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Klett, Cornelsen und Co. Raus aus der Kreidezeit: Schulbuchverlage wollen den Unterricht digitalisieren

Die Schulbuchverlage setzen verstärkt auf digitale Produkte. Doch nicht mal die Coronakrise hat die Nachfrage explodieren lassen – noch nicht.
05.12.2020 - 16:51 Uhr Kommentieren
Die Bundesländer haben bislang kaum Mittel aus dem 6,5 Milliarden Euro schweren Digitalpakt Schule abgerufen.
Schüler arbeiten mit Laptops

Die Bundesländer haben bislang kaum Mittel aus dem 6,5 Milliarden Euro schweren Digitalpakt Schule abgerufen.

Düsseldorf Eigentlich hätte der Ernst Klett Verlag keinen besseren Zeitpunkt erwischen können, um sein neuestes Digitalprodukt auf den Markt zu bringen. Der „eCourse“ – erst seit wenigen Wochen erhältlich – ist das neue Vorzeigeprojekt von Deutschlands größtem Schulbuchverlag.

Lehrer können dort viel stärker auf die Lernbedürfnisse der Schüler eingehen, separate Übungsaufgaben implementieren und sind digital mit den Lernenden verknüpft – perfekt in Zeiten, in denen sich Zehntausende Schüler bundesweit in Corona-Quarantäne befinden. Der Verlag sei zwar zufrieden, wie der Verkauf anläuft, doch insgesamt bleibt der große Nachfrageboom nach digitalen Produkten aus.

Nicht nur beim Klett-Verlag, sondern in allen rund 80 Bildungsmedienverlagen in Deutschland hat Corona eben nicht dazu geführt, dass sich Lehrer und Schüler großflächig mit digitalem Unterrichtsmaterial eindecken. Nur beim Cornelsen Verlag heißt es, die Nachfrage sei stark gestiegen.

„Es wird mehr oder minder eingekauft wie vor der Krise“, sagt Ilas Körner-Wellershaus, Verlagsleiter beim Klett-Verlag und Vorsitzender des Branchenverbands Bildungsmedien. Die Entwicklung hin zu digitalem Unterricht lasse sich allenfalls als zaghaft beschreiben.

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    Es mangele an digitaler Ausstattung, vor allem in Schulen und auch in den Elternhäusern, vermutet er. Dabei fügt er jedoch hinzu: „Ein Großteil der Schulen hat die digitalen Möglichkeiten zu Beginn des Jahres noch überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt.“

    Eigentlich führen die Verlage schon seit vielen Jahren digitale Alternativen in ihren Produktportfolios. Allein beim Klett-Verlag sind fast 17 Prozent der 18.000 Produkte rein digital. Laut dem Bildungsmedienverband kommen fast 8000 Titel jährlich neu auf den Markt. Den Gesamtumsatz der Branche schätzt er auf 650 bis 700 Millionen Euro – allein durch Produkte für die allgemeinbildenden Schulen.

    Die mächtigen drei

    Den Großteil des Umsatzes teilen sich dabei die drei größten Schulbuchverlage Klett, Cornelsen und Westermann: Ihr Marktanteil umfasst rund 90 Prozent. Wie hoch der Umsatzanteil digitaler Produkte ist, darauf möchte kein Verlag eine klare Antwort geben. Laut Klett-Vorstand Körner-Wellershaus liegt er in der ganzen Branche im einstelligen Prozentbereich.

    Lange war die bloße PDF-Version eines Schulbuchs die Endstufe digitaler Versiertheit. „Die Verlage haben vor allem in Tools für Lehrende investiert“, beobachtet Felicitas Macgilchrist, Medienforscherin am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung.

    Dass Planungstools für den Unterricht effizientes Arbeiten ermöglichen, hätten die Lehrer nicht erst in der Coronakrise erfahren, so ein Cornelsen-Sprecher: „Die private Unterrichtsvorbereitung findet schon heute oft rein digital statt.“ Dort läuft solch ein Angebot unter dem Namen „Unterrichtsmanager plus“.

