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Der Medien-Kommissar Schulen und Behörden sollten digitale Zeitungsabos abschließen

Die Lage auf dem Zeitungsmarkt ist kritisch: Funke fährt ein Sparprogramm, DuMont will seine Zeitungen loswerden. Wie Staat und Wirtschaft Verlagen helfen können.
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Die Mediengruppe schließt den Verkauf der Zeitungstitel nicht aus. Quelle: dpa
Neven-DuMont-Haus in Köln

Die Mediengruppe schließt den Verkauf der Zeitungstitel nicht aus.

(Foto: dpa)

Thüringen hielt kurz den Atem an. Über alle Parteigrenzen – von der Linken über die Grünen bis zur AfD – hinweg war das Entsetzen riesig, als kürzlich Überlegungen der Funke-Gruppe auftauchten, die gedruckten Ausgaben der „Thüringer Allgemeine“ (Erfurt), der „Thüringische Landeszeitung“ (Weimar) und der „Ostthüringer Zeitung“ (Gera) aus wirtschaftlichen Gründen einzustellen.

Ein Bundesland ohne eine gedruckte Zeitung? Das ist nicht nur für Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und seine Regierung, sondern auch für die Bürger unvorstellbar. Schnell ruderte das Essener Zeitungshaus, das in Thüringen ein Quasi-Monopol besitzt, zurück. Thüringen atmete erst einmal auf.

Doch wie lange die Atempause dauern wird, weiß niemand. Denn die regionalen Zeitungshäuser bekommen den digitalen Umbruch mit aller Härte zu spüren – die abkühlende Werbekonjunktur und die gestiegenen Vertriebskosten inklusive.

Kaum eine Woche vergeht ohne neue Hiobsbotschaften aus der Branche. Zuletzt wühlten Überlegungen der Eigentümerfamilien des Kölner Zeitungshauses DuMont („Kölner Stadt-Anzeiger“, „Berliner Zeitung“) Journalisten und Leser gleichermaßen auf. Das traditionsreiche Kölner Medienhaus, 1620 gegründet und heute in zwölfter Generation geführt, lotet seit Monaten offenbar alle Optionen aus – auch einen (Teil-)Verkauf oder die Zusammenlegung von Blättern.

Das ist durchaus nachvollziehbar. Mit den drei Boulevardblättern „Kölner Express“, „Hamburger Morgenpost“ und „Berliner Kurier“ sowie der „Berliner Zeitung“ besitzt DuMont Verlustbringer im Portfolio ohne große Hoffnung auf Besserung.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt wöchentlich seine Kolumne „Der Medienkommissar“.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt wöchentlich seine Kolumne „Der Medienkommissar“.

Der Niedergang der „Frankfurter Rundschau“, die erst 2006 ins Haus gekommen war und 2012 in die Insolvenz geriet, ist noch immer ein warnendes Beispiel für die Eigentümer in Köln. Der Verlust belief sich damals auf stolze 112 Millionen Euro.

Die Probleme sind zwischen Konstanz und Kiel die Gleichen. Die Printauflagen leiden und die Werbeeinnahmen wachsen nicht. Selbst die wichtigen Druckaufträge für die regionalen Zeitungshäuser brechen plötzlich weg. Die digitale Revolution schlägt in allen Bereichen nunmehr voll zu. Die Zeitungshäuser sind in vielen Fällen nicht mehr die Treiber eines Marktes, sondern dessen Getriebene.

Mit Verkäufen, Beteiligungen und Kooperationen allein werden die Veränderungen in der Branche nicht zu bewältigen sein. In den USA sind mittlerweile etliche Blätter in die Hände von Mäzenen geraten. Amazon-Gründer Jeff Bezos gönnt sich die „Washington Post“ als medialen Gegenpol zum amerikanischen Populismus unter Präsident Donald Trump. Multimilliardär Warren Buffett hat sich einige US-Zeitungen gekauft.

