Der Medien-Kommissar Österreichs Rechtspopulisten streiten über Umgang mit rechtsradikaler Zeitung

Viele Amtsträger der populistische Regierungspartei FPÖ publizieren in der rechtsradikalen Zeitschrift „Aula“. Damit soll nun Schluss sein.
Kommentieren

Mit seiner Inszenierung von „Der Besuch der alten Dame“ sorgt Frank Hoffmann, Intendant der Ruhrfestspiele Recklinghausen, derzeit am Wiener Burgtheater für Furore. Kein Wunder, denn das Stück des Schweizers Friedrich Dürrenmatt ist auch ein Meisterwerk über den Missbrauch der Sprache und deren im wahrsten Sinn tödliche Folgen.

Hoffmann trifft damit einen Nerv in der Alpenrepublik. Denn auch die Regierungspartei FPÖ macht sich über den Gebrauch und Missbrauch des Wortes Gedanken. Die rechtspopulistische Partei, die seit Ende vergangenen Jahren mit der konservativen ÖVP das Alpenland regiert, streitet um den richtigen Umgang mit der rechtsradikalen Zeitschrift „Aula“.

Im Sprachrohr der Extremisten publizieren prominente Mitglieder der Partei immer wieder Inhalte wie beispielsweise der dritte Landtagspräsident der Steiermark, Gerhard Kurzmann.

Bewusstes Überschreiten von Grenzen des demokratischen Anstands. Quelle: dpa
FPÖ-Politiker Strache

Bewusstes Überschreiten von Grenzen des demokratischen Anstands.

(Foto: dpa)

Für einen Eklat sorgte „Aula“ zuletzt mit einer rassistischen Beleidigung des farbigen Eurovision-Songcontest-Teilnehmers Cesár Sampson aus dem österreichischen Linz. Die „Aula“ wird vom Freiheitlichen Akademikerverband (FAV) Steiermark und Salzburg herausgegeben, der aber keine direkte Parteiorganisation der Freiheitlichen ist. 

Die frühere Haider-Partei unter ihrem Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache bemüht sich seit der Regierungsübernahme um einen seriösen Anstrich. Bisher ist ihr das aber noch nicht gelungen.

Strache beleidigte den ORF per Facebook und entschuldigte sich danach öffentlich. Der niederösterreichische Spitzenkandidat der FPÖ verschwand nach einem Skandal um ein Nazi-Liederbuch der Burschenschaft Germania von der politischen Bildfläche. Im Monatsrhythmus überschreiten Politiker der Partei die roten Linien des demokratischen Anstands – bewusst oder unbewusst.

Der Umgang mit dem Medium „Aula“ ist für die FPÖ besonders heikel. Denn mancher in der rechtspopulistischen Partei sieht die Zeitschrift als seine publizistische Heimat. Doch damit soll nun Schluss sein: „Jeder, der dort weiter publiziert, hat die Chance auf eine weitere Karriere in der FPÖ erwirkt“, drohte Verkehrsminister und gescheiterte Bundespräsidentenkandidat Norbert Hofer seinen populistischen Parteikameraden.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt immer montags seine Kolumne „Der Medien-Kommissar“.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt immer montags seine Kolumne „Der Medien-Kommissar“.

Doch FPÖ-Chef Strache rudert bereits wieder zurück. Demnach werde ein Artikel in der „Aula“ nicht automatisch zu einem Karriereende führen, teilte er am Wochenende mit. „Wenn ein freiheitlicher Mandatar im 'Falter' schreibt, hat er auch kein Karriereende zu befürchten“, merkte der ehemalige Neonazi an. Der „Falter“ ist ein linksliberales Wochenmagazin in Wien.

Der künftige Umgang mit der xenophoben und antisemitischen „Aula“ wird über die Akzeptanz der FPÖ in der Gesellschaft entscheiden. Im Gegensatz zum Front National in Frankreich, der sich rechtsradikal und antieuropäisch inszeniert, versucht die FPÖ sich zu häuten.

Aus der Schmuddelecke des Rechtspopulismus möchte sie in die Bel Etage des Rechtskonservatismus aufsteigen und der konservativen Volkspartei ÖVP am Ende Wähler abjagen. Für den Rechtspopulismus in Europa gleicht Österreich einem Laborversuch. Welche Variante setzt sich am Ende durch – radikal oder moderat?

Noch im Juni soll es nach Angaben des Verteidigungsministers und FPÖ-Chef in der Steiermark, Mario Kunasek, eine „totale Neuaufstellung“ der rechtsradikalen Zeitschrift geben. „Das Problembewusstsein ist beim FAV Steiermark angekommen“, diktierte der Rechtspopulist der österreichischen Nachrichtenagentur in den Block.

Der Vorstand der Bundespartei hat mittlerweile beschlossen, die Zusammenarbeit mit der „Aula“ zu beendet. Wenn es tatsächlich zu einer konsequenten Boykott der „Aula“ durch die FPÖ kommen sollte, wäre das ein Fortschritt für eine Partei, die immer wieder dafür sorgt, dass die politische Gürtellinie im Alpenland noch weiter nach unten rutscht.

Doch angesichts der Doppelzüngigkeit der Parteispitze sind die Zweifel groß, dass die menschenverachtenden Inhalte des Monatsmagazins für immer verschwinden werden.

Jede Woche schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Der Medien-Kommissar - Österreichs Rechtspopulisten streiten über Umgang mit rechtsradikaler Zeitung

0 Kommentare zu "Der Medien-Kommissar: Österreichs Rechtspopulisten streiten über Umgang mit rechtsradikaler Zeitung"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%