In eigener Sache Unabhängigkeit als höchstes Gut

Gabor Steingart verlässt das Handelsblatt. Auch ohne ihn steht die Verlagsgruppe weiter für unabhängigen und kritischen Journalismus.
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„Auch ohne Gabor Steingart drehen wir die Uhr nicht zurück, sondern weiter.“ Quelle: Denis Ignatov für Handelsblatt
Sven Afhüppe

„Auch ohne Gabor Steingart drehen wir die Uhr nicht zurück, sondern weiter.“

(Foto: Denis Ignatov für Handelsblatt)

Liebe Leserinnen und Leser,

das Handelsblatt ist in einer guten Verfassung – betriebswirtschaftlich wie publizistisch. Die Auflage ist in den vergangenen sieben Jahren kontinuierlich gestiegen, die Zahl der Digitalpass-Abonnenten wächst, und die Zeitung produziert mit exklusiven und investigativen Geschichten immer wieder Schlagzeilen.

Dass sich das Handelsblatt von einer altehrwürdigen Wirtschaftszeitung zur modernen Pflichtlektüre für Manager und Politiker entwickelt hat, ist auch einer internationalen Jury renommierter Zeitungsmacher aufgefallen. Im Mai wird das Handelsblatt in der Kategorie „überregionale Zeitung“ als European Newspaper of the Year prämiert. Die Jury hat ihre Entscheidung mit der täglichen doppelseitigen Infografik, den Coverstorys am Wochenende, dem magazinigen Layout und dem gelungenen Transformationsprozess in Richtung elektronische Medien begründet. Die Auszeichnung macht die gesamte Handelsblatt-Redaktion und mich persönlich außerordentlich stolz.

An der fulminanten Entwicklung des Handelsblatts hatte Gabor Steingart großen Anteil. Zunächst als Chefredakteur und schließlich als Herausgeber und Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe. Umso mehr bewegt uns die Entscheidung, dass Gabor Steingart unser Verlagshaus verlassen soll. Die Redaktionen der Handelsblatt Media Group respektieren die Entscheidung von Verleger Dieter von Holtzbrinck.

Gleichwohl habe ich zusammen mit „Wirtschaftswoche“-Herausgeberin Miriam Meckel und der gesamten Geschäftsführung der Handelsblatt Media Group in einem Brief an Dieter von Holtzbrinck meine Sorgen über die möglichen Folgen dieses Schritts zum Ausdruck gebracht. Vor allem deshalb, weil der Eindruck entstanden ist, dass die plötzliche Trennung maßgeblich durch eine zu kritische Meinungsäußerung von Gabor Steingart im Morning Briefing forciert worden sei. Mittlerweile hat der Verleger erklärt, dass der wesentliche Grund für die Entscheidung gesellschaftsrechtliche Differenzen waren.

Zu Recht hat unser Verleger Dieter von Holtzbrinck am Freitag vor allen Mitarbeitern gesagt: „Das Multitalent Gabor Steingart hat in wenigen Jahren zunächst das Handelsblatt, danach die gesamte Handelsblatt-Gruppe auf großartige Weise weiterentwickelt und erneuert, was höchsten Respekt und größten Dank verdient.“ Dem kann ich mich, der ich mit Gabor Steingart acht Jahre Seite an Seite für die Erneuerung des Handelsblatts gekämpft habe, nur anschließen. Ich und die Handelsblatt-Redaktion wären diesen erfolgreichen Weg der Erneuerung gern mit ihm weitergegangen.

Auch ohne Gabor Steingart drehen wir die Uhr nicht zurück, sondern weiter. Die beschleunigte Digitalisierung unserer Angebote und die englischsprachige Ausgabe Handelsblatt Global entwickeln wir kraftvoll weiter, der Live-Journalismus und damit die Nähe zu unseren Leserinnen und Lesern, wie wir sie im Handelsblatt Wirtschaftsclub praktizieren, bleibt unser Markenzeichen.

Und: Auch für mich gilt, was für Gabor Steingart und alle früheren Chefredakteure des Handelsblatts immer galt: Die publizistische Unabhängigkeit ist nicht verhandelbar. Sie muss nicht nur hochgehalten, sie muss täglich praktiziert werden. Oder um es mit Altkanzler Willy Brandt zu sagen: „Journalismus kann abdanken, wenn er harmlos wird.“

Für mich wie für die Handelsblatt-Redaktion ist die publizistische Unabhängigkeit das höchste Gut. Sie können sich darauf verlassen, dass das Handelsblatt bei allen personellen Veränderungen weiter für unabhängigen und kritischen Journalismus steht. Wir, die Handelsblatt-Redaktion, wollen nichts anderes als diese Form von Qualitätsjournalismus, und Sie, liebe Leserinnen und Leser, erwarten zu Recht nichts anderes.