In Europa blicken Medienschaffende derweil nach Deutschland und seiner einzigartigen Zeitungslandschaft und stilisieren den Wandel der Branche zu einer entscheidenden Frage der Demokratie. Denn Deutschland als größter Leser- und Anzeigenmarkt hat eine Leuchtturmfunktion für die Branche in ganz Europa. Wenn qualitativer und unabhängiger Journalismus auf Dauer überleben soll, braucht er mehr Unterstützung durch den Staat und die Wirtschaft.

Es steht sehr viel auf dem Spiel. Mit jedem Verschwinden einer Zeitung verschwindet auch ein Stück Demokratie.

Verlage büßen heute für ihren Kardinalsfehler

Eine lebendige Demokratie kann ohne unabhängige Medien auf Dauer nicht überleben. Osteuropa ist dafür ein warnendes Beispiel. In Ländern wie Ungarn, Tschechien, Polen, Serbien oder Rumänien sind die Zeitungsmärkte mittlerweile fast ganz in Händen von Oligarchen oder den regierenden Parteien, welche die Blätter für ihre wirtschaftlichen und politischen Ziele missbrauchen. Mittlerweile strecken sie ihre Finger sogar in den Westen aus. Erst vergangenes Jahr stieg der tschechische Milliardär und Metro-Großaktionär Daniel Kretinsky bei der einst so stolzen französischen Tageszeitung „Le Monde“ ein.

In Deutschland ist die mediale Situation asymmetrisch. Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird seit Jahrzehnten seitens der Bundesländer und des Bundesverfassungsgerichtes ein Bestandsschutz gewährt. Um ihre Zukunft müssen sich ARD und ZDF nicht wirklich Sorgen machen. Selbst Kritiker wie der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder gestehen den Öffentlich-Rechtlichen einen Aufschlag auf die Gebühren im Rahmen der Inflation zu.

Immer mehr Zeitungen hingegen stehen mit dem Rücken zur Wand. Ein Vierteljahrhundert nach der Erfindung des Internets ist es an der Zeit, dass Staat, Gesellschaft und Wirtschaft für den Informations- und Meinungspluralismus Verantwortung übernehmen.

Warum schließen Schulen, Universitäten, Behörden, Kultureinrichtungen und Firmen nicht in großem Rahmen digitale Abonnements ab, um ihre Schüler, Studenten, Beamten und Mitarbeiter mit qualitativer Information aus der Region zu versorgen? Sie würden damit ein stabiles wirtschaftliches Fundament für die Zeitungshäuser in einer Umbruchzeit errichten.

Die Verlage büßen heute für ihren Kardinalsfehler, zu Beginn des Internets ihre Inhalte zu verschenken. Ausschließlich mit Online-Werbung bis in den letzten Winkel der Republik Qualitätsjournalismus finanzieren zu wollen, war ein historischer Irrtum. Notwendig sind nun flächendeckende Bezahlangebote. Doch die werden bisher nicht immer schnell genug umgesetzt.

Deshalb braucht Deutschland eine Art Netflix der Zeitungen. Über Jahrzehnte waren TV-Manager hierzulande überzeugt, Bezahlangebote hätten im überfüllten deutschen Fernsehmarkt keine Chance. Doch der Streamingdienst aus Kalifornien hat mit seinen qualitativen Inhalten innerhalb weniger Jahre demonstriert, dass diese These eine grobe Fehleinschätzung war. Wenn exzellenter Inhalt auf intelligentes Marketing und simple Technik trifft, entstehen darauf neue Geschäftsmodelle, die eine ganze Branche wieder beflügeln können. Daran sollte die Zeitungsbranche Maß nehmen.

Eins jedenfalls ist klar: qualitativen Journalismus zum Nulltarif kann es nicht geben. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, dies in den Köpfen der Bürger nachhaltig zu verankern. Deshalb ist das Engagement staatlicher Institutionen, aber auch der Wirtschaft so notwendig. Denn nur mit neuen Lesern und Nutzern wird es auch in Zukunft unabhängige Zeitungshäuser geben – zum Wohl aller.

Jede Woche schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

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