Gründerszene Berlin und München sind die Hochburgen der KI-Start-ups – doch diese Konzentration ist gefährlich

Junge Unternehmen für künstliche Intelligenz konzentrieren sich in zwei deutschen Großstädten. Das schadet Deutschland.
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In Berlin und München sind die meisten Start-ups ansässig. Quelle: Moment/Getty Images
Künstliche Intelligenz

In Berlin und München sind die meisten Start-ups ansässig.

(Foto: Moment/Getty Images)

MünchenIn Deutschland beschäftigen sich immer mehr junge Unternehmen mit künstlicher Intelligenz, kurz KI. 2010 startete lediglich eine Firma auf diesem zukunftsträchtigen Teilgebiet der Informatik, in dem es darum geht, Maschinen mit Fähigkeiten auszustatten, die intelligentem (menschlichem) Verhalten ähneln. 2017 waren es bereits 25.

Insgesamt haben sich inzwischen 132 Start-ups diesem Feld verschrieben. Das hat die sogenannte „Applied AI“-Initiative von UnternehmerTUM herausgefunden. So nennt sich das Gründerzentrum der Technischen Universität München, das BMW-Großaktionärin Susanne Klatten 2002 gegründet hat. So weit die guten Nachrichten.

Die Schattenseite des Gründerbooms: Der größte Teil Deutschlands bleibt außen vor. Fast zwei Drittel aller KI-Start-ups haben sich in nur zwei Städten niedergelassen: in Berlin und München. In der Hauptstadt sitzen annähernd 40 Prozent dieser jungen Unternehmen, in München mehr als 20 Prozent. Auf Rang drei folgt abgeschlagen Hamburg mit knapp sieben Prozent.

Aus Sicht der Firmen sind die Millionenstädte eine gute Wahl, schließlich finden sich dort viele potenzielle Kunden, Hochschulabsolventen und andere Start-ups. Diese Konzentration sei für Deutschland jedoch ein Problem, meint Andreas Liebl, Geschäftsführer von Applied AI: „Für ein Unternehmen in Cham, Neckarsulm oder anderen eher ländlichen Regionen ist es heute ausgesprochen schwer, KI-Experten zu gewinnen“, sagt er, „die können sich meist aussuchen, wo sie arbeiten möchten.“

Ziel von Applied AI ist es, den Einsatz neuer Methoden und Technologien in der KI zu beschleunigen. Mit einer Art Landkarte der Neugründungen im Bereich künstliche Intelligenz wollen die Initiatoren in einem ersten Schritt einen Überblick über die Szene in Deutschland geben. Zudem haben sich die Forscher angeschaut, was die jungen Firmen genau anbieten.

Rund 400 Start-ups in Deutschland setzen auf künstliche Intelligenz

Auf rund 400 Start-ups seien sie im gesamten Land gestoßen, die alle behaupten, mit KI zu tun zu haben, sagt Immanuel Schwall, der die Übersicht maßgeblich mitgestaltet hat. Bei zahlreichen Firmen stünden die selbstlernenden Systeme aber nicht im Fokus. Vielmehr sei zu vermuten, dass die Unternehmen den Begriff nutzten, um Investoren anzulocken.

Die allermeisten der 132 Start-ups, bei denen KI tatsächlich dominiert, fokussieren sich auf Lösungen für andere Unternehmen. Nur knapp vier Prozent richten sich an Privatkunden, sechs Prozent adressieren sowohl Betriebe als auch Konsumenten.

Noch etwas ist interessant: Der größte Teil der KI-Newcomer beschäftigt sich nur mit Software, es sind mehr als 90 Prozent. Lediglich gut acht Prozent bauen auch zusätzlich eigene Hardware, also Computer oder elektronische Bauelemente.

Deutschland gilt als Spätzünder in der künstlichen Intelligenz. Heute existiert zwar eine lebendige Gründerszene, wie die UnternehmerTUM-Experten dokumentiert haben. Aber: Einer Studie der Boston Consulting Group zufolge hinken deutsche Unternehmen beim Einsatz von KI hinterher.

Hierzulande nutzten nur etwa 15 Prozent der Firmen im nennenswerten Umfang KI in ihrer Produktion, haben die Berater herausgefunden. Vorreiter seien die USA mit 25 Prozent vor China mit 23 Prozent und Indien mit 19 Prozent. Ein Nachteil, meinen die Experten. Wer KI einsetze, teste Prototypen bereits im frühen Stadium und justiere Arbeitsprozesse schneller nach.

Womöglich wird sich das durch die Lösungen der deutschen Start-ups in den nächsten Jahren ändern. 22 der jungen Firmen entwickeln selbstlernende Systeme für die Zentralfunktionen in Betrieben, etwa für die Rechts- und Personalabteilungen, für das Controlling oder die Kundenbetreuung.
35 Start-ups tüfteln der Auswertung zufolge an Angeboten, um Unternehmen produktiver zu machen und die eigenen Ressourcen besser zu nutzen, zum Beispiel mit der Auswertung interner Daten oder eingehender Texte. 18 Start-ups entwickeln Werkzeuge oder Hardware, um KI überhaupt möglich zu machen. Und 54 junge Firmen konzentrieren sich auf einzelne Branchen, wobei das Gesundheitswesen und die Pharmaindustrie führen, gleich dahinter kommen Einzelhandel sowie Transport und Mobilität.

Bei Applied AI sind sie überzeugt, dass KI entscheidend ist, wenn Firmen international wettbewerbsfähig bleiben wollen. Die deutschen Start-ups bräuchten sich im weltweiten Vergleich nicht zu verstecken. Allerdings würden sie davon profitieren, meint Geschäftsführer Liebl, wenn die „klassischen Industriebetriebe stärker bereit wären, mit ihnen zu kooperieren“.

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