Der Medien-Kommissar Populisten – die Fakten-Verdreher diesseits und jenseits des Atlantiks

Die Trump-Regierung hat den Begriff „alternative Fakten“ geprägt. Daher ist unabhängiger Journalismus so gefährdet wie selten – nicht nur in den USA.
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Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Die Sorge um den Journalismus in der Demokratie beschäftigt Hollywood. Oscar-Preisträger Steven Spielberg legt nun mit seinem Film „Die Verlegerin“, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommen wird, ein beeindruckendes Plädoyer für die Medienfreiheit vor. Im Mittelpunkt des Streifens steht das damalige Familienunternehmen „Washington Post“ mit der Verlegerwitwe Katherine Graham (Meryl Streep) und ihr Reporter Ben Bagdikian (Tom Hanks) im Jahr 1971. Gegen den enormen Widerstand des Weißen Hauses veröffentlicht das Tandem die sogenannten Pentagon-Papiere, die das Lügenkonstrukt von Präsident Richard Nixon um den Vietnam-Krieg, entlarven. Die Verlegerwitwe riskiert alles und entscheidet für die uneingeschränkte Medienfreiheit und gegen das manipulative Establishment in Washington.

Die Publikation der geheimen Regierungspapiere war schließlich der Anfang vom Ende der Präsidentschaft Nixons. Ein Segen für die Demokratie in den USA. Fast ein halbes Jahrhundert später, tut Spielberg gut daran, massenwirksam an Vorbilder wie die „Washington Post“ zu erinnern, die nicht vor den Mächtigen im Weißen Haus in die Knie geht. Denn nie zuvor war der Journalismus stärker bedroht.

Der Film besitzt noch eine weitere, spannende Ebene. Damals – in den Zeiten der „Pentagon Papers“ und der „Washington Post“  – war glasklar: was ist Wahrheit, was ist Lüge. Die scharfe Trennung ist schließlich das Fundament des Journalismus. Und genau diese Grundlage versuchen die Populisten dieser Welt zu zerstören.

Als Spielberg die Verlegerwitwe Friede Springer und deren Vorstandschef Matthias Döpfner anlässlich seines Filmes „Die Verlegerin“ zum Gespräch traf, formuliert es der 71-jährige Regisseur in Anspielung auf US-Präsidenten Donald Trump, dem Erfinder der „alternativen Fakten“. so: „Es gibt einen konstanten Fluss an Lügen. Es begann als Rinnsal, inzwischen hat es sich zu einem Tsunami aus Halb-Wahrheiten und Lügen ausgewachsen. Und Journalisten, die die Wahrheit sagen, wird vorgeworfen, sie würden die Fakten falsch darstellen. Das schafft einen ständigen Schneesturm, in dem du schneeblind wirst.“

Diese Schneeblindheit hat nicht nur die Bürger der USA erfasst, sondern greift auch im Herzen von Europa um sich. Nicht nur rechtnationalistisch abgedriftete Ländern wie Polen und Ungarn sind dafür ein Bespiel, sondern auch das scheinbar so idyllische Österreich. Denn ähnlich wie in den USA werden dort im Umgang mit den Medien immer häufiger rote Linien überschritten.

Seit dem Regierungsantritt der konservativ-rechtspopulistischen Regierung wird versucht, den kritischen ORF unter Kontrolle zu kriegen. Derzeit arbeiten die beiden Regierungsparteien ÖVP und FPÖ im ORF-Stiftungsrat, dem Kontrollgremium, zu erringen. Die Chancen dafür stehen in der Alpenrepublik unterdessen gar nicht schlecht. Dadurch könnte der bisherige ORF-Chef Alexander Wrabetz vorzeitig abberufen und durch einen eigenen Gefolgsmann ersetzt werden. Der Vertrag von Wrabetz läuft noch bis zum Jahr 2021.

