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Der Medien-Kommissar Zwangsjacke für Medien auf dem Balkan

Die Situation der Medien in den EU-Bewerberländern auf dem Balkan ist eine Gefahr für die Demokratie. Die Werbemärkte sind zu klein, unabhängige Medien rar.
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Kritischen Medien macht der albanische Regierungschef das Leben schwer. Quelle: AP
Albaniens Premierminister Edi Rama

Kritischen Medien macht der albanische Regierungschef das Leben schwer.

(Foto: AP)

Wien„Was wollen Sie?“, schleudert Albaniens Premier Edi Rama den ausländischen Journalisten in der Bibliothek seines Regierungspalastes in der Hauptstadt Tirana entgegen. Der 54-jährige Sozialist, ein Bär von Mann, ist mies gelaunt an diesem Nachmittag. Fragen von Journalisten stellt sich der Sozialist, der sein Land möglichst schnell in die EU führen möchte, ohnehin nicht gern – schon gar nicht, wenn er sie nicht kontrollieren kann.

Doch Rama weiß sehr genau, dass er um die ausländischen Medien nicht herumkommt, wenn er für den EU-Beitritt trommeln will. Er braucht ein gutes Image in Europa. Deshalb lässt sich der seit 2013 regierende Künstler auf den schwierigen Dialog mit internationalen Medienschaffenden ein.

Die albanischen Journalisten können von einem derart offenen Pressegespräch nur träumen. „Lieber verliert man ein Auge als den Ruf“, heißt ein bekanntes Sprichwort im Land der Skipetaren. Und so ist auch der Umgang der Mächtigen mit den einheimischen Medien. Es geht um die Inszenierung der eigenen Person und ihrer Heldentaten.

Kritik, gerade wenn sie begründet und belegt ist, wird nicht nur in Albanien, sondern auch in den anderen Ländern der Region oftmals als persönliche Beleidigung oder Angriff verstanden. Deshalb verzichtet der albanische Regierungschef auf einen kontinuierlichen Dialog mit den einheimischen Medien. Er setzt lieber auf die sozialen Medien, allen voran Facebook. Seinen eigenen Fernsehkanal in den sozialen Netzwerken bezeichnete er am Ende des Gesprächs mit ausländischen Journalisten selbst als „Propaganda“.

Die Enttäuschung, Frustration und sogar Wut über den Umgang der Mächtigen mit ihnen sitzt bei albanischen Journalisten tief. Bei einem Treffen in Tirana packen einheimische Journalisten aus: „Es gibt keine Pressekonferenzen. Der Premierminister hat den Dialog mit den Journalisten durch Facebook ersetzt“, klagt ein albanischer Fernsehjournalist. Nur bei internationalen Pressekonferenzen in Tirana haben auch die einheimischen Redakteure Zugang.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt wöchentlich seine Kolumne „Der Medienkommissar“.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt wöchentlich seine Kolumne „Der Medienkommissar“.

Die Medien befinden sich in einer Zwangsjacke, aus der sie sich selbst nicht befreien können. Das Fernsehen in dem Balkan-Land mit 2,8 Millionen Einwohnern befindet sich fest in der Hand von Oligarchen. Das hat Konsequenzen. „Wir als investigative Journalisten werden bedroht wie überall in der Region“, sagt ein regierungskritischer Reporter.

Beleidigungen und Lügen seien an der Tagesordnung, ergänzt ein anderer. „Jedes Medium könnte jeden Monat fünfmal vor Gericht gehen, wenn es Gerichte geben würde“, sagt der investigative Journalist. Albanien ist nur ein Beispiel. Auch in anderen EU-Bewerberländern auf dem Balkan stellt sich die Situation der Medien nicht besser dar, bisweilen sogar schlimmer.

„Wir sind in einer besseren Position als in Montenegro“, sagt ein albanischer Journalist mit ironischem Schmunzeln. Damit hat er recht. Erst im Frühjahr wurde im Zentrum von Montenegros Hauptstadt Podgorica der regierungskritischen Journalistin Olivera Lakic von Unbekannten in die Beine geschossen. Die Reporterin der unabhängigen Zeitung „Vijesti“ ist auf Korruption und organisierte Kriminalität spezialisiert.

Die Kontrolle der Medien durch Oligarchen in Ländern wie Albanien hat einen guten Grund. Denn Medien sind in den kleinen Ländern Südosteuropas – von Serbien bis Mazedonien – kein Geschäft.  Der Werbemarkt in Albanien ist beispielsweise nur 40 Millionen Euro groß, wie Experten in Tirana berichten. Von den Werbeausgaben fließen auch noch rund 70 Prozent allein ins Fernsehen.

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„Die Medienfreiheit ist eine der Top-Prioritäten. Wir verfolgen sehr genau die mangelnde Transparenz der Medieneigentümerschaft und die Freiheit der Journalisten“, sagt EU-Botschafter Luigi Soreca. „Unser Ziel ist eine größere Transparenz und journalistische Freiheit“, formuliert der italienische Diplomat, der sein Amt in Albanien erst vor wenigen Wochen angetreten hat.

Das sind hehre Ziele des Vertreters der EU-Kommission. Doch ihre Verwirklichung braucht sehr viel Zeit sowie Energie – und womöglich auch Geld. „Der beste Journalismus ist vom Ausland finanziert“, bekennt ein albanischer Journalist offen. Der europäische Informationssender Euronews wird demnächst in der Hauptstadt Tirana ein eigenes Korrespondentenbüro mit albanischen Kräften aufbauen. „Wir wollen einen frischen, neuen Blick mit einem neuen Standard in den Markt bringen“, sagt die designierte Euronews-Korrespondentin aus Albanien. Der Start von Euronews ist ein kleiner, aber durchaus wichtiger Beitrag für eine größere Medienfreiheit, die für eine funktionierende Demokratie am südöstlichen Rand von Europa unverzichtbar ist.

Jede Woche schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

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