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Interview mit Niklas Zennström Skype-Gründer: „Europäische Start-ups erleben gerade ihren Durchbruch“

Investor Niklas Zennström spricht über die Stärken deutscher Tech-Start-ups, spannende Geschäftsmodelle und die nächste Welle der Digitalisierung. 
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Skype-Gründer Niklas Zennström setzt auf deutsche Tech-Start-ups Quelle: Getty Images; Per-Anders Pettersson
Skype-Gründer Niklas Zennström

Multi-Investor Niklas Zennström spricht über die Stärken deutscher Tech-Start-ups.

(Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson)

Wie nur wenige andere Investoren hat sich Skype-Gründer Niklas Zennström in den vergangenen Jahren für europäische Start-ups engagiert. Er hat Gründer gecoacht und mit seinen vier Fonds, von denen allein der aktuelle rund 670 Millionen Euro schwer ist, in mehr als hundert Start-ups investiert. Außerdem ist er davon überzeugt, dass die große Zeit europäischer Technologiefirmen gerade erst beginnt.

Das Handelsblatt trifft Zennström im Bayerischen Hof in München – kurz vor Beginn der Aufsichtsratssitzung des Luftfahrt-Start-ups Lilium, in das Zennström zusammen mit einigen internationalen Geldgebern Millionen investiert hat.

Herr Zennström, vor 15 Jahren haben Sie den Kommunikationsdienst Skype gegründet. Wenige Jahre später war es das wertvollste Start-up Europas. Wie hat sich die europäische Start-up-Landschaft seitdem verändert? 
Damals, kurz nach dem Dotcom-Crash, hat in Europa kaum noch jemand an digitale Technologieunternehmen geglaubt. Gründer kamen schwer an Geld, weil nur wenige Investoren überhaupt Risiken eingehen wollten. Heute entstehen in Europa in einem beeindruckenden Tempo Technologiefirmen mit Weltrang. Seit dem Skype-Verkauf im Jahr 2005 haben 52 junge europäische Unternehmen die Bewertung von einer Milliarde Dollar überschritten, zwölf davon sind sogar mehr als fünf Milliarden US-Dollar wert. Heute ist die Dynamik bei jungen Technologiefirmen in Europa größer als in den USA.

Woran machen Sie das fest? 
Fast alle neuen europäischen Milliardenunternehmen haben diese Bewertung in den vergangenen fünf Jahren erreicht. Ich bin davon überzeugt, dass wir in zehn Jahren mehr als doppelt so viele solcher Einhörner in Europa sehen werden.

In der gleichen Zeit sind die Bewertungen von US-Unternehmen ebenfalls gestiegen. 
Das stimmt. Aber in Europa haben wir dieses Jahr größere Börsengänge von Technologieunternehmen gesehen als in den USA: den des Musikstreaming-Diensts Spotify mit einer Bewertung von rund 22 Milliarden Euro etwa und den des Zahlungsdienstleisters Adyen mit einer Bewertung von 13 Milliarden Euro. Hinzu kamen einige große Übernahmen – zuletzt kaufte Paypal die schwedische Bezahlplattform iZettle. Europas Start-up-Landschaft erlebt gerade ihren Durchbruch.

Viele deutsche Unternehmer klagen trotzdem, dass sie nicht an Geld kommen. 
Das höre ich auch immer wieder. Aber wir müssen uns klarmachen, dass nicht jedes Unternehmen finanziert werden kann. Und das ist auch besser so. 

Das heißt, wer jetzt kein Geld bekommt, hat kein Geschäftsmodell? 
Ja. Ich bin davon überzeugt, dass aktuell alle Erfolg versprechenden Start-ups in Deutschland und auch in Europa Investoren finden.

Vor ein paar Jahren war das wichtigste Ziel vieler Gründer in Deutschland, ihr Unternehmer schnell an US-Wettbewerber zu verkaufen, so, wie Sie es auch mit Skype getan haben. 
Das hat sich geändert. Die europäischen Unternehmer, mit denen wir sprechen, entwickeln ihr Geschäft viel langfristiger als früher und haben dabei viel größere Ambitionen.

Inwiefern? 
Sie wollen aus Europa heraus ein globales Geschäft aufbauen. Dabei hilft ihnen, dass es auch bei uns immer mehr erfolgreiche Unternehmer gibt, die ihr Wissen als Angel-Investoren weitergeben. Dadurch entsteht ein stärkeres Start-up-Ökosystem. Das zieht wiederum jüngere Menschen an, die früher vielleicht in die Industrie oder zu Banken gegangen wären. Ein Technologieunternehmen zu gründen wird in Europa immer normaler.