Herzliche Grüße,

Sven Afhüppe
Chefredakteur.

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9 Kommentare zu "In eigener Sache: Unabhängigkeit als höchstes Gut"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Lieber Herr Afhüppe,

    Mein Morning Briefing ist schon längst ausgetragen und bleibt es auch.

    Ihr Kommentar kann mich überhaupt nicht überzeugen.

    Deutschland geht so oder so den Bach runter. Das scheint gewollt und DIE ziehen das durch.

    Ich habe leider auch nicht genug Eier in der Hose, um es auch nur ansatzweise zu ändern.

    Ich ziehe den Hut vor Leuten, die Gesicht zeigen, denen die Konten gelöscht werden und Häuser beschmutzt werden.

    Und Sie schreiben von Qualitätsjournalismus.

    Ich lach mich Tot.



  • Ach wie Schade, wie der Newsfeed schon zeigt, ist hier ein Medium nach kurzer Phase der "Entgleisung" wieder auf Spur gesetzt worden. Wir wollen ja alle nur leben, gell?

  • Lieber Herr Afhüppe,

    die Mitteilung im Morning Briefing und Ihr Artikel lassen mich ratlos zurück. Ich teile Ihre Einschätzung zur absoluten Notwendigkeit der Unabhängigkeit im Journalismus und Ihre Wertschätzung für Gabor Steingart.

    Unter gesellschaftsrechtlichen Differenzen kann ich mir herzlich wenig vorstellen und im Sinne des investigativen Journalismus bin ich sehr an weiterer Aufklärung interessiert.

    Mit besten Wünschen für den weiteren Kurs des Handelsblatts und der ganzen Verlagsgruppe sowie besten Grüßen, Ihr

    Eckhard Schwenner

  • Sehr geehrter Herr Afhüppe,
    als interessierter langjähriger Leser des Handelsblatts bin ich über die Ausbootung von Herrn Steingart entsetzt. Herr Steingart ist in der hiesigen Medienlandschaft ein Lichtblick, der seinesgleichen sucht.

    Aus der Reaktion des Handelsblatts und des Verlegers, Herrn von Holzbrinck, wird deutlich, dass die Kommentierung des unerträglichen Verhaltens des SPD-Spitzenpolitikers Schulz durch Herrn Steingart nur der wilkommene Anlass war, den "mutigen und charismatischen Führer"(?) zu entlassen.

    Der Leser möchte schon gerne wissen, gegen welche "gesellschaftsrechtlichen Fragen" und "journalistischen Standards" verstoßen wurde. Diese nebulöse Formulierung ist nicht ehrlich. Zumal jeder, der sich mit Fragen der journalistischen Arbeit auseinandersetzt, weiß, dass journalistischer Erfolg gleichermaßen von Innovationen und Tabubrüchen abhängt. Sie lassen sich nicht unter dem Label "journalistischer Standard" erfassen, sondern begründen neue Standards. Diese neuen Standards haben dem Handelsblatt offenkundig gut getan.
    Die Offenlegung der vom Verleger kritisierten Standards ist für den Leser unabdingbar. Bei der praktizierten Vorgehensweise des Verlegers ist dagegen zu befürchten, dass die Mitarbeiter der Handelsblatt Media Group unbewusst dem Prozess der Selbstzensur unterliegen und trotzdem die "journalstische Unabhängigkeit als höchstes Gut" feiern.
    Mit freundlichen Grüßen
    Armin Hebel

  • Ihr kollegiales Nachrufen auf Herrn Steingart in allen Ehren, man kann den Fall auch anders, nüchterner, sehen. Ob das Handelsblatt wirklich vor allem "investigativ" sein soll, wie Steingart's früherer Brötchengeber, halte ich zumindest für diskussionswürdig.

