafür notwendige große Orchester jetzt gar nicht zusammenkommen kann.
    Alles war für eine Premiere fertig, war aber unter den Corona-Bedingungen einfach nicht mehr möglich. Wir hatten sogar erwogen, das Orchester aus einer anderen Halle zuzuschalten, wo die Abstandsregeln gewährleistet wären. Am Ende haben wir uns aus künstlerischen Gründen dagegen entschieden. Also bleiben uns derzeit nur kleinere Kammerorchester. Kent Nagano …

    Ihr Generalmusikdirektor.
    … arbeitet jetzt mit einzelnen Kohorten seiner Musiker. So wird auch die Gefahr reduziert, dass ein singulärer Corona-Fall das ganze Orchester lahmlegen könnte. Die Logistik hinter den derzeitigen Dienstplänen ist wie Sudoku für Vollprofis.

    „Corona öffnet Kopf und Herz für das Experiment.“ Quelle: Staatsoper Hamburg
    Proben zur Saisoneröffnung in der Staatsoper Hamburg

    „Corona öffnet Kopf und Herz für das Experiment.“

    (Foto: Staatsoper Hamburg)

    Die Aerosol-Debatte hat zum Beispiel das Chorsingen fast unmöglich gemacht. Auch bei Ihnen?
    Unser Chor wird wieder arbeiten, aber in kleineren Gruppen. Wie das dann in einzelnen Stücken aussehen soll, wird derzeit verantwortungsbewusst diskutiert. Nicht nur intern. Die Regelungen dazu sind auch von Bundesland zu Bundesland noch höchst unterschiedlich.

    In welcher Verfassung ist die Opern-, die Kunst- und Kulturbranche generell?
    Wir alle erleben eine tief greifende Krise. Da gibt es nichts zu beschönigen. Wer pessimistisch ist und davon ausgeht, dass der aktuelle Zustand noch einige Jahre andauern wird, der ahnt zugleich: Dann wird es auch einige Jahre keine kollektive Kunst, wie wir sie vor Corona kannten, mehr geben können. Das fordert Opfer und verlangt ziemlich große Veränderungen, zum Beispiel eine Stärkung von Open-Air-Formaten, die ja doch offenbar mehr möglich machen als selbst die größten Opernhäuser.

    Bislang findet der Hauptteil der Opernprogramme in Herbst und Winter statt. Also wird es künftig mehr Freiluftopern geben und eher Winter- als Sommerpausen?
    Ich könnte mir vorstellen, dass es in diese Richtung geht.

    In Düsseldorf musste gerade Marek Lieberbergs erster Versuch eines großen Open-Air-Popkonzerts wieder abgesagt werden, weil die Infektionszahlen zuletzt wieder angestiegen sind. Aus den privatwirtschaftlich organisierten Kulturbereichen – Film, Unterhaltungsmusik, Musicals – hört man nun gern den Vorwurf: „Wir verhungern, aber die großen Staatstheater und -opern haben ja ihre Steuersubventionen.“ Was entgegnen Sie?
    Die gesamte Kulturbranche wird jetzt auf den Prüfstand gestellt. Es dürfte kaum zu vermeiden sein, dass Politiker, die etwas weniger kulturaffin sind, bald mit Kürzungsszenarien um die Ecke kommen. Das könnte uns dann alle treffen. Die Gefahr ist real, dass Vielfalt und Qualität verloren gehen. Immerhin: Der Entzug von Kunst hat auch ein großes Bedürfnis geweckt. Das wusste ja schon Hölderlin: „In der Gefahr wächst das Rettende auch.“

    Fühlen Sie sich als Opernintendant noch privilegiert?
    Allenfalls insofern, als wir mit dem Hamburger Kultursenator Carsten Brosda einen verständnisvollen Partner und Zuhörer haben. Das Glück haben nicht alle Kollegen.

    Zum Haus gehört die Ballett-Compagnie von John Neumeier, das Staatsorchester unter der Leitung von Kent Nagano, ein großer Chor – wie groß ist das Unternehmen Hamburgische Staatsoper?
    Wir haben rund 800 Beschäftigte; allerdings sind Hamburgische Staatsoper und das Philharmonische Staatsorchester unterschiedliche Unternehmen. Und obwohl wir am 12. März mit einem „Otello“ unsere letzte Aufführung hatten, werden wir unseren Wirtschaftsplan 19/20 einhalten können ...

