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Matthias Prinz im Interview „Hatte schon etliche Fälle, in denen negative Berichterstattung den Aktienkurs ramponiert hat“

Der Medienrechtler spricht über Kommunikations- und Rechtsprobleme von Wirecard bis VW und den größten Kampf seines eigenen Lebens.
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„Meistens merke ich es schnell, wenn ich belogen werde.“ Quelle: Thies Rätzke für Handelsblatt
Anwalt Prinz in seiner Hamburger Kanzlei

„Meistens merke ich es schnell, wenn ich belogen werde.“

(Foto: Thies Rätzke für Handelsblatt)

Der Hamburger Medienrechtler Matthias Prinz empfiehlt dem Leverkusener Bayer-Konzern ein Einlenken in den juristischen Auseinandersetzungen um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Es sei „wahrscheinlich vernünftiger, in den USA einen schnellen Vergleich anzustreben. Das hätte dann für den Rest der Welt Signalwirkung und vor allem wüsste man dann endlich, was es unterm Strich kosten wird“, sagt Prinz im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Das wegen seiner womöglich krebserregenden Wirkung umstrittene Mittel wird von Bayers amerikanischer Konzern-Neuerwerbung Monsanto vertrieben. Im jüngsten, nunmehr dritten Glyphosat-Prozess wurde Bayer in erster Instanz zu zwei Milliarden Dollar Strafe verurteilt – „wobei solche Summen am Ende der Instanzen natürlich nie gezahlt werden“, so Prinz. „Aber es kann für Bayer schon teuer werden, wenn es so weiter geht.“

Für große Unternehmen wie den Leverkusener Chemiekonzern, aber auch für Wirecard oder VW sei in der Ära von Shitstorms und Fakenews ohnehin „alles anstrengender geworden. Andererseits gibt es heute viel mehr Hilfsmittel, diese Öffentlichkeit und ihre Einstellungen besser und vor allem schneller zu begreifen“, sagt Prinz.

„Vor allem braucht es dazu eine Top-Kommunikationsabteilung und eine gute Rechtsberatung. Noch immer können die wenigsten Unternehmen beides wirklich vorweisen. Das eine kommt aber nicht ohne das andere aus“, warnte der Hamburger, zugleich einer der renommiertesten Medienrechtler der Republik und juristischer Berater etlicher Stars, Top-Manager und Unternehmen.

Lesen Sie hier das gesamte Interview

Herr Prinz, Ihre Gegner waren jahrzehntelang Yellow Press und mitunter auch seriöse Magazine, immer aber klassische Medien. In den sozialen Netzwerken tummeln sich heute Abertausende von Bloggern und verbreiten Gerüchte, Hass und Lügen – ungestraft. Wie verändert das Ihre Arbeit?
Die klassischen Medien bleiben als Multiplikatoren meine Hauptansprechpartner. Sie bewegen weit mehr, müssen aber natürlich auch kontrollieren, was sie ihren Lesern präsentieren. Sich als Jurist einen einzelnen Blogger vorzunehmen bringt nicht viel – außer wüsten Shitstorms.

Haben Sie ein Beispiel?
Als Theo Zwanziger noch DFB-Präsident war, ließ er seine Anwälte gegen einen Blogger vorgehen, der ihn als „unglaublichen Demagogen“ beschimpft hatte. Gegen die empörte Netzgemeinde hatte er keine Chance.

Der große Medienrechtler Prinz wagt sich nicht an einzelne Blogger?
Schon. Aber der Fall Zwanziger war für mich doch ein Musterbeispiel, was dabei alles schiefgehen kann. Man darf solche Verfahren nur führen, wenn man sicher ist zu gewinnen.

Inwiefern?
Der mächtige DFB-Präsident gegen den kleinen Blogger – und dann verliert der Goliath das Verfahren auch noch durch alle Instanzen … Das ist schon schmerzhaft.

Das klingt aber, als seien das Gerücht, die üble Nachrede, die Diffamierung via Social Media geradezu gesellschaftsfähig geworden.
Wirecard ist ein Musterbeispiel dafür, wie es eben mittlerweile auch Unternehmen treffen kann.

Hatten Sie mit dem Fall beruflich zu tun?
Nein. Aber die Attacken auf den Zahlungsdienstleister provozierten in mir die ernsthafte Frage: Sind Unternehmen wie Wirecard nicht sogar dazu verpflichtet, presserechtlich gegen angeblich unwahre Berichterstattung wie in diesem Fall neben einigen Onlinequellen auch der „Financial Times“ vorzugehen? Im Interesse der eigenen Belegschaft, aber auch zum Schutz der Aktionäre? Ich hatte selbst schon etliche Fälle, in denen negative Berichterstattung den Aktienkurs ramponiert hat, ein schnelles Vorgehen mit Unterlassungserklärungen und Gegendarstellungen aber doch half.

