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Der Medien-Kommissar Blackbox Bavaria

Private Filmdienstleister werfen der Münchener ARD-Tochter Bavaria Film Wettbewerbsverzerrung vor. Die Lösung liegt auf der Hand: Die Studio-Töchter der öffentlich-rechtlichen Anstalten zu privatisieren.
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Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Ausgerechnet Black Box hieß der Konferenzort beim Filmfest München, in dem sich die Bavaria Film erstmals öffentlich der Kritik der privaten Filmdienstleister wegen einer jahrelangen Wettbewerbsverzerrung stellt. Die Location war eine unfreiwillige Metapher auf die fehlende Transparenz und die undurchsichtige Marktsituation. Die privaten Kamera- und Ausrüstungsverleiher fühlen sich immer stärker von den Studiobetrieben von ARD und ZDF an die Wand gedrückt.

Der Branchenverband Allianz Unabhängiger Filmdienstleister legt dazu beeindruckende Marktzahlen vor: Demnach liegt der Marktanteil der Bavaria-Filmgerätetochter Cine Mobil bei der Vergabe von öffentlich-rechtlichen Aufträgen nach Verbandsangaben bei fast 80 Prozent im vergangenen Jahr.

Die offenbar einseitige Bevorzugung der eigenen Töchter der Bavaria Film und des Studios Hamburg hat Folgen: Zum einen verfallen die Preise immer mehr, zum anderen werden private Wettbewerber aus dem Markt gedrängt. Die mit ARD und ZDF verbundenen Dienstleister müssten nicht kostendeckend arbeiten, denn die Verlustübernahme sei durch Gewinnabführungsverträge gesichert, ärgern sich Marktteilnehmer.

Das öffentlich-rechtliche System gleicht einem Tanker auf hoher See. Der eingeschlagene Kurs kann nur extrem langsam korrigiert werden. So ähnlich ist es auch mit der Bavaria Film. Deren Geschäftsführer Achim Rohnke stellte sich erstmals öffentlich den kritischen Fragen der Wettbewerber auf dem Filmfest. Das ist zumindest eine minimale Kursänderung in dem ARD-Konzern. Denn über viele Jahre hatte die Tochter des Bayerischen Rundfunk (BR), Westdeutschen Rundfunk (WDR), Mitteldeutschen Rundfunks MDR), Südwestrundfunks (SWR) und des Freistaats Bayern schlicht die Kritik an den unfairen Wettbewerb ignoriert.

Auch wenn Rohnke, ein ehemaliger Manager des WDR, beim Filmfest München manche Zahlen der Konkurrenten bestritt, so war im Hintergrund der Mut zur Selbstkritik erkennbar. Gründe gibt es dafür genug: mit der Cinemedia war die Bavaria an einen börsennotierten Filmdienstleister beteiligt, der Pleite ging. Vor drei Jahren fuhr die ARD-Tochter unter anderen wegen überzogener Filmbudgets Millionenverluste ein. Der glücklose Co-Geschäftsführer der Bavaria, Matthias Esche, dessen Selbstgefälligkeit manchen bitter aufstieß, ist längst abgelöst. Seit Herbst führt Christian Franckenstein, zuvor CEO des privaten Produktionskonzern MME Moviement, die Geschäfte des Münchner Produktionskonzerns. Der Westfale ist auch Aufsichtsratschef des börsennotierten Studios Babelsberg. Unter seiner Regie hat die Bavaria – erstmals in ihrer Geschichte – sogar eine Bilanz-Pressekonferenz mit einem halben Dutzend Journalisten im Spatenhaus an der Münchner Oper veranstaltet. Ein kleiner Fortschritt zu mehr Transparenz. Der neue Bavaria-Chef will mehr Offenheit und Ehrlichkeit – ein Novum für die ARD-Tochter. Mit Erlösen von 181 Millionen Euro hat die Bavaria im vergangenen Jahr ihren Umsatzrückgang gestoppt. Mit einer Rendite von drei Prozent fällt allerdings der Gewinn ziemlich schmal aus.

EU-Kommission dürfte sich einschalten

Auf Franckenstein kommen – trotz der geplanten Reduzierung der vielen Unternehmensbeteiligungen und dem Verkauf der Produktionskapazitäten im Münchner Medienvorort Unterföhring Ende vergangenen Jahres – unruhige Zeiten hinzu. Mittlerweile schauen auch die Aufsichtsgremien von ARD und ZDF genauer hin, was die Anstalten mit ihren kommerziellen Töchtern alles so treiben. Auf der Diskussion beim Filmfest München, an der ich teilnahm, fand sogar der langjährige BR-Rundfunkrat und frühere bayerische CSU-Minister Thomas Goppel durchaus kritische Worte zu den marktverzerrenden Aktivitäten der Bavaria, welche im Markt die Preisspirale immer weiter nach unten dreht.

Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sich die EU-Kommission mit dem Vorwurf der jahrelangen Wettbewerbsverzerrung durch die Bavaria auseinandersetzen wird. Die umfassende Lösung liegt ohnehin auf der Hand – nämlich die Privatisierung der Produktionskonzern Bavaria und Studio Hamburg, eine hundertprozentige Tochter des Norddeutschen Rundfunks (NDR).

In der Mitte des 20. Jahrhunderts brauchte das noch junge Fernsehen Produktionstöchter, um die eigenen Programme herzustellen. Heutzutage ist diese Aufgabe schlichtweg überflüssig geworden. Gerne berufen sich Bavaria und Studio Hamburg sowie ihre öffentlich-rechtliche Mütter auf den Rundfunkstaatsvertrag, um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen. Doch das ist nichts weiter als Legendenbildung. Die Magna Charta des öffentlich-rechtlichen Systems erlaubt ARD und ZDF lediglich kommerzielle Töchter. Eine Verpflichtung gibt es hingegen in keiner Weise.

Im digitalen Zeitalter benötigen ARD und ZDF nicht mehrere Dutzend Produktions- und Dienstleistungsunternehmen quer durch die Republik. Viele davon sorgen nicht nur mit Dumpingpreisen für unfairen Wettbewerb. Manche wie das Studio Hamburg kämpfen immer wieder mit roten Zahlen. Damit die Möglichkeit einer Bevorzugung der eigenen Produktionstöchter durch ARD und ZDF für immer ausgeschaltet wird, führt an der Privatisierung von Bavaria und Studio Hamburg mittelfristig kein Weg vorbei. Die Black Box mit der Querfinanzierung der sendereigenen Töchter wäre damit Geschichte.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

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