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Der Medienkommissar ARD und ZDF huldigen der Quote statt der Qualität

Der Markterfolg ist zum Maß aller Dinge geworden. Damit droht der mit Gebührenmilliarden finanzierte Rundfunk den Wettbewerb zu verlieren.
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Bei weiten Teilen der Jungen und derjenigen, die mitten im Leben stehen, spielen die Öffentlich-Rechtlichen längst nicht mehr die erste Geige. Quelle: dpa
ARD und ZDF

Bei weiten Teilen der Jungen und derjenigen, die mitten im Leben stehen, spielen die Öffentlich-Rechtlichen längst nicht mehr die erste Geige.

(Foto: dpa)

Seit Jahrzehnten existiert für die Großen und Wichtigen in den Reihen von ARD und ZDF eine unausgesprochene Regel für die Zeit nach ihren Ausscheiden. Obwohl es vielen Intendanten und Fernsehdirektoren schwerfällt, schweigen sie tapfer zum qualitativen Niedergang ihres früheren Arbeitgebers.

Einer, der das inoffizielle Gelübde jetzt gebrochen hat, ist Norbert Schneider. Der Theologe war einst Fernseh- und Hörfunkdirektor bei der damaligen ARD-Tochter Sender Freies Berlin und später viele Jahre oberster Medienwächter in Nordrhein-Westfalen. In einem Gastbeitrag für den „Tagesspiegel“ liest der wortgewaltige Rundfunkmann den Öffentlich-Rechtlichen die Leviten.

Der 78-Jährige beklagt, dass die Quote zum Maß aller Dinge geworden sei. Norbert Schneider warnt die Intendanten eindringlich vor den Folgen dieser Strategie. „Wenn Quantität im Zweifel Qualität schlägt, verschwindet der Unterschied von Akzeptanz und Relevanz“, bilanziert der frühere Rundfunkmanager.

Auf den ersten Blick geht die Strategie von ARD und ZDF, quantitativ zu überzeugen, wunderbar auf. Im vergangenen Jahr wurde das ZDF mit einem Marktanteil von 13,9 Prozent die Nummer eins in Deutschland, gefolgt von der ARD mit 11,5 Prozent. Erst dahinter kommen RTL mit 11,3 Prozent und Pro Sieben mit 9,5 Prozent.

Hinter den scheinbar großartigen Marktanteilen verbirgt sich auf den zweiten Blick aber ein handfestes Akzeptanzproblem. Denn vor allem alte und sehr alte Menschen lieben das Erste und das Zweite. In der für die Werbewirtschaft wichtigen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen sieht die Rangliste umgekehrt aus.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt wöchentlich seine Kolumne „Der Medienkommissar“.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt wöchentlich seine Kolumne „Der Medienkommissar“.

Bei weiten Teilen der Jungen und derjenigen, die mitten im Leben stehen, spielen die Öffentlich-Rechtlichen längst nicht mehr die erste Geige. Das ZDF kommt in dieser Altersgruppe nur auf Platz sechs (6,8 Prozent) – abgeschlagen hinter RTL, Pro Sieben, Sat 1, ARD und Vox. Die Strategie, ausschließlich auf Quote zu setzen, ist für das Öffentlich-Rechtliche im Wettbewerb wie das Rennen von Hase und Igel. Am Ende bricht der Hase zusammen und stirbt.

Streamingdienste wie Amazon, Netflix & Co. haben sich von diesem sinnlosen Rennen längst verabschiedet. Vor Kurzem formulierte Christoph Schneider, Geschäftsführer von Amazon Video in Deutschland, im Interview mit dem „Journalist“ einen bemerkenswerten Satz: „Wer hat denn am Ende wirklich ein Interesse an Zuschauerzahlen? Fachjournalisten vielleicht und die Werbeindustrie. Wir verkaufen keine Werbung.“

Brutale Krimi-Dichte

Die Öffentlich-Rechtlichen verkaufen hingegen immer noch Reklame, obwohl sie es gar nicht finanziell nötig hätten. Noch immer dient ihnen die Werbung im Vorabendprogramm als wichtige Legitimation für die Quote. Es wäre längst an der Zeit, auf Reklame im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu verzichten. Nicht um die Werbemillionen zu RTL, Pro Sieben Sat 1 und anderen Privatsendern zu schieben, sondern um sich frei vom Paradigma der Quantität zu machen.

Statt programmliche Vielfalt über alle Genres und Themen bestimmen heute die Quotenbringer die Hauptprogramme – mit gruseligen Folgen. Wer sich allabendlich durch ARD und ZDF zappt, kann leicht den Eindruck gewinnen, die Zuschauer in Deutschland leiden massenweise unter einer unstillbaren Todessehnsucht.

Nirgendwo sonst gibt es in einem großen Fernsehmarkt in Europa eine derart brutale Dichte von Krimis wie im Ersten und Zweiten. Die Programmverantwortlichen reiten die Welle von Mord und Totschlag bis zur Unerträglichkeit – Hauptsache, die Quote stimmt.

Dabei merken sie nicht, dass sie mit ihrer Quotenhörigkeit selbst maßgeblich zum Akzeptanzverlust der Öffentlich-Rechtlichen in immer mehr Teilen der Gesellschaft beitragen. Wie sagte der Fernsehproduzent Wolfgang Rademann: „Masse erschlägt Klasse, der Qualitätspegel der Programme geht runter.“ Und der legendäre Fernsehmacher starb bereits vor drei Jahren.

Den Wettbewerb gegen die Privaten, die Streamingdienste und Videoportale im Internet können ARD und ZDF nur mit Qualität gewinnen. Das müsste eigentlich mit der stolzen Summe von knapp acht Milliarden Euro an Rundfunkgebühren im vergangenen Jahr auch zu schaffen sein.

Kein anderes Medium verfügt über ein derart dichtes Korrespondentennetz rund um den Globus. Doch leider spielen ARD und ZDF ihre journalistische Exzellenz viel zu wenig aus. Viele der spannenden und auch aufwendigen Geschichten der Auslandsbüros von ARD und ZDF werden in Nischensendern wie Phoenix, Arte, 3Sat, ZDF Info oder Tagesschau 24 abgeschoben. Sie werden quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit gesendet.

Auftrag aus dem Gedächtnis gestrichen

Im Ersten und Zweiten regiert hingegen der politische Mainstream – als würde Weltpolitik nur auf den wenigen Quadratkilometern in Berlin-Mitte stattfinden. Viele Themen der innenpolitischen Sendungen werden von den Agenden der Parteien und der Regierung oder von gerissenen PR-Strategen bestimmt, die einen Aufreger nach dem anderen durch die Republik treiben.

Dabei hatte der öffentlich-rechtliche Rundfunk ursprünglich eine ganze andere Aufgabe, an die Norbert Schneider die Granden von ARD und ZDF erinnert: „Er (der öffentlich-rechtliche Rundfunk) wurde nicht etabliert, um möglichst viele Menschen möglichst oft in Erregung zu versetzen, sondern um ein Programm anzubieten, dessen oberstes Kriterium die Qualität ist.“

Im Quotentaumel haben die Öffentlich-Rechtlichen ihren ursprünglichen Auftrag mittlerweile aus dem Gedächtnis gestrichen. Eine Vergesslichkeit, die Folgen haben wird.

Jede Woche schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

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