Forschungszentrum von IBM in München

Der Konzern investiert in künstliche Intelligenz und die Vernetzung von Maschinen.

(Foto: dpa)

IT-Konzern Genug geschrumpft – IBM schafft nach dem massiven Jobabbau wieder Stellen in Deutschland

Sind die schlechten Zeiten für IBM Deutschland vorbei? Der neue Chef Matthias Hartmann will jetzt 2200 Mitarbeiter für Zukunftsprojekte einstellen.
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HannoverAls Matthias Hartmann Anfang des Jahres in einem „Townhall Meeting“ vor seine Mitarbeiter trat, machte er ihnen ein überraschendes Angebot: „Wenn ihr wollt, sind wir alle per Du“, sagte der neue Chef von IBM Deutschland – in Deutsch wohlgemerkt, nicht der Konzernsprache Englisch, die seine Vorgängerin Martina Koederitz bevorzugt hatte. Und er lobte die Kollegen für ihre starke Arbeit. „Das Eis war schlagartig gebrochen“, so ist in Unternehmenskreisen zu hören.

Die Mitarbeiter gewinnen, Nähe herstellen – das stand auf der To-do-Liste des Managers weit oben. Schließlich war die Stimmung in den deutschen Niederlassungen des amerikanischen Unternehmens schlecht.

Über Jahre schrumpfte das Geschäft, zahlreiche Mitarbeiter mussten gehen, es gab heftige Auseinandersetzungen vor Gericht – und unter all dem litt das Image des einst so stolzen Computerpioniers.

Hartmann belässt es nicht bei warmen Worten. Er hat sich in der Zentrale in Armonk im US-Bundesstaat New York die Genehmigung geholt, wieder Personal aufzustocken. „Wir werden in den nächsten drei Jahren im deutschsprachigen Raum bis zu 2200 Mitarbeiter für die Zukunftsfelder einstellen“, sagt Hartmann dem Handelsblatt. „In der IT-Branche bemerken wir, dass die digitale Transformation in Unternehmen und Behörden eine große Wachstumsdynamik bietet – dafür positionieren wir uns noch stärker.“

Es ist eine Botschaft nach innen und nach außen: Wenn es um Cloud-Computing und künstliche Intelligenz, Blockchain und die Vernetzung von Maschinen geht, soll IBM wieder eine wichtige Rolle spielen – so wie früher, als der Konzern „Big Blue“ genannt wurde und ein IT-Chef mit dessen Lösungen nichts falsch machte.

Das könnte durchaus gelingen: „IBM hat bei vielen Technologien eine Differenzierung gegenüber dem Wettbewerb“, urteilt Axel Oppermann, Chef des Beratungshauses Avispador. Diese könne der Konzern nun mit seiner Expertise in vielen Branchen vermarkten.

Gute Nachrichten waren bei IBM in den vergangenen Jahren selten. Der Umsatz des IT-Anbieters schrumpfte 22 Quartale in Folge, das Management strich international zahlreiche Stellen, und der Supercomputer Watson – vom Unternehmen als Lösung für so ziemlich alles beworben – enttäuschte in Prestigeprojekten die hochgesteckten Erwartungen.

Rekorde gab es nur bei den Managergehältern: Konzernchefin Ginni Rometty zählte 2016 mit einer Vergütung von 33 Millionen Dollar zu den Topverdienern im Corporate America, 2017 erhielt sie immerhin 19 Millionen Dollar.

Das Cloud-Computing verschlafen

Die Probleme waren vielfältig. So verpasste IBM – ebenso wie Hewlett-Packard und Oracle – den Trend zum Cloud-Computing, bei dem Kunden Programme, Speicher und Rechenleistung übers Internet beziehen, meist ohne große Beratung. Die Komplettlösungen des Konzerns, bestehend aus Servern, Speichersystemen und Software und begleitet von Dienstleistungen, sind daher immer weniger gefragt.

Es geht um einen riesigen Markt: Der Umsatz dürfte nach Einschätzung des Marktforschers IDC bis 2021 um durchschnittlich gut 20 Prozent auf 277 Milliarden Dollar wachsen.

Zugleich verliert das Outsourcing von IT-Dienstleistungen, um die Jahrtausendwende ein großer Trend, an Bedeutung. Im Zeitalter der Digitalisierung steuern viele Firmen ihre IT-Projekte in Eigenregie, was dank der Plattformen von Amazon und Microsoft in der Cloud selbst Start-ups können.

