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Interview Tech-Investor Klaus Hommels: „Das Geld für Start-ups kommt von den Falschen“

Klaus Hommels warnt vor dem wachsenden Einfluss amerikanischer und asiatischer Geldgeber auf Start-ups – und fordert Europa auf, mehr zu investieren.
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Der Risikokapital-Investor sorgt sich um die Zukunft der europäischen Technologieunternehmen. Quelle: imago/Fabian Matzerath
Klaus Hommels

Der Risikokapital-Investor sorgt sich um die Zukunft der europäischen Technologieunternehmen.

(Foto: imago/Fabian Matzerath)

MünchenKlaus Hommels ist einer der erfahrensten Start-up-Financiers Europas. Früh steckte er sein Geld in Unternehmen wie Xing, Skype, Klarna und Spotify. Über seinen Wagniskapital-Fonds Lakestar hat er mittlerweile 55 Firmen finanziert – darunter viele Erfolgsgeschichten.

Doch Hommels sorgt sich um die Zukunft der europäischen Technologieunternehmen: Es gebe immer noch zu wenig Geld für junge Firmen, sagt er, vor allem aber komme das Geld von den Falschen. Um das zu illustrieren, kommt er zum Gespräch mit dem Handelsblatt im Bayerischen Hof in München mit zahlreichen Tabellen, Grafiken und Charts.

Herr Hommels, Skype-Gründer Niklas Zennström hat im Handelsblatt kürzlich ein optimistisches Bild gezeichnet: Die jungen Technologieunternehmen Europas seien so innovativ wie noch nie, und alle guten neuen Ideen würden finanziert. Hat er recht? 
Grundsätzlich ja, es gibt in Europa viel mehr innovative junge Technologieunternehmen als noch vor zehn Jahren, und einige von ihnen kommen auch leichter an Geld. Doch in vielen Fällen stammt das Geld von den Falschen.

Wieso das? 
Die acht führenden europäischen Digitalunternehmen wurden mit insgesamt 8,3 Milliarden Euro finanziert – der größte Teil dieses Geldes kommt aus dem Ausland. Bei Auto1 hängt der japanische Fonds Softbank drin, bei Spotify TPG, und bei Klarna ist es Sequoia.

Wie sieht es denn andersherum mit europäischen Investoren in den USA oder in Asien aus? 
Bescheiden. Von den 132 Finanzierungsrunden mit mehr als zehn Millionen Dollar in die größten Digitalunternehmen waren europäische Investoren nur bei 14 Prozent der Runden dabei. Von diesen Unternehmen gehören Europäern nur 1,4 Prozent der Anteile. Damit haben sie praktisch keinen Einfluss auf die großen Internetfirmen. 

Die vielen in Europa aktiven Investoren sind aber vor allem ein Zeichen dafür, dass hier attraktive Unternehmen entstehen. 
Das stimmt. Aber die Entwicklung sollte uns trotzdem Sorgen machen. 

Jahrelang haben junge Unternehmen geklagt, dass sie in Europa nicht an Geld kommen. Nun gibt es mehr Geld, und es ist auch nicht recht? 
Durch das fremde Geld werden die innovativsten jungen Unternehmen zunehmend von Investoren außerhalb Europas kontrolliert. Ich halte es sogar für möglich, dass in wenigen Jahren mächtige internationale Geldgeber die Zukunftsbranchen in Europa beherrschen. Softbank ...

... dessen Vision Fund 100 Milliarden Dollar stark ist ... 
... ist so ein Investor. Die Investitionssumme von Softbank ist so groß, dass der Fonds Anteile an allen wichtigen Technologieunternehmen kaufen kann. Dadurch entsteht eine globale Macht, die selbst im Silicon Valley Unbehagen auslöst. Denn Investoren können mitentscheiden, mit wem ihre Unternehmen fusionieren, in welchen Regionen sie investieren und wo sie Arbeitsplätze schaffen. Bei jungen Mobilitätsfirmen hat Softbank bereits eine so mächtige Stellung. Der Fonds hält Anteile an fast allen relevanten Diensten in dem Feld, an Uber, Lyft, Didi und neuerdings an Nuro, einem US-Start-up, das fahrerlose Lieferfahrzeuge entwickelt

Für die Start-ups ist erst einmal egal, woher die Finanzierung kommt. Sie können mit dem zusätzlichen Kapital mehr Leute einstellen, bessere Technik entwickeln, und sie erhalten über die internationalen Geldgeber wertvolle Kontakte. 
Auf Unternehmensebene ist das richtig. Aber aus ökonomischer Sicht muss es in unserem Interesse sein, dass wir die Kontrolle über europäische Wachstumsunternehmen behalten. Politiker wie Angela Merkel oder Peter Altmaier sollten dafür sorgen, dass wir in ein paar Jahren noch unabhängige Tech-Firmen in Europa haben. Ich möchte nicht, dass meine Kinder nach Amerika gehen müssen, um bei einem spannenden Unternehmen zu arbeiten.

