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Managing Partner von Union Square Tech-Investor Albert Wenger: „Digitalisierung lässt sich so nicht regulieren“

Der einflussreiche Geldgeber will Digitalkonzerne wie Facebook oder Google zum Teilen von Nutzerdaten verpflichten. Antikartellgesetze hält er für wirkungslos.
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Wurde mit Investments in Twitter, Tumblr oder Etsy bekannt. Quelle: Kai Nedden/laif
Albert Wenger

Wurde mit Investments in Twitter, Tumblr oder Etsy bekannt.

(Foto: Kai Nedden/laif)

Albert Wenger, Managing Partner des New Yorker Risikokapitalfonds Union Square Ventures, plädiert für einen neuen Ansatz zur Regulierung großer Tech-Konzerne. „Eine zentrale Frage für mich ist, wie viel Macht der Internetnutzer gegenüber großen Plattformen ausüben kann“, sagte Wenger im Interview mit dem Handelsblatt. Der einflussreiche Geldgeber der Tech-Branche, der mit Investments in Twitter, Tumblr oder Etsy bekannt wurde, beklagt einen „dramatischen Zustand“ der Machtlosigkeit von Usern.

Internetnutzer müssten „selbst genau bestimmen, welche Daten sie mit welcher Firma teilen wollen“. Auf Freiwilligkeit der Anbieter setzt Wenger nicht. „Sicher werden die Internetplattformen das nicht freiwillig tun, deshalb müssen wir sie dazu verpflichten. Das würde sehr schnell erfordern, dass andere Geschäftsmodelle für die Internetplattformen entstehen, als Alternative zur Werbung“, sagte er.

Wenger zeigt sich zudem optimistisch, dass Europa durchaus in der Lage ist, den Vorsprung amerikanischer Tech-Firmen aufzuholen: „Wir sehen die ersten Zeichen des Durchbruchs heute schon“, so Wenger. Auch glaube er nicht, dass europäische Gründer zu klein denken. Es gebe aber noch Hemmnisse. „Es ist zum Beispiel immer noch viel schwieriger und teurer, in Deutschland eine Firma zu gründen oder Finanzierungsrunden abzuschließen,“ so der Tech-Investor.

Lohnende Felder für neue Investments hat Wenger bereits ausgemacht: „Die nächsten großen Fortschritte durch Digitalisierung werden in Bildung und im Gesundheitswesen passieren. Die Bereiche werden sich so dramatisch verändern wie die Medien von der gedruckten Zeitung zum digitalen Produkt.“

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Herr Wenger, das Bundeskartellamt beschneidet die Möglichkeiten von Facebook, Daten seiner Nutzer zu sammeln. Glauben Sie, dass die Entscheidung zu mehr Wettbewerb im Netz führt?
Nein, das digitale Zeitalter braucht einen komplett neuen Ansatz. Politik und Wirtschaft sehen die digitale Technologie immer noch als eine Fortsetzung der analogen Industriegesellschaft, die man mit Antikartellgesetzen in den Griff kriegt. Der Grundfehler ist, nicht zu verstehen, dass die Digitalisierung eine sehr viel radikalere Veränderung darstellt, die sich so nicht regulieren lässt.

Sondern?
Wir brauchen eine neue Regulierung, die auf den digitalen Bereich zugeschnitten ist. Eine zentrale Frage für mich ist zum Beispiel, wie viel Macht der Internetnutzer gegenüber großen Plattformen ausüben kann.

Weil er heute fast keine Macht hat?
Genau. So gut wie keine. Auf dem iPhone gibt es nur einen App Store, der darüber entscheidet, welche Apps Kunden zugänglich sind. Das ist schon ein ziemlich dramatischer Zustand. Wir tragen heute Supercomputer mit uns in der Tasche herum, die mehr Leistung haben und uns mehr Macht geben als jeder Computer zuvor. Aber sobald wir Facebook anklicken, arbeitet dieser Computer plötzlich nur noch für Facebook und mehr oder minder gegen uns. Facebook verwendet diesen Supercomputer, um uns zu programmieren. An dieser Asymmetrie müssen wir arbeiten.

Wie ändern Nutzer derzeitige Machtverhältnisse zu ihren Gunsten?
Wir müssen dafür sorgen, dass jede Konsumentenplattform oder App eine Schnittstelle haben muss, die mit einem Bot verknüpft werden kann, der im Interesse des Nutzers arbeitet. Mit persönlichen Bots könnten sich Nutzer zum Beispiel ihre Timeline bei Facebook, Instagram oder Twitter selbst zusammenstellen oder genau bestimmen, welche Daten sie mit welcher Firma teilen wollen.

Die meisten Nutzer würden wohl die ganze lukrative Werbung aus der Timeline werfen. Warum sollte sich ein Technologiekonzern darauf einlassen?
Sicher werden die Internetplattformen das nicht freiwillig tun, deshalb müssen wir sie dazu verpflichten. Das würde sehr schnell erfordern, dass andere Geschäftsmodelle für die Internetplattformen entstehen, als Alternative zur Werbung. Vielleicht entwickeln sich Abo-Modelle daraus. Ich würde zum Beispiel für Facebook zahlen. Meines Erachtens könnte Facebook aber durchaus weniger wert sein und dennoch viele Menschen miteinander verknüpfen.

