Dorfbewohner zeigt Falschmeldungen auf seinem Smartphone

Allein in den vergangenen drei Monaten wurden bei durch den Messenger-Dienst ausgelösten Vorfällen mindestens neun Personen getötet.

(Foto: Bloomberg)

Lebensgefährliche Falschnachrichten Mit Print-Anzeigen gegen Lynchjustiz – wie Facebook Fake News in Indien bekämpft

Facebook reagiert auf die tödlichen Mob-Angriffe in Indien. Werbeanzeigen und neue Funktionen sollen Fake News über Whatsapp ausmerzen. Doch das wird schwierig.
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DüsseldorfFacebook versucht, analog ein digitales Problem zu lösen. Die Whatsapp-Mutter kauft im Kampf gegen Fake News auf seinem Messenger ganzseitige Anzeigen in indischen Tageszeitungen. „Gemeinsam können wir falsche Informationen bekämpfen“ ist eine solche Anzeige überschrieben, die in englischsprachigen Zeitungen geschaltet wurde.

Darunter folgt eine Zehn-Punkte-Checkliste gegen Fake News mit Hinweisen wie „Hinterfrage Informationen, die dich wütend machen“ oder „Benutze andere Quellen“. Facebook ruft damit die Nutzer seines Messenger-Dienstes auf, Meldungen kritisch zu prüfen.

Das US-Unternehmen reagiert mit der Kampagne auf eine Reihe tragischer Todesfälle, die seit Wochen Indien erschüttern: Aufgestachelt durch falsche Nachrichten, die Internetnutzer massenhaft miteinander teilten, kam es in verschiedenen Teilen des Landes zu tödlichen Mob-Angriffen auf Unschuldige.

Allein in den vergangenen drei Monaten wurden bei den Vorfällen mindestens neun Personen getötet. Und jedes Mal war der Auslöser derselbe: Über Whatsapp hatten Nutzer gefährliche Fake News verbreitet. Bei einem der Lynchjustizopfer handelte es sich um einen Regierungsangestellten, der mit einem Megaphon durch die Dörfer gezogen war, um Gerüchte über Kindesentführungen zu zerstreuen.

In der Region Tripuras setzte die Polizei vergangene Woche sogar Tränengas ein und gab Warnschüsse ab, um einen Mob aus Dorfbewohnern zu vertreiben, der reisende Händler angegriffen hatte. Internet- und SMS-Verbindungen in der Gegend wurden zusätzlich vorübergehend gekappt, um die weitere Verbreitung von Gerüchten zu unterbinden.

In mehreren Bundesstaaten hat die Polizei zudem spezielle Einheiten gebildet, die sich um Fake News in sozialen Medien kümmern und im Ernstfall gegensteuern sollen.

Whatsapp hat nun seinerseits weitere Maßnahmen angekündigt. „Wir setzen eine Bildungskampagne in Indien auf, wie man Fake News und Gerüchte erkennen kann“, sagte ein Whatsapp-Sprecher Reuters zufolge. Die Anzeigen in den englischsprachigen Zeitungen seien nur ein erster Schritt in diese Richtung. Anzeigen in regionalen Zeitungen und auf Hindi sollen noch in dieser Woche folgen.

Zudem testet Whatsapp bereits eine Funktion, über die künftig angezeigt wird, ob eine Meldung vom Absender verfasst oder lediglich weitergeleitet wurde. Bereits vergangene Woche hatte der Dienst zudem eine Funktion eingeführt, die Gruppenadministratoren mehr Rechte gibt.

Indien ist für Facebook ein extrem wichtiger Markt: Die Messenger-App ist für viele Inder das wichtigste digitale Werkzeug. Mehr als 200 Millionen Inder nutzen das Programm. Auf dem Subkontinent hat Whatsapp so viele Nutzer wie in keinem anderen Land der Welt. Sie teilen täglich fast 14 Milliarden Nachrichten miteinander.

Anfänglich hatte Whatsapp noch jegliche Verantwortung von sich geschoben und darauf verwiesen, dass man auf die versendeten Nachrichten keinen Einfluss habe und nicht einmal ihren Inhalt kenne. Das liegt an der automatischen Verschlüsselung der Nachrichten, die nur am Gerät des Empfängers wieder entschlüsselt werden – nicht aber auf den Servern, auf denen sie zwischendurch gelagert werden.

Dass Whatsapp nun doch handelt – und sei es auch über die etwas hilflos wirkende Aktion mit den Zeitungsannoncen – zeigt, dass sich Probleme mit Falschmeldungen und Hetze, die Facebook auf seiner Ursprungsplattform hat, auch auf den 2014 zugekauften Messenger-Dienst ausdehnen. Doch viel mehr als Appelle dürfte von Facebook nicht zu erwarten sein: Schließlich ist Whatsapp keine öffentliche Plattform, sondern ein meist sehr privates Kommunikationsmittel.

Und gerade die neuen Funktionen, die der Dienst nun als Reaktion auf die Lynchjustiz bekommen soll, werden zu weiteren Problemen führen. Denn es dürfte kaum möglich sein, Whatsapp zu kontrollieren, ohne den Datenschutz zu opfern.

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