José María Álvarez-Pallete Kein Ausstieg bei O2 – Telefónica-Chef bekennt sich zu Deutschland

Der Chef des O2-Mutterkonzerns Telefónica widerspricht Verkaufsgerüchten und verteidigt den schleppenden Netzausbau in Deutschland.
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Telefónica will in Deutschland bei der Technik Telekom und Vodafone überholen Quelle: Bloomberg/Getty Images
Jose Maria Alvarez-Pallete

Der Telefonica-Chef will den Wandel zum Technologieunternehmen vorantreiben.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

MadridEin Besuch beim Telefónica-Chef lässt an Komfort nichts zu wünschen übrig: Ein Kellner im schwarzen Anzug bringt die Getränke, und vor dem Fenster sprudelt die Wasserfontäne im künstlichen See, der zwischen den Bürokomplexen des Telekomriesen liegt.

Formvollendet begleitet José María Álvarez-Pallete die Handelsblatt-Korrespondentin nach dem Gespräch durch die langen Flure, parliert über südamerikanische Akzente und streicht mit der Hand über samtbezogene Sofas. Am Aufzug angekommen, hat er aber noch eine Botschaft: „Sie müssen sich wirklich keine Sorgen um die Investitionen in Deutschland machen.“

Herr Pallete, Telefónica ist der siebtgrößte Telekomkonzern der Welt. Ihr Vorgänger Cesar Alierta hat mit Zukäufen rund um den Globus seine Amtszeit geprägt und viele Schulden angehäuft. Was soll Ihre Zeit prägen?
Telefónica hat mit über 350 Millionen Kunden eine enorme Vertriebskraft für Handy- und Netzhersteller. Ich möchte, dass wir diese Stärke behalten und uns gleichzeitig immer stärker in ein Technologieunternehmen wandeln. Telefónica soll die technologische Revolution anführen, die wir gerade erleben.

Das heißt, die Zeit der Zukäufe ist vorbei?
Solange wir die nötigen Größenvorteile besitzen, brauchen wir nicht weiterzuwachsen. Wir wollen jetzt unsere Position konsolidieren und das Unternehmen umbauen.

In Deutschland kommen Sie damit aber nicht voran. Ihr Netz der Mobilfunkmarke O2 ist das schlechteste von allen.
Das stimmt nicht, im Gegenteil: Statt nach dem Kauf von E-Plus so viele Basisstationen wie möglich zu schließen und die Synergien zu maximieren, haben wir das Netz zum Teil weiter verdichtet. Auch wenn zwei Antennen dicht beieinanderstanden und sich für ein besseres Nutzungserlebnis gegenseitig ergänzten, haben wir sie stehen gelassen. Zeitgleich haben wir beide Netze auf die modernste Technologie umgerüstet. Wir werden in Deutschland mit Abschluss der Integrationsarbeiten ein hervorragendes Netz haben, insbesondere für Städte und Vorstädte. Die Mammutaufgabe der Netzintegration war die größte in der nördlichen Hemisphäre, nur in China gibt es noch vergleichbare Vorhaben.

Aber in Tests zur Netzqualität landen Sie trotzdem regelmäßig auf dem letzten Platz.
Wir haben für den Umbau länger gebraucht, als wir intern dachten. Wenn wir an einer Basisstation arbeiten, merkt der Kunde das und denkt, das Netz sei schlecht. Aber inzwischen sind 80 Prozent der Arbeiten erledigt. Und da, wo wir fertig sind, haben wir das leistungsfähigste Netz in Deutschland. Bis Ende des Jahres wollen wir alle Arbeiten abschließen, dann werden alle sehen, wie potent das Netz ist.

Wollen Sie nur in urbanen Zentren ein gutes Netz bieten?
Wir sind natürlich auch auf dem Land, doch da können wir nicht komplett mit der Infrastruktur mithalten, die die Deutsche Telekom dort ausbaut. Und die meisten Leute wohnen in Städten und Vorstädten.

Telekom und Vodafone investieren beide mehr in den Netzausbau als Telefónica. Das sorgt für Gerüchte, Sie wollten sich vom Deutschland-Geschäft trennen.
Wenn wir verkaufen wollten, hätten wir von KPN nicht für 8,5 Milliarden Euro E-Plus gekauft. Wir haben seit 2005 über 25 Milliarden Euro in Deutschland investiert. Deutschland ist strategisch wichtig für uns. Es ist der größte Telekommunikationsmarkt in Europa, und es ist ein stabiler und wachsender Markt. Dort den nach Kunden größten Mobilfunkanbieter zu besitzen ist extrem wertvoll. Deshalb wollen wir das Deutschland-Geschäft nicht verkaufen.

Wollen Sie Aktien der deutschen Tochter verkaufen?
Auch das haben wir nicht vor. Wir haben KPN doch noch zweimal Anteile an Telefónica-Deutschland abgekauft, die sie im Zuge der E-Plus-Übernahme erhalten hatten. Ich verstehe wirklich nicht, woher diese Gerüchte kommen.

