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Internet-Unternehmer im Interview Deutschland hat „die erste digitale Revolution eher verschlafen“

Anfang 2019 werden die 5G-Frequenzen versteigert. Die beiden Unternehmer fordern im Interview bessere politische Rahmenbedingungen beim Netzausbau.
Update: 26.08.2018 - 14:51 Uhr 1 Kommentar
„Die nächsten sechs bis zwölf Monate sind eminent wichtig.“ Quelle: Thies Rätzke für Handesblatt
Ralph Dommermuth (links), Oliver Samwer

„Die nächsten sechs bis zwölf Monate sind eminent wichtig.“

(Foto: Thies Rätzke für Handesblatt)

DüsseldorfSie sind die vielleicht erfolgreichsten Internet-Unternehmer der Republik: Ralph Dommermuth (1&1, web.de, GMX) und Oliver Samwer, Gründer und Chef der Online-Schmiede Rocket Internet. Beide haben – neben dem Erfolg ihrer eigenen Geschäfte – ein Ziel: dass Deutschland im Kampf um die digitale Zukunft aufholt. Derzeit würden weltweit „die Weichen gestellt“, mahnt Samwer im Gespräch mit dem Handelsblatt, es werde „wirklich brenzlig“.

Dommermuth warnt: „Am Ende steht die Frage: Wollen wir noch Produzenten von Technologie und Plattformen sein, oder reicht uns die Rolle als Anwender und Kunde? Letzteres ist eine Weile komfortabel, würde aber auch das Ende des Wirtschaftsstandortes Deutschland einläuten.“

Grund ihres Appells: In diesen Tagen legt die Bundesnetzagentur die Regeln fest, nach denen 2019 die 5G-Frequenzen versteigert werden, die das Internet der Dinge und andere Technologien überhaupt erst möglich machen sollen. Dommermuth fühlt sich von der Politik und den Netzbetreibern Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica ausgebootet, weil er mit dem Gedanken spielt, ein eigenes, viertes Mobilfunknetz aufzubauen.

Samwer fordert „faire Startbedingungen“. „Je mehr Wettbewerb es gibt, desto größer der Ansporn für Innovationen und guten Service. Und je geringer die Preise. Für uns als Unternehmen und für die Menschen in Deutschland kann das nur gut sein.“

Bundeskartellamts-Chef Andreas Mundt flankierte den Appell am Freitag in einer Erklärung, die sich wie ein Alarmsignal liest: „Wettbewerb ist der zentrale Treiber für innovative Dienstleistungen zur Unterstützung der Digitalisierung der Wirtschaft.“ Die Nerven liegen jedenfalls blank – bei allen Akteuren. Auch die Platzhirsche teilen aus. Erst jüngst wurde Dommermuth von Telekom-Chef Tim Höttges der „Trittbrettfahrerei“ bezichtigt.

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Oliver Samwer und Ralph Dommermuth

Herr Dommermuth, Herr Samwer, Sie beide gehören mit Ihren Firmen heute zu den mächtigsten Playern der hiesigen Digitalbranche. Welche Rolle wollen Sie in Zukunft spielen?
Samwer: Weiterhin in vielen Feldern von E-Commerce bis künstliche Intelligenz eine sehr aktive. Das wiederum setzt eine hervorragende technische Basis voraus, denn nur damit lassen sich die wachsenden Datenberge verarbeiten – egal, ob es um Blockchain, autonomes Fahren oder Internet der Dinge geht.
Dommermuth: Wir betreiben unser Applikationsgeschäft international und wollen dort auch zukünftig weiter expandieren. Bei Mobilfunk und Breitbandanschlüssen konzentrieren wir uns auf den deutschen Markt. Hier können wir uns vorstellen, unsere Wertschöpfung weiter zu vertiefen. Unser Geschäftsmodell lebt ja in Teilen davon, dass wir von anderen Netzbetreibern Vorleistungen beziehen …

… also Netzkapazitäten der großen drei: Telekom, Vodafone und Telefónica, ohne dass Sie ein eigenes Netz besitzen müssen.
Dommermuth: Das hat bislang gut funktioniert. Immerhin nutzen aktuell rund 13 Millionen Kunden unsere Mobilfunk- und Festnetzangebote. Dabei sind Vorleistungen der Deutschen Telekom reguliert und für alle Wettbewerber verfügbar. Unser Bezug von Mobilfunkleistungen bei Vodafone und Telefónica ist kommerziell verhandelt und beruht teilweise auf Fusionsauflagen der EU. Anfang nächsten Jahres werden nun die neuen 5G-Frequenzen für 20 Jahre ausgeschrieben, insofern werden demnächst die Weichen gestellt für eine sehr lange Zeit. Und da wollen wir natürlich unsere Chancen aktiv nutzen.

