Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Interview Pinterest-Gründer Ben Silbermann: „Wir animieren unsere Nutzer, offline zu gehen“

Ben Silbermann erklärt, warum Pinterest kein soziales Netzwerk sein soll, wieso Arroganz dem Geschäft schadet und weshalb er einen Gang an die Börse plant.
Kommentieren
Ben Silbermann ist CEO und Gründer der Internetfirma Pinterest. Er erklärt, dass es bei der Plattform vor allem um den Nutzer und seine Hobbys und Interessen geht. Quelle: Photograph: Robyn Twomey/ Corbis
Ben Silbermann

Ben Silbermann ist CEO und Gründer der Internetfirma Pinterest. Er erklärt, dass es bei der Plattform vor allem um den Nutzer und seine Hobbys und Interessen geht.

(Foto: Photograph: Robyn Twomey/ Corbis)

Lissabon Die Foto-Community Pinterest strebt an die Börse. Gründer und CEO Ben Silbermann verspricht sich von einem Gang aufs Parkett, „dass wir ein unabhängiges Unternehmen bleiben“, sagte er dem Handelsblatt. „Mit dem Geld aus einem Börsengang wollen wir weiter in maschinelles Lernen und visuelle Suchtechnologien investieren.“

Zum konkreten Zeitpunkt will er sich zwar nicht äußern. Er definiert aber drei Faktoren, von denen der Zeitpunkt abhängt: das Wachstum, das Team und die Berechenbarkeit der Geschäftsentwicklung. Bei allen drei Punkten habe Pinterest laut Silbermann gute Fortschritte erzielt. In Branchenkreisen gilt sein Dienst als heißester Kandidat für einen Börsengang im kommenden Jahr.

Pinterest ist seit 2010 online. Nutzer stellen dort Fotos von Ideen (Pins) wie einem Design oder einem Kochrezept ein. Andere können ihnen folgen oder sich die Ideen auf ihrer virtuellen Pinnwand merken. Der Dienst hat 250 Millionen Nutzer weltweit.

Die visuelle Suche habe in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte erzielt, erklärt Silbermann: „Die Programme können jetzt erstmals die ästhetische Qualität eines Bildes verstehen.“ Pinterest animiere Nutzer deshalb, mit Fotos statt mit Worten nach Dingen zu suchen. Das sei oft einfacher.

Und er gibt seinen Usern einen ungewöhnlichen Tipp – offline zu gehen. Ich bin „überzeugt, dass die Leute nicht wollen, dass die Technologie ihr Leben frisst. Sie wollen, dass sie ihr Leben bereichert“, erklärt der 36-Jährige. Die Kunden sollten sich bei Pinterest Ideen holen, die sie dann im täglichen Leben umsetzen. Seien sie damit zufrieden, würde sich das herumsprechen und Pinterest neue Nutzer bringen.

Deutlich schneller sind in den vergangenen Jahren allerdings soziale Medien wie Facebook und Instagram gewachsen. Doch Silbermanns Dienst will kein weiteres soziales Netzwerk sein. „Wir haben uns selbst nie als soziales Produkt gesehen“, sagt er. Ein User könne seine Pinnwand auch für andere sperren und nur für sich selbst nutzen. So müsse er sich nicht darum sorgen, wie sein Geschmack bei anderen Leuten ankomme. „Wir wissen, dass unsere Nutzer das schätzen“, erklärt der Gründer.

