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Indien IT-Götter verzweifelt gesucht

Im Westen hat Indien den Ruf, ein beinah unerschöpflicher Pool hoch begabter Fachkräfte zu sein. Tatsächlich ist jedoch nur eine Minderheit der indischen Hochschulabsolventen für ein Beschäftigungsverhältnis in einem international ausgerichteten Unternehmen geeignet, zeigt eine Studie.
  • Helmut Hauschild
Software-Entwickler in Bangalore. Die Unternehmen müssen die Versäumnisse der Universitäten ausbügeln. Quelle: ap

Software-Entwickler in Bangalore. Die Unternehmen müssen die Versäumnisse der Universitäten ausbügeln.

(Foto: ap)

NEU DELHI. Die Zukunft der indischen IT-Industrie steht offenbar auf wackeligen Beinen. Laut einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung McKinsey ist nur jeder vierte Hochschulabgänger aus dem Bereich IT-Ingenieurwesen und Softwareentwicklung für ein Beschäftigungsverhältnis in einem international ausgerichteten Unternehmen geeignet. Bei Betriebswirtschaftsabsolventen betrage die Quote sogar nur zehn bis 15 Prozent.

Diese Einschätzung teilt auch Srikantan Moorthy, verantwortlich für Bildung und Forschung des Softwaredienstleisters Infosys. "Die Wirtschaft muss eine Aufgabe übernehmen, die eigentlich Sache der Universitäten und Fachhochschulen ist", klagt Moorthy. Jedes Jahr verpasst Infosys bis zu 28 000 Hochschulabgängern den nötigen Zusatzschliff, damit das Unternehmen sie überhaupt als Entwickler, Programmierer und Datentechniker beschäftigen kann. Umgerechnet 120 Mio. Euro hat Moorthys Arbeitgeber im Geschäftsjahr bis März 2009 für die Ausbildung seiner Mitarbeiter ausgegeben.

Die vor wenigen Tagen eingeweihte, neoklassizistische Erweiterung des Trainingscampus in Mysore, zwei Fahrstunden von der IT-Metropole Bangalore entfernt, hat 53 Mio. Euro gekostet. Infosys müsste das Geld eigentlich in die Entwicklung neuer Produkte investieren, sagt Firmenchef Kris Gopalakrishnan. Aber man könne nicht warten, bis der Staat endlich das mangelhafte Bildungswesen reformiert.

Im Westen hat Indien den Ruf, ein beinah unerschöpflicher Pool hoch begabter Fachkräfte zu sein. 175 000 IT-Ingenieure und Softwareentwickler verlassen nach Angaben des staatlichen Ausschusses für Technische Bildung jedes Jahr die Hochschulen. Eine auf den ersten Blick beeindruckende Zahl. Dennoch warnt McKinsey in der Studie für den Branchenverband Nasscom, dass der Fachkräftemangel das größte Hindernis für das weitere Wachstum von Indiens IT-Dienstleistern ist. Im Jahr 2020, schätzen die Berater, könnten bis zu 3,5 Mio. Arbeitskräfte fehlen. Die Branche riskiere deshalb, bis zu 150 Mrd. Dollar Wachstumspotenzial bis zum Jahr 2020 nicht auszuschöpfen.

Zurzeit sind in der indischen IT-Industrie, Weltmarktführer beim Outsourcing von Datenmanagement und Softwarepflege, 2,2 Mio. Menschen beschäftigt. Seit 2002 hat sich ihre Zahl vervierfacht. Aber solche Steigerungsraten sind passé. In Asien, Osteuropa und Lateinamerika drängen immer mehr Wettbewerber auf den Markt. Indiens IT-Firmen müssen sich umorientieren und künftig hochspezialisierte Dienstleistungen anbieten anstatt nur billig die Datenmassen westlicher Konzerne zu verwalten, wenn sie ihre führende Position behaupten wollen. Das reicht von der Auswertung medizinischer Daten bis zum Management des Emissionshandels.

Doch das auf stures Auswendiglernen ausgerichtete Bildungssystem produziert dafür nicht die geeigneten Talente. Eigeninitiative, Teamfähigkeit und oft schon die nötigen Sprachkenntnisse fehlen. Internationale Firmen wie der deutsche Software-Entwickler SAP mit rund 5 000 Mitarbeitern in Indien stellen deshalb erst gar keine Hochschulabgänger ein. "Wir bevorzugen Leute mit zwei bis vier Jahren Berufserfahrung", sagt Clas Neumann, Präsident SAP Labs. Schlecht steht es an den Hochschulen auch um die für Indiens Zukunft so wichtige Forschung. Gerade mal 100 Informatiker promovieren pro Jahr. China, das neuerdings massiv ins IT-Geschäft drängt, kommt auf 1 500 Doktoranden.

Neben Infosys betreiben deshalb auch die anderen führenden IT-Dienstleister in Indien wie Tata Consultancy Services (TCS) und Wipro firmeneigene Ausbildungsszentren. Dort wird zehntausenden Berufsanfängern drei bis neun Monate lang das fehlende Basiswissen vermittelt, bevor überhaupt das Training im Job beginnt. Bis zu zwei Mrd. Dollar pro Jahr gibt die Branche laut Nasscom-Präsident Som Mittal für die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter aus - immerhin 3,4 Prozent ihres Jahresumsatzes.

Mittal fordert eine Bildungsreform, damit Indiens IT-Industrie an der Spitze bleibt. Die Lehrpläne, die technische Ausstattung der Hochschulen und die Bezahlung der Lehrkräfte müssten verbessert werden. Auch müsse die Regierung das absurde Verbot aufheben, dass ausländische Universitäten in Indien keine Ableger gründen dürften. "Die kreativen Köpfe gehen wegen der höheren Gehälter in die Wirtschaft, deshalb haben die Unis ein Qualitätsproblem", beobachtet Neumann. Noch koste ein indischer Informatiker etwa ein Viertel seines Kollegen in Deutschland, sagt der SAP-Manager. Wirklich gute Leute allerdings seien deutlich teurer. "Der Arbeitsmarkt ist hier sehr eng geworden."

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