Investigative Journalisten sollten sich nicht davon beeinflussen lassen, ob ihre Arbeit womöglich einen Aktienkurs abstürzen lässt, oder?
Natürlich nicht. Aber eine gewisse Sensibilität hilft Journalisten schon auch. Und ihre Storys sollten stimmen – auch und gerade, wenn es eben um sehr viel Geld geht.

Wie haben sich die Medien in den vergangenen Jahrzehnten verändert?
Die vielerorts weiter grassierenden Sparmaßnahmen haben leider die Qualität vieler Blätter ruiniert, die früher noch über jeden Zweifel erhaben waren. Für uns Medienrechtler wurde das Arbeitsgebiet dadurch eher größer. Da geht es dann nicht um Verletzung der Privatsphäre oder Paparazzi-Fotos, sondern um schlicht unwahre Berichterstattung. Missstände gibt es eben nicht mehr nur in der Yellow Press, die sich ihre Geschichten einfach ausdenkt – übrigens an vielen Stellen immer noch.

Haben nur die Medien Fehler gemacht – oder auch Ihre Branche? Immer wieder taucht der Vorwurf auf, es sei eine wahre Klageindustrie entstanden, die es Medien etwa im Bereich der Verdachtsberichterstattung immer schwerer mache.
Kann sein, dass es auch in meiner Branche schwarze Schafe gibt, aber schon Verdachtsmomente können heute eben eine verheerende Wirkung entfalten. Eine „Klageindustrie“ sehe ich in Deutschland ohnehin weit weniger als etwa in den USA.

Ist es eigentlich vernünftig, dass der Bayer-Konzern bislang jeden Prozess rund um sein Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat durchfechten will, das er bei der Übernahme des US-Konkurrenten Monsanto mit geerbt hat?
Vernünftiger wäre es wahrscheinlich, in den USA einen schnellen Vergleich anzustreben. Das hätte dann für den Rest der Welt Signalwirkung, und vor allem wüsste man dann endlich, was es unterm Strich kosten wird.

Im jüngsten, dem nunmehr dritten Glyphosat-Prozess wurde Bayer gerade zu zwei Milliarden Dollar Strafe verurteilt ...
... wobei solche Summen am Ende der Instanzen natürlich nie gezahlt werden. Aber es kann für Bayer schon teuer werden, wenn es so weitergeht.

Haben es Unternehmen heute schwerer, mit dieser amorphen kritischen Öffentlichkeit umzugehen?
Alles ist anstrengender geworden. Andererseits gibt es heute viel mehr Hilfsmittel, diese Öffentlichkeit und ihre Einstellungen besser und vor allem schneller zu begreifen. Vor allem braucht es dazu eine Top-Kommunikationsabteilung und eine gute Rechtsberatung. Noch immer können die wenigsten Unternehmen beides wirklich vorweisen. Das eine kommt aber nicht ohne das andere aus.

Sie haben einst das Radteam der Telekom gegen die Dopingvorwürfe des „Spiegels“ verteidigt – und vielfach Gegendarstellungen durchgesetzt. Im Nachhinein weiß man: Jan Ullrich und viele andere haben chronisch gelogen. Wie oft haben Sie das bei Mandanten erlebt?
Häufig. Aber meistens merke ich es schnell, wenn ich belogen werde.

Und dann?
Dann lege ich das Mandat nieder. Im Fall der Telekom-Radsportler habe ich leider viel zu spät erfahren, was da wirklich lief. Irgendwann später habe ich mal einen der beteiligten Dopingärzte zur Rede gestellt. Und dann erzählte der mir, wie er als junger Assistenzarzt am sportmedizinischen Institut in dieses System hineingeriet. Er antwortete, dass er nur zwei Möglichkeiten sah, als er anfing: Entweder lenkt er es in geordnete Bahnen – oder bald würde ihm einer der Radfahrer tot vom Sattel fallen.

Juristisch kann Ihnen das nicht gereicht haben …
… menschlich konnte ich es nachvollziehen.

Was lernt man aus all solchen Fällen?
Noch vorsichtiger zu sein. Wir hatten hier in meiner Kanzlei immer den Grundsatz, keine Radikalen, Sekten oder Kriminellen zu vertreten. Man muss sehr aufpassen.

Längst beraten Sie eher Unternehmen als Einzelpersonen. Wie kommt das?
Das war ein schleichender Prozess, der mit einigen Topmanagern begann …

… wie Kajo Neukirchen, damals Chef der Metallgesellschaft, und dem früheren Telekom-Chef Ron Sommer, als das Unternehmen an die Börse ging, oder Klaus Kleinfeld in seiner Zeit bei Siemens.
Solche Fälle und Persönlichkeiten machen mehr Spaß als die ermüdende Jagd nach Paparazzi-Fotos.