Die Zahlen in Deutschland zeigen ein anderes Bild: Hier sinkt die Zahl der Neugründungen seit Jahren. 
Aber nicht die Zahl der Hightech-Gründungen, die hat sich europaweit seit 2010 vervierfacht. Den Trend sehen wir auch in Deutschland. Und diese neuen europäischen Technologiefirmen sind längst genauso innovativ wie ihre US-Rivalen. In manchen Bereichen sind die europäischen Start-ups sogar schon führend. 

Zum Beispiel? 
Großbritannien gehört zu den führenden Standorten für Künstliche Intelligenz, in London sitzt die weltweit bekannteste KI-Firma Deepmind ...

... die 2014 für geschätzt 500 Millionen US-Dollar von Google geschluckt wurde. 
Um Deepmind herum hat sich ein exzellentes KI-Ökosystem mit vielen jungen Unternehmen gebildet, von denen wir noch hören werden. In Deutschland wiederum sehen wir spannende Unternehmen aus dem Feld der industriellen Vernetzung. Auch unser Investment, das Start-up Lilium in München, das fliegende Autos entwickelt, ist technisch ganz weit vorn. Ich finde die europäischen Start-ups gerade spannender als die im Silicon Valley. 

Das hätte vor einigen Jahren sicher niemand so gesagt. Wie konnte es dazu kommen? 
Das Silicon Valley war lange der beste Platz für junge Internetfirmen: Sie hatten ihre Zentralen dicht beieinander, konnten Ideen austauschen, voneinander lernen, sich gegenseitig die Leute abwerben. Nun aber beginnt die nächste Welle der Digitalisierung, in der digitale Technologien den Rest der Wirtschaft verändern: die Industrie, die Automobilwirtschaft, die Banken und die Versicherungen. Das ist Europas Chance. 

Warum?
Weil in Europa viele dieser etablierten Industrien so stark sind. Und die Innovationen finden dort statt, wo das Alte und das Neue aufeinandertreffen.

Wo beobachten Sie das konkret? 
Ich finde spannend, was in Deutschland gerade in Sachen Robotik passiert. Das Münchener Start-up Franka Emika zum Beispiel sollte man im Auge behalten. Ebenso wichtig ist die Vernetzung von Fabriken, die wir in ganz Europa beobachten. Das von uns finanzierte Start-up Oden Technologies in London ist nur eines von vielen Beispielen, bei denen etablierte Industrien durch neue Geschäftsmodelle ergänzt werden. All diese Technologien werden wiederum von anderen Unternehmen geschickt mit maschinellem Lernen und Virtual Reality kombiniert. Auch die großen Konzerne arbeiten immer enger mit Start-ups zusammen. BMW, Daimler und Audi kaufen junge Firmen, investieren in neue Ideen oder kooperieren mit digitalen Unternehmen. Diese neue Zusammenarbeit wird den europäischen Technologiestandort massiv stärken.

Vor einigen Jahren sind die Manager ins Silicon Valley geflogen, um etwas über die Zukunft zu erfahren. 
Heute wissen sie, dass sie mit europäischen Stärken und der Zusammenarbeit mit Tech-Firmen in ihrer Umgebung ganz eigene Dinge auf die Beine stellen können. Investoren aus aller Welt sind beeindruckt davon, was in Europa gerade passiert. Als wir in das Start-up Lilium investiert haben, war es für die anderen Geldgeber ein wichtiges Argument, dass das Unternehmen in der Nähe von München sitzt, weil alle wussten, dass die Hightech-Kompetenz in der Region so groß ist.

In Deutschland müssen Flugtaxi-Freunde mit Spott rechnen. 
Das war bei vielen neuen Technologien so. Und Europa ist in dem Feld sehr weit.

Wie wird eine Welt aussehen, in der Autos nicht mehr nur die Straßen verstopfen, sondern auch durch die Luft fliegen?
Ich glaube, dass Städte fliegende Autos brauchen. Sie helfen zum Beispiel, Staus zu reduzieren, sie sind energieeffizient und zudem leise. Natürlich werden sie am Ende nicht überall wild herumfliegen. Es wird in den meisten Metropolen feste Routen und Landeplätze geben.

Wann wird es so weit sein? 
Es wird keine zehn Jahre mehr dauern. Aber vorher wird Europa in ganz anderen Technologiefeldern führend sein.

Zum Beispiel? 
Bei Fintechs sehe ich Europa heute schon vor den USA. Der Zahlungsabwickler Adyen, die Kreditplattform Funding Circle, die Smartphone-Bank N26 und das von uns finanzierte Unternehmen Klarna gehören zu den weltweit erfolgreichsten Fintech-Start-ups. Grund dafür ist, dass die EU für junge Finanzunternehmen die Möglichkeit geschaffen hat, ohne größere rechtliche Hürden in allen Ländern zu starten. Für viele andere Unternehmen ist das komplizierter, weil sie in jedem Land andere Gesetze beachten müssen. Deshalb konnten sich in Europa so viele Fintechs entwickeln.