Sie möchten neben den drei Riesen ein eigenes 5G-Netz aufbauen …
Dommermuth: …weil das für unsere Firma ein wichtiger Schritt sein könnte, kann ich mir das vorstellen. Letztendlich hängt aber alles von den Vergabebedingungen ab.

Die Bundesnetzagentur ist Ihnen bei Ihren Kernforderungen bislang nicht entgegengekommen. Und die Netzbetreiber lehnen Ihre Idee rundweg ab.
Dommermuth: Das ist dank des Oligopols, das wir mittlerweile in Deutschland haben, ja nur nachvollziehbar. Da braucht es einfach mehr Wettbewerb, der aufgrund der weitreichenden Bedeutung der Telekommunikationsinfrastruktur für unsere Wirtschaft letztlich existenziell sein wird.

Sie fordern die Möglichkeiten nationalen Roamings, also dass Sie auch die Netze der anderen mitnutzen dürfen. Warum eigentlich, wenn Sie dann über eine eigene Infrastruktur verfügen?
Dommermuth: National Roaming ist beim Aufbau neuer Netze üblich, da Tausende Antennen nicht am ersten Tag aufgestellt und ans Glasfasernetz angeschlossen werden können. Nehmen wir an, wir hätten die Großräume Frankfurt und Köln bereits abgedeckt, dann würden unsere Kunden ja zu Recht erwarten, dass sie auf der Autofahrt dazwischen nicht plötzlich in einem Funkloch landen.
Samwer: Da braucht es einerseits den Willen zur Kooperation, andererseits mehr Wettbewerb unter den bestehenden Netzbetreibern, finde ich als Unternehmer und Kunde der Telekommunikationskonzerne.

Drei Anbieter sind doch nicht schlecht …
Samwer: … aber zu wenig. Bei der ersten digitalen Revolution, da dürfen wir uns als Deutsche und Europäer nichts vormachen, haben wir im unteren Mittelfeld mitgespielt. Wenn wir unseren eigenen Anspruch als Industrienation anlegen, haben wir’s eher verschlafen. Da bietet 5G als Basistechnologie für das Internet of Things nun eine echte Chance aufzuholen, obwohl man feststellen muss: Die USA, Südkorea und China sind da schon wieder weiter.

Sie beide haben schon vor vielen Jahren über den Global Founders Fund gemeinsam in Firmen investiert. Da könnten Sie sich doch jetzt zusammen auch um den Glasfaserausbau und 5G kümmern.
Samwer: Wir sind als Rocket Internet vom Selbstverständnis her eher ein Anwender als ein Anbieter von Infrastruktur. Die Unternehmen unseres Netzwerks müssten gerade in einem so sensiblen Feld wie 5G eine möglichst große Auswahl haben.

Herrn Dommermuths United Internet ist mit rund neun Prozent an Ihrer Firma beteiligt. Ist Ihre Unterstützung da eine Art Freundschaftsdienst?
Samwer: Nein, so klein denke ich nicht. Wo immer Sie hinschauen: Wenn ein neuer Player in ein vermeintlich abgestecktes Terrain einbrach, bedeutete der neu entfachte Wettbewerb in der Regel mehr Tempo, Effizienz, Innovationen, aber auch niedrigere Preise und bessere Infrastruktur. Auch beim Mobilfunk gilt die Grundregel der Marktwirtschaft: je weniger Anbieter, desto weniger Wettbewerb, desto weniger Kundennutzen und Innovation. Ob United Internet am Ende gewinnt oder nicht, wird der Markt zeigen. Aber als potenziellem Kunden geht es mir um faire Startbedingungen. Dazu ist 5G zu wichtig. Und United Internet wäre sicher der einzige Angreifer mit echten Chancen.

Es gibt Gerüchte, dass Telefónica sich von seinem Deutschland-Geschäft trennen könnte. Gäbe es nicht auch die Möglichkeit, dass Sie deren Netz einfach kaufen und auf einen Schlag selbst der Dritte im Bunde würden?
Dommermuth: Ob an diesen Gerüchten wirklich etwas dran ist, kann ich nicht beurteilen.

Aber Sie würden einsteigen, wenn Telefónica Deutschland verkauft?
Dommermuth: Das hängt von vielen Faktoren ab. Wenn es so weit wäre, würde ich mich natürlich damit beschäftigen. Zuerst einmal müsste aber die Telefónica-Mutter in Spanien ihren Anteil offiziell anbieten.

