„Mehr Jobs und weniger Arbeit“ Ökonomenverband verteidigt Einsatz von künstlicher Intelligenz und Robotik

Auf seiner Jahrestagung beschäftigt sich der Verein für Socialpolitik mit Digitalisierung, selbstlernenden Maschinen – und Optimismus.
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Ob das eine Drohung oder eine Verheißung ist, diskutieren Ökonomen in Freiburg. Quelle: Anna Huber/Westend61/F1online
Roboter statt Menschen

Ob das eine Drohung oder eine Verheißung ist, diskutieren Ökonomen in Freiburg.

(Foto: Anna Huber/Westend61/F1online)

FrankfurtAm Montag beginnt in Freiburg das Hauptprogramm der Jahrestagung des traditionsreichen Vereins für Socialpolitik (VfS), der mit Abstand wichtigsten Vereinigung von Ökonominnen und Ökonomen im deutschsprachigen Raum.

Die Themen, die sich der Verband ausgesucht hat, sind bei den einen mit großen Hoffnungen auf ein besseres und bequemeres Leben verbunden, bei anderen mit Angst vor Jobverlust und Marginalisierung: Es geht um Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Automatisierung und Roboter.

Man darf damit rechnen, dass bei der Tagung im Heimatort des Ordoliberalismus eine positive Sicht auf die technologischen Umwälzungen dominieren wird.

Das Freiburger Walter Eucken Institut richtet die Tagung zusammen mit dem VfS aus. Präsident Lars Feld zitiert in einer Studie den berühmten ordoliberalen Namensgeber seines Instituts mit der Verheißung, „dass der technische Fortschritt Konkurrenz verstärkt, Marktmacht reduziert und damit den Konsumenten dient“.

Vieles spreche dafür, dass diese Beschreibung auf die Digitalisierung zutrifft, urteilt Feld. Er fordert die Politik auf, den Ordnungsrahmen darauf zu überprüfen, ob bestehende Regulierungen abgebaut werden können, die die Digitalisierung bremsen.

Das sei wichtiger als die Frage, die derzeit in der Politik viel intensiver diskutiert wird: wie man nämlich den Monopolisierungstendenzen in der Digitalwirtschaft durch geeignete Regulierung beikommen kann.

Stargast von Google

Der Stargast der Veranstaltung, Hal Varian, Chefvolkswirt von Google, findet somit einen wohlgefälligen Rahmen vor, wenn er zum Auftakt über „Bots and Tots“ referiert, also über Roboter und Kinder. Der erfolgreiche Lehrbuchautor und begnadete Redner verspricht, die beiden großen Themen demografischer Wandel und arbeitssparende Digitalisierung zusammenzubringen.

Allzu oft wird in der Diskussion nur eines dieser beiden Themen in den Blick genommen. Das führt dann dazu, dass man an einem Tag Horrorvisionen von einer überalternden Gesellschaft liest, in der die wenigen Erwerbstätigen die Renten der vielen Alten nicht mehr finanzieren können, und am nächsten Tag vor Massenarbeitslosigkeit durch Roboterisierung gewarnt wird.

Varian zeigt in seinen Vorträgen gern Beispiele, wie mit sehr ähnlich klingenden Schlagzeilen schon seit vielen Jahrzehnten vor massiven Jobverlusten durch Roboter gewarnt wird. Sein erstes Beispiel stammt aus dem Jahr 1960.

Damit tritt er Kassandrarufern entgegen, die unter großem Medienecho vorausgesagt haben, dass Roboter und künstliche Intelligenz einen großen Teil der Jobs vernichten werden. Im Buch „The Second Machine Age“ sagten Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee 2014 voraus, dass „intelligente Technologie und Hyper-Vernetzung“ Millionen Jobs vernichten würden.

Auch immer mehr kognitive Arbeit werde durch superkluge Computersysteme ersetzt. Carl Frey und Michael Osborne kalkulierten 2013, dass in den USA knapp die Hälfte der Beschäftigten in Berufen arbeite, die in den nächsten zehn bis 20 Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit automatisiert werden können.

Varian unterscheidet zwischen Berufen und Aufgaben und betont, dass selbst einfache Berufe meist einen großen Strauß verschiedener Aufgaben umfassen, von denen nur ein Teil automatisierbar sei. Er verweist auf die Buchhalter, die mit Einführung von Tabellenkalkulationsprogrammen immer weniger wurden, während aber gleichzeitig viel mehr Stellen in Rechnungslegung und Unternehmensfinanzanalyse entstanden.

Von 270 Berufen, die 1950 in einem US-Verzeichnis aufgeführt wurden, sei nur ein einziger verschwunden, der Fahrstuhlführer. Der Ausblick des Google-Chefvolkswirts ist so positiv, wie er nur sein kann: