Cybertech in Tel Aviv

Das kleine Land am Mittelmeer ist nicht nur militärisch hoch aufgerüstet.

(Foto: Eddie Gerald/laif)

Hackerangriffe Deutsche Firmen holen sich Hilfe für Cybersicherheit im Land der ständigen Alarmbereitschaft

Bösartige Kühlschränke, entführte Autos, manipulierte Algorithmen – Schutz gegen Attacken aus dem Netz ist für Staaten wie Israel überlebenswichtig.
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Be'er Sheva/Tel AvivHinter „Golden Cup“ lauerte die Gefahr: Die Smartphone-App zur Fußball-WM in Russland sollte Live-Berichterstattung liefern. Doch sie nahm auch Telefonate auf, stahl Kontaktdaten und lieferte mittels GPS einen genauen Standort des Nutzers. Die Adressaten: israelische Soldaten. Der mutmaßliche Absender: die Terrorgruppe Hamas. Etwa hundert Soldaten sollen von der Schadsoftware betroffen gewesen sein, hieß es.

Ein Angriff, der einen überschaubaren Schaden anrichtete. Wohl auch, weil Israel digital so hochgerüstet ist wie kaum ein anderes Land. Israel befindet sich in permanenter Alarmbereitschaft. Abgesehen von Jordanien und Ägypten ist das Land von Feinden umgeben. Attacken auf die digitale Infrastruktur oder die Bürger sind hier Alltag.

Im Kampf dagegen setzt man nicht nur auf Eliteeinheiten. Israel ist auch zum Tummelplatz für Start-ups geworden. Und damit zum Vorbild für andere Länder – etwa Deutschland. Das kleine Land am Mittelmeer zeigt, wie Staat und Wirtschaft zusammenwirken können, um Innovation zu fördern.

Ganz anders die Situation in Deutschland: In der vergangenen Woche machten Berichte über die stockende Modernisierung der IT-Systeme der Bundeswehr die Runde. Nur ein Beispiel von vielen. Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung PwC kam vor wenigen Tagen zu dem Ergebnis, dass gerade einmal die Hälfte der europäischen Unternehmen über eine umfassende Cyber-Sicherheitsstrategie verfügt. Sie liegen damit auf dem vorletzten Platz – hinter Asien und Nord- und Südamerika.

Hohes Schutzbedürfnis

Abwehr und Schutz spielen in Israel seit Staatsgründung eine entscheidende Rolle, mittlerweile auch digital. Mit der Militäreinheit 8200 hat sich das Land hier ein Denkmal gesetzt. Um die Cyber-Truppe ranken sich Legenden. So soll etwa der Cyberangriff auf iranische Atomanlagen von ihr erdacht und durchgeführt worden sein.

Die Verschwiegenheit der Streitkräfte macht den „Mythos 8200“ nur noch mächtiger. Viele Rekruten der Armee machen sich nach dem Wehrdienst mit dem erworbenen technologischen Know-how selbstständig. Das Militär als digitale Kaderschmiede.

Der Markt mit dem Schutz gehört zu den dynamischsten im ohnehin schnell wachsenden Start-up-Ökosystem des Landes. Laut der israelischen Start-up-Organisation „Start-up Nation Central“ sammelten die Neugründungen 2017 rund 814 Millionen US-Dollar an Wagniskapital ein. Kein anderes Land mit Ausnahme der USA konnte eine derart hohe Summe einstreichen. Für das laufende Jahr erwarten die Analysten einen Anstieg der Investitionen auf mehr als eine Milliarde US-Dollar.

Den Grundstein hat das 1993 gegründete Unternehmen Checkpoint gelegt, das als Erfinder der Firewall gilt. Gründer Gil Shwed ist so etwas wie der Patriarch der Cyber-Szene des Landes. Jeder spricht voller Ehrfurcht von dem 50-Jährigen, der dazu beitrug, Israel als Standort für Cybersicherheit zu etablieren.

