Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

iCarbonX-Chef Wang Jun Wie ein chinesischer Start-up-Gründer das Leben seiner Nutzer optimieren will

iCarbonX sammelt unzählige Gesundheitsdaten seiner Nutzer, inklusiver der DNA. Mehr als eine Million Menschen machen bereits mit – nicht nur in China.
Kommentieren
Start-up iCarbonX: Die Firma, die alles über Sie wissen will Quelle: Bloomberg
iCarbonX-Gründer Wang Jun

„Sie sagte, sie habe noch nie so etwas gesehen.“

(Foto: Bloomberg)

Shenzhen„Sie haben es verstanden“, ruft Wang Jun erfreut aus. Gerade hat der 41-jährige CEO des chinesischen Biotech-Start-Ups Bundeskanzlerin Angela Merkel die Funktion des „smart mirror” erklärt, also eines intelligenten Spiegels. Der kann die Körperkonturen und Bewegungen einer Person erfassen. Wer eine Sportübung nicht korrekt ausführt, bekommt Verbesserungsvorschläge: Arme höher, Rücken gerader, Beine weiter.

Wangs Firma ist die letzte Station auf Merkels elfter China Reise. Dieses Mal hat sie sich die südchinesische Küstenstadt Shenzhen ausgesucht, Chinas Silicon Valley. Tech-Giganten wie Tencent und Huawei haben hier ihr Hauptquartier. Die Bundeskanzlerin will mit eigenen Augen sehen, warum in China ein Viertel der hundert Top-Unicorns beheimatet sind, wie eine BCG-Studie unlängst herausfand.

Peking verfolgt eine langfristige Industriepolitik, die den Technologiesektor gezielt fördert. Deutschlands Botschafter in China, Michael Clauss, warnte erst am Montag in der chinesisch-sprachigen Financial Times: „Wenn Europa nicht seine Vormacht in Sachen Innovation verlieren möchte, dann muss es aufwachen.“

Als Fallbeispiel hat man iCarbonX ausgesucht. Kaum ein anderes Unternehmen veranschaulicht die Dynamik des chinesischen Fortschritts und dessen innewohnende Ambivalenz so deutlich.

iCarbonX will ein Amazon für Gesundheitsdienste werden. Der Clou dabei: Der Service basiert auf neuesten Erkenntnissen aus Biotechnologie und Genetik. Die Auswertung leistet die künstliche Intelligenz. iCarbonX will seinen Kunden in- und auswendig kennen, mitsamt seiner DNA, seinen Pheromonen, Enzymen und Proteinen. Schon jetzt, so behauptet Wang, machen mehr als eine Million Menschen aus China, Amerika und Israel mit.

Auf einer Plattform namens Meum werden die Daten gesammelt und in Dienstleistungsangebote umgesetzt: Die Urin-Auswertung ergibt, dass man für eine bessere Haut mehr Probiotika zu sich nehmen muss. Die DNA-Analyse legt nahe, dass man wegen einer genetischen Veranlagung für Diabetes 20 Minuten Ausdauersport täglich machen soll. „Und mir wird man wohl zu weniger Butter raten“, scherzt Merkel. Wang lacht.

Deutschland längst überholt. Quelle: imago/Xinhua
Angela Merkel zu Besuch bei iCarbonX

Deutschland längst überholt.

(Foto: imago/Xinhua)

Im Interview mit dem Handelsblatt später ist er weniger beflissen. Sobald sie die Firma verlassen hat, zieht er seine Anzugjacke aus und das schwarze T-Shirt aus der Jeans. Dann wirft er sich in einen Sessel und lässt Tee bringen, ruft er einer Mitarbeiterin zu. Das Adrenalin rauscht offensichtlich gerade durch seine Adern, in den ersten Minuten kann er kaum still sitzen.

Aber auch so ist Wang ein Mann mit Tatendrang. Mit 23 Jahren war er einer der Gründer vom Beijing Genomics Institute, das 2011 innerhalb kürzester Zeit die DNA des EHEC-Viruses entschlüsseln und 2016 250 Millionen Dollar Umsatz machte.

2015 gründete er iCarbonX. Er wollte etwas Neues schaffen, mehr als nur in der Genetik tätig sein. Weltweit zählt seine Firma nun mehr als 1.000 Mitarbeiter. In Shenzhen sind es rund 300, die durch die Gänge der neuen Zentrale schwirren. Das ist eine Mischung aus Start-Up Großraumbüro mit freigelegten Röhren, Wellness-Center, skandinavischem Holz-Design und futuristischem Labor.

