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Der Medien-Kommissar Fall Relotius: Die mediale Gefallsucht ist gefährlich

Der Betrugsfall des „Spiegel“-Reporters Claas Relotius schadet deutschsprachigen Journalisten – und der Pressefreiheit weltweit.
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Der Nachrichtenmagazin hat zahlreiche manipulierte Reportagen von Claas Relotius veröffentlicht. Quelle: AFP
Der Spiegel

Der Nachrichtenmagazin hat zahlreiche manipulierte Reportagen von Claas Relotius veröffentlicht.

(Foto: AFP)

Das Schönschreiben ist als Schulfach längst gestorben. Im digitalen Zeitalter mit Handys und Tablets ist das einstige Unterrichtsfach schlichtweg überflüssig geworden. Im Journalismus lebt das Schönschreiben hingegen weiter.

Geschichten, die zu schön sind, um wahr zu sein, werden mit Preisen überhäuft. Claas Relotius, der gefallene Star-Reporter des „Spiegel“, hat das Schönschreiben in Deutschland beherrscht wie kaum ein Zweiter. Er hat Preise gesammelt wie andere Briefmarken. Ohne den Spürsinn und die Dickköpfigkeit seines Kollegen Juan Moreno wären die Schönschreiberei und die damit verbundenen Jubelarien bei Preisvergaben sicher noch sehr viel länger weiter gegangen – zum Schaden des Journalismus in Deutschland und darüber hinaus.

In der Dimension erinnert der Fall Relotius an den Skandal der Hitler-Tagebücher im Stern aus dem Jahr 1983. Die gefälschten Erinnerungen des nationalistischen Reichskanzlers in 62 Bänden, welche die Gruner+Jahr-Tochter damals für die sagenhafte Summe von mehr als neun Millionen Mark erwarb, leitete das Ende des Scheckbuch-Journalismus ein. Exklusive Nachrichten für einen Haufen Geld zu kaufen war damit Geschichte.

Wird der Fall Relotius auch das Ende der Schönschreiberei einleiten? Die Versuchung, Bilderbuch-Geschichten zu veröffentlichen, war nicht nur beim „Spiegel“ groß. Bevor die Gruner+Jahr-Tochter den 33-jährigen Schönschreiber exklusiv unter Vertrag genommen hatte, veröffentlichte Relotius manipulierte Geschichten und Interviews auch in der „Süddeutschen Zeitung“, der „Neuen Zürcher Zeitung“ oder der Schweizer „Weltwoche“.

Im Skandal liegt nun die Chance mit stereotypen Geschichten aufzuräumen, die nur auf den zu erwartenden Zuspruch der Zielgruppe des Mediums abzielen. Relotius‘ Geschichten und Interviews sind auch Ausdruck einer gefährlichen medialen Gefallsucht.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt wöchentlich seine Kolumne „Der Medienkommissar“.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt wöchentlich seine Kolumne „Der Medienkommissar“.

Mit seiner teilweise erfundenen Geschichte aus der amerikanischen Kleinstadt Fergus Falls bediente er vor allem in Deutschland weit verbreitete Vorurteile gegenüber angeblich fremdenfeindlichen Amerikanern und ihren umstrittenen Präsidenten Donald Trump. In seinem Interview mit der 99-jährigen Traute Lafrenz, der letzten Überlebenden der Münchner Widerstandsgruppe Weiße Rose, erfand er den maßlosen Vergleich von der Verfolgung und Ermordung während der Nazi-Diktatur mit den ausländerfeindlichen Ausschreitungen im ostdeutschen Chemnitz.

Mit seinen offenbar ersehnten Wahrheiten kam Relotius beim „Spiegel“ durch. Das kann nur gelingen, wenn eine ungestillte Gefallsucht nach schönen Geschichten den gesunden Menschenverstand in der Chefetage ersetzt.

Manipulierte Artikel wie im Fall Relotius sind umso schwieriger zu entlarven, je weiter die Recherche von Deutschland stattfand. Der journalistische Fälscher Relotius beherrschte das Spiel des Helikopter-Journalismus wie kaum ein anderer in der Branche: einfach irgendwo journalistisch abspringen und in einigen Tagen eine „schöne Geschichte“ komponieren. Qualitätsjournalismus hingegen baut auch auf exzellente Netzwerke im Ausland auf, um tiefgehende und umfassende Erkenntnisse zu erlangen, die ein global reisender Reporter mit seinem Hoppla-Hopp-Journalismus nicht liefern kann. Darin liegt der System-Fehler.

Der Betrugsfall des „Spiegel“-Reporters Claas Relotius hat mittlerweile eine internationale Dimension erlangt. Die manipulierten Geschichten und Interviews schaden deutschen Reportern und Korrespondenten weltweit.

Das höchste Gut im Journalismus ist die Glaubwürdigkeit. Es öffnet die Türen zu Mächtigen und Ohnmächtigen, zu Unternehmern und Arbeitsnehmern, zu Wissenden und Unwissenden. Bislang war gerade die Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Korrektheit eine unbestrittene Stärke des deutschsprachigen Journalismus. Davon haben die Reporter und Korrespondenten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz profitiert. Dieses über Jahrzehnte erworbene Ansehen von Qualitätsmedien ist durch Claas Relotius nachhaltig beschädigt worden.

Deutsche Korrespondenten im Ausland könnten angesichts der beschädigten Glaubwürdigkeit durch den Fall Relotius noch schneller Ziel von Angriffen auf die Pressefreiheit werden. Gerade in einer Zeit, in der rund um den Globus die unabhängige Berichterstattung von ausländischen Journalisten verhindert und behindert wird, dienen die „Fake Stories“ und „Fake Interviews“ des „Spiegel“ quasi als Beleg für krude Verschwörungstheorien. Damit wird ein weiterer Grund für weniger Medienfreiheit geliefert.

Um derartige Erfahrungen zu machen, muss man im Übrigen gar nicht weit reisen. Das EU-Land Ungarn ist ein Musterbeispiel, wie die einheimischen Medien gnadenlos auf eine regierungstreue Linie gebracht werden. Und die ausländischen Journalisten?

Falls notwendig werden Auslandskorrespondenten von einer regierungsnahen Zeitung an den Pranger gestellt, wie im April dieses Jahres geschehen. Der allmächtige Premier Viktor Orbán erhöhte damit den Druck auf unabhängige Kritiker noch stärker. Aus gutem Grund: denn der Wunsch nach Medienfreiheit gehört zu den Hauptforderungen der Ungarn, die zu Tausenden in der Weihnachtszeit auf die Straßen in Budapest gingen.
Jede Woche schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

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