„Als das Internet entstand und für jeden zugänglich wurde, war in Israel schnell klar, dass das völlig neue Risiken bringen würde“, sagt Shwed: „Ich wollte den Zugang für jeden sicher gestalten.“ Mittlerweile werden die Aktien des Unternehmens an der Nasdaq gehandelt, zu den Kunden zählen multinationale Konzerne.

Auch immer mehr deutsche Unternehmen entdecken die digitale Kompetenz des Landes – aus gutem Grund, wie Yochai Corem, Vice President beim Technologieanbieter Cyberbit, weiß: „Viele Unternehmen erkennen keine Bedrohung und verweisen auf ihre Firewall oder gehen davon aus, dass ihnen nichts passieren wird.“ Dabei sei es für Angreifer heute sehr einfach, die Schutzmaßnahmen zu überwinden.

Cyberbit gehört zum israelischen Technologie- und Rüstungskonzern Elbit und bietet eine Trainings- und Simulationsplattform für Cybersicherheitsexperten. Die nutzte etwa der IT-Dienstleister der Sparkassen-Gruppe. Deren Sicherheitsexperten nahmen zusammen mit Kollegen von israelischen Banken an einem gemeinsamen Training in Israel teil.

Deutsche Firmen vor Ort

Konzerne wie Daimler oder Porsche sind mit eigenen Büros in Israel vor Ort, der Autozulieferer Continental übernahm Ende 2017 das IT-Sicherheitsunternehmen Argus, das vernetzte Fahrzeuge vor dem Zugriff von außen schützen soll.

Die Deutsche Telekom habe seit 2004 rund 50 Millionen US-Dollar in den Forschungsstandort in Be'er Sheva investiert, sagt Amit Keren, Managing Director des Unternehmens in Israel: „Es war der erste deutsche Konzern, der die Forschungsmöglichkeiten für die Cyber-Abwehr erkannt hat.“

Be'er Sheva liegt an der Grenze zur Wüste Negev. Es ist eine dieser Retortenstädte, die Staatsgründer Ben Gurion im Sinn hatte, als er das Ziel ausgab, „die Wüste zum Blühen“ zu bringen. Grün ist die Stadt zwar dank künstlicher Bewässerung, wirtschaftliche Blüte suchte man hier allerdings lange vergebens: Be'er Sheva gilt vielen als der Inbegriff der Peripherie, abgehängt vom Wirtschaftswunder an der Küste, sozial schwach und als Standort unattraktiv.

Ende der 60er-Jahre gründete der Staat hier die Ben Gurion Universität, um das zu ändern. Nachhaltig gefördert hat sie den Standort bislang nicht – noch nicht. Nach dem Willen der Regierung soll hier nun ein High-Tech-Park entstehen - ein Campus aus Universität, Unternehmen und den Cyber-Einheiten des Militärs.

„Die Idee ist, den größten Tech-Hub des Landes zu schaffen“, sagt Oleg Brodt, Forschungs- und Entwicklungschef von „Cyber@BGU“, eine Organisation die für die gesamte Cyber-Forschung und Kooperationen der Universität zuständig ist.

Brodt und sein Team forschen hier an den Gefahren der Zukunft – im Auftrag von Unternehmen wie der Deutschen Telekom. Auch Konzerne wie Audi, IBM oder EY haben den Standort für sich entdeckt. Fragt man Brodt nach Bedrohungsszenarien der Zukunft, hat er schnell die passenden Beispiele zur Hand.

Ein Szenario ist fast so alt wie die Idee des selbstfahrenden Autos: Hacker übernehmen die Kontrolle über eines der smarten Vehikel und steuern es aus der Ferne. Forscher Brodt fürchtet allerdings ganz andere Angriffe. Die würden sich eher gegen eine ganze Serie von Automobilen richten, die abgeschaltet und die Eigentümer zum Zahlen aufgefordert werden, damit sie den Wagen wieder nutzen können. Solche Attacken seien günstiger und sehr einfach in der Masse zu wiederholen.