Bis wann haben Sie eigentlich den großen VW-Patriarchen Ferdinand Piëch beraten?
Bis zu seinem Rücktritt.

Was bedeutet er Ihnen heute noch?
Piëch ist der größte Visionär und Vorausdenker, den ich je erlebt habe. Denken Sie nur an den Quattro, den A2, die Leichtbauweise, das Ein-Liter-Auto und das Chinageschäft. Und man darf bei aller berechtigten Kritik an dem Konzern auch nicht vergessen, wie wichtig VW und die gesamte Autoindustrie für Deutschland sind.

Die Kritik setzte doch erst mit der Schummelsoftware im Diesel ein, die vielen eben auch das Vertrauen in deutsche Ingenieurskunst raubte.
Schon richtig. Aber bei VW arbeiten etwa 650.000 Mitarbeiter, die einen tollen Job machen, mit Leidenschaft tolle Autos bauen und ganz überwiegend mit Schummelsoftware nichts zu tun haben. Das geht in der Debatte völlig unter.

Können wir noch ein bisschen über Sie und Ihre Gesundheit sprechen?
Ungern.

Es ist jetzt viereinhalb Jahre her, dass Sie beim Joggen an der Alster zusammenbrachen, einen Herzstillstand erlitten und nur mit viel Glück wieder ins Leben zurückgeholt werden konnten. Seither kämpfen Sie darum, wieder laufen zu können. Wie geht es Ihnen?
Gut. Ich trainiere mittlerweile jeden Tag mit einem elektronisch gesteuerten Exoskelett, das meine Familie scherzhaft nur „Renate“ nennt. „Renate“ wurde von einem Israeli erfunden, der querschnittsgelähmt ist und um seine Erfindung herum die Firma ReWalk gebaut hat. „Renate“ hilft mir sehr, aber der Weg ist noch weit.

Was sagen die Ärzte?
Neurologen können wunderbar diagnostizieren, nur leider nicht therapieren. Aber ich kämpfe um jeden kleinen Fortschritt.

Was hat der Unfall verändert?
Eine Menge. Auch wenn ich mich trotzdem des Lebens freue – und meiner Arbeit. Ich war ja insgesamt sieben Monate im Krankenhaus, bevor ich wirklich wieder in der Kanzlei mitmischen konnte.

Sie hatten ein Riesenglück, dass eine Passantin damals sofort eine Herzmassage durchführen konnte und Sie ohne Umwege direkt ins richtige Krankenhaus zum richtigen Experten kamen.
Richtig, andererseits war der Vorfall natürlich auch verdammtes Pech. Mit dieser Ambivalenz muss ich weiter klarkommen. Meine Frau sagt dann gern, wenn ich vorher nicht so sportlich gewesen wäre, hätte ich das alles nicht überlebt.

Sie waren Triathlet, Marathonläufer, Kitesurfer.
Sport hat mir einfach immer schon wahnsinnig Spaß gemacht. Jetzt braucht alles etwas mehr Zeit …

… was nicht schlecht sein muss, oder?
Exakt. Ich weiß das auch zu schätzen. Mein Zusammenbruch – er kam ja 24 Stunden nachdem ich von einem dieser Monstertrips nach New York zurückgekommen war. Man kennt das: acht Stunden mit Umsteigen hinfliegen, drei Stunden Termin, acht Stunden zurück. So was mache ich heute nicht mehr. Ich passe jetzt mehr auf mich auf. Man wird nachdenklicher.

Wie viel Zeit verbringen Sie jetzt mit Reha-Maßnahmen?
Drei bis vier Stunden täglich. Richtig viel. Aber ich mache das gern. Wenn ich nach einer Einheit mit „Renate“ Muskelkater bekomme, macht mich das glücklich. Ich will wieder laufen. Unbedingt. Nach eineinhalb Stunden ist leider die Batterie leer.

Ihre oder die von „Renate“?
Die von „Renate“. Ich könnte dann noch, aber man darf es auch nicht übertreiben, was man auch erst lernen muss.

Wie schauen Sie heute aus dem Rollstuhl auf die Welt?
Von unten.

Sie wollen nicht mal, dass man auf den Fotos zu diesem Interview den Rollstuhl sieht.
Weil ich ihn nicht akzeptiere. Meine Perspektive hat sich zwangsläufig verändert. Wolfgang Schäuble hat mal gesagt, dass man am Buffet immer vollgebröselt wird als Rollstuhlfahrer. Das habe ich auch schon erlebt. Und die Hilfsbedürftigkeit nervt wahnsinnig. Meine Selbstständigkeit fehlt mir sehr.

Und der Weg zurück dahin ist knochenhartes Training?
Ja, ich will wieder laufen. Das werde ich üben. So lange, bis es klappt – oder ich tot bin.

Herr Prinz, vielen Dank für das Interview.

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