Sie leben in Zürich. Vielleicht müssen Sie Ihre Kinder nur nach Deutschland schicken. Studien zu Patenten bestätigen immer wieder die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft. 
Das stimmt. Aber viele Felder, in denen Deutschland heute stark ist, werden in den nächsten Jahren von technischen Disruptionen auf den Kopf gestellt. Die Automobilindustrie zum Beispiel wird durch digitale Plattformen und neue Hersteller aus den USA und China bedroht. Und dass Deutschland im digitalen Industriezeitalter führend sein wird, ist keineswegs ausgemacht. Hier werden gerade chinesische Anbieter immer stärker.

Was schlagen Sie vor? 
Zunächst sollten Politiker erkennen, dass es in Europa – trotz aller Erfolge – in den relevanten Wachstumsbereichen viel zu wenige junge Technologiefirmen gibt. China und die USA hängen uns ab, das gelingt ihnen auch deshalb, weil sie viel mehr Geld in Start-ups stecken: Große Internet-Plattformen haben im Schnitt 2,2 Milliarden Dollar Finanzierung gebraucht, um erfolgreich zu sein.

Wie viel Geld bräuchte Europa denn, um bei Technologiefirmen aufzuschließen? 
Unsere Top-8-Firmen haben im Schnitt jeweils zwei Milliarden Dollar Finanzierung bekommen. Wenn wir in Europa die Zahl großer Tech-Player auf 40 steigern wollen, müssten wir jedes Jahr zehn Milliarden Dollar investieren – und dieses Geld sollte vor allem aus Europa kommen.

Altmaier spricht davon, die Start-up-Finanzierung verbessern zu wollen. 
Das tut er auch – allerdings auf einem zu niedrigen Niveau. Seit 1995 sind in US-Firmen 870 Milliarden Dollar Risikokapital geflossen. Nimmt man die alle zusammen, machen sie nach unseren Berechnungen bereits elf Prozent des Umsatzes aller Firmen in den USA aus – und was das Wichtigste ist: Diese immer noch jungen Technologiefirmen sind in den USA für 44 Prozent der Forschungs- und Entwicklungsausgaben verantwortlich. Ähnlich kraftvoll geht China vor: Dort flossen seit 1995 rund 400 Milliarden Dollar in Risikokapital. Politiker müssen endlich begreifen, dass sich Investitionen in junge Unternehmen auszahlen.

Wo steht Deutschland im Vergleich? 
Der Wert aller seit 1995 mit Risikokapital finanzierten Unternehmen beträgt grob geschätzt 50 Milliarden Dollar, das entspricht in etwa 1,3 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: In den USA liegt der Wert junger Technologiefirmen bei rund 34 Prozent der Wirtschaftsleistung. Daran sieht man, welche Wirtschaft auf Zukunft und welche auf Vergangenheit gebaut ist. 

Wie ist es zu diesem Ungleichgewicht gekommen? 
Zunächst muss man fairerweise sagen, dass das Start-up-Ökosystem in den USA viel älter ist. In Europa kommt das meiste Geld für junge Unternehmen zudem von privaten Investoren. In Nordamerika dagegen zum größten Teil von institutionellen Anlegern wie Pensionsfonds und Versicherungen, die mit viel größeren Beträgen hantieren. Auch deutsche Versicherungen sitzen auf gigantischen Anlagesummen. Wenn es ihnen leichter gemacht würde, junge Unternehmen zu finanzieren, würden sie das auch tun, das weiß ich von CEOs aus einigen der größten deutschen Versicherungen. Es gibt ja sonst kaum Anlageklassen, die nennenswert Rendite erwirtschaften.

Aber Versicherungen und Pensionsfonds werden zu Recht stark reguliert, weil die Existenzen von Abertausenden Menschen an ihren Produkten hängen. 
Richtig. Aber Pensionskassen und Versicherungen müssen Investitionen in junge Technologie-Start-ups in Deutschland immer noch mit 49 Prozent Eigenkapital hinterlegen. Stecken sie das Geld in Staatsanleihen, brauchen sie keine Sicherheiten.

Staatsanleihen mögen langweilig sein. Dafür sind Investitionen in Start-ups riskanter. 
Das Stimmt. Staatsanleihen sind sicher, gleichzeitig hat sich Wagniskapital als Anlageklasse längst etabliert. Firmen, die in ein Portfolio aus Risikokapitalfonds investieren, erzielen bei einem geringen Risiko zweistellige Renditen.