    … der bislang mit einem Budget von etwa 80 Millionen Euro jährlich operieren dürfte. Wo sparen Sie seit Corona?
    Wir konnten frühzeitig in Kurzarbeit gehen und sind dadurch bis jetzt nicht in Schieflage geraten. Aber ebenso wie das Budget nun angepasst werden muss, verändert sich ja auch unser Spielplan, der vorläufig bis Anfang Dezember reicht.

    Eigentlich fasst die Hamburger Oper rund 1700 Besucher. Wie viele dürfen jetzt noch rein?
    500. Vor Corona haben wir an einem normalen Abend rund 80.000 Euro eingenommen. Künftig dürfte es allenfalls ein Viertel davon sein. Wir müssen alles neu kalkulieren. Erfreulich ist, dass die Abonnenten uns recht treu zu bleiben scheinen. Und ich hoffe, dass wir auch die Zahl der Besucher peu à peu wieder hochfahren können. Sollte das nicht möglich sein, droht der wirtschaftliche Schaden groß zu werden.

    Wird selbst ein großes Haus wie Ihres Mitarbeiter entlassen müssen?
    Das ist für uns momentan kein Thema. Es geht uns darum, alle wieder voll in die Arbeit zu bekommen. Dafür wiederum brauchen wir auch Projekte, die realisierbar sind und vom Publikum angenommen werden. Wir brauchen neue Ideen für neue Einnahmen.

    Gerade die Star-Solisten hat man bislang für viel Geld aus aller Welt einfliegen lassen können. Ist mit diesem Kult nun ebenfalls Schluss?
    Die Gastkünstler waren in unserer Branche lange die Privilegierten. Plötzlich gilt das eher für die Ensemble-Mitglieder, weil die auch jetzt ihr regelmäßiges Einkommen haben. Wir sollten als Branche darauf achten, dass da nicht zu viel auseinanderfällt. Dass es nicht zu viele Verlierer gibt. Unsere Gast-Akteure haben wir deshalb zumindest für einen Teil ihrer Corona-bedingt ausgefallenen Honorare entschädigt.

    Klingt, als sei auch ein bisschen der Jahrmarkt der künstlerischen Eitelkeiten mit all seinem fröhlichen Größenwahn zu Ende.
    Es klingt nach einer Justierung, die vielleicht auch gar nicht so übel ist. Man kann ja auch zu Hause neue und große Talente entdecken, die nun auch schneller große Chancen bekommen können.

    Trotzdem starten Sie nun mit einem Star, nämlich dem Regie-Schreck und einstigen Berliner Volksbühnen-Gott Frank Castorf. Auch der war eigentlich für eine andere Oper engagiert worden.
    Mussorgskis Oper „Boris Godunow“, genau …

    … die nun durch eine völlig neue Produktion ersetzt wird namens „molto agitato“. Eine Antwort auf Corona?
    Allenfalls was die Rahmenbedingungen angeht. Frank Castorf bekam von mir als Regisseur nur die Vorgabe: Nimm dir so viel Raum wie nötig für so wenig Sängerinnen und Sänger wie möglich.

    Im Mittelpunkt des Projekts stehen jetzt nur noch fünf Solistinnen und Solisten und ein Kammerorchester, das Stücke von Kurt Weill, Brahms, Händel, aber auch die „Nouvelles Aventures“ von György Ligeti aufführt.
    Auch wir steuern ja derzeit auf immer neue Abenteuer zu. Insofern wird der Abend auch mit Corona zu tun haben. Aber es wird nicht Frank Castorfs Haltung dazu illustrieren. Er macht einfach tolles, aufregendes Theater.
    Castorf hat früh den „Grad der Ideologisierung“ beim Kampf gegen Corona kritisiert, wollte sich „von Frau Merkel nicht sagen lassen, dass ich mir die Hände waschen muss“ und fühlte sich an die DDR-Propaganda erinnert, mit der er einst aufwuchs. Kurz: Er zweifelt zumindest stark an der Verhältnismäßigkeit der staatlichen Corona-Maßnahmen.
    Dazu möchte ich eigentlich nichts sagen. Wer sich die Inszenierung anschaut, wird feststellen: Corona ist nicht das eigentliche Thema.