Warum geht es ausgerechnet am hochindustrialisierten Hightech-Standort Deutschland eigentlich so langsam voran mit der Zukunft?
Samwer: Uns fehlt eine fokussierte Industriepolitik wie etwa in China, wo die Regierung klar sagt: „Wir wollen führend werden bei Themen wie autonomes Fahren oder künstliche Intelligenz.“

Aber einen Staatsdirigismus wie in Peking werden Sie nicht wollen, oder?
Samwer: Natürlich nicht. Ich wünsche mir eine Politik, die mehr wirtschaftliche Dynamik schafft, indem sie die Rahmenbedingungen verbessert. Dazu zählen: die besten Netze, gute Finanzierungsmöglichkeiten, Topbildung und Spitzenuniversitäten, funktionierender Wettbewerb und ein wirtschaftsfreundlicher Datenschutz. Mehr Begeisterung für den Fortschritt wäre hierzulande sehr wichtig.
Dommermuth:   Wir haben in Deutschland kein digitales Ökosystem wie etwa im Silicon Valley, das sich in über 50 Jahren entwickelt hat. Viele Branchen wurden seither von Disruptionswellen erschüttert. Mit unseren bisherigen Kraftanstrengungen kommen wir nicht vor die Welle. Unser Abstand wird nicht kleiner, sondern zunehmend größer. Wenn beispielsweise ein Land wie die Niederlande heute erklären würde, es wolle an die Spitze der globalen Autoindustrie vorstoßen, würde sich hierzulande wohl niemand erschrecken. Genauso reicht es eben nicht, seine Ziele in einen Koalitionsvertrag zu packen.

Sind Sie da nicht ein bisschen zu schnell, Deutschland abzuschreiben?
Samwer: Googles Autos sind wahrscheinlich bereits mehr Kilometer gefahren als die Projekte aller Konzerne im bedeutendsten Autoland der Welt zusammen. Das sollte uns Sorgen bereiten. Wenn wir unsere Verantwortung für die nächsten Generationen ernst nehmen, dürfen wir solche Vorsprünge nicht zulassen.
Dommermuth: Wie wenige Möglichkeiten die Bundespolitik tatsächlich hat, konnte man kürzlich beim Mobilfunkgipfel in Berlin sehen.

Waren Sie beleidigt, weil man Sie nicht eingeladen hatte?
Dommermuth: Nein. Da gehörte ich nicht hin, weil wir ja kein Mobilfunknetz betreiben, dessen Löcher man stopfen müsste. Und das war der Anlass in Berlin. Die drei Netzanbieter haben dort versprochen, die Mobilfunk-Abdeckung von 98 auf 99 Prozent der Haushalte zu erhöhen, aber nur, sofern vorher die 5G-Frequenzbedingungen so gestaltet werden, dass es kein National Roaming gibt. Und dass sie nicht mehr verpflichtet werden, ihre Netze sogenannten Diensteanbietern zu überlassen ...

Wie Ihnen.
So könnten sie dann auch den letzten Rest an Wettbewerb außen vorhalten.

Seit der Übernahme von Versatel haben Sie selbst ein Glasfasernetz. Warum investieren Sie da nicht mehr?
Dommermuth: Machen wir doch. Unser Netz wächst jährlich um mehrere Tausend Kilometer.

Telekom-Chef Tim Höttges wirft Ihnen vor, dass Sie bislang als Trittbrettfahrer die Netze der anderen genutzt haben und noch keinen einzigen Mobilfunkmast selbst aufgestellt haben …
Dommermuth: … was recht durchsichtig ist, denn erstens will er genau das ja vereiteln. Und zweitens zahlen wir jährlich über eine Milliarde Euro für die Anmietung anderer Netze. Wenn Sie diese Mietzahlungen, die ja mittelbar für Investitionen zur Verfügung stehen, und unsere direkten Netzinvestitionen addieren, dann ist unsere Investitionsquote höher als die der Telekom. Trittbrettfahrerei sieht für mich anders aus.

Höttges hat Ihnen kürzlich angeboten, gemeinsam mit ihm fünf Millionen Haushalte mit Glasfaser zu erschließen.
Dommermuth: Und ich habe noch am gleichen Tag eingewilligt. Der Vorschlag passt in die Zeit. Wir sollten unsere Ressourcen bündeln und schnellstmöglich alle Häuser versorgen. Jedes Haus braucht nur einen Glasfaseranschluss, keinen zweiten oder dritten. Denn bei Glasfaser gibt es keinen Qualitätsunterschied. Allerdings habe ich das von Herrn Höttges vorgeschlagene 50:50 Investitionsverhältnis relativiert. Es ehrt mich, dass er unsere Unternehmen auf Augenhöhe sieht, aber wir sind natürlich nicht so groß wie die Telekom. Sie hat bei Breitbandanschlüssen 42 Prozent Marktanteil, mein Unternehmen nur 14 Prozent. Deswegen sollten die Investitionen gemäß der tatsächlichen Netznutzung getragen werden, also im Verhältnis 75:25. Das wäre nur fair, oder?