In der eigenen Unternehmenskultur achtet Silbermann darauf, dass nicht der lauteste Mitarbeiter den meisten Einfluss hat. In Meetings fragt er bewusst diejenigen, die sich gerade nicht äußern, was sie von einer Idee halten. Stellt er neue Mitarbeiter ein, sollten sie vor allem neugierig sein. „Wer das ist, hat in der Regel kein so großes Ego, weil ihm klar ist, dass er nicht alles weiß“, sagt Silbermann.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Silbermann, vor vier, fünf Jahren war Pinterest als alternatives soziales Netzwerk zu Facebook die große Wachstumshoffnung im Silicon Valley. Heute haben Sie zwar 250 Millionen aktive Nutzer, aber verglichen mit den 2,3 Milliarden von Facebook sind Sie in der Nische geblieben. Wie kommt das?
Wir haben uns selbst nie als soziales Produkt gesehen. In sozialen Netzwerken geht es ja darum, sich mit anderen Leuten zu verbinden und Dinge aus dem eigenen Leben zu teilen. Aber bei Pinterest geht es um den Nutzer selbst – seinen Geschmack, seine Hobbys und seine Interessen. Wir bieten ihm die Gelegenheit, bei uns Ideen für sein Leben zu finden und sich inspirieren zu lassen – ohne dass er sich darum sorgen muss, wie das bei anderen Leuten ankommt. Und wir wissen, dass unsere Nutzer das schätzen.

Über die Hälfte Ihrer Nutzer sind Frauen. Wie kommt das?
Das war nicht geplant, das hat sich einfach ergeben. Unsere ersten Kunden waren vor allem junge Mütter, die kreative Ideen gesucht haben, um Zeit zu sparen. Inzwischen nutzen auch Väter die App. Eine zweite Gruppe sind heute junge Menschen, die zum Beispiel gerade ihren ersten Job antreten, die erste Wohnung einrichten, Reiseziele recherchieren – auf Pinterest suchen sie nach Ideen dafür. Und die dritte Gruppe sind kreative Berufstätige – Architekten, Möbeldesigner und Filmemacher, die sich bei uns Anregungen für ihren Job holen wollen.

Plattformen wollen ihre Kunden in der Regel möglichst lange auf der Seite halten. Was bieten Sie Ihren Nutzern dafür alles?
Wir wollen das gar nicht, im Gegenteil: Wir animieren unsere Nutzer, offline zu gehen und etwas Neues im Leben auszuprobieren, zum Beispiel ein Rezept nachzukochen oder eine Einrichtungsidee zu Hause umzusetzen. Wir sind das Sprungbrett dazu – weil wir ihnen Ideen dafür bieten. Das fängt bei so kleinen Dingen wie dem Abendessen an und geht bis zur Einrichtung eines Hauses.

Das ist schön für Ihre Nutzer, aber Pinterest macht seinen Umsatz mit Werbeanzeigen. Und die sind umso mehr wert, je stärker die Plattform besucht wird.
Unser Ansatz ist ebenfalls gut für das Geschäft. Bei uns suchen die Kunden Anregungen, aber noch kein konkretes Produkt. Marken und Werbetreibende können unsere Nutzer in diesem Inspirationsprozess begleiten und sie in genau dem Moment erreichen, in dem sie sich entscheiden, welchen Service oder welches Produkt sie ausprobieren oder kaufen möchten. Das sind ideale Bedingungen für Werbetreibende. Außerdem bin ich überzeugt, dass die Leute nicht wollen, dass die Technologie ihr Leben frisst. Sie wollen, dass sie ihr Leben bereichert.

Sind wir an einem Wendepunkt, wo die Begeisterung für neue Webdienste zu einer Überdosis an Nutzung führt und das Pendel jetzt umschlägt?
Wir hören von unseren Nutzern immer wieder, dass sie kontrollieren wollen, wie und wo Technologie zu ihrem Leben passt. Einige lesen nach Feierabend keine E-Mails mehr, andere fühlen sich befreit, wenn sie nicht das Gefühl haben, ständig etwas leisten zu müssen oder beurteilt zu werden. Das Smartphone ist gerade erst elf Jahre alt und damit noch recht jung – im Vergleich zum Radio oder dem Fernsehen. Die Menschen entscheiden erst noch, wie viel sie davon dauerhaft in ihren Alltag integrieren wollen.

Während Sie Ihren Nutzern Freiräume bieten, binden Facebook und Instagram Milliarden Nutzer an sich. Riskieren Sie mit Ihrer Strategie nicht, abgehängt zu werden?
Es stimmt, dass wir eine andere Wachstumsstrategie gewählt haben. Ein soziales Netzwerk verbreitet sich sehr viral, weil der erste Schritt immer ist, alle Freunde dorthin einzuladen. Facebook und Instagram ergeben keinen Sinn, wenn man da allein ist. Bei uns ist das anders: Jeder kann seine Pinnwand mit den Dingen, die ihm gefallen, für andere sperren und nur für sich selbst nutzen. Viele tun das auch. Für uns ist wichtig, dass wir unseren Nutzern zu positiven Erfahrungen verhelfen. Das wird sich dann herumsprechen, und auf diese Weise gewinnen wir neue Nutzer.