Es sieht allerdings nicht danach aus. Facebooks Werbeumsätze boomen, der Börsenwert stieg trotz aller Skandale seit Weihnachten um ein Drittel. Haben wir eigentlich gar nichts gelernt?
Es gibt schon Grund für Optimismus, weil die Menschen in den USA Umfragen zufolge jetzt schon verstehen, dass Facebook nicht unbedingt die beste Nachrichtenquelle ist. Die Menschen sehen, dass Facebook, Google, Amazon oder Apple vielleicht zu viel Macht haben. Es ist Grund für Optimismus, dass die Politiker jetzt anfangen, etwas zu tun. Aber sie greifen zu den falschen Mitteln. Die Internetkonzerne müssen ein Mandat erhalten, ihre Daten mit anderen zu teilen.

Wie soll das konkret aussehen?
Nehmen Sie das Bankgeschäft. Europäische Finanzinstitute wurden dazu verpflichtet, ihre Daten an Fintech-Firmen weiterzugeben. Und das machte plötzlich wieder irre viel Innovation möglich. Ich bin überzeugt, dass es solche Innovationen auch auf der Basis von Facebook geben kann.

Glauben Sie denn, dass Facebook Innovationen eher behindert als fördert?
Es ist ein großes Problem für Innovationen, dass die großen Firmen so viel Macht haben. In manche Technologien investieren Risikokapitalgeber derzeit wenig, weil sie und die Gründer denken, da kommt gleich einer der Riesen und walzt mich platt. Der Abstieg von Snap hat das ja gezeigt.

Zu welcher Strategie können Start-ups greifen, um sich dennoch zu behaupten?
Sie sollten mit einer Erfindung oder in einem Wirtschaftsbereich konkurrieren, wo die großen Firmen sie nicht überholen können, zum Beispiel schlicht deshalb, weil sie sind, wer sie sind. Im Suchbereich sind wir Investoren in Duck-Duck-Go, einer kleinen Suchmaschine, die objektiv nicht so gut ist wie Google, aber die kein Tracking macht und auch keine Filterblase erzeugt. Auf dieser anderen Vertrauensbasis ist Duck-Duck-Go jetzt auf eine Milliarde Suchanfragen pro Monat gewachsen. Wenn ein Start-up die richtige Basis für einen Wettbewerb finden kann, dann hat es schon Möglichkeiten.

Kann denn Europa den Vorsprung amerikanischer Firmen überhaupt noch aufholen?
Ich bin da sehr optimistisch! Es gibt immer mehr europäische Firmen, die global aktiv sind wie Delivery Hero. Wir sind Investoren in den Zyklustracker Clue aus Berlin oder Funding Circle aus London, das global Kredite für kleine und mittlere Unternehmen vergibt. Wir sehen die ersten Zeichen des Durchbruchs heute schon.

Es braucht jedoch immer eine große Anzahl an Investments, damit darunter auch ein paar Big Shots sind. Wie lange wird das noch dauern?
Das kann man nicht übers Knie brechen, aber der Fortschritt kommt. Vor 20 Jahren haben Investoren auf der Suche nach Innovationen nach Silicon Valley geblickt, heute finden sie diese Investoren genauso gut in Berlin, London oder Paris. Wir steigen heute alle in den Flieger und fliegen in der Weltgeschichte herum.

Laut dem „European Venture Report“ der Datenfirma Pitchbook knackten die Risikokapitalinvestments in Europa 2018 erstmals die Marke von 20 Milliarden Euro. Immer noch verschwindend wenig gegenüber jenen Summen, die im Valley fließen.
Das Silicon Valley gibt es eben schon seit sehr langer Zeit. Inzwischen existieren mehrere Generationen von Unternehmern, die alle schon Millionen verdient haben und sie jetzt als Angel-Investoren in neue Firmen stecken. Aber nicht alle Unternehmer wollen im Silicon Valley leben. Der Standort einer Firma wird immer weniger wichtig sein. Europa wird da auch mitspielen.

Fehlt europäischen Gründern immer noch das Selbstbewusstsein, wie oft behauptet?
Nein, ich glaube nicht, dass die Gründer zu klein denken, das hat sich alles geändert. Viele Unternehmen, wie SimScale hier in München, wo ich im Aufsichtsrat sitze, wissen von Anfang an, dass sie global expandieren müssen. Aber es gibt schon Dinge, die die deutsche Regierung ändern müsste. Es ist zum Beispiel immer noch viel schwieriger und teurer, in Deutschland eine Firma zu gründen oder Finanzierungsrunden abzuschließen.

Auf welche Fortschritte sollten Start-ups setzen? Künstliche Intelligenz? Quanten-Computing?
Diese Technologien bieten tatsächlich viel Innovationspotenzial, doch es ist unklar, ob sie auch neue Märkte eröffnen, so wie es das Internet getan hat. Für Künstliche Intelligenz braucht man sehr viele Daten. Viele bereits bestehende Unternehmen besitzen sie schon. Es könnte also schwer für Start-ups sein, damit zu konkurrieren.

Und wo lohnt es sich?
Die nächsten großen Fortschritte durch Digitalisierung werden in Bildung und im Gesundheitswesen passieren. Die Bereiche werden sich so dramatisch verändern wie die Medien von der gedruckten Zeitung zum digitalen Produkt. Wir können heute neue Sprachen fast kostenlos auf dem Telefon lernen, das Netz bringt Online-Universitäten überall hin. Wir werden an einen Punkt kommen, wo jeder, der etwas lernen will, es auch lernen kann, egal, wo auf der Welt er wohnt oder wie viel Geld er hat.

Herr Wenger, vielen Dank für das Interview.

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