„Beim großen Ziel sind sich alle einig. Nur passiert leider zu wenig.“ Quelle: Thies Rätzke für Handesblatt
Ralph Dommermuth

„Beim großen Ziel sind sich alle einig. Nur passiert leider zu wenig.“

(Foto: Thies Rätzke für Handesblatt)

Wie ließe sich der Ausbau generell beschleunigen?
Samwer: Die Telekom sollte sich am Vorgehen ihrer US-Tochter orientieren. In den Vereinigten Staaten ist T-Mobile der agile Angreifer. Hier im Land tritt die Telekom momentan als Großkonzern auf, der Neueinsteiger aus dem Markt halten will und grundlegende Veränderungen blockiert.

Ist die Deutsche Telekom in den USA nicht in der gleichen Rolle wie Sie hier, Herr Dommermuth? Der Rolle des Angreifers?
Dommermuth: Ja, so ist es. Deswegen verspricht der dortige T-Mobile-Chef John Legere US-weit ein neues 5G-Netz und erklärt, wie toll und wichtig diese Konkurrenz zu den Platzhirschen in seinem Heimatland werden wird. Mal eine Gegenfrage: Wer ist der Kontroll-Aktionär der Telekom?

Die Bundesrepublik  …
Dommermuth: … und damit wir Steuerzahler. Aber nutzt es uns wirklich, dass die Telekom in den USA die Zukunft aufbaut und hier zu Hause den Wettbewerb verhindern will?

Wollen Sie mit United Internet T-Mobile US nachahmen?
Dommermuth: Wir sind zumindest die Einzigen, die sich trauen, neu in den Markt zu gehen.
Samwer: Selbstständige Unternehmer, die sich mit etablierten Spielern anlegen, tun dem Markt immer gut. Japan hat Masayoshi Son. In Australien ist es David Teoh. Und Xavier Niel hat mit Free Festnetz und Mobilfunk in Frankreich aufgemischt. Und Deutschland hat eben Ralph Dommermuth. Alle legen sich mit Großkonzernen an. Je mehr Wettbewerb es gibt, desto größer der Ansporn für Innovationen und guten Service. Und je geringer die Preise. Für uns als Unternehmen und für die Menschen in Deutschland kann das nur gut sein.

Was stört Sie an Telekom, Vodafone und Telefónica konkret?
Samwer: Diese Firmen geben standardisierte Pakete vor. Aber meiner Meinung nach sollte Infrastruktur so flexibel wie möglich angeboten werden. Sie sollte ein Maximum an verschiedenen Geschäftsmodellen zulassen, damit Telekommunikation, Anwendungen und Maschinensteuerung eng zusammenwachsen können. Gleichzeitig haben wir in Deutschland noch immer kein flächendeckendes Netz. Ich bin eben von Köln nach Düsseldorf gefahren und hatte auf dem Weg Funklöcher. Und das im bevölkerungsreichsten Bundesland. Im Jahr 2018.

„Wenn wir unseren Anspruch als Industrienation anlegen, haben wir die erste digitale Revolution eher verschlafen.“ Quelle: Thies Rätzke für Handesblatt
Oliver Samwer

„Wenn wir unseren Anspruch als Industrienation anlegen, haben wir die erste digitale Revolution eher verschlafen.“

(Foto: Thies Rätzke für Handesblatt)

Wie groß ist eigentlich der Zeitkorridor, um bei den neuen Technologien nicht den Anschluss zu verpassen?
Samwer: Das nächste Kapitel beginnt mit der Versteigerung der neuen 5G-Frequenzen. Im nächsten halben Jahr werden also die Weichen gestellt.
Dommermuth: Wir reden schon viel zu lange über die immer gleichen Themen. Beim großen Ziel sind sich alle einig. Nur passiert leider zu wenig. Am Ende steht die Frage: Wollen wir in Deutschland noch Produzenten von Technologie und Plattformen sein, oder reicht uns die Rolle als

Anwender und Kunde? Letzteres ist eine Weile komfortabel, würde aber auch das Ende des Wirtschaftsstandorts Deutschland einläuten.
Samwer: Chinesen, Koreaner, Japaner und Amerikaner haben auf ihren teils gigantischen Heimatmärkten die ersten Testanwendungen schon wieder am Start.