Sozusagen als Ouvertüre des Kampfes um die rot-weiß-rote Medienmacht gibt es den Frontalangriff auf den ORF-Anchorman Armin Wolf. Zu Beginn der Fastenzeit hatte Vizekanzler und FPÖ-Parteivorsitzende Heinz-Christian Strache auf Facebook ein Bild des angesehen Journalisten gepostet mit dem Hinweis: „Es gibt einen Ort, an dem Lügen zu Nachrichten werden“. Ergänzend fügte der Chef der früheren Haider-Partei an: „Das Beste aus Fake News, Lügen und Propaganda, Pseudokultur und Zwangsgebühr. Im Fernsehen, im Radio und auf dem Facebook-Profil von Armin Wolf.“ Versehen mit dem Hinweis „Satire“ und einem gelben Smilie. Strache reagierte mit den Schmähungen auf eine irreführenden Beitrag des ORF über den Tiroler FPÖ-Spitzenkandidaten.

Networking auf höchstem Niveau
Einmal im Quartal lädt das Handelsblatt die Mitglieder des Handelsblatt Wirtschaftsclubs nach Düsseldorf, Hamburg, Berlin, München und Frankfurt zu Club-Gesprächen ein. Mit Entscheidern aus Politik, Wirtschaft, Kultur oder Wissenschaft wird im kleinen Rahmen über aktuelle Themen diskutiert.

Über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sprechen wir beim Münchener Club-Gespräch am 13.3.2018 mit Ulrich Wilhelm, ARD-Vorsitzender und Intendant des Bayerischen Rundfunks, und Alexander Wrabetz, Generaldirektor des ORF. Seien Sie dabei und diskutieren Sie mit.

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Mit dieser Aktion hat der stellvertretende Regierungschef des mitteleuropäischen EU-Landes bewusst eine rote Linie überschritten. Denn der Österreichs Vizekanzler hetzt erstmals gegen einzelne Journalisten. Darüber täuscht auch keine spätere, halbherzige Entschuldung bei Armin Wolf hinweg, die der frühere Neonazi dem Moderator nach einem Proteststurm hinterher schickt. Und Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz? Der konservative Regierungschef stellt sich keineswegs schützend vor den ORF. Der 31-Jährige empfiehlt süffisant, dass man „etwas Emotion“ herausnehme und lässt ansonsten seinem populistischen Koalitionspartner freie Hand. Ist Kurz nicht klar, dass ein Moderator des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als journalistischer Dienstleister nicht Politikern, sondern den Gebührenzahlern zusagen muss?

Dass Österreichs prominentester Journalist des ORF zur Hassfigur der Rechten im Netz geworden ist, kommt nicht von ungefähr. Denn kaum einer fragt härter und mutiger vor der laufenden Kamera nach als der Hanns-Joachim Friedrichs-Preisträger aus Wien. Daher ist vielen in der ehemaligen Haider-Partei und manchem in der österreichischen Regierung Armin Wolf ein Dorn im Auge. Und so bleiben die Fake News-Schmähungen des Vizekanzlers Strache und seiner Gefolgsleute auch ohne Konsequenzen. Wie sagt Spielberg: „Journalisten, die die Wahrheit sagen, wird vorgeworfen, sie würden die Fakten falsch darstellen.“ Eine medienpolitische Masche, die nicht nur in den USA funktioniert, wie das Beispiel Österreich lehrt.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

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  • BEIM HANDELSBLATT HABE ICH SEIT DER SUSPENDIERUNG VON HERRN GABOR STEINGART DEN EINDRUCK, DASS NICHT MEHR SO SACHLICH BERICHTET WIRD:

    Das Handelsblatt schreibt beim Daimler-Artikel von der Bild-Zeitung ab, obwohl die Fakten uralt sind. Gleichzeitig wird massiv von Bridgewater berichtet, die viele deutsche Aktien und auch Daimler leer verkaufen. Warum betreibt Handelsblatt Daimler bashing genau zu jenem Zeitpunkt, wo Bridgewater damit zig Millionen Euro verdienen kann?

    Das Handelsblatt schreibt beim Tesla-Artikel von der Süddeutschen Zeitung ab, lobt Tesla, und lässt alle kritischen Bemerkungen zu Tesla im Artikel der SZ einfach weg!

    Handelsblatt hat sich seit kurzem extrem schlecht entwickelt!

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