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Kommentar Motorola ist für Google ein riskanter Deal

Der Preis, den Google für Motorola zahlt, ist hoch. Noch beeindruckender ist die Risikoprämie, die vereinbart wurde, falls der Deal platzt - dann könnten 20 Prozent der Kaufsumme in Motorolas Kasse landen. 
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Motorola-CEO Sanjay Jha gehört zu den Gewinnern des Google-Deals. Quelle: Reuters

Motorola-CEO Sanjay Jha gehört zu den Gewinnern des Google-Deals.

(Foto: Reuters)

San FranciscoMotorola und Google sind international operierende Unternehmen. Kartell- und Wettbewerbsbehörden weltweit werden sich die geplante Übernahme des Mobilfunkherstellers durch den Webriesen genau anschauen, das steht außer Frage. Auf einer gemeinsamen Telefonkonferenz zeigten sich sowohl Googles CEO Larry Page als auch Motorolas Sanjay Jha sehr optimistisch. Warum haben aber dann die Aktionäre auf die massive Ausfalloption gedrängt?

Nach Informationen der Agentur Bloomberg, die sich auf einen ungenannten Informanten mit Detailkenntnissen bezieht, werden 2,5 Milliarden Dollar fällig, wenn Google abspringt. Zum Vergleich: Bei dem enorm umstrittenen Merger von T-Mobile USA und AT&T hat die Deutsche Telekom eine Ausgleichszahlung in bar von drei Milliarden Dollar und Sonderbehandlungen bei künftigen Geschäftsbeziehungen ausgehandelt – aber bei einer mehr als dreimal so hohen Übernahmesumme von 39 Milliarden Dollar.
 Da ist zum einen der kartell- und wettbewerbsrechtliche Aspekt des Motorola-Deals. Aus der Übernahme des Hardwareherstellers alleine ist derzeit kaum eine marktbeherrschende Stellung herauszulesen. Motorola hat im vergangenen Quartal gerade einmal 4,4 Millionen Smartphones abgesetzt und 440 000 Tablet-PC. Das ist nichts, verglichen mit Apples 19 Millionen iPhones in einem Quartal. Die Sichtweise könnte sich dramatisch ändern, wenn Googles marktbeherrschende Stellung bei Suchmaschinen hinzugenommen wird.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett

Die amerikanische Handelsbehörde FTC hat nach Medienberichten bereits ihre Untersuchungen hinsichtlich eines Machtmissbrauchs bei Suchmaschinen auf Mobiltelefone ausgeweitet. Google soll andere Mobiltelefon-Hersteller dazu gedrängt haben, auf Konkurrenzsoftware zu verzichten und Googles Produkte zu bevorzugen. Die Akquisition von Motorola könnte als Anfangsverdacht gewertet werden, diese Praxis ausweiten zu wollen. 2010 hat Motorola bereits den Google-WLAN-Ortungsdienst durch das Konkurrenzprodukt Skyhook ersetzt.

Auf zahlreichen chinesischen Geräten läuft Bing als Suche, nicht Google. Das wird ein Ende haben. Von Websuche über Google Maps bis zum Google-App-Market und dem Facebook-Clone Google+ wird sich alles auf den künftigen Motorola-Telefonen wiederfinden. Vor wenigen Tagen hatte Motorola Mobility-Chef Sanjay Jha bereits angekündigt, die eigene Android-Oberfläche „Motoblur“ nicht mehr als eigene Marke weiterverfolgen zu wollen. Sie war Kernelement der Motorola-Strategie. Jetzt braucht sie niemand mehr. Stattdessen reicht auf einmal die Google-Standardoberfläche mit Google-Diensten. Heute wissen wir, warum.

Kartellwärter sind von nun an Googles größte Gegner

Die wiederholt betonte Absicht, Motorola als eigenständiges Unternehmen weiter zu betreiben, könnte den Kartellwächtern allerdings nicht als Sicherheit ausreichen. In der Reaktion darauf könnten die Wettbewerbswächter die Akquisition mit harten Auflagen belegen, im schärfsten Fall damit, das Hardwaregeschäft zu verkaufen. Dann verliert die Übernahme zumindest einen großen Teil ihres Charmes - wenn nicht gar allen: denn weithin unbeachtet ist noch die Tatsache, dass Motorola auch noch ein sehr starkes Standbein im Markt für TV-Settop-Boxen besonders in den USA hat.  Das bislang wenig erfolgreiche Google-TV und Google–Suche könnten zusammen mit Motorolas Settop-Boxen doch noch den Weg in zahlreiche Wohnzimmer finden. Auch das fällt dann weg.

Google schluckt Motorolas Handysparte

Google betonte in der Analystenkonferenz ausdrücklich, man werde Motorola als eigenständiges Unternehmen betreiben. Vielleicht ist das schon ein Zeichen, dass ein Verkauf in Betracht gezogen wird. Allerdings muss dann ein Käufer her. Doch wer will die Fabrikationsanlagen und tausende Mitarbeiter ohne die Patentrechte, die Google vorher aus dem Konzern herauslösen würde?
Doch auch da bestehen Risiken.  

Die auf der Google-Webseite  veröffentlichten Statements der angeblichen Unterstützer der Akquisition von HTC über Sony Ericsson bis Samsung lesen sich beinahe roboterartig wortgleich mit dem Tenor, man begrüße Googles Absicht, das Android-System zu schützen. Gemeint ist der Ankauf der 17000 Mobilfunkpatente von Motorola. Von einer Freude über einen wieder erstarkten Wettbewerber Motorola findet sich da nichts. Der Nutzen könnte jedoch schnell ausgehöhlt werden. Das US-Justizministerium wird darauf achten, dass diese Patente nicht aktiv als Angriffswaffe gegen die Gegner Apple und Microsoft eingesetzt werden. Sie wären dann theoretisch nur „aus dem Verkehr gezogen“. Niemand anderes könnte sie gegen Google einsetzen.

Gleichzeitig darf ihr Wert nicht zu hoch eingeschätzt werde. So nützt das geballte Patentarsenal nichts im Kampf gegen Oracle und die Abwehr der 2,6 Milliarden-Dollar-Forderung für Patentverletzungen. Oracle baut keine Smartphones und deshalb ist es Larry Ellison egal, was Google da als „Schutz“ zusammenkauft. Er will nur Geld sehen.
Vielleicht, so haben sich die Motorola-Aktionäre gedacht, merkt der junge CEO Larry Page im Laufe der Verhandlungen mit den Wettbewerbs- und Kartellbehörden, dass die Rechnung nicht aufgeht und zieht die Reißleine, so wie einst Microsoft-CEO Steve Ballmer, als der die Übernahme von Yahoo im letzten Moment abgeblasen hat. Heute könnte der Yahoo für einen Bruchteil der damaligen über 40 Milliarden Dollar kaufen. Und falls Page auch schwach wird, dann soll er wenigstens bluten. Denn ein anderer Käufer ist für den angeschlagenen Riesen nicht in Sicht.



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