    Der Klett-Verlag zum Beispiel bietet solch eine Plattform bereits seit 2012 an. Ähnlich sieht es bei der Braunschweiger Westermann Gruppe aus: Deren Flaggschiff ist die „BiBox“, eine Lernplattform, über die Schüler und Lehrer Zugriff auf ihre digitalen Materialien haben. Die Lernenden dürfte es freuen, nur noch ein digitales Endgerät im Rucksack transportieren zu müssen – statt einer halben Bibliothek.

    Solche digitalen Unterrichtsassistenten vereinen das Schulbuch in virtueller Form – oft gespickt mit Videos oder Hörspielen – mit Musterlösungen und thematisch passenden Arbeitsblättern. Bei Klett beispielsweise kostet eine Einzellizenz mit achtjähriger Laufzeit in etwa 30 Euro. Für die Lehrkraft ist das deutlich günstiger als ein vergleichbares Materialkontingent aus der analogen Zeit.

    Eine Schülerversion kostet rund vier Euro und ist damit deutlich günstiger als die gedruckte Variante, die im Schnitt mit etwa 20 Euro zu Buche schlägt. Dabei sind die digitalen Produkte in Produktion und Entwicklung nicht mal günstiger. Ein Verlustgeschäft machen die Verlage trotzdem nicht: Die Nutzung eines Schülerprodukts ist auf ein Jahr lizenziert. Gedruckte Bücher hingegen sind mindestens fünf Jahre im Umlauf.

    „Noch ist das gedruckte Schulbuch das Leitmedium“, sagt Iris Kalvelage, die bei Westermann die digitalen Produkte verantwortet. Doch Schulbücher böten bei Weitem nicht so viele motivierende und lerndiagnostische Möglichkeiten und alternative Lernwege.

    Nur eine Frage der Zeit

    Zur Westermann Gruppe gehört auch der Schroedel Verlag, dessen Service „Schroedel aktuell“ Unterrichtsmaterial zu aktuellen Debatten anbietet. Vor allem für Politiklehrkräfte zahlt sich das aus: Bis Themen wie die Coronakrise mal den Weg in Lehrwerke finden, wird die Welt schon wieder ganz andere Probleme haben.

    Die virtuellen Schulbuch-Pendants digitalisieren und erweitern ein Format, mit dessen Aufmachung Generationen von Schülern aufgewachsen sind. Der Stuttgarter Klett-Verlag bricht nun mit der gewohnten Aufmachung und geht mit dem eCourse einen Schritt weiter: Das neue Lernangebot verabschiedet sich nämlich von der Visualisierung in Buchform. Statt Seite für Seite durchzublättern, folgt der eCourse dem Prinzip des roten Fadens.

    Lernende und Lehrende scrollen während der Bearbeitung immer weiter nach unten – die Anwendung wurde für die Nutzung an Tablet und Co. konzipiert. Auch ohne Internetverbindung können die Klett-Anwendungen genutzt werden – sofern sie zuvor heruntergeladen worden sind.

    Auch wenn digitale Bildungsformate noch die Ausnahme sind: Für Schulbuchforscherin Macgilchrist ist klar, dass die digitale Revolution an den Schulen nur eine Frage der Zeit ist. „Wenn erst mal mehr Schulen digital ausgestattet sind, dann wird auch die Nachfrage nach digitalen Schulbüchern stark ansteigen“, sagt sie.

    Bis das so weit ist, dürfte es noch ein wenig dauern. Die Bundesländer haben bislang kaum Mittel aus dem 6,5 Milliarden Euro schweren „Digitalpakt Schule“ abgerufen. Entsprechend schleppend werden Schüler mit digitalen Endgeräten ausgestattet – das größte Problem beim Fernunterricht.

    Die Schulbuchverlage forcieren derweil weiter die digitale Transformation. Klett zum Beispiel arbeitet bereits an der zweiten Generation des eCourse, der noch mehr differenzierende Möglichkeiten bieten soll. An der ersten Version werkelten die Entwickler vier Jahre lang. Wenn sie für den eCourse 2 genauso viel Zeit brauchen, ist Deutschlands Bildungssystem vielleicht der Kreide-Zeit entwachsen.

    Mehr: Die Lehrer müssen einsehen, dass in der Krise ein Extrabeitrag notwendig ist, kommentiert Handelsblatt-Redakteurin Barbara Gillmann.

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