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Der Medien-Kommissar Warum Europa ein eigenes Youtube braucht

Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm will mit einer europäischen Digital-Plattform Google, Facebook & Co. die Stirn bieten. Der richtige Weg – aber einer voller Unwägbarkeiten.
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Wilhelm will eine Plattform bauen, die auf den europäischen Idealen von Vielfalt, Qualität und Offenheit aufbaut. Quelle: dpa
Youtube

Wilhelm will eine Plattform bauen, die auf den europäischen Idealen von Vielfalt, Qualität und Offenheit aufbaut.

(Foto: dpa)

WienVon seinem Chefzimmer im Hochhaus des Bayerischen Rundfunks kann Ulrich Wilhelm auf ein Bilderbuch-Panorama von München blicken. Doch dieser Tage schaut er nur selten aus dem Fenster seines Büros. Der ARD-Vorsitzende und Intendant tourt seit Wochen durch Europa.

Das Kanzleramt in Berlin, die EU-Kommission in Brüssel und der Élysée-Palast in Paris sind wichtige Stationen des ARD-Vorsitzenden und Intendanten des Bayerischen Rundfunks. In dieser Woche geht es nach Wien.

Der 57-Jährige trommelt im Gespräch mit Politikern, Ministern und Staatssekretären für seinen großen Plan: eine europäische digitale Plattform für alle – vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk über private Wettbewerber bis hin zu Bildungs- und Kulturinstitutionen. Ihm schwebt ein „europäisches Youtube mit Elementen von Facebook für den direkten Austausch mit den Nutzern sowie einer guten Suchfunktion“ vor. Mit seiner Idee soll das Quasi-Monopol von Youtube, Facebook & Co. in Europa gebrochen werden.

Als Vorsitzender der ARD und Intendant des Bayerischen Rundfunks ist er in einer starken Position. Sein Vertrag als Vorsitzender der ARD wurde um ein weiteres Jahr verlängert, sein Kontrakt als Chef des Bayerischen Rundfunks läuft sogar bis zum Jahr 2021. Der Sohn eines CSU-Politikers und ehemaliger Regierungssprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel kann daher frei denken und agieren.

Ulrich Wilhelm, Homo Politicus, Jurist, Journalist und Medienmanager, treibt die Sorge um, dass der öffentliche Raum im Internet ausschließlich von amerikanischen Giganten aus dem Silicon Valley beherrscht und dadurch unsere Demokratie sowie Gesellschaft verändert oder gar beschädigt wird.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt wöchentlich seine Kolumne „Der Medienkommissar“.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt wöchentlich seine Kolumne „Der Medienkommissar“.

Wer sich die Diskussion um den Machtmissbrauch von Konzernen wie Google oder den Umgang mit Hetze und Manipulation bei Facebook vor Augen führt, wird schnell zu der Überzeugung kommen, dass die Netzgiganten sich über eine nationale oder europäische Gesetzgebung, Geldstrafen oder andere Sanktionen nur schwer bändigen lassen. Es braucht eine Antwort aus dem Markt und vom Staat. Während China mit WeChat bereits eine von den Staatsinteressen geleitete Plattform geschaffen hat, steht Europa länderübergreifend mit leeren Händen da.

Idee befindet sich in einer embryonalen Phase

Wilhelm bringt es auf den Punkt: „Was wir brauchen, ist eine europäische digitale Infrastruktur – eine Plattform von Qualitätsangeboten im Netz, an der sich die öffentlich-rechtlichen, die privaten Rundfunkanbieter, die Verlage, aber auch Institutionen aus Wissenschaft und Kultur und viele andere beteiligen können“, sagt der ARD-Vorsitzende im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Der überzeugte Europäer will eine Plattform bauen, die nicht auf rücksichtsloser Datenausbeuterei, potenzieller Manipulation und amerikanischen Werten aufbaut, sondern auf den europäischen Idealen von Vielfalt, Qualität und Offenheit – dem Fundament der Europäischen Union. Er fordert ein vom Staat initiiertes digitales Ökosystem in Europa, an dessen Ende eine staatsferne und unabhängige Trägerschaft stehen muss.

Ist der Plan einer europäischen Plattform im Internet eine Luftnummer? Die Idee befindet sich noch in einer embryonalen Phase. Wilhelm spricht von einem schnell zu bauenden Prototyp für 50 Millionen Euro, den er beispielsweise über Wagniskapital oder Stiftungsgelder – nicht aber mit Rundfunkgebühren – finanzieren will. Frankreich und Deutschland sollen die Motoren sein. Noch ist alles sehr vage. Ein runder Tisch mit den Marktteilnehmern unter Moderation der Politik? Schöne Idee, doch so etwas dauert und kann schnell versanden.

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Das Gute: Mit seiner Idee rennt Wilhelm durchaus offene Türen ein. 2013 verbot das Bundeskartellamt die Videoplattform „Germany’s Gold“, die auch für Private offen ist. Pro Sieben Sat 1 trommelt bereits seit Monaten für eine Initiative, um Google, Facebook, Amazon und Apple die Stirn bieten zu können. Konzern-Vize Conrad Albert beklagte im Gespräch den „brutalen Verdrängungswettbewerb“ amerikanischer Tech-Konzerne.

Auch bei den Universitäten, Bibliotheken, Theatern, Opern und Filminstitutionen ist der Frust groß. Sie füttern die börsennotierten US-Konzerne mit Inhalten ohne an der Rendite beteiligt zu sein. Die Sehnsucht nach Alternativen im Netz ist daher groß.

Bislang aber gibt es auf europäischer Ebene nur sehr wenige Projekte, die vom Staat angeschoben wurden und im Markt reüssierten. Der europäische Luftfahrtkonzern Airbus als schärfster Konkurrent des amerikanischen Flugzeugbauers Boeing ist ein positives Beispiel. Dem stehen aber sehr viele negative Beispiele gegenüber. So haben sich beispielsweise weder ARD noch ZDF am europäischen Nachrichtenkanal Euronews beteiligt.

Fraglich ist außerdem, ob die Idee nicht viel zu spät kommt. Jeder der Konzerne, egal ob Google, Apple, Amazon, Facebook, Microsoft oder Cisco, hat sein höchst erfolgreiches Geschäftsmodell gefunden. Die amerikanischen Unternehmen strotzen derzeit vor Marktstärke und Finanzkraft. Eine europäische Plattform wird es daher sehr schwer haben.

Doch das Internet ist noch sehr jung. Zweifellos werden wir noch viele Disruptionen erleben. Das lehrt die Wirtschaftsgeschichte. Als Carl Benz 1883 seinen ersten Zweitaktmotor entwickelte, legte er damit indirekt den Grundstein für den heutigen Weltkonzern. Obwohl andere Konzerne erst viele Jahrzehnte später kamen, konnten sie im Markt dennoch triumphieren. Schließlich erlebte Toyota erst im Jahr 1937 seine Gründung. Heute sind die Japaner die weltgrößten Autobauer.

Es gibt viele gute Argumente, Wilhelms Plan einer europäischen Internetplattform zu verwerfen. Doch mit dem Paradigma von Versuch und Irrtum sind die heutigen Angebote im Internet entstanden. Europa sollte daher den unternehmerischen Mut aufbringen, länderübergreifend eine europäische Digital-Plattform zu initiieren und zu bauen. Einen gut vorbereiteten Versuch ist die überfällige Idee wert. Denn Quasimonopole – von Amerikanern oder anderen errichtet – waren noch nie gut für den Markt.

Jede Woche schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

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