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Medienbranche Der Verlag der Süddeutschen Zeitung steht vor einem radikalen Umbau

Der Chef der Südwestdeutschen Medienholding wagt den digitalen Wandel. Er investiert, spart – und sucht junge Firmen für Bildung, Gesundheit und Blockchain.
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Neuer Holdingchef will die Süddeutsche Zeitung strategisch umkrempeln. Quelle: dpa
Süddeutsche Zeitung

Neuer Holdingchef will die Süddeutsche Zeitung strategisch umkrempeln.

(Foto: dpa)

München Dieser Satz klingt wie ein Notruf: „Wir können es uns nicht mehr leisten, weiter so zu arbeiten.“ Er steht in seiner ganzen Dramatik in den Charts, die Christian Wegner, 45, am Mittwoch auf zwei „Townhall-Meetings“ in Stuttgart und München nutzte. Der Chef der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), eines der größten Zeitungshäuser der Republik, stimmte die Belegschaft auf gravierende Änderungen ein.

Einerseits soll der digitale Wandel mit der Kraft von mehr als 100 Millionen Euro Investment in den nächsten zwei Jahren angegangen werden, anderseits wird gespart: Rund 150 Stellen dürften wegfallen. 15 Monate nach seinem Start treibt Wegner, einst als Digitalvorstand von ProSieben Sat1 in der Dax-Liga aktiv, den radikalen Umbau im Presse-Imperium voran.

Dafür hatten ihn die Gesellschafter – hauptsächlich Dieter Schaub (Medien-Union) und Eberhard Ebner (Südwestpresse) – geholt. In dem Haus der 16 Tageszeitungen, 40 größeren Fachverlage und vielen kleinen Beteiligungen bleibt kein Stein auf dem anderen. Es ist ein bisschen wie im Dax-Konzern.

Mehr als 100 Millionen Euro fließen in neue digitale Projekte, die Zahl der Abos von Apps und dergleichen soll von 100.000 auf 500.000 wachsen – eine Verfünffachung. „Das ist ein ambitioniertes Ziel“, erklärt Wegner, „wenn man es richtig angeht, kann man auch im Digitalen stark wachsen.“

Als Haupttreiber dient dabei das überregional gut angesehene Flaggschiff „Süddeutsche Zeitung“ (SZ), die alleine schon im kommenden Jahr mit „SZ Plus“ von 85.000 auf 150.000 zulegen soll. Ziel: die Abonnements-Führerschaft im Qualitätsjournalismus und bei Fachzeitschriften.

Digital-Chefredakteurin der SZ vor Absprung

Misslich für eine solche wuchtige Strategie ist nur, dass bei der SZ die Digital-Chefredakteurin Julia Bönisch, 39, vor dem Absprung steht. Seit Wochen war sie nicht mehr in der Redaktion – wegen Urlaub und Krankheit. Bekannt ist, dass Bönisch mit den Print-Chefredakteuren Kurt Kister, 62, und Wolfgang Krach, 56, nicht klarkommt.

Für das komplizierte Miteinander verglich Kister intern einmal, so heißt es, die Redaktion mit einer Stadt: Dann sei Krach der Bürgermeister, Bönisch die Stadtteilvorsitzende der Neubausiedlung und er der Pfarrer. Für diesen Humor braucht man viel Kraft von oben.

Im kleinen Kreis ließ Wegner jetzt verlauten, noch im Oktober eine Lösung zu präsentieren. Er werfe sich vor, zu spät als Schlichter aufgetreten zu sein. Zu Informationen, wonach der Verlag nach möglichen Nachfolgern für den als amtsmüde geltenden Kister sondiert, erklärt der SWMH-Chef: Er ist und bleibe Chefredakteur, „zu Spekulationen über eine Nachfolge gibt es deshalb überhaupt keinen Anlass“.

Zur Frage der journalistischen Führung beim digitalen Wandel wiederum fügt Wegner an: „Das kann nicht mehr eine Person allein sein, da muss die ganze Redaktion alle Kräfte bündeln.“ Intern sei viel passiert, zum Beispiel mit einem integrierten Newsroom.

Wie bei seinem früheren Arbeitgeber ProSieben Sat1 will Wegner wachstumsstarke Firmen gezielt akquirieren – gemäß einer Shortlist mit zehn bis 15 Firmen. Anders als beim Münchener Fernsehkonzern, der die Beteiligungen einfach mit Werbezeitminuten zahlen konnte, muss hier wohl echtes Geld fließen.