Aber auch Instagram liefert mit seinen Bildern neue Ideen – und verlinkt Produkte auf den Bildern inzwischen zu Shops, wo man sie kaufen kann. Und der Dienst hat eine Milliarde Nutzer ...
Ja, Instagram macht das sehr gut. Aber wir sind sehr stolz darauf, dass wir 250 Millionen Nutzer haben. Und wir legen viel Wert darauf, nicht auf Kosten unserer Mission zu wachsen. Die besteht darin, Menschen zu helfen, die Dinge zu entdecken und zu tun, die sie lieben. Wir möchten sie inspirieren und ihnen einen geschützten Raum bieten. Aber natürlich werden wir weiter sehr hart daran arbeiten, global zu wachsen. Wir sind bislang im englischsprachigen Raum erfolgreich und expandieren jetzt weltweit.

Es heißt, Ihr Umsatz lag zuletzt bei 700 Millionen Dollar und der Unternehmenswert bei zwölf Milliarden Dollar. Stimmt das?
Wir geben als privates Unternehmen solche Zahlen nicht bekannt.

Es könnte aber sein, dass Sie das bald tun müssen: Sie gelten als heißester Kandidat für einen Börsengang im kommenden Jahr.
Wir haben bereits gesagt, dass es unser Bestreben ist, ein öffentlich gelistetes Unternehmen zu werden, und ich habe keine weiteren Neuigkeiten dazu.

Wovon hängt der richtige Zeitpunkt denn ab?
Von einer Kombination aus verschiedenen Faktoren. Zum einen von unserem Wachstum – wir haben in den vergangenen zwölf Monaten 50 Millionen monatlich aktive Nutzer weltweit hinzugewonnen. Und unsere Geschäftsentwicklung wird berechenbarer. Zuletzt habe ich auch viel Zeit damit verbracht, unser Führungsteam zu stärken. Seit einigen Tagen haben wir erstmals eine globale Marketingchefin, worüber ich mich sehr freue.

Das klingt so, als sei der Börsenmoment gekommen.
Das habe ich nicht gesagt, aber das sind die drei Dinge, auf die wir dabei achten.

Was versprechen Sie sich von einem Gang aufs Parkett?
Dass wir ein unabhängiges Unternehmen bleiben. Mit dem Geld aus einem Börsengang wollen wir weiter in maschinelles Lernen und visuelle Suchtechnologien investieren. Wir haben mit den Entwicklungen schon faszinierende Ergebnisse erzielt.

Welche denn?
Die Programme können jetzt erstmals die ästhetische Qualität eines Bildes verstehen. Wir regen unsere Nutzer dazu an, ein Foto von einem Produkt zu machen und damit nach ähnlichen Dingen zu suchen. Das ist oft einfacher, als sie mit Worten zu beschreiben. Wenn man etwas sieht, dann weiß man gleich, dass es das ist, was man sucht. Findet ein Nutzer einen Pin, also ein Bild, auf dem viele verschiedene Produkte abgebildet sind, kann er in dieses Bild hineinzoomen, um zum Beispiel herauszufinden: „Wo kann ich diesen Stuhl kaufen?“

Wird die visuelle Suche beim Produktkauf die mit Worten ablösen?
Das glaube ich nicht, aber sie eröffnet neue Möglichkeiten. Wir Menschen nehmen die Welt sehr visuell wahr, aber bisher mussten wir mit Computern vor allem über die Sprache interagieren. Wir wollen helfen, diese Lücke zu schließen.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, eine digitale Pinnwand zu entwickeln?
Meistens schafft man ja Dinge, die die eigene Persönlichkeit etwas reflektieren. Ich bin ebenso wie mein Mitgründer Evan Sharp ein sehr visueller Mensch, wir sind beide eher introvertiert und interessieren uns für sehr viele Dinge. Pinterest bedient genau diese drei Aspekte. Aber ganz ehrlich: Wir hätten am Anfang niemals gedacht, dass wir damit so viele Leute erreichen würden.

