Der Medien-Kommissar Fremdenzimmer in Österreich

Peter Turrini prangert gedankenlosen Alltagsrassismus an. Sein neues Stück kommt zur richtigen Zeit – nach dem Rechtsruck in Österreich sind rote Linien einer geschichtsbewussten Demokratie immer weniger erkennbar.
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Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Nach der Uraufführung des Volkstücks „Das Fremdenzimmer“ in Wien raucht Schriftsteller Peter Turrini am Hinterausgang des Theaters in der Josefstadt eine Zigarette mit seinem Kollegen Felix Mitterer („Piefke-Saga“). Der gebürtige Kärntner, Autor von „Sauschlachten“ und der TV-Serie „Alpensaga“, ist erleichtert, sogar glücklich. Denn die Uraufführung seines brachialen, grotesken Volksstücks hat funktioniert. Dem Premierenpublikum, darunter Österreichs Altbundeskanzler Franz Vranitzky, ist quasi das Lachen im Hals stecken geblieben. Langer Applaus.

Der 73-jährige Turrini ist keiner, der Zweifel an seiner Haltung zulässt. Seine Sprache entlarvt, seziert und ätzt. Da werden Flüchtlinge zu „Samenschleudern“ im nazistischer Weise degradiert. Der Plot ist simpel: Als der syrische Flüchtlingsjunge Samir Nablisi (Tarmin Fattal) auf seiner Flucht vor der österreichischen Polizei verzweifelt Unterschlupf bei der Mindestrente beziehenden Herta Zamanik (Ulli Maier) und ihrem Ehemann Gustl (Erwin Steinhauer), einem frühpensionierten Briefträger sucht, gerät die falsche Idylle im sozial geförderten Heim aus den Fugen. Herta macht den Migranten zum Ersatz für den seit Jahren verschwundenen Sohn.

Regisseur Herbert Föttinger provoziert bei der Uraufführung von „Das Fremdenzimmer“ (erschienen im Haymon Verlag) mit einem gedankenlosen Alltagsrassismus, der sich bis zur heiteren Absurdität steigern kann. Statt plattem Naturalismus setzt Föttinger auf einen rasanten Szenen- und Tempowechsel, der zwischen Wirklichkeit und Fiktion changiert. Und dennoch ist seine Inszenierung eine sozialpolitische Bestandsaufnahme des Landes, die an Ehrlichkeit und Bitterkeit nicht spart.

Das neue Stück von Turrini kommt genau zur richtigen Zeit. Denn nach dem Rechtsruck in Österreich verschwimmen die roten Linien, die eine wehrhafte und menschenfreundliche Demokratie braucht. Der Skandal um den niederösterreichischen FPÖ-Spitzenkandidaten Udo Landbauer und dem antisemitischen und rassistischen Liedgut seiner Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt (Leitspruch: „Deutsch und treu in Not und Tod“) zeigt dies überdeutlich. Eine politische Gürtellinie ist nicht erkennbar. Die Rücktrittsforderung des österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen an die Adresse von Landbauer stieß bei ihm und seiner rechtspopulistischen Partei auf taube Ohren.

Die Brüskierung des österreichischen Staatsoberhauptes hat sich sogar für die ehemalige Haider-Partei ausgezahlt. Schließlich gewann bei den Wahlen in Niederösterreich keine Partei so viele Stimmen hinzu wie die FPÖ. Sie legte um über sechs Prozent auf 14,8 Prozent zu. Von der Macht bleibt die FPÖ in diesem Bundesland dennoch ausgeschlossen. Denn die konservative Wahlsiegerin Johann Mikl-Leitner (ÖVP) schloss – im Gegensatz zu ihrem Parteichef und Bundeskanzler Sebastian Kurz – ein Regierungsbündnis mit den Rechtspopulisten aus.

Der Rechtsruck in Österreich spaltet das Land. Gegen den Akademikerball, das jährlicher Walzer-Hochamt der FPÖ in der Wiener Hofburg, gingen am vergangenen Wochenende viele tausend Menschen in der Hauptstadt auf die Straße. Die schwarz-blaue Koalition versucht mit Bekenntnissen zum Kampf gegen den Antisemitismus ihren Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Und dennoch boykottiert die israelitische Kulturgemeinde in Wien sämtliche Regierungsveranstaltungen mit FPÖ-Ministern.

Österreich gleicht derzeit einem Maskenball. Hinter der Verkleidung ist das wahre Gesicht noch nicht erkennbar. „Der einzige Unterschied zu Figuren wie Orbán und Trump ist, dass die Hiesigen bei Verkündigung ihrer Grauslichkeiten ständig lächeln. Österreich ist im Land des Lächelns angelangt“, formuliert Turrini. Am morgigen Dienstag wird der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán in Wien seinen Amtskollegen Sebastian Kurz besuchen. Dann wird maskenhaft gelächelt werden.

Und Turrini wird wieder genau hinschauen. Denn der Maskenball, den die rechtskonservative Regierung in Österreich inszeniert, dient unfreiwillig als Vorlage zum nächsten Theaterstück. Das „Fremdenzimmer“ ist nämlich nur der erste Teil der Dilogie „Auf der Flucht“. Das Publikum bleibt gespannt.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

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