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Der Medien-Kommissar Lois Hechenblaikner unternimmt eine entlarvende Fotoexpedition ins Volksmusik-Business

Der Fotograf Lois Hechenblaikner dokumentiert in seinen Bildern das zynische Geschäft von Hansi Hinterseer, Schürzenjäger & Co.
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In 3000 Bildern hielt Fotograf Lois Hechenblaikner die Bewirtschaftung der Fangemeinde von Hansi Hinterseer, der Kastelruther Spatzen oder den Schürzenjägern fest. Quelle: dpa
Hansi Hinterseer

In 3000 Bildern hielt Fotograf Lois Hechenblaikner die Bewirtschaftung der Fangemeinde von Hansi Hinterseer, der Kastelruther Spatzen oder den Schürzenjägern fest.

(Foto: dpa)

Lois Hechenblaikner ist ein Tiroler Mannsbild. Um ein offenes Wort ist der im malerischen Alpbachtal beheimatete Fotograf nicht verlegen, Kontroversen weicht der 61-Jährige nicht aus. Hechenblaikner ist ein fotografierender Idealist, der das Falsche, Abstruse und Mitleidslose in seiner alpinen Heimat entlarvt.

Seit einem Vierteljahrhundert unternimmt er mit seiner Kamera unzählige Expeditionen in die volkstümliche Musik. In 3000 Bildern hielt er die Bewirtschaftung der Fangemeinde von Hansi Hinterseer, der Kastelruther Spatzen oder den Schürzenjägern fest. Jetzt liegt das eindrucksvolle Ergebnis als Buch unter dem schlichten Titel „Volksmusik“ (Steidl-Verlag, 152 Seiten, 120 Fotografien, 38 Euro) vor.

Hechenblaikner dokumentiert, wie das Volksmusik-Business das Spiel mit den Emotionen längst hoch professionalisiert hat. Die Fanwanderung mit Hansi Hinterseer auf dem Kitzbühler Hahnenkamm beispielsweise wird als moderne Wallfahrt entlarvt, in der sich der Volksmusikstar wie ein Heiliger auf einem kitschigen Holzboot auf einem Kunstschnee-Wasserteich präsentiert.

Es ist aber kein künstlerischer Zynismus mit dem Hechenblaikner das Ökosystem des alpinen Entertainments festhält. Der Blick durch die Linse ist die Perspektive eines Menschenfreundes. In seinen Porträts der Fans, die an eine Neuauflage des berühmten Neuen Sachlichkeits-Fotografen August Sander erinnern, weckt Hechenblaikner Verständnis für die Menschen in ihrer Sehnsucht nach Harmonie und Glück. Im alpinen Freizeitpark entfliehen die Fans dank ihrer volkstümlichen Stars den alltäglichen Sorgen.

Hechenblaikner ist keiner, der nur schnell abbildet und verschwindet. Mit den von ihm fotografierten Menschen spricht er vor Ort über ihre Motive, Bedürfnisse und Hoffnungen. Deshalb sind auch alle abgebildeten Menschen mit Vornamen, Nachnamensinitial, Beruf und Herkunft gekennzeichnet.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt wöchentlich seine Kolumne „Der Medienkommissar“.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt wöchentlich seine Kolumne „Der Medienkommissar“.

Der Medienkünstler, der sich nicht nur mit der volkstümlichen Musik, sondern auch mit Themen wie dem Tourismus in den Alpen kritisch auseinandersetzt, eckt in seiner Heimat an. Bereits in den neunziger Jahren attackierte das Management der Zillertaler Schürzenjäger den Fotografen vergeblich. Doch Hechenblaikner wird in Tirol gerade wegen seiner Unnachgiebigkeit, fotografisch die Finger in den Wunden seiner Heimat zu legen, häufig ausgegrenzt oder anonym beschimpft.

Im Vorwort des Buches schreibt der bayerische Musiker Hans Well („Biermösl Blosn“): „Die Substanz volkstümlicher Musik besteht hauptsächlich aus alpenländisch überzuckerten Klischees. Wobei die Liedtexte nur mit einer leichten Dialektfärbung versehen sind, denn sprachliche Exotik soll die Zuhörer nicht abschrecken und den Umsatz mindern“. Die volkstümliche Musik ist und bleibt ein gewaltiges Geschäft.

Zu den Ikonen dieser Branche zählt der populäre Hansi Hinterseer, der in Deutschland sieben und in Österreich 18 Golde Schallplatten errang. Im Buch gibt die Zusammenfassung eines Gesprächs mit Hinterseer-Fan aus Bayern einen tiefen Einblick in die Gefühlswelt des Business. „Es wird kaum irgendwelche normalsterbliche Menschen geben, die zum Hansi gehen, die zu Haus nicht irgendeinen Stress, Sorgen oder Kummer haben, egal welchen. Für die wenigen Stunden, die ich beim Hansi bin, kann ich alle Probleme und Sorgen des Lebens vergessen und einfach nur glücklich sein“, diktiert die Verkäuferin aus Bayern Hechenblaikner in den Schreibblock.

Ihre Motive stehen quasi stellvertretend für viele Tausend Fans, die ihre Jugend schon lange hinter sich haben. Knapp zwei Drittel der Liebhaber volkstümlicher Musik sind über 50 Jahre alt. Wie heißt es am Ende des Buches in der abgebildeten Fan-Hymne für Hansi Hinterseer: „Lass uns träumen vom Glück/Und heiler Welt/Hansi, wir sagen Dank heut‘“.

Hechenblaikner entlarvt mit seiner Fotografie die falsche Idylle volkstümlicher Musik und das zynisch anmutende Business ohne die Fotografierten selbst der Häme auszusetzen. Das macht die außergewöhnliche Leistung seiner alpinen Foto-Expeditionen in die volkstümliche Musikwelt aus.

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1 Kommentar zu "Der Medien-Kommissar: Lois Hechenblaikner unternimmt eine entlarvende Fotoexpedition ins Volksmusik-Business"

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  • Herr Siebenhaar hat mit seinen Kommentaren durchaus recht. Man kann die Dinge so sehen. Warum aber gibt es den Bildband ? weil es vorher Menschen gab, die der Volksmusik gerne gefolgt sind. In der Zerstörung eines Mythos, ohne einen Neuen zu schaffen, im Draufhauen und Kaputtmachen zur eigenen Profilierung durch angebliche Entlarvung liegt die Schändlichkeit des Unterfangens. Wer in Nichts mehr Schönes, Freundliches, Nettes oder gar Gutes sieht und sei es nur für kurze Zeit, hat das menschliche Dasein längst verlassen. Die Kommentare von Herrn Siebenhaar sind nur noch zerstörerisch und ohne Nutzen, Eine bedauernswerte Kreatur.

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