Wo soll das zusätzliche Geld für junge Unternehmen konkret herkommen? 
Wenn deutsche Versicherungen oder Pensionsfonds bei Tech-Investments weniger Eigenkapital vorhalten müssten, wären schnell eine Milliarde Euro europäisches Geld mehr auf dem Markt. In den USA haben viele Pensionsfonds einen Risikokapitalanteil von rund zwei Prozent. Wir sollten zudem auch noch einmal über Steuervergünstigungen für Investoren reden: Wenn Privatleute ihren Einsatz im ersten Jahr zu 50 Prozent abschreiben dürften, würde das viel bewirken. Bei der Wiedervereinigung gab es solche Möglichkeit zum Beispiel für die Abschreibungen von Immobilien in Ostdeutschland...

... wodurch viel Blödsinn finanziert wurde, weil Ahnungslose Wessis überteuerte Wohnungen im Osten gekauft haben. Wenn auf einmal viel mehr Geld da ist, werden auch Start-ups am Leben gehalten, die kein Geschäftsmodell haben. 
Wenn mehr finanziert wird, besteht diese Gefahr. Aber wir leben auch davon, dass Zufälle finanziert werden. Schauen Sie sich Spotify und Zalando an. Beide Unternehmen konnten nur deshalb so erfolgreich werden, weil sie zu einem sehr frühen Zeitpunkt sehr viel Geld bekommen haben.

Von dem zusätzlichen Geld würde auch Ihr eigener Fonds Lakestar stark profitieren.
Mir geht es hier nicht um uns. Wir kommen problemlos an neues Geld. Ich wünsche mir aber, dass neben uns noch viele weitere große Wachstumsfonds mit europäischem Geld entstehen. Wir müssen begreifen, dass wir bei vielen Technologien immer abhängiger von den USA und zunehmend auch China werden.

Aber eine solche enge Verflechtung vor allem mit den USA gibt es doch schon seit Jahrzehnten. 
In der Tat. Doch nun erreicht sie eine neue Dimension. Einfaches Beispiel: Unsere Kinder nutzen im Schnitt drei Stunden am Tag Social-Media-Angebote, das sind mehr als 13.000 Stunden bis zu ihrem Studienabschluss. Bei einer 40-Stunden-Woche sind das rund sieben Arbeitsjahre. Da wird einem angst und bange. 

Wo sehen Sie das Problem? 
Schauen Sie sich an, wofür die Jugendlichen Facebook, Instagram und Snapchat nutzen: Die Portale werden zur wichtigsten Informationsquelle und zum wichtigsten Unterhaltungsinstrument, dabei übersehen wir oft, dass sie mitunter nutzlos und teils manipulativ sind. Selbst ehemalige Facebook-Mitarbeiter geben zu, dass die Produkte so gemacht sind, dass sie wie Dopamin wirken. 

Wer manipuliert hier? 
Jeder Algorithmus, der darüber entscheidet, was für Bilder, Videos und Nachrichten unsere Kinder angezeigt bekommen. Sie werden so manipuliert, dass sie die Portale noch intensiver nutzen. 

Da klingt jetzt ein wenig der besorgte Vater durch. 
Das mag sein. Aber auch ein besorgter Demokrat. Weil ein US-Unternehmen auf einmal die Informationshoheit über die Mehrheit der deutschen Wähler erhält. Wer stellt überhaupt noch die angezeigten Ergebnisse infrage? Bei Google? Oder bei Amazon? In wenigen Jahren werden uns die virtuellen Assistenten Siri und Alexa sagen können, welches Auto wir als nächstes kaufen sollen, weil sie Daten über unseren Arbeitsweg und alle unsere Gewohnheiten kennen. 

Vielleicht treffen die Algorithmen ja tatsächlich gute Entscheidungen? 
Das kann immer sein. Viel wichtiger aber ist: Wir können es weder kontrollieren noch nachvollziehen. So entsteht auch Abhängigkeit. 

Eine zunehmende Abhängigkeit beklagen die Tech-Konzerne mittlerweile auch untereinander: Vor ein paar Tagen hat Spotify bei der EU-Kommission eine Beschwerde gegen Apple wegen Verstößen gegen das Kartellrecht eingereicht.
Das von Spotify thematisierte Problem halte ich für extrem wichtig. Es ist für mich sogar das zentrale Problem der nächsten Jahre: 30 Prozent Abgaben auf den Umsatz in einem App-Store kann nicht funktionieren. Die meisten Geschäftsmodelle haben keine Marge, die das hergibt. Durch die Abgabe verdient Apple mit einem Spotify-Nutzer fast mehr als Spotify selbst. Das Problem haben auch alle anderen Apps. Und deshalb ist es ein strukturelles Problem, das Brüssel für alle europäischen Firmen lösen muss.

Sie haben selbst einmal in Facebook investiert, sind dann aber früh ausgestiegen. Bereuen Sie diesen Schritt manchmal beim Blick auf den Aktienkurs? 
Ich habe meinen Einsatz verdreißigfacht, da habe ich wenig Reuegefühle. 

Herr Hommels, vielen Dank für das Interview.

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