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Giuseppe Vita im Interview „Der größte Fehler ist die Angst vor dem Fehler“

Abschied mit 83: Der Ex-Pharmamanager gibt das Amt des Aufsichtsratschefs bei Axel Springer auf. Ein Interview über Managementfehler und die Lage Europas.
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Europa hat Fieber, meint der Diplomat und spielt darauf an, dass es keine Annäherung in Sachen vereintes Europa gibt. Quelle: Sakis Lalas für Handelsblatt
Giuseppe Vita

Europa hat Fieber, meint der Diplomat und spielt darauf an, dass es keine Annäherung in Sachen vereintes Europa gibt.

(Foto: Sakis Lalas für Handelsblatt)

In Berlin gebe es mehr gute italienische Restaurants als in seinem Wohnort Mailand, hat Giuseppe Vita einmal gesagt. Das sollte natürlich seiner zweiten Heimat schmeicheln. Das Zitat sagt aber auch viel aus über den Grenzgänger zwischen den Kulturen. Vita ist Diplomat. Er gilt als Erklärer zweier Nationalitäten, die sich lieben, wie er sagt, die aber auch so manche Beziehungskrise durchstehen müssen.

Am 17. April tritt der langjährige Chef des Pharmakonzerns Schering von der Bühne ab. Zum letzten Mal leitet der 83-Jährige die Hauptversammlung der Axel Springer SE. Seine Koffer sind gepackt, sein Dienstbüro hoch oben im Springer-Hochhaus mit dem schönen Blick auf den Westen der Hauptstadt ist aufgeräumt. Der Preuße aus Sizilien zieht sich nach 50 Jahren im Dienst deutscher und italienischer Unternehmen und Banken zurück.

Herr Vita, Sie sind mit 83 Jahren der mit Abstand dienstälteste Aufsichtsrat eines deutschen Konzerns und bei Springer 17 Jahre Chef des Kontrollgremiums. Eine Altersbegrenzung lehnen Sie rundweg ab?
In den USA wäre das eine Diskriminierung.

Ich weiß, trotzdem entspricht das jetzt nicht den Vorstellungen moderner Unternehmenskontrolle.
Ab 72 Jahren sollte man in der Regel nicht mehr in ein Gremium gewählt werden. Ich würde auch nichts anderes empfehlen. Ich bin da sicher eine Ausnahme.

Wann sind denn Ausnahmen zulässig?
Maßgeblich sollte immer sein, was jemand vorher geleistet hat. Ich bin absolut dagegen, dass Vorstände automatisch in den Aufsichtsrat wechseln, schon gar nicht als Vorsitzender des Aufsichtsrats. Manche Vorstände hätte man besser schon vorher nach Hause geschickt.

Cooling-off ist also eine gute Lösung?
Nicht immer. Wenn jemand eine Firma sehr erfolgreich geleitet hat, was spricht dann gegen einen solchen Wechsel? Das Cooling-off ist heute nicht nur gang und gäbe, sondern sogar gesetzlich vorgeschrieben. Das muss man akzeptieren. Aber ich bin kein Freund davon.

Investoren würden sagen, nach 17 Jahren als Aufsichtsratschef ist man nicht mehr unabhängig, es fehlt Distanz zum Unternehmen.
Es stimmt, da entwickeln sich Freundschaften und Kollegialitäten. Aber solange die Ergebnisse gut sind, warum dann dieser Verdacht, jemand sei nicht mehr unabhängig? Manchmal ist es sogar sehr gut für die Firma, wenn ich alle möglichen Stärken und Schwächen meiner Leute kenne. Für mich ist der Erfolg maßgeblich. Wichtig ist dabei auch eine gewisse Kontinuität in Vorstand und Aufsichtsrat.

Auch Springer war unter Ihrer Aufsicht nicht durchgehend erfolgreich.
Sie erinnern sich an den unglücklichen Postzustelldienst PIN AG? Wir haben in Vorstand und Aufsichtsrat eine Fehlentscheidung getroffen, den Fehler erkannt und repariert, und das alles innerhalb von wenigen Monaten. Das hat uns viel Geld gekostet. Dann habe ich zum Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner gesagt, wenn wir wieder so einen Fehler machen, dann gibt es keine Gnade für dich und auch nicht für mich. Ich kann nicht sagen, schuldig war nur der Vorstand, denn der gesamte Aufsichtsrat hat die Entscheidung voll mitgetragen. Man muss aber auch Fehler machen dürfen. Der größte Fehler ist die Angst vor dem Fehler. Manchmal muss man natürlich auch jemanden austauschen, bevor er Fehler macht. Das ist mir einmal bei Schering in Italien passiert.

Sie haben mit Friede Springer auch eine geduldige Großaktionärin.
Das wäre bei einer vollständig börsennotierten Aktiengesellschaft wohl anders ausgegangen.

Ihnen werden viele Titel zugeschrieben, „graue Eminenz“, „Diplomat“, „preußischer Sizilianer“, „diszipliniertes Schlitzohr“ – was gefällt Ihnen am besten?
Eindeutig der Preuße aus Sizilien. Es gibt so viele Gemeinsamkeiten. In Sizilien waren ja nicht nur die Spanier oder Araber. Sizilien war auch von den Normannen besetzt. Aber noch prägender war vielleicht, dass wir sieben Brüder und sieben Schwestern auf unserem Landgut waren. Und so eine Familie ist nur mit Disziplin zu führen, anders geht es nicht. Das haben wir zu Hause gelernt. Manchmal mussten wir um vier Uhr aufstehen, um mit den Pferden eine Stunde zu den Feldern zu reiten, die Ernte einzuholen und zu verarbeiten. Das Schlitzohr verstehe ich allerdings nicht.

Es bezieht sich wohl auf den jungen Giuseppe Vita, der für Schering nach Italien ging und dort die in den 1960er-Jahren noch verbotene Antibabypille auf den Markt brachte, indem er sie als Hilfe bei Monatsbeschwerden verkaufte, mit Empfängnisverhütung als Nebenwirkung.
Das ist nur zur Hälfte die Wahrheit. Tatsächlich wurden wir vom italienischen Gesundheitsministerium gezwungen, dick auf die Gebrauchsanweisung des Medikamentes zu drucken: Solange Sie diese Pille nehmen, können Sie nicht schwanger werden. Wir hatten nichts dagegen.

Nach 30 Jahren Spitzenposten in der deutschen Wirtschaft kann man aber von grauer Eminenz sprechen?
Graue Eminenz gefällt mir gar nicht, es erweckt den Eindruck, dass ich immer was hinter den Kulissen tun würde. Dann schon eher Diplomat. Als ich 1989 Vorstandsvorsitzender von Schering wurde, hat eine Berliner Zeitung getitelt, ein Sizilianer mit europäischem Pass. Das hat mir damals sehr imponiert. Denn eigentlich verdankte ich diese Ernennung der Tatsache, dass wir dabei waren, Europa zu bilden. Wobei mir gerade auffällt, dass es immer noch keinen europäischen Pass gibt.

Anmerkung der Redaktion: Wir vergleichen die Ausweispapiere, und Giuseppe Vita erklärt, warum er immer noch mit seinem alten deutschen Führerschein unterwegs ist. In Italien galt früher eine Führerscheinsteuer, und er müsste jetzt regelmäßig zu einem kostenpflichtigen Test. In Deutschland dagegen kann man mit seinem einmal erworbenen Führerschein fahren, solange man will. Das findet Vita „völlig unverständlich“. Aber eben auch sehr praktisch.

Herr Vita, am 17. April schließen Sie mit der Hauptversammlung der Axel Springer SE fünf Jahrzehnte deutsch-italienischer Wirtschaftsdiplomatie ab.
Es war eine interessante Zeit, ständig zwischen Menschen zu pendeln, die sich nicht immer lieben oder schätzen, wie Deutsche und Italiener eben. Da gibt es Höhen und Tiefen. Zum Glück mehr Höhen.

Die jetzige Beziehung ...
... ist eher an einem Tiefpunkt. Das liegt diesmal vor allem an Italien. Das Land wird regiert von Politikern, die einfach nicht zu schätzen wissen, wie wichtig gute Beziehungen zu Staaten wie Deutschland, Frankreich oder Österreich, zu allen europäischen Ländern sind.

Womit wir schon bei Ihrem Herzensthema sind: Europa. In welchem Zustand ist die Gemeinschaft gerade?
Europa hat Fieber. Nicht über 40 Grad, eher 38 Grad.

Die typische Diagnose eines Mediziners.
Ich bin am Ende meiner Karriere schon enttäuscht, weil wir bei dem Ziel eines vereinten Europas keine Annäherung geschafft haben. Im Gegenteil. Seit ein paar Jahren überwiegen die Zentrifugalkräfte. Nicht nur in Italien, denken Sie an Ungarn, Polen, zum Teil auch Österreich. Die Welt rückt nach rechts, und die Parteien spielen eine immer kleinere Rolle.

Wie meinen Sie das?
In den USA ist ein Präsident gegen seine eigene Partei gewählt worden. In Frankreich regiert ein Präsident ohne Partei. In Italien sind die christdemokratische und die sozialdemokratische Partei faktisch verschwunden. Oder nehmen Sie das Schicksal der alten erfolgreichen SPD in Deutschland vor der Trennung Schröder/Lafontaine. Stattdessen herrschen die Populisten.

... die wieder Nationalismus propagieren.
Im Laufe meines Lebens ist die Weltbevölkerung von 2,5 Milliarden auf 7,5 Milliarden Menschen gewachsen. Wenn Italien schon damals relativ klein war, wie klein ist das Land erst heute? Was kann ein Land allein machen? Nichts.

Sie scheinen keine große Hoffnung mehr für den Patienten zu haben.
Ein Mediziner hat immer Hoffnung. Aber Europa macht eine Pause.

In Europa regen sich aber auch Kräfte, die eine gemeinsame Industriepolitik machen wollen. Gegen die Chinesen etwa. Das stimmt doch zuversichtlich?
Wir müssen darauf achten, dass sich alle an dieselben Regeln halten. Wenn Chinesen ein Unternehmen in Europa kaufen können, müssen Europäer unter denselben Voraussetzungen ein Unternehmen in China kaufen können. Der Punkt ist ein anderer. Deutsche oder Italiener sind in erster Linie Deutsche oder Italiener, allenfalls in zweiter Linie Europäer. Europa existiert bislang nur auf der Landkarte, ein relativ loser Zusammenschluss von 28, demnächst wohl nur noch 27 Ländern.

Immerhin haben sich Macron, Merkel und Juncker vor wenigen Tagen mit dem chinesischen Ministerpräsenten Xi getroffen.
Und der kauft bei dieser Gelegenheit 300 Airbus-Flugzeuge für 30 Milliarden Euro.

Das freut Airbus, aber sind wir Europäer da nicht ein wenig blauäugig, was die Absichten Pekings angeht?
Nicht blauäugig. Wir existieren nicht als eine Einheit. Dabei ist Airbus doch ein fabelhaftes Beispiel dafür, wie stark Europa sein kann. Vielleicht bleibt es das einzige Beispiel. Oder denken Sie an die Forschung und Innovation: in Europa werden mehr Patente angemeldet als in China. Wenn aber jedes Land nur seinen eigenen Weg geht, dann werden wir verlieren. Gemeinsam sind wir durchaus in der Lage, den Chinesen Paroli zu bieten.

Auch in Sachen digitale Kompetenz? Da spielt die Musik in Amerika, vielleicht demnächst auch in China.
Europa war immer sehr stark auf anderen Gebieten, etwa dem Automobilbau. Wir haben dann aber den Wandel verpasst. Tesla existierte vor 15 Jahren noch nicht einmal, heute ist das Unternehmen fast genauso viel wert wie General Motors. Und in der Chemie- und Pharmaindustrie haben wir viel zu lange die Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Biotechnologie blockiert.

Ihre spezielle Aufgabe als gebürtiger Italiener und einer der ersten Ausländer in Führungspositionen deutscher Unternehmen war es immer, den Deutschen Italien zu erklären. Oder war es umgekehrt?
Das hat sich am Ende die Waage gehalten. Früher war ich mehr in Deutschland, und da musste ich den Italienern eher erklären, wie die Deutschen denken und arbeiten. Ich habe ja auch den Großteil meines Berufslebens für deutsche Unternehmen, vor allem für Schering und jetzt Springer gearbeitet.

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