Wenn Sie eher introvertiert sind, dann gefallen Ihnen Dinge wie dieses Interview wohl eher nicht ...
Sie gehören nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen (schmunzelt). Aber sie sind ein wichtiger Teil meines Jobs, und ich versuche, das verstärkt zu machen. Mir ist sehr wichtig zu erklären, was wir wollen. Und das ist eben nicht, ein weiteres soziales Netzwerk zu sein.

Sie legen bei Pinterest Wert darauf, dass nicht der forscheste Mitarbeiter eine Besprechung dominiert. Wie funktioniert das?
Eine Unternehmenskultur wird ja stark durch das Beispiel geprägt, das der Chef vorgibt. Ich bemühe mich in Meetings, erst einmal zuzuhören. Aber derjenige mit der besten Idee ist nicht zwangsläufig der, der viel redet. Darum frage ich auch die Stilleren: „Was meinst du dazu?“ Und wir achten in der Führung darauf, dass wir Fehler einräumen. Wenn die Chefs das nicht öffentlich tun, traut sich das auch kein anderer.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Mitarbeiter aus?
Wir suchen Leute, die nicht in erster Linie an Technologie interessiert sind, sondern an Erfahrungen. Und die interdisziplinär arbeiten können – das setzt eine gewisse soziale Kompetenz voraus. Vor allem aber sollten sie neugierig sein. Wer das ist, hat in der Regel kein so großes Ego, weil ihm klar ist, dass er nicht alles weiß.

Sind große Egos im Silicon Valley ein Problem?
Sie können in einem Team ein großes Problem sein. Wir haben bei Pinterest einige Überzeugungen – etwa, dass unser Produkt die Kunden offline bringen und inspirieren soll. Aber es ist ein schmaler Grat zwischen Überzeugungen und Arroganz, die sich über Daten und Belege erhaben fühlt. Dazwischen die Mitte zu finden ist schwierig – einigen Unternehmen gelingt das besser als anderen.

Welchen gelingt es gut?
Apple macht das großartig. Sie hatten eine konkrete Vorstellung davon, wie Hardware und Software integriert und das Design gestaltet sein sollte, und haben das konsequent durchgehalten. Amazon ist ein weiteres Beispiel, die sind total auf den Kunden zentriert.

Beide Unternehmen gehören zu den fünf Konzernen, die einen erheblichen Teil der digitalen Dienste dominieren. Sehen Sie in dieser Dominanz eine Schieflage?
Wettbewerb ist extrem wichtig. Historisch war es in der Technologiebranche stets so, dass die großen Wettbewerber bei einem Wechsel der Plattformen von neuen abgelöst wurden. Wenn das nicht mehr passiert, muss man andere Wege suchen, um für Wettbewerb zu sorgen.

Gibt es aktuell noch genug Wettbewerb?
Die Debatte darüber beginnt gerade, und das ist gut so. Aber das ist ein sehr komplexes Thema.

Der Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee, hat auf dem Web Summit in Lissabon eine Reform des Internets gefordert und unter anderem eine dezentrale Organisation vorgeschlagen. Stimmen Sie ihm zu?
Nutzer wollen die Wahl und die Kontrolle darüber haben, was die Plattformen mit ihren Daten machen. Dezentralisierte Dienste können dabei helfen, aber der Teufel liegt im Detail und in der Umsetzung. Und ich hatte noch keine Gelegenheit, mir die Vorschläge von Berners-Lee anzusehen.

Herr Silbermann, vielen Dank für das Interview.

Startseite

Mehr zu: Interview - Pinterest-Gründer Ben Silbermann: „Wir animieren unsere Nutzer, offline zu gehen“

0 Kommentare zu "Interview: Pinterest-Gründer Ben Silbermann: „Wir animieren unsere Nutzer, offline zu gehen“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote