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Der Medien-Kommissar Das Endspiel des linearen Fernsehens hat begonnen

Apple präsentiert am 25. März seine Antwort auf Netflix und Co., Disney und Warner folgen noch dieses Jahr. Für RTL und Pro Sieben Sat 1 wird es eng.
4 Kommentare
Am 25. März wird der iPhone-Hersteller seinen Streamingdienst vorstellen. Quelle: AFP
Streamingplattform von Apple

Am 25. März wird der iPhone-Hersteller seinen Streamingdienst vorstellen.

(Foto: AFP)

Mucksmäuschenstill war es im Saal der deutsch-österreichisch-italienischen Filmkonferenz Incontri, als Klaus Böhm, der frühere RTL- und Vodafone-Manager und langjährige Medienexperte der Unternehmensberatung Deloitte, seine vier Szenarien zur Zukunft der Fernsehindustrie in kurzen Filmen präsentierte. Die Botschaft, die der Düsseldorfer für die TV-Manager, Filmproduzenten und Verleiher aus Deutschland, Österreich und Italien hatte, war dramatisch und schockierend zugleich.

In seinem Szenario eines universellen Fernsehmarktes nämlich sind die TV-Sendergruppen, aber auch die Mediaagenturen verschwunden. Amazon, Netflix, Apple, Disney und Co. haben den gesamten Fernsehmarkt erobert. Alle Stufen der Verwertungskette – von der Produktion bis zum Vertrieb auf allen Plattformen – sind in ihrer Hand.

Und sie herrschen allein über die direkten Kundenbeziehungen und damit über die Daten. Mit ihren Produktionen nehmen sie sogar auf lokale und regionale Geschmäcker Rücksicht. Die Wettbewerbshüter waren in diesem Szenario zu schwach, das Oligopol aus den USA noch zu stoppen.

Die vom Deloitte-Experten Böhm verkündete Horrorvision, mit der er seit Monaten durch Deutschland und das benachbarte Ausland zieht, besitzt ein festes faktisches Fundament. Denn Netflix expandiert in Siebenmeilenstiefeln rund um den Globus.

Schon heute hat die Onlineplattform mehr als 140 Millionen Abonnenten, Tendenz stark steigend. Allein im vergangenen Jahr investierte das kalifornische Unternehmen zwölf Milliarden Dollar in eigene Produktionen.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt wöchentlich seine Kolumne „Der Medienkommissar“.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt wöchentlich seine Kolumne „Der Medienkommissar“.

Und das ist noch lange nicht das Ende. OTT-Plattformen wie Netflix sprießen weiter wie Pilze aus dem Boden. Am 25. März wird Apple seinen mit Spannung erwarteten Streamingdienst präsentieren. Im zweiten Halbjahr will der Mediengigant Disney und Warner – mittlerweile im Besitz des Telekomriesen AT&T – mit Konkurrenzangeboten um Abonnenten buhlen.

Aber auch die Fernsehkonzerne wehren sich mit Händen und Füßen gegen die amerikanische Konkurrenz. Pro Sieben Sat 1 hat sich mit Discovery für eine senderübergreifende Digitalplattform verbündet. Die Bertelsmann-Tochter RTL Group, Europas größter Fernsehkonzern, setzt ganz auf die eigenen Kräfte.

Erst vergangene Woche verkündete der niederländische CEO Bert Habits bei der Vorlage der durchwachsenen Jahresbilanz, in den nächsten drei Jahren die stolze Summe von mindestens 350 Millionen Euro in Streamingdienste investieren zu wollen. Davon sollen mindestens 300 Millionen Euro in eigene Serien und Filme fließen.

Für die mit Werbung finanzierten Privatsender wird es durch das veränderte Medienverhalten zunehmend enger. „In Deutschland ging der tägliche Fernsehkonsum der Zuschauer unter 25 Jahren um 15 Prozent in einem Jahr zurück“, resümiert Böhm auf der von der Südtiroler Filmförderung IDM organisierten Konferenz in Schenna (Südtirol).

Ein Ende der Abkehr vom linearen Fernsehen bei den jungen Zielgruppen ist nicht zu erkennen. Damit wächst von Jahr zu Jahr das strategische Zukunftsproblem für RTL und Pro Sieben Sat. 1, die noch immer ihren Hauptumsatz aus dem Werbegeschäft mit ihren linearen Sendern machen.

Doch es gibt auch ein Gegenmodell, das Böhm den Medienmachern präsentiert: das Szenario der Vielfalt der Plattformen und der Inhalte. In dieser digitalen Kommunikationswelt gibt es eine Vielfalt an Inhalten, an unterschiedlichen Allianzen zwischen Produzenten, Sendern, Streamingdiensten und Telekomunternehmen. Kein Marktteilnehmer dominiert das Geschäft.

Der Verbraucher hat daher eine große Auswahl an Plattformen. Am Ende stünde ein lebendiger, dynamischer Markt mit einer klaren Unterscheidung zwischen Produzenten und Vertrieb. Die Regulierungsbehörden achten mit Argusaugen auf den Erhalt der Vielfalt. Schöne heile Medienzukunft?

Auf der Filmkonferenz Incontri wollte an diesen Traum jedenfalls niemand glauben. Denn die Realität sieht nicht nur in Deutschland, Österreich und Italien längst ganz anders aus. Netflix, Amazon und Co. drohen für die Fernsehsender zur Killerapplikation zu werden. Das Endspiel um das Fernsehen hat längst begonnen.

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4 Kommentare zu "Der Medien-Kommissar: Das Endspiel des linearen Fernsehens hat begonnen"

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  • Na, so was...

    Keine wirklich neue Erkenntnis, aber für die Verantwortlichen bei ARD & ZDF wohl schon. Konnte man ja unmöglich kommen sehen, oder? Und für die Ministerpräsidenten, die offensichtlich völlig abgekoppelt von der Realität in dieser Sache eine ziemlich schlechte Figur abgeben, ist das natürlich kein Grund von ihrer (ver-)alt(et)en Linie abzuweichen. Kurz vor wichtigen Wahlen natürlich ein riesiger Pluspunkt.

    Aber die Politik hat angekündigt den Tiefschlaf weiter schlafen zu wollen. Malu Dreyer (SPD) hat heute versucht in der Ministerkonferenz ein sich automatisch erhöhendes Gebührensystem durchzudrücken. Das ging schief. Aber nur, weil die einzelnen Sender noch mehr Geld wollen. Natürlich nicht für mehr Leistung, sondern aus alter Gewohnheit und weil es das System hergibt. Der Vorschlag eine gemeinsame Plattform für ARD & ZDF aufzubauen - eine der leichtesten Übungen überhaupt - zeigt wie weit der Welt entrückt die Entscheider mittlerweile sind.

    Die Leidtragenden sind wir alle. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind nicht reformierbar und sie haben über die Jahre aufgrund fehlender Anreize auch kein Innovationspotential aufbauen können. Es wird Zeit über den "Jammer-Status" hinaus zu wachsen und unseren Politikern das Mandat zu entziehen, wenn sie nicht mehr in der Lage sind die Interessen ihrer Wähler wahr zu nehmen und nur noch ihr eigenes Süppchen kochen können. Malu Dreyer hat sich zur Verwaltungsratsvorsitzenden des ZDF wählen lassen. So viel auch zur Unabhängigkeit der Öffentlich-Rechtlichen...

  • Ob ich bereit bin, mir die Beiträge öffentlich-rechtlicher Radio- und Fernsehsender anzuhören und anzusehen, oder mir nur die Beiträge von Netflix & Co reinzuziehen, ist für mich lediglich die Frage ob ich bereit bin, mich mit dem Leben und meiner Umwelt auseinander zu setzen oder nicht. Für jeden Interessenten gibt es die passenden Angebote und ich bin gern bereit, den "Zwangsbeitrag" für die öffentlich-rechtlichen zu entrichten. Das heißt nicht, dass ich mich ausschließlich öffentlich-rechtlich bediene. Aber auch.
    Reinhard Mallow

  • Ich habe seit über 10 Jahren keine Antenne mehr angeschlossen. Die öffentlich rechtlichen finanzieren sich über Werbung, dazu muss ich denen eine Zwangsabgabe zukommen lassen. Ein Selbstbedienungsladen und ein Fass ohne Boden. Wenn ich ein Angebot bezahle, akzeptiere ich keine Werbung.
    Die privaten Sender bombardieren jeden Zuschauer mit Werbung in einem Umfang jenseits der Schmerzgrenze. Das ist einfach unerträglich. Beide Anbieter zusammen stellen sicher das bei mir keine Antenne oder Kabelanschluss ins Haus kommt.
    Ich nutze Youtube, Amazon Prime und Netflix. Youtube bietet Inhalte die sonst nirgendwo erhältlich sind, allerdings mit Werbung durchsetzt. Prime bietet einen gewissen Umfang an Filmen und Eigenproduktionen, allerdings merkt man den im Vergleich niedrigen Preis. Netflix bietet komplett werbefreie Unterhaltung mit großer Auswahl.
    Alle drei Medien sind überall verfügbar, auf jedem Gerät, ich schaue was ich will, wann ich will. Und nur das was ich will. Angebote die das nicht bieten interessieren mich nicht.
    Wenn es nach mir ginge kann man die Zwangsabgabe sofort streichen, und sofort alle öffentlich rechtlichen abschalten. Ich würde es nicht mal bemerken. Das Glück werde ich wohl nicht haben.

  • Ist das „Endspiel“ nicht schon gelaufen?
    Öffentlich rechtliches Fernsehen (wir nennen es Retro-TV) schauen wir (55 und 49) schon lange nicht mehr.
    Und die privaten Sender sind eigentlich nur peinlich.
    iTunes, Netflix und Prime decken unseren Bedarf vollständig ab.
    Mein Sohn schaut mit 19 ebenfalls kein Retro-TV.
    Bei seinen Freunden und Bekannten ist es ebenso.
    Schade ist es um die Zwangs-Rundfunkabgabe. Für ein Relikt, dass immer weniger Menschen haben wollen, regelmäßig zur Kasse gebeten zu werden, ist irgendwie absurd.
    Aber das wird sich sicherlich in absehbarer Zeit ändern.
    Ach so. Damit wird ja auch noch Radio bezahlt. Wozu war das nochmal gut?
    Andreas