  • Hallo Herr Afhüppe,
    ich muss ihnen recht geben. Das Handelsblatt hat sich in den letzten Jahren entwickelt - die digitalen Angebote sind ausgebaut worden. Ich denke auch, dass sie nur so eine Chance auf dem Markt haben. Dazu kann ich nur gratulieren.
    Kritisch muss ich in ihrem Bericht das Wort "Unabhängigkeit" betrachten. Mir ist es ein Dorn im Auge, wenn sich ein Unternehmen mit fremden Themengebieten befasst und daraus versucht ein Geschäft zu machen. Beispiel: Tchibo/Aldi verkauft auch Handyverträge oder Versicherungen. Die Beratung bleibt damit auf der Stecke. Es erweckt sogar den Eindruck, dass Beratung nicht notwendig ist. Das ist für ein Großteil der Bundesbürger aber falsch und führt sogar zu höheren finanziellen Belastungen.
    Sie müssen sich vorwerfen, dass sie die Unabhängigkeit verlassen haben, indem sie mit moneymeets ebenfalls Geld verdienen. Das ist genau die gleiche Schublade, die zu verurteilen ist und somit ihnen den Status der Unabhängigkeit nimmt!

    FJ

  • Hallo Herr Berger....

    soweit ich die Berichterstattung der Qualitätsmedien verstehe werden Kritiker des Systems, z.B. Eva Hermann, Sarazin seit längerem so gut es geht vernichtet. Kritische Artikel die sich innerhalb des Politiksystems bewegen waren bislang nicht tabu. In den DDR Medien, waren auch die inneren Streitigkeiten des Systems, soweit ich dies flüchtig von aussen beobachten konnte, in den dortigen Medien tabu. Deshalb spreche an eine immer stärkere Annäherung an den DDR Standard.

    Soweit ich das Handelsblatt gelesen habe wurde Schulz anfangs vom HB wie von den anderen Qualitätsmedien bejubelt. Ich hatte den Eindruck, dass Schulz mit seinen Umverteilungsvorstellungen die Journalisten verzückte. Erst als sich herausstellte, dass die Wähler dies in den Landtagswahlen weniger grossartig fanden*, wurde es erst stiller und die Berichterstattung später kritischer. Richtig kritisch wurde die Berichterstattung erst mit den Koalitionsverhandlungen für eine (GroKo) kleine Koalition.

    *Ich nehme an, dass die Menschen den persönlichen Lebenswandel von Schulz der nicht im Einklang mit seinen Vorstellungen steht kritisch sahen. Ich nehme weiter an, dass vielen potentielle SPD Wähler gemerkt haben, dass sie die Kosten seiner Umverteilungsideen zu tragen hätten.

  • Herr Narrog, warum schreiben Sie "... kann man ... künftig ..."? Diese Berichterstattung werfen Sie doch den Handelsblatt seit Jahren vor ...

    Kritische Berichterstattung wäre auch zu fragen, inwiefern Herr Steingart massiv in den Wahlkampf eingegriffen hat, indem man ausschließlich über den SPD-Kanzlerkandidaten negativ berichtet hat und somit den Weg für Merkel und eine starke AfD (eine Neuauflage der Republikaner der 90er Jahre) ermöglichte?

  • In der Politik wird häufig das Gegenteil des Verkündeten gemeint.

    Gabor Steingart wurde gem. Meldungen alternativer Medien wegen seiner kritischen Berichterstattung zum SPD Funktionär Schulz und dem Machtkampf innerhalb der SPD vom Eigentümer gekündigt.

    Im Kommentar wird dies nicht deutlich erläutert. Dies spricht wirklich nicht für einen kritischen, unabhängigen Journalismus.

    Als Aussenstehender hat man eher den Eindruck, dass das zulässige Meinungsspektrum der Qualitätsmedien weiter (Tichy WIWO) und weiter (Steingart) eingeschränkt wird.

    In den 80er und Beginn der 90er Jahre Jahren hatte sich eine neue sehr linientreue Einheitsberichterstattung zum WKII durchgesetzt. Zeitlich etwas verschoben fand man dann eine Einheitsberichterstattung zum Thema Einwanderung. Seit ca. 2005 - 2010 findet man eine Einheitsberichterstattung zum Thema "Klimaerwärmung"/"Klimawandel". Seit spätestens 2010/2011 eine Einheitsberichterstattung zu den Themen Kernenergie und "Erneuerbare Energien". Im Jahr 2015 wurde dann die sich neu positionierende AfD, im Grunde eine CDU der 80er-90er Jahre als bürgerliche Oppositionspartei skandalisiert. Jetzt scheint man soweit, dass nicht einmal eine kritische Berichterstattung innerhalb des Politiksystems zulässig ist. Dann kann man in den Qualitätsmedien wohl künftig eine reine Jubelberichterstattung analog der DDR Medien finden?

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