Welcher Partei trauen Sie beide zu, Deutschland in die richtige Zukunft zu führen?
Dommermuth: Ich bin in keiner Partei Mitglied …

... aber Sie haben der CDU im vergangenen Jahr eine halbe Million Euro gespendet.
Dommermuth: Ich habe in der Vergangenheit verschiedene Parteien unterstützt. Im letzten Bundestagswahlkampf waren es CDU und FDP. Aber das heißt nicht, dass ich mit allen Handlungen ihrer Politiker einverstanden bin. Der liberale NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart beispielsweise hat im Gegenzug für neue Antennen zur Schließung von Funklöchern kürzlich zugesagt, sich bei der 5G-Frequenzvergabe für die Ziele von Telekom, Vodafone und Telefónica einzusetzen.

Haben Sie mit der FDP gebrochen?
Dommermuth: Ich habe mich schon sehr gewundert. Ich kann doch als Wirtschaftsminister in einer Marktwirtschaft nicht mit einem Oligopol vereinbaren, mich für dessen Interesse an weniger Wettbewerb einzusetzen. Und damit die klaren Empfehlungen von OECD, Monopolkommission und Bundeskartellamt ignorieren. Diese Politik hilft jedenfalls nicht, uns in die digitale Zukunft zu führen.

Herr Samwer, hinter welcher Partei stehen Sie?
Samwer: Für mich zählen weniger Parteien als Individuen. Wir müssen alle relevanten Unternehmer und Politiker an einen runden Tisch bringen und endlich eine zielgerichtete Digitalstrategie verabschieden.

Was sind Wachstumsfelder, in denen wir Europäer überhaupt noch Chancen haben?
Samwer:   Der Bereich der Interaktion zwischen Maschinen bietet großes Potenzial. Eigentlich wäre es besser gewesen, wenn wir schon in diesem Jahr die 5G-Lizenzen vergeben hätten. Es ist jetzt wirklich höchste Zeit. Die nächsten sechs bis zwölf Monate sind eminent wichtig. Auf der Wachstumskapitalseite sind die nächsten zwei bis fünf Jahre entscheidend. Und dabei reicht es nicht, wenn die KfW für ganz Deutschland ein Programm mit 400 Millionen Euro auflegt. In China fließt so eine Summe bisweilen in ein einziges Projekt. Und es nutzt übrigens auch nichts, wenn wir nur besser als die anderen Europäer sind, denn die haben ja alle mindestens die gleichen Rückstände.

Sie beide waren lange so etwas wie die Underdogs – mal unterschätzt, mal attackiert, aber doch höchst erfolgreich. Fühlen Sie sich immer noch ein bisschen wie die Rebellen?
Samwer:  Wir sind in allererster Linie fortschrittsorientiert – und wollen Veränderung. Früher ging für uns die größte Gefahr von neuen Start-ups aus. Heute agieren wir in einer Welt, in der die größte Bedrohung von den Tech-Giganten in den USA und China ausgeht. Jetzt wird es wirklich brenzlig. Es gibt zum Beispiel Studien, wonach 70 Prozent der Software für selbstfahrende Autos künftig aus den USA kommen werden. Wenn das so eintritt, dann bin ich gespannt, wie viel Wertschöpfung langfristig noch in Stuttgart, München oder Wolfsburg verbleiben wird.
Dommermuth: Ich sehe mich als Unternehmer im klassischen Sinne – und das seit über 30 Jahren. In meinem Unternehmen arbeitet niemand härter als ich. Dabei könnte ich schon lange auf dem Sofa liegen und es mir gut gehen lassen.

Warum machen Sie’s nicht einfach?
Dommermuth: Ich baue gerne etwas auf und entwickle es langfristig weiter. Das zeichnet einen Unternehmer aus. Wissen Sie: Die Amortisation eines 5G-Netzes und von Glasfaseranschlüssen bis in die Haushalte wird länger dauern als mein Berufsleben. Mir geht es um die Zukunft meines Unternehmens, aber auch um unser Land.

Herr Dommermuth, Herr Samwer, vielen Dank für das Interview.

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1 Kommentar zu "Internet-Unternehmer im Interview: Deutschland hat „die erste digitale Revolution eher verschlafen“"

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  • Den Äusserungen von 2 (im Vergleich) Kleinunternehmern, sollte man wirklich nicht allzu viel Raum geben. Tatsache ist, beiden schwimmen die Felle weg und das Geschäftsmodell ist gefährdet. Dies hat aber nur bedingt etwas mit 5G oder dem Netzausbau zu tun.