Die EU hat mit der Datenschutz-Grundverordnung weltweit für Aufsehen gesorgt. Dahinter steckt auch eine grundlegend andere Mentalität im Umgang mit Daten, als sie von Unternehmen aus dem Silicon Valley und China propagiert wird. Ist das eine Chance für Europa? 
Gerade aus Deutschland wird das Thema Datenschutz stark getrieben. Für mich hat es zwei Dimensionen. Die Nutzer auf der einen Seite wissen in der Regel nicht, was mit ihren Daten passiert und wie viel sie von sich preisgeben. Es ist gut, dass sie mit dem neuen Datenschutzrecht mehr Kontrolle über ihre Daten erhalten. Wir müssen auf der anderen Seite aber vorsichtig sein, dass wir nicht die großen US-Plattformen regulieren und gleichzeitig das Wachstum kleiner Unternehmen aus Europa behindern.

Aber die Datenskandale bei Facebook haben doch gezeigt, dass wir einen anderen Umgang mit Daten brauchen. Vielleicht sind Dienste, die sparsamer mit Daten umgehen, Europas Marktlücke?

Da passiert tatsächlich einiges. Europäische Unternehmen, mit denen wir sprechen, befassen sich intensiv mit der Frage, wie sie Algorithmen programmieren können, die mit weniger Daten auskommen und die keine einprogrammierten Vorurteile haben. Europa könnte durch seine vorsichtige Haltung beim Umgang mit Daten zu dem Ort werden, an dem eine bessere Künstliche Intelligenz entsteht. Wer heute Algorithmen programmiert, hat auch eine gesellschaftliche Verantwortung. 

Das mit der Verantwortung hat sich bei einigen großen amerikanischen Plattformen noch nicht herumgesprochen. 
Ich glaube nicht, dass das ein US-spezifisches Problem ist. Es ist eher ein Problem großer Unternehmen. Ein Konzern ist wie ein Organismus, der immer schwieriger zu verändern ist, je größer er wird.

Aber wie konnte es wiederholt bei Facebook zu massiven Datenlecks und Skandalen im Umgang mit Nutzerinformationen kommen? 
Das Unternehmen hatte schon immer das Mantra: „Move fast and break things.“ Gleichzeitig orientiert sich das ganze Unternehmen sehr an Zahlen. Diese Kombination hat Facebook schnell erfolgreich gemacht. Die gesamte Plattform wurde darauf optimiert, das Engagement der Nutzer zu steigern. Das Problem: Dies hatte Nebenwirkungen ...

… es spülte fragwürdige Inhalte nach oben, weil sie besonders viel Engagement verzeichneten. 
Genau. Und nun ist Facebook ein Tanker, der sich extrem schwer auf einen neuen Kurs bringen lässt. Dieses Beispiel prägt eine ganze Gründergeneration. 

Inwiefern? 

Junge Unternehmer fragen sich schon früh, wie sie genau so etwas verhindern können, sollten sie eines Tages ähnlich erfolgreich sein. Wir führen diese Diskussion mit Gründern gerade sehr oft. Die Werte des Unternehmens sind so wichtig, weil sie sich später auch in den Algorithmen und Produkten widerspiegeln. Wenn den Gründern die Privatsphäre ihrer Nutzer wichtig ist, dann wird das überall im Unternehmen zu sehen sein. Wir würden daher nie in ein Start-up investieren, das nicht überzeugende Werte vertritt.  

Kann eine Künstliche Intelligenz mit einer solch europäischen Prägung ein Wettbewerbsvorteil sein?
Davon bin ich überzeugt. Das ist unsere Chance. Allerdings müssen wir technologisch trotzdem mindestens genauso gut sein wie die Angreifer aus den USA und aus China.

Was muss Europa tun, um die immer noch große Lücke zu den viel größeren Tech-Unternehmen in den USA und China zu schließen? 
Wenn europäische Pensionsfonds nur ein Prozent des von ihnen verwalteten Vermögens in Start-ups investieren würden, wäre die Lücke auf der Finanzierungsseite geschlossen. Das würde auch bedeuten, dass die nicht selten guten Gewinne aus Technologie-Investitionen in europäische Pensionen fließen – und seltener in die Tasche von Investoren in anderen Teilen der Welt. Dann würden die Großeltern von dem profitieren, was ihre Kinder aufbauen. 

Herr Zennström, vielen Dank für das Interview. 

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