    Schade eigentlich, oder? Castorf lebte immer auch von Skandalen und Provokationen …
    Er wird sich wie alle Menschen mit der Pandemie auseinandergesetzt haben. Was ihn dabei wirklich zu interessieren scheint, ist das Thema Distanz und Distanzierung, das ja durch Corona verstärkt zur Debatte steht. Ebenso die dadurch entstehende Einsamkeit. Die Funktion der Medien. Er lässt die Kameras sehr nah an die Solisten rangehen, um sie uns so näher zu bringen.

    „Wir brauchen neue Ideen für neue Einnahmen.“
    Georges Delnon im Interview

    „Wir brauchen neue Ideen für neue Einnahmen.“

    Bei Castorf wurde früher auf der Bühne geknutscht, gegrabscht und kopuliert. Kartoffelsalat flog eimerweise ins Publikum. Damit dürfte Schluss sein, oder?
    Das alles geht in Corona-Zeiten tatsächlich nicht.

    Seit seinem Rauswurf an der Berliner Volksbühne zieht er als Gaststar durch die Lande und will immer nur für eine Inszenierung bleiben - wohl wissend, wie anstrengend er sein kann, wenn er selbst sagt: „Ich stifte auch viel Unfug.“ Merken Sie das selbst?
    Ja, natürlich. Eine Musiktheater-Geburt ist immer anstrengend.

    Wie oft haben Sie sich während der Vorbereitungen schon angeschrien?
    Bisher nie. Natürlich ist er ein Mensch mit ganz besonderer Biografie und Laufbahn. Und man sollte sich auf keinen Fall einen Castorf holen, wenn man ihn dann nicht Castorf sein lassen will. Ich finde zum Beispiel, dass Kent Nagano und er extrem gut und respektvoll zusammenarbeiten.

    In jedem Fall ist die Premiere ziemlich symbolbeladen. Wird das Publikum aufschreien?
    Ich kann nur versprechen: Es wird verwirrende, harte, poetische, kurz: viele besondere Theatermomente geben.

    Eine ganz profane Frage: Wird es Pausen geben für Sekt, Schnittchen und Diskussionen?
    Leider nein. Erst bei der „Zauberflöte“ Ende November wollen wir es mit einer Pause versuchen. Wir haben schöne Foyers, eine gute Belüftung … dann sollte es möglich sein. Wir bleiben vorsichtig.

    Geht es Ihnen nicht auch so: Egal, was man macht – shoppen, essen gehen, Konzerte besuchen –, alles hat nun diesen aseptischen Schutzcharakter und also seine Lässigkeit verloren.
    Vor allem das Feiern fehlt mir und uns allen sehr. Ich höre das auch von den Festivals, die nun im Sommer stattfanden. Andererseits öffnet Corona Kopf und Herz für das Experiment; vielleicht auch mal wichtig.

    Verfolgen Sie zurzeit besonders genau, was andere Häuser machen und wie?
    Extrem, ja. Und nicht alles kann für mich Vorbild sein. Ich möchte zum Beispiel keine irgendwie amputierten Opern zeigen oder „Best-ofs“ und einfach so tun, als gehe alles normal weiter. Lieber setze ich auf neue Formen und Formate. Ich finde das künstlerisch ehrlicher. Wir können Corona nicht trotzen, sondern müssen die Realität akzeptieren.

    Wagen Sie eine Prognose, wie es für Ihre Branche wirtschaftlich und künstlerisch weitergeht?
    Wir alle werden einerseits um Jahre zurückgeworfen. Anderseits sehe ich, dass auch wir jetzt viel stärker mit Digitaltechnik operieren und experimentieren. Wir rüsten da auf. Und da ist auch künstlerisch noch längst nicht alles ausgereizt. Auch wenn es abgedroschen klingt: Diese Krise birgt auch Chancen.

    Herr Delnon, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: „Aufgeheizte Atmosphäre“ – Lieberberg klagt Corona-Strategie der Politik an

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