In den einzelnen Zimmern sind die verschiedenen Geräte ausgestellt. Wie zum Beispiel die Toilette mit ausfahrbarem Löffel, der Urinproben einsammelt. Oder dem Teppich, der anhand des Ganges einer Person dessen Stimmung messen kann.

Heikles Thema Datenschutz

Wer ein iCarbonX-Leben will, kann sich gleich in ein Rundumpaket einmieten: Derzeit baut Wangs Firma zusammen mit dem staatlichen Freizeitpark- und Immobilienbetreiber OCT Wohnungen, in denen alle Geräte und Messungen inklusive sind.

Warum er ausgerechnet in Shenzhen seine Firma gegründet hat, beantwortet Wang so: „Der Stadt macht es nichts aus, wenn ich scheitere.“ Außerdem gibt es viel Unterstützung: billige Büroräume, Gründungskapital und die die Regierung lässt ihn erst einmal machen, ohne viel zu regulieren.

Wie mit all den persönlichen Daten verfahren wird, gestaltet iCarbonX. Vize-Präsident Phenix Qin behauptet, dass die Kunden selbst entscheiden können, ob die Daten anonymisierten und mit Dritten geteilt werden. Wang sagt, dass man sich an internationale Gesetze halte.

Er wirkt gereizt, wenn das Thema Datenschutz zur Sprache kommt. Die geäußerten Sorgen bremsen seinen Enthusiasmus. Schließlich, so findet er, ist sein Zweck ein guter. Je mehr Daten, je fortschrittlicher die Technik, desto besser das Leben eines jeden. „Mich motiviert mein Mitgefühl“, sagt er mit und schaut treuherzig hoch. „Ich will, dass Menschen weniger leiden.“

Wer so viele Ideen hat, braucht Geld und Expertise. Aber Investoren scheint es genug zu geben. Im April 2016 konnte iCarbonX rund 150 Millionen Dollar einsammeln, unter anderem von Tencent. Weitere 400 Millionen nahm Wang ein, um Anteile in anderen Gesundheitsdiensten zu kaufen. Dazu gehört zum Beispiel das amerikanische SomaLogic, die mehr als 5.000 Proteine im Blut messen können. Oder auch Imagu aus Israel, die eine Software zum Lesen von CTs entwickelt haben.

„Enorm gestresst“

Gerade steckt iCarbonX in einer zweiten Finanzierungsrunde. Wang will nicht bestätigen, dass es um eine Milliarde Dollar geht. Nur so viel gibt er preis: „Ich bin enorm gestresst. Das weiß ich auch ohne EKG-Pflaster.“

Und wie sieht es mit den anderen Messungen aus? Ja, alle drei Wochen lässt er sich Blut abnehmen. Urin täglich. Und folgt er allen Vorschlägen, die sich aus den Auswertungen ergeben? „Ich würde gerne“, sagt er mit einem müden Lächeln. Und warum kann er nicht? „Weil ich zu viel zu tun habe“, seufzt er.

Nach einer kurzen Pause fügt Wang hinzu: „Außerdem habe ich einen Willen und selbst kann selbst entscheiden, was ich tun will.“ Seine Augen funkeln herausfordernd. Der sich gerade aufgetane Widerspruch existiert für ihn nicht. „iCarbonX ist wie ein GPS. Wenn du unbedingt eine andere Route fahren möchtest, dann können wir dich nicht daran hindern.“

Auch Merkel wird wohl trotz besseres Wissens künftig nicht weniger Butter essen. Aber eines hat sie verstanden. In ihrem Abschluss-Statement fordert sie, dass Deutschland sich „sehr strategisch“ mit der Digitalisierung auseinandersetzen muss. Denn „wir sind da nicht in allen Fällen vorneweg“, stellt sie fest. Tencent, Huawei und iCarbonX haben Deutschland schon längst überholt.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: iCarbonX-Chef Wang Jun - Wie ein chinesischer Start-up-Gründer das Leben seiner Nutzer optimieren will

0 Kommentare zu "iCarbonX-Chef Wang Jun: Wie ein chinesischer Start-up-Gründer das Leben seiner Nutzer optimieren will"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.