Wegner sagt: „Wir haben in unseren Regionen starke Marken und ein zahlungskräftiges Publikum. Dazu passend schauen wir uns bei Themenfeldern wie Bildung, Gesundheit oder Blockchain um. Eine Dating-Firma kaufen wir nicht.“ Das Objekt der Wünsche müsse schon große Nähe zu den Verlagsinhalten haben. Gewünschter Umsatzbeitrag der „skalierbaren Wachstumsgeschäfte“: 10 bis 30 Prozent. Auch das ist sehr ambitioniert.

Maßnahmen gegen Einbruch der Printauflagen ausgerufen

Auf den Betriebsversammlungen war natürlich der Stellenbau ein großes Thema. In der Stuttgarter Holding entfallen rund 30 Jobs, im Süddeutschen Verlag und in einer Unterholding für all die baden-württembergischen Blätter jeweils mehr als 50. Es gäbe Dopplungen oder Automatismen, erklärt SWMH-Manager Wegner, man müsse „Insellösungen“ überwinden und die Effizienz durch bessere Verzahnung steigern. Bei dieser Arbeit helfen die branchenbekannten Berater der Spezialfirma Schickler.

Es sei wichtig, in einem offenen Diskurs die Betriebsräte mitzunehmen: „Wir wollen Print stabilisieren und das Digitale ausbauen, opfern aber nicht alte zugunsten neuer Geschäfte. In der Summe fließt weiter viel Geld in guten Journalismus.“ Finanziert werden soll das alles aus dem Betriebsergebnis (Ebitda), das eine hohe zweistellige Millionenhöhe aufweise, wenn auch mit rückläufiger Tendenz. Der Konzernbetriebsrat hat bereits im Sommer öffentlich („zunehmende Vernachlässigung“) gegen Wegners Sparpolitik opponiert.

Gegen den Einbruch der Verkaufsauflage der „Süddeutschen“ – in einer Dekade um 25 Prozent auf fast 338.000 – ist eine Printoffensive ausgerufen. Spezielles Marketing in Ballungsräumen, bei Studenten oder in Familien soll Leser bringen. In den letzten Jahren habe man in der Zeitung ein Erfolgsprodukt gehabt, nun müsse man im Digitalen Sachen neu lernen, ergänzt Verlagschef Wegner.

Im Vergleich zum eher betulichen Vorgänger Richard Rebmann, Erbe des „Schwarzwälder Boten“, wirkt Wegner wie ein Start-up-Unternehmer: „In der Vergangenheit hat man Fehler vermieden und optimiert, jetzt müssen wir ausprobieren, testen und innovativ sein. Dafür brauchen wir Fehlerkultur und mehr Schnelligkeit“, ist der Chef der Holding überzeugt.

Für die Verleger ist der eingeschlagene Kurs ein Hoffnungsprojekt. Der Umsatz dürfte 2018 in etwa auf dem Vorjahresniveau von 939,1 Millionen Euro gelegen haben, insgesamt fallen weiter Verluste an (2017: minus 9,3 Millionen). Manch einer der kleineren an SWMH beteiligten Verleger hat den Kauf der SZ vor fast zwölf Jahren für stolze 700 Millionen Euro bereut.

„Natürlich gefällt es keinem, dass Abschreibungen auf den Kaufpreis das Konzernergebnis ins Minus drücken“, kommentiert Wegner, „aber wir haben jetzt in München 100 Leute im Digitalen, von deren Produkten und Ideen auch unsere regionalen Websites profitieren werden.“

Und dann stellt der Mann, der einen Tanker der Presse reformieren will und „Journalismus 4.0“ einfordert, eine geradezu revolutionäre Frage: Warum soll ein guter Podcast der SZ nicht überall bei SWMH-Titeln zu hören sein? Im Gespräch fällt das in der SZ-Redaktion wenig geliebte Wort „Synergie“.

Bevor Wegner in SWMH-Dienste trat, hatte er im Übrigen nur die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ abonniert. Inzwischen liest er auch die „Süddeutsche Zeitung“ genau.

Mehr: Der Medienkonzern schließt das erste Halbjahr erfolgreich ab: Bertelsmann erreicht beim Gewinn vor Abzügen einen Rekordwert – dank des anziehenden Digitalgeschäfts.

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2 Kommentare zu "Medienbranche: Der Verlag der Süddeutschen Zeitung steht vor einem radikalen Umbau"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Herr Behrens, da stimme ich Ihnen zu. Deshalb habe ich vor einiger Zeit mein Digitales Abo gecancelt, übrigens
    nach Relotius den Spiegel nach 30 Jahren auch gleich.

  • Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Diskutieren erwünscht – aber richtig“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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