Medien: Springer-Chef Döpfner entschuldigt sich nach radikalen Äußerungen
Die „Zeit“ hatte interne Nachrichten des Springer-Chefs veröffentlicht.
Foto: imago images / Future ImageDüsseldorf. Mathias Döpfner, Chef des Medienhauses Axel Springer, hat sich nach seinen umstrittenen Äußerungen an die Öffentlichkeit gewandt. „Ich bitte um Entschuldigung dafür, dass ich mit meinen Worten viele gekränkt, verunsichert oder verletzt habe“, schrieb Döpfner in einem am Samstagabend veröffentlichten Beitrag auf der „Bild“-Website.
Europas wichtigster Medienmanager reagiert damit auf Kritik an ihm. Die Wochenzeitung „Zeit“ hatte am Donnerstag Nachrichten von Döpfner veröffentlicht, die er in den vergangenen Jahren an seinen engsten Führungskreis adressiert haben soll.
Sie zeichnen das Bild eines Mannes, der wenig von Altkanzlerin Angela Merkel hält, den Klimawandel begrüßt, Muslime attackiert und Ostdeutsche verachtet. „Die ossis sind entweder Kommunisten oder faschisten. Dazwischen tun sie es nicht. Eklig“, hat Döpfner laut „Zeit“-Recherchen im Wortlaut geschrieben.
Der Manager soll Deutschlands größte Boulevardzeitung „Bild“ vor dem Bundestagswahlkampf 2021 zudem aufgefordert haben, die FDP zu stärken. „Unsere letzte Hoffnung ist die FDP. Nur wenn die sehr stark wird – und das kann sein – wird das grün rote Desaster vermieden“, soll es in einer Nachricht heißen.
Merkel bezeichnete er als „sargnagel der Demokratie“, ihre Migrationspolitik soll er mit den Worten „wer die Türen öffnet wird Rassismus ernten“ kommentiert haben. Covid bezeichnete er als „Grippe“, die ergriffenen Schutzmaßnahmen seien „der Anfang von 33“, was man als Verweis auf Adolf Hitlers Machtergreifung 1933 verstehen könnte. Zum Thema erneuerbare Energien schrieb er laut „Zeit“: Wenn er eines hasse, dann seien es Windräder.
Döpfner bestätigt indirekt, dass die Äußerungen von ihm kommen
Mit seiner Entschuldigung bestätigt Döpfner indirekt, dass die Formulierungen tatsächlich von ihm stammen. Seine Aussagen seien „wörtlich genommen natürlich Quatsch“, so Döpfner. Doch der Ärger darüber, dass in „Thüringen und anderswo so viele entweder Linke oder AfD wählen, verleitete mich zur polemischen Übertreibung“. Ähnlich hatte sich Döpfner zuvor im Intranet von Springer geäußert.
„Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht“, erklärte der 60-Jährige im „Bild“-Artikel weiter, „mir gelingt es nicht immer, private Nachrichten im korrekten Ton zu schreiben. Wenn ich wütend oder sehr froh bin, wird mein Handy zum Blitzableiter.“ Schon bei früheren umstrittenen Äußerungen, die publik wurden, hatte Döpfner seine Wortwahl in privaten Chats als „bewusste Übertreibung“ bezeichnet.
Verlagschef Mathias Döpfner steht in der Kritik.
Foto: dpaNach der „Zeit“-Veröffentlichung hatte es erneut Diskussionen darüber geben, ob Medien private Nachrichten von Vorstandschefs publizieren sollten. Darauf nahm Döpfner Bezug: Er schicke Menschen, denen er sehr vertraue, „Worte, die ‚ins Unreine‘ gesagt oder getippt sind. Weil ich davon ausgehe, dass der Empfänger weiß, wie es gemeint ist.“
Er habe sich bei solchen Nachrichten nicht vorstellen können, dass „jemand diese Worte an Dritte weitergibt“. Das sei nun aber geschehen. Er habe daraus seine Lehren gezogen. „Eine davon bleibt die Idee von der ‚Gedankenfreiheit‘.“
Döpfner ist nicht nur Springer-Vorstandschef, sondern hält auch einen größeren Anteil am Konzern. Zum Zeitpunkt der Übernahme durch den Finanzinvestor KKR im Oktober 2021 waren es knapp 22 Prozent.