Mit genau dieser Möglichkeit beschäftigt sich das 2016 gegründete Start-up Cybellum. Dessen Technologie untersucht Software auf Sicherheitslücken, zu den ersten Kunden zählen vor allem Automobilhersteller und ihre Zulieferer: „Es ist wirklich erstaunlich, wie viel am Automobil mittlerweile vernetzt ist – zum Beispiel kann oft selbst das Reifenventil via Bluetooth an den Bordcomputer Informationen übermitteln“, erklärt Co-Gründer Michael Engstler.

Und das könnte am Ende gewaltige Auswirkungen haben: „Wenn eine Sicherheitslücke von den falschen Leuten entdeckt wird, könnte damit eine ganze Fahrzeugflotte angegriffen werden – das wären Millionen von Automobilen weltweit und ein erheblicher Schaden für die Hersteller.“

Immer mehr Ziele

Im Zeitalter der vernetzten Welt ist nahezu alles ein potenzielles Ziel. Forscher Brodt skizziert einen Fall, den einer seiner Studenten untersuchte. Dabei wurde die Sicherheitslücke eines smarten Kühlschranks identifiziert. Hacker könnten darüber in das Gerät eindringen und beispielsweise drohen, die Temperatur stündlich um einen Grad zu erhöhen, wenn nicht gezahlt werde.

Auf den ersten Blick ein banal wirkender Angriff, aber die Masse macht es. Allein für die privaten Haushalte prognostizierte Gartner für das Jahr 2020 weltweit über zwölf Milliarden vernetzte Geräte in privaten Haushalten. Hinzu kommen dann aber auch noch smarte Thermostate oder Feuermelder, die in den Büros von Unternehmen zum Einsatz kommen.

Oft hätten Konzerne große Probleme ihr Inventar an vernetzten Geräten zu identifizieren, meint Forscher Brodt: „Wie soll man sich dann schützen?“

Die ehemalige Kapitänin der Eliteeinheit 8200, Sivan Rauscher, ist Mitgründerin von Securing Sam. Sie glaubt, eine Lösung für das Problem zu haben: ein digitaler Fingerabdruck. „Mittels künstlicher Intelligenz weist die Cloud den Geräten den entsprechenden Schutz zu und überwacht Anomalien“, erklärt Rauscher.

Doch auch künstliche Intelligenz könne manipuliert werden, warnt Brodt. So fanden er und sein Team heraus, wie autonom fahrende Autos mithilfe von Stickern auf Verkehrsschildern durcheinander gebracht werden konnten. Die Schilder wurden nicht erkannt, oder das System las ein falsches Verkehrszeichen – mit womöglich verheerenden Folgen.

Eine im 3D-Drucker hergestellte Brille wiederum wirkte für das menschliche Auge völlig normal, war aber in der Lage, ein biometrisches Gesichtserkennungssystem komplett durcheinander zu bringen – so sehr, dass am Ende eine Person falsch identifiziert wurde.

Die Beispiel zeigen: Die weltweite Sicherheitslage im Netz ist für Israel und seine Gründer gutes Marketing. Dennoch müssen sie weiter Überzeugungsarbeit leisten, auch in Deutschland. Dax-Konzerne investierten viel, meint Cyberbit-Manager Corem: Aber bei den kleinen und mittelständischen Betrieben sei das oft noch nicht der Fall.

Immerhin: Telekom-Manager Keren stellt fest, dass die Aufmerksamkeit wachse. Aber immer noch dominiere häufig die Frage, wie sich Cybersicherheit am Ende rentiere. Seine Antwort: „Jeder hat ein Schloss an der Haustür und da gibt es keine Gespräche über Amortisierung oder einem Finanzierungsmodell.“

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