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Handelsblatt-Tagung IT-Management Unternehmen heben Informations-Schätze – Datenversteher verzweifelt gesucht

Informationen über Kunden und Abläufe sind wichtiger Rohstoff für die Wirtschaft. Doch viele Unternehmen tun sich schwer, Datenschätze auszuwerten.
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Unternehmen können mit einer intelligenten Datenanalyse ihre Geschäftsprozesse optimieren. Quelle: Ikon Images/Getty Images
Datenströme

Unternehmen können mit einer intelligenten Datenanalyse ihre Geschäftsprozesse optimieren.

(Foto: Ikon Images/Getty Images)

München Wer im Sommer 2018 in den Urlaub fliegen wollte, begab sich unfreiwillig auf eine Abenteuerreise: Lange Schlangen an den Sicherheitskontrollen, unpünktliche Flüge und verlorenes Gepäck sorgten für Frust. In diesem Jahr will die Lufthansa so ein Chaos auf jeden Fall vermeiden. Die Airline stellt deswegen Reserveflieger bereit, stellt zusätzliches Personal ein – und wertet intensiv Daten aus.

„Wir wollen im nächsten Sommer die Kapazitäten optimal einsetzen“, sagt Christian Novosel, der für die Initiative zur intelligenten Datenanalyse über alle Unternehmensbereiche hinweg verantwortlich ist. Über die Plattform Tableau können die Fachabteilungen mit ein paar Mausklicks aufbereiten, wo es eng werden könnte – und zwar direkt im Meeting. Dann können die Manager Material und Personal anders einsetzen.

Zahlen und Statistiken sind für die Lufthansa bei Entscheidungen seit jeher wichtig. Aber Novosel sagt: „In den letzten Jahren ist das Verständnis gewachsen, dass Daten auch ein klarer Wettbewerbsvorteil sind.“

Es ist ein Thema, das in vielen Chefetagen auf der Agenda steht und diese Woche auch bei der Handelsblatt-Tagung Strategisches IT-Management eine wichtige Rolle spielt. Die intelligente Analyse von Daten verspricht bessere Prozesse, klügere Entscheidungen, mehr Kundennähe, manchmal sogar neue Produkte. Viele Unternehmen tun sich bei der Einführung aber schwer. Das liegt nicht nur an der Technik: Es fehle oft eine „datengetriebene Kultur“, beobachtet Christian Lubasch, Gründer und Chef der Unternehmensberatung Leroi in Berlin.

Die Datenanalyse an sich ist nichts Neues, schon in den 1990er-Jahren richteten viele Konzerne Abteilungen für Business Intelligence – kurz BI – ein, wie es im Fachjargon hieß. Das war allerdings ein umständliches Geschäft: Die Technik war sehr teuer, Daten waren nur eingeschränkt verfügbar. Viele Spezialisten mussten sich mit Excel-Tabellen behelfen. Vor den Vorstandssitzungen verbrachten sie lange Abende im Büro.

Neue Technik eröffnet indes neue Möglichkeiten. Speicherplatz kostet fast nichts mehr, Rechenleistung ist erschwinglich geworden. Gleichzeitig lassen sich immer mehr Dinge digital vermessen, von einer Bestellung im Onlineshop über eine Autofahrt bis zur Partnervermittlung. Der Wissenschaftler Viktor Mayer-Schönberger spricht von einer „Datafizierung aller Lebensbereiche“.

Dieser Trend führe zu einer Renaissance der Business Intelligence, sagt Berater Lubasch. Heute sei es für Unternehmen Pflicht, sich mit Daten zu beschäftigen. Er macht das am Onlinehandel fest: „Das Verhalten der Kunden ist heute deutlich anders als vor einigen Jahren“ – und das gelte auch für den Verkauf. „Wer seine Kunden dabei besser versteht als der Wettbewerb, hat einen entscheidenden Vorteil.“

Versicherung per App

Das gilt für alle Branchen. Zum Beispiel Versicherungen: Die Ergo gründete Anfang 2016 die Tochter Digital Ventures, um die digitale Transformation voranzutreiben. „Mobilität verändert sich, alles beruht künftig auf Daten“, sagte Karsten Crede, als Vorstand der Sparte verantwortlich für Ergo Mobility Solutions. Die Ergo-Tochter kooperiert beispielsweise mit dem Start-up Fair, das in den USA Gebrauchtwagen gegen Gebühr anbietet, die Garantie, Wartung und Pannenhilfe gleich einschließt. Abgewickelt wird alles über eine App.

Um derartige Geschäftsmodelle entwickeln zu können, hat Ergo eine moderne Datenplattform entwickelt. Zudem beschäftigt die Firma Mitarbeiter, die sonst in einer Versicherung eher selten zu finden sind: Spezialisten für Datenauswertung, aber auch Kenner des Automarktes. „Ein Versicherer muss in der Lage sein, sich in neue Mobilitätslösungen einzubetten“, sagt Crede.