Das hört sich aus Ihrem Mund alles so an, als gäbe es kein Problem. Aber der Aktienkurs von Telefónica Deutschland ist heute niedriger als vor der Fusion. Das bedeutet, da sind Werte vernichtet worden.
Der gesamte europäische Telekomsektor hat sich an der Börse schlecht entwickelt. Der Verkauf der KPN-Anteile hat dem Kurs auch nicht geholfen. Aber unsere Zahlen stimmen: Wir zeigen Quartal für Quartal, wie sich die Synergien entwickeln und welchen Einfluss das auf den Gewinn hat. Und dabei liegen wir voll im Plan.

2019 werden in Deutschland neue Mobilfunklizenzen für den schnellen 5G-Standard versteigert. Wird Telefónica mitbieten?
Ja.

Allein oder mit einem Partner?
Wir haben nicht vor, uns mit irgendjemandem zusammenzuschließen.

Wie ist Ihr Verhältnis zum Deutschlandchef Markus Haas?
Ich kenne ihn seit vielen Jahren, und er ist für mich mehr als ein Kollege. Ich habe sehr großen Respekt vor seiner Arbeit. Er trägt mit seiner Expertise auch zum Geschäft von Telefónica insgesamt bei, und ich mag ihn persönlich sehr.

Telefónica hatte immer schon den Ruf, harte Vorgaben bei den Zahlen zu machen und dem Deutschlandchef die Strategie zu diktieren. Tun Sie das?
Telefónica Deutschland ist an der Börse gelistet und hat einen eigenen Aufsichtsrat, der die Regeln vorgibt. Unser Führungsmodell basiert darauf, dass der CEO die volle Verantwortung hat. Markus muss dafür sorgen, dass die deutsche Tochter im Telefónica-Verbund erfolgreicher ist, als sie es allein wäre. Bei dem Netzumbau nutzen wir als Konzern unsere Verhandlungsposition bei den Technologielieferanten, damit sie Deutschland Priorität einräumen. Aber wir kümmern uns nicht um das Tagesgeschäft.

Vodafone will in Deutschland den Kabelkonzern Unity Media kaufen. Was bedeutet das für einen reinen Mobilfunker wie Sie?
Das macht uns für das Marktgefüge Sorgen, weil damit ein Duopol der Festnetzanbieter entsteht. Deshalb sollte diese Transaktion mit strikten Regulierungsvorschriften verbunden sein, falls sie überhaupt genehmigt wird.

Sie haben Erfahrung mit untersagten Deals: Just an Ihrem ersten Arbeitstag im April 2016 hat die EU-Kommission den Verkauf von O2 in Großbritannien verboten ...
Oh ja, das war exakt um elf Uhr morgens!

Und jetzt mussten Sie Pläne für einen Börsengang in Argentinien wegen der Krise dort verschieben. Wie wollen Sie denn nun die 43 Milliarden Euro Schulden abbauen?
Lassen Sie mich mit einem Vergleich antworten: Wenn die Deutsche Telekom in den USA Sprint kaufen darf und Vodafone in Deutschland Unity Media, dann haben beide höhere Schulden als wir – und der Markt hat sie dafür nicht abgestraft.

Bedeutet das, Ihre Schulden sind jetzt egal?
Natürlich nicht, aber wir haben uns entschieden, sie organisch abzubauen und nur zu verkaufen, wenn wir einen guten Preis erzielen können. 2017 haben wir die Schulden um zehn Prozent gesenkt.

Wie denn?
Sie sagen ja, wir knausern bei den Investitionen. Aber wir haben in den vergangenen sieben Jahren weltweit Milliarden investiert, um unsere Netze auszubauen. Das macht sich jetzt bezahlt: Die digitalen Umsätze wachsen zweistellig, und die Kunden sind heute bereit, für 300 Megabit pro Sekunde mehr zu zahlen als für 50. Dadurch steigen Umsätze, Gewinn und der Barmittelüberschuss, sodass wir Schulden abbauen können.

Aber Sie bleiben die dumme Leitung, auf der andere Geld mit Daten verdienen.
Das glauben viele, und deshalb laufen die Aktien der Telekomkonzerne so schlecht. Aber ich sehe das anders: Unser Netz nicht dumm, sondern extrem intelligent. Ein digitaler Anschluss und Glasfaserleitungen bis zur Antenne, das ist wie der Körper unseres Unternehmens, muskulös und mit harten Knochen. Ein solches Netz liefert Unmengen von Informationen in Echtzeit – das sind die Nervensysteme. Darauf setzen wir künstliche Intelligenz – das Gehirn. Dann hat man unendlich viele Möglichkeiten, neue Dienste anzubieten.