IBM mag dazu selbst beigetragen haben: Der Konzern baute riesige Niederlassungen in Ländern wie Indien auf, um von dort aus die Kunden zu betreuen – leistete dabei allerdings oft schlechte Arbeit.

Heute setzt IBM auf Geschäftsfelder wie Datenanalyse, Cloud-Computing, künstliche Intelligenz und IT-Sicherheit, im Konzernsprech „strategic imperatives“ genannt. Die Investitionen und Übernahmen in Milliardenhöhe zahlen sich mittlerweile aus: Die Zukunftsgeschäfte haben im abgelaufenen Quartal erstmals mehr als 50 Prozent zum Umsatz des Konzerns beigetragen. Deutschland zählt dabei zu den stärksten Ländern, wie Finanzchef Jim Kavanaugh betonte.

Seit Jahresbeginn wächst IBM wieder. Trotzdem sind viele Beobachter immer noch vorsichtig. Eine „Horrorshow in Zeitlupe“ wollte beispielsweise das Technologieportal ZD-Net im April angesichts magerer Quartalszahlen gesehen haben.

Auch die Analysten halten die Aktie nicht für einen Kauftipp, die Mehrzahl empfiehlt, das Papier zu halten. Angesichts dieser Entwicklung sind Firmen wie Amazon, Microsoft und SAP an der Börse längst mehr wert als „Big Blue“.

Röntgenbilder auf dem Smartphone

Hartmann kennt die guten alten Zeiten. Mit einer fünfjährigen Unterbrechung, in der er den Marktforscher GfK leitete, arbeitet er seit 25 Jahren bei IBM. Und er will das neue Narrativ durchbrechen. Der Konzern könne seine Stärken auch im Zeitalter von künstlicher Intelligenz und Blockchain ausspielen: „Wir sind der ‚last man standing‘ unter den großen integrierten Technologiekonzernen. Nirgendwo sonst gibt es Hardware, Software und Services in einer Form und Breite wie bei IBM.“ Das Versprechen: Kunden bekommen das System schlüsselfertig aus einer Hand.

Ein Beispiel: Der IT-Riese hat mehrere Krankenkassen für eine elektronische Gesundheitsakte gewonnen. Auf wichtige Informationen wie Röntgenbilder, Arztbriefe und Notfallkontakte sollen Kunden von TK, DKV, Generali und Signal Iduna künftig mit dem Smartphone zugreifen können, einfach und schnell. Die Daten liegen besonders gesichert in einem deutschen Rechenzentrum des IT-Konzerns.

Der neue Chef von IBM Deutschland verbreitet gute Stimmung. Quelle: imago/Chris Emil Janßen
Matthias Hartmann auf der Cebit

Der neue Chef von IBM Deutschland verbreitet gute Stimmung.

(Foto: imago/Chris Emil Janßen)

Es handle sich um ein gutes Beispiel, wie sich IBM in Deutschland positioniere, sagt Hartmann: „Es geht hier nicht allein um Cloud, mobile Lösungen, künstliche Intelligenz, User Experience. Es geht um eine Anwendung, die Wertschöpfung für die Konsumenten und Unternehmen schafft.“ Alle strategisch wichtigen Aufträge in den vergangenen Monaten seien derartige „komplexe, integrierte Projekte“ gewesen.

Um diese Stärken auszuspielen, hat Hartmann zum einen die Organisationsstruktur von IBM Deutschland verändert. Er macht das am Beispiel Blockchain deutlich: „Wir brauchen die Technologie, aber auch das Know-how aus den Branchen.“ Daher bringe er schon bei der Geschäftsentwicklung die verschiedenen Einheiten zusammen. Das sei schon vorher möglich gewesen – „aber es ist wichtig, sich auf die verschiedenen Industrien zu fokussieren“.

Arbeitnehmervertreter zeigen sich zufrieden

Zum anderen stellt er ein: Innerhalb von drei Jahren sollen in Deutschland, Österreich und der Schweiz 2200 Mitarbeiter von außen ins Unternehmen geholt werden, die derartige Technologien und Projekte beherrschen. IBM sucht beispielsweise Data Scientists, die Daten auswerten, Systemarchitekten, die komplexe IT-Umgebungen planen, sowie Designer, die digitale Projekte gestalten.

Arbeitnehmervertreter sehen die Ankündigung positiv. „Stellenabbau und Verdichtung haben das Arbeitsleben bei IBM in den letzten Jahren geprägt“, so Bert Stach, Tarifsekretär der Gewerkschaft Verdi, dem Handelsblatt. „Wir fordern schon seit Langem ein Konzept zur Beschäftigungssicherung. Ein Stellenaufbau wäre ein gutes Signal für die IBM.“ Er hoffe, dass es sich „um ein nachhaltiges Programm“ handle.