Auch bei der Lufthansa rückt digitale Technologie in den Mittelpunkt. Bislang habe die Datenanalyse primär geholfen, die Vergangenheit zu verstehen, erklärt Novosel. „Auf der nächsten Stufe stehen Vorhersagen“ – etwa um Probleme zur Hauptreisezeit im Sommer zu verhindern, bevor sie entstehen. In Präsentationen kann das Management bald mit einem Schieberegler die Parameter verändern und verschiedene Szenarien durchspielen.

In Zukunft ist sogar denkbar, dass IT-Systeme autonom handeln. Wenn zum Beispiel schlechtes Wetter zu Verspätungen oder Flugstreichungen führt, könnte ein Algorithmus die Flüge so umbuchen, dass möglichst wenige Kunden betroffen sind. Trivial ist das nicht: Der Dax-Konzern führt die Daten aus verschiedenen Systemen zusammen und hat zudem eine Lösung, die mithilfe Künstlicher Intelligenz Prognosen trifft.

Angesichts vieler solcher Projekte ist rund um die Datenanalyse ein dynamischer Markt entstanden. Das Analysehaus Gartner erwartet, dass der Umsatz mit Anwendungen für Business Intelligence und Datenanalyse im Jahr 2020 auf rund 23 Milliarden Dollar wachsen wird, vor allem dank moderner Lösungen. Als führend sehen die Spezialisten Microsoft, Qlik und Tableau.

„Unsere Kunden werden mit Daten überhäuft“, sagt Tableau-Chef Adam Selipsky. Daher brauche es eine robuste Plattform für Aufbereitung und Analyse. Der Anbieter hat deswegen Software entwickelt, mit der Unternehmen Informationen einfach darstellen können – Wissensarbeiter jeder Art, so das Versprechen, sollen das selbstständig tun können, wenn denn die Daten gut gepflegt sind.

Es ist ein Geschäftsmodell mit Chancen: Tableau dürfte im laufenden Geschäftsjahr erstmals mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz schreiben, an der Börse ist das Unternehmen mit gut zehn Milliarden Dollar bewertet – den Kurseinbruch vieler Technologiewerte überstand es unbeschadet. Konkurrent Looker erhielt kürzlich in einer Finanzierungsrunde 100 Millionen Dollar.

Bei der Einführung von Lösungen für die intelligente Datenanalyse tun sich viele Unternehmen indes schwer. Zum einen wegen der Technik: Viele alte Systeme sind nicht dafür ausgelegt – die Informationen waren früher nur Abfall, bestenfalls ein Nebenprodukt. Wer gute Vorhersagen will, braucht jedoch gute Daten.

Datengetriebene Kultur

Zum anderen mangelt es häufig am Umgang mit den Werkzeugen. Eine intelligente Analyse gehe nicht ohne eine „datengetriebene Kultur“, sagt Lubasch: Die Mitarbeiter müssen die Daten als Grundlage für Entscheidungen nehmen – und sich daher auch mit der Technik auskennen. „Von jedem Euro, den man in Technologie für Datenanalyse investiert, sollte man mindestens 20 Cent in Dinge wie Fortbildung und Organisation stecken“, erklärt er.

Die Commerzbank ist gerade dabei, die intelligente Datenanalyse im Unternehmen zu etablieren. Derzeit beschäftigt sich eine Truppe mit 250 Mitarbeitern mit Advanced Analytics und Künstlicher Intelligenz. Das ist für das Kreditinstitut in vielen Bereichen wichtig, ob beim Kundendienst mit Chatbots, dem Schutz vor betrügerischen Transaktionen oder der automatischen Vergabe von Darlehen – die ist mit Daten durchaus denkbar.

Das sei aber nur der Anfang, sagte Bereichsvorstand Kerem Tomak, der bei der Commerzbank für die intelligente Analyse verantwortlich ist, bei der IT-Tagung. „Wir müssen eine Graswurzelbewegung erschaffen“, sagt er. Zunächst sollen einige Projekte die Mitarbeiter begeistern, später ist der Aufbau einer Akademie denkbar. „Unser Job ist nicht erledigt, bis nicht alle im Umgang mit Daten vertraut sind“, sagt Tomak.

Auch die Lufthansa bemüht sich um einen Kulturwandel – bei 130.000 Mitarbeitern keine leichte Aufgabe. „Das ist ein wichtiger Teil der digitalen Transformation, wenn nicht der wichtigste“, sagt Novosel. Der Konzern trainiert daher beispielsweise seine Führungskräfte im Umgang mit Daten und veranstaltet Hackathons für die Mitarbeiter. „Die datengetriebene Kultur sollte auch von oben vorgelebt werden“, betont der Manager. Finanzchef Ulrik Svensson unterstützt die Initiative.

„In jedem Unternehmen gibt es eine Strategie für Personal oder Marketing“, sagt Berater Lubasch. Für die Datenanalyse gelte das jedoch selten. Sein wichtigster Rat: „Firmen brauchen eine Strategie, welche Daten und welche Technik sie nutzen – und wie sie damit umgehen.“

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