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Medien „Spiegel“ sieht sich in Relotius-Affäre entlastet

Eine selbst eingesetzte Untersuchungskommission erkennt Fehler im Detail, aber nicht im System. Die finanziellen Folgen des Betrugs sind gering.
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Erste personelle Konsequenzen hatte der „Spiegel“-Chefredakteur bereits im März gezogen. Quelle: dpa
Steffen Klusmann

Erste personelle Konsequenzen hatte der „Spiegel“-Chefredakteur bereits im März gezogen.

(Foto: dpa)

Hamburg Es ist einer der größten Journalismus-Skandale der vergangenen Jahre in Deutschland – und nun auch einer der am besten dokumentierten. Der Spiegel-Verlag hat am Freitag den Untersuchungsbericht zum „Fall Relotius“ vorgelegt. Dabei geht es um in großen Teilen erfundene Reportagen, die der inzwischen entlassene Redakteur Claas Relotius jahrelang veröffentlichen konnte.

„Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann, der erst mit Auffliegen des Betrugsfalls vor einem halben Jahr an die Spitze des Nachrichtenmagazins gerückt ist, sieht die Affäre durch den Bericht eingedämmt. „Mir ist wichtig, dass alles Unangenehme zuerst von uns selbst veröffentlicht wird“, sagte er bei einem Pressegespräch im Hamburger Verlagshaus. Daher habe er den Bericht ungekürzt veröffentlichen lassen.

Wichtigstes Ergebnis sei: Niemand habe den Reporter bewusst gedeckt. Allerdings sei die Redaktion einigen Hinweisen nicht entschlossen genug nachgegangen und habe so dem Journalismus geschadet.

Ökonomisch sieht der Verlag kaum Folgen. „Wirtschaftlich sind wir mit einem blauen Auge davongekommen“, sagte Verlagsgeschäftsführer Thomas Hass. Die Marktforschung habe gezeigt, dass die Leser zwar entsetzt über den unerwarteten Betrug sein, dem Verlag aber den Aufklärungswillen abnähmen.

Der Einzelverkauf des Hefts habe folglich nicht gelitten, Abos seien nur vereinzelt mit Verweis auf Relotius gekündigt worden. Das Anzeigen-Geschäft sei ebenfalls nicht beeinträchtigt worden. Im ersten Quartal 2019 lag die Auflage des „Spiegels“ bei gut 700.000 und damit nur wenig unter dem Vorjahr. Die sowieso schon auflagenschwächeren Konkurrenten „Stern“ und „Focus“ verloren in dem Zeitraum deutlicher.

Erste personelle Konsequenzen hatte Klusmann bereits im März gezogen. Der eigentlich als Co-Chefredakteur vorgesehene Ullrich Fichtner arbeitet nun als Reporter, der als Blattmacher eingeplante Matthias Geyer als Redakteur. Ein Faktenprüfer, der für das Relotius-Ressort „Gesellschaft“ zuständig war, ist vorzeitig in den Ruhestand gegangen.

Zu weiteren Konsequenzen hielt sich Klusmann am Freitag bedeckt. Personelle Folgen seien denkbar, müssten aber erst mit den Betroffenen besprochen werden. Das Gesellschafts-Ressort, das in dem Bericht kritisiert wird, will er nicht auflösen, aber so tiefgehend umgestalten, dass dafür die Zustimmung der Gesellschafter nötig sei. Details nannte er nicht. Am Verlag sind die Mitarbeiter, der Verlag Gruner + Jahr sowie die Erben des Gründers Rudolf Augstein beteiligt.

Verlag verzichtet auf Klagen

Der Kommissionsbericht schlägt auch einige journalistische Konsequenzen vor. Chefredakteur Klusmann will die Mehrheit davon umsetzen – etwa Regeln zur Faktentreue bei Rekonstruktionen. Zudem soll eine Ombudsperson benannt werden, die Beschwerden von Mitarbeitern und Lesern wirksam verfolgt. Weitere Konsequenzen sollen in Arbeitsgruppen erarbeitet werden.

Von Klagen gegen den Fälscher Relotius will der Verlag „aus Fürsorgepflicht“ absehen. Der Anwalt des Journalisten war am Freitag zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Auch am Bericht hat der ehemalige Reporter nicht mitgewirkt.

Die drei Mitglieder der Aufklärungskommission hatte der Verlag selbst ausgewählt: Nachrichtenchef Stefan Weigel, den Blattmacher Clemens Höges und die frühere Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“, Brigitte Fehrle. Sie entlastete den Spiegel-Verlag vom Verdacht systemischen Versagens: Die Redaktion prüfe über ihre Dokumentation besonders sorgfältig.

Ein ähnlicher Betrug sei daher auch in anderen Medienhäusern denkbar. Lediglich der Umgang mit dem freien „Spiegel“-Journalisten Juan Moreno, der den Betrug des Kollegen aufdeckte, sei erschreckend gewesen. Moreno hatte nach einer Zusammenarbeit mit Relotius intern gewarnt, dieser arbeite unsauber. Geglaubt wurde ihm aber erst nach einer Nachrecherche in den USA auf eigene Faust.

Dafür ist der Aufklärer nun besonders willkommen: Er arbeitet mit Rückendeckung des Chefredakteurs an einem Buch über den Fall. „Wir sind schonungslos transparent, das tut ganz schön weh“, beteuerte Klusmann.

Mehr: Der neue Chefredakteur des „Spiegels“ hat zwei große Aufgaben: Umbau der Redaktion und Aufklärung des Rechercheskandals. Beides hängt zusammen.

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