Die Skepsis hat einen realen Hintergrund: IBM hat in den vergangenen Jahren massiv Stellen abgebaut, auch in Deutschland. Nach Berechnungen der „Wirtschaftswoche“ strich das Management hierzulande zwischen 2007 und 2017 rund 7100 Stellen, die Belegschaft schrumpfte dabei von 20.600 auf 13.500 Mitarbeiter. 2016 wollte der Konzern nach Verdi-Angaben fast 1000 Beschäftigten betriebsbedingt kündigen – allerdings scheiterte er in zahlreichen Fällen vor dem Arbeitsgericht.

„In den Zukunftsbereichen ist das Wachstum bei IBM gleich null“

Auch künftig werden einige Bereiche schrumpfen. Derzeit verhandelt das Unternehmen über einen Teilverkauf der Servicesparte mit 500 Mitarbeitern an Bechtle. Zudem scheiden nach Informationen des Handelsblatts pro Jahr weitere 200 bis 300 Mitarbeiter durch Rente aus. IBM selbst veröffentlicht keine Zahlen. So oder so: Die Neueinstellungen bedeuten, dass die deutsche Gesellschaft erstmals seit Langem wieder wachsen könnte.

IBM-Chef Hartmann will mit der Ankündigung Optimismus verbreiten. Dazu gibt es nach Einschätzung von Experten durchaus Anlass. „Mit den Neueinstellungen kommt frisches Blut ins Unternehmen“, lobt Avispador-Chef Axel Oppermann. Das gelte für Zukunftstechnologien wie künstliche Intelligenz genauso wie für die Digitalberatung, die der Konzern durch mehrere Übernahmen in den vergangenen Jahren ausgebaut hat.

Markt für Fachkräfte ist leer gefegt

Die Experten zu gewinnen dürfte jedoch nicht so leicht sein. „Es wird sehr schwierig, so viele Fachkräfte auf einmal zu finden“, sagt Björn Böttcher, Spezialist für künstliche Intelligenz beim Beratungsunternehmen Crisp Research. Der Markt sei leer gefegt: Andere IT-Firmen suchen ebenso nach Talenten wie die Großkonzerne, die inzwischen viel Technologie selbst entwickeln.

Auch so ist noch einiges zu tun. Beispiel Cloud-Computing: IBM verpasste den Trend zunächst und verschaffte sich erst über mehrere teure Übernahmen das nötige Know-how. In der Zwischenzeit sind Konkurrenten wie Amazon und Microsoft weit enteilt, was Technologie und Marktanteile betrifft.

Nun verkauft „Big Blue“ Software, mit der Kunden komplexe IT-Infrastrukturen verwalten können – ob Cloud-Dienste oder eigene Server. Der Konzern vermarktet das nun als „Hybrid Cloud“ in der Hoffnung, den nächsten Trend zu setzen.

Beispiel Watson: Der Supercomputer, bekannt durch die Quizshow „Jeopardy“, sei grundsätzlich eine gute Technologie, sagt Crisp-Analyst Böttcher. „IBM hat das Marketing aber so übertrieben, dass man jetzt Probleme hat, das abzubilden, was die Werbung verspricht.“ Zudem habe das System lange nicht die deutsche Sprache unterstützt – daher werden erst jetzt einzelne Projekte bekannt, etwa der Assistent für Autos von Mercedes.

Was die Arbeit erleichtern dürfte: Hartmann ist es gelungen, die Stimmung deutlich zu verbessern – ob beim „Townhall Meeting“ oder beim Rundgang auf dem Cebit-Stand. „Er hat eine unglaubliche Empathie und strahlt Kraft aus“, lobt einer, der ihn kennt. Er und seine Vorgängerin Martina Koe‧deritz seien wie zwei unterschiedliche Welten. In einigen Abteilungen herrsche wieder Optimismus, ist aus dem Unternehmen zu hören. „Mit so jemandem als Chef kann man Geschäfte akquirieren.“ In den Bereichen, die noch schrumpfen, sei die Stimmung mäßig – „aber nicht mehr saumäßig“ wie zuvor.

Zu derartigen Interna äußert sich Hartmann nicht. Dass die Stimmung wichtig ist, verhehlt er aber nicht. „Gerade in einem sich transformierenden Konzern muss man den Mitarbeitern deutlich sagen, dass sie gut sind“, betont er, „dass es funktioniert, was sie machen, und dass wir coole Produkte haben.“

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