Eigene oder nur die von anderen?
Auch eigene. Wir führen dieses Jahr unseren Sprachassistenten Aura ein. Wenn ein Kunde nach Hause kommt, kann er seinem Fernseher sagen: „Zeige mir die Nachrichtensendung von Anfang an.“ Und wenn ihm das gefällt, wird er bei uns bleiben. Damit reduzieren wir die Kündigungen, die das Teuerste für einen Telekomkonzern sind. Aber ein intelligentes Netz ist auch attraktiv für Dritte. Deshalb haben wir gerade einen Vertrag mit Netflix geschlossen und integrieren ihre Fernseh- und Videoinhalte weltweit in unser TV–Angebot.

Sie produzieren auch TV-Serien auf Spanisch. Wollen Sie das Netflix für Südamerika werden?
Nein, mit deren Budget können wir nicht mithalten. Aber Studien zeigen, dass lokale Inhalte den Kunden gefallen. Deshalb wollen wir uns damit vom Wettbewerb unterscheiden. Und das läuft gut an: Die erste Episode unserer Serie „Die Pest“ hatte in Spanien ähnlich viele Zuschauer wie ein Clásico im Fußball zwischen Madrid und Barcelona.

Sie erzielen fast 50 Prozent Ihres Umsatzes in Südamerika. Ist das nicht ein großes Risiko?
Wir haben schon Ende der 80er-Jahre auf diese Wachstumsmärkte gesetzt, und sie haben Telefónica zu dem gemacht, was es heute ist. Natürlich sind die Märkte dort volatiler. Aber viele Ausgaben dort tätigen wir in lokaler Währung, sodass sich Schwankungen nicht eins zu eins in unserer Bilanz niederschlagen. Außerdem haben wir das Risiko mit Zukäufen in Europa kompensiert. Deshalb ist ja auch das deutsche Geschäft für uns so wichtig.

Sie haben fast 100 Millionen Kunden in Brasilien. Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Lage dort ein?
Brasilien hat sich beeindruckend entwickelt. Es ist eine Mittelklasse entstanden, und das Land hat Währungsreserven von 200 Milliarden Dollar als Folge der starken Exporte. Wir haben dort übrigens dasselbe gemacht wie jetzt in Deutschland: zugekauft und dann die Synergien realisiert. Brasilien ist für uns strategisch genauso wichtig wie Deutschland – beide Märkte sind viel größer als der spanische, und wir haben in beiden eine führende Stellung.

Wann rechnen Sie mit dem Börsengang in Argentinien?
Wir haben nie einen Termin dafür genannt – und auch keine Eile. Wir wachsen weiter in Argentinien, auch in der aktuellen Krise.

Sie arbeiten an einer Doktorarbeit über Big Data. Worum geht es dabei?
Ach ja, da sitze ich schon seit vier Jahren dran, aber mir fehlt einfach die Zeit, sie abzuschließen. Mir geht es auch nicht um den Titel, sondern ich will auf akademische Weise die technologische Revolution verstehen. Die Wissenschaft muss dazu beitragen, die Werte zu definieren, die wir für diese neue Welt brauchen. Konkret untersuche ich den Zusammenhang zwischen Anrufen ins Ausland und der Zahlungsbilanz eines Landes. Ich glaube fest daran, dass wir mithilfe künstlicher Intelligenz öffentliche Ausgaben viel exakter und effizienter steuern können.

Wenn Sie sich so intensiv mit der Zukunft beschäftigen: Was wird das nächste große Ding?
Künstliche Intelligenz. Maschinen können heute schon Stimmen und Gesichter besser erkennen als Menschen. Selbstlernende Algorithmen sorgen dafür, dass eine Maschine nicht nur erkennt, dass sie eine Pizza vor sich hat, sondern dass das eine vegetarische Pizza ist. Das verbunden mit Apps und einer offenen Entwicklerplattform wird zu viel größeren Disruptionen führen als das Internet oder das Handy. Das ist faszinierend.

Zum Abschluss noch zwei Fragen aus dem profanen Hier und Jetzt: In Spanien hat vor einer Woche die Regierung gewechselt. Fürchten Sie Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum?
Nein. Spanien hat sehr solide Institutionen, einen Haushalt für 2018, und das Land steht fest zum Euro. Außerdem gibt es dort inzwischen mehr Glasfaserleitungen als in Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien zusammen. Wir gehören zu den EU-Ländern, die am besten auf die neue Welt vorbereitet sind.

Der starke Breitbandausbau ist der großzügigen Regulierung zu verdanken ...
Der Regulierer hat Telefónica nicht verpflichtet, Wettbewerbern die ganz schnellen Bandbreiten zur Verfügung zu stellen. Deshalb haben sie ebenfalls investiert. Orange besitzt heute mehr Glasfaser in Spanien als in Frankreich – und das ist ein Unternehmen mit französischer Staatsbeteiligung. Vodafone hat mehr Breitband in Spanien verbaut als in Großbritannien und Deutschland zusammen. Das spanische Modell kann ein Vorbild sein für andere Länder, auch für Deutschland.

Herr Pallete, vielen Dank für das Gespräch.

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