Massive Kritik an Döpfner – Unterstützung von Kubicki
Der „Zeit“-Bericht hatte für massive Kritik an Döpfner und Springer gesorgt. Der brandenburgische SPD-Landeschef Dietmar Woidke schrieb am Freitag: „Die abwertenden Äußerungen von Herrn Döpfner sind nicht zu rechtfertigen.“ Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig sagte: „Die Leistungen der Menschen im Osten derart geringzuschätzen ist ein Zeichen großer Respektlosigkeit.“
Unterstützung bekam Döpfner hingegen von FDP-Parteivize Wolfgang Kubicki. Er sehe „keinen Handlungsbedarf in der Causa Döpfner“. Die Berichterstattung sei womöglich „aus Gründen der Schaulust von Interesse“, so Kubicki. „Politisch ist sie es nicht.“
Springer muss die öffentliche Kritik beunruhigt haben. So griff die „Bild“ zu einem ungewöhnlichen Mittel und berichtete am Samstag in einem selbst verfassten Artikel über die Vorkommnisse und den eigenen Vorstandschef. Der Bericht ist mit den Worten „Chat-Affäre um Springer-Chef Döpfner: Was ist los bei Bild?“ überschrieben.
>> Lesen Sie mehr: Und wieder Springer und noch so ein „Döpfner-Beben“ – ein Kommentar
Darin steht auch, dass „Bild“-Mitarbeitende verärgert über ihren Vorstandschef seien. Das bestätigt Aussagen von einigen Führungskräften, die sich gegenüber dem Handelsblatt schockiert von der Wortwahl Döpfners gezeigt hatten.
Hat Ex-„Bild“-Chef Reichelt die Informationen geleakt?
Döpfners Zitate gelangten ausgerechnet in einer Zeit an die Öffentlichkeit, in der ohnehin massive Unruhe bei Springer herrscht. Döpfner hatte einen Stellenabbau angekündigt, das Ausmaß ist bislang unbekannt. Insider berichten dem Handelsblatt, dass allein in den Redaktionen etwa 20 Prozent der Stellen wegfallen sollen.
In ihrem eigenen Bericht wirft die „Bild“ auch die Frage auf, ob die „Zeit“ die internen Nachrichten vom früheren „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt bekommen habe. Gegen Reichelt erheben mehrere Ex-Kolleginnen massive Vorwürfe des Machtmissbrauchs. Döpfner hatte Reichelt nach großem öffentlichem Aufruhr im Oktober 2021 entlassen.
Hat der ehemalige „Bild“-Chefredakteur die Chats weitergegeben?
Foto: imago images/Jörg SchülerBei Springer hält man es für möglich, dass Reichelt Dokumente und interne Informationen aus seiner Zeit als „Bild“-Chef mitgenommen habe und sie nun zum eigenen Vorteil nutze. Auffällig ist in dem „Zeit“-Bericht, dass viele der aufgeführten Zitate von Döpfner direkt an Reichelt adressiert waren. Dieser hat sich bislang nicht öffentlich dazu geäußert.
In der Samstagsausgabe hatte sich auch die neue „Bild“-Chefredakteurin Marion Horn mit harschen Worten an Döpfner gewendet. Ihr Kommentar trug die Überschrift: „Ich lasse mir von niemandem sagen, was ‚Bild‘ zu schreiben hat.“ Sie versucht damit wohl, dem Eindruck entgegenzutreten, dass der Verlagschef die journalistische Linie der Zeitung beeinflusse.
Döpfner habe Sätze gesimst, „die so, wie sie da stehen, absolut nicht in Ordnung sind“, schrieb Horn. Das sei nicht das, was man bei „Bild“ oder Springer denke. „Eigentlich ist eine Entschuldigung fällig, Chef!“, schloss Horn. Darauf bezieht sich Döpfner auch in seinem Beitrag vom Samstag, der mit dem Wort „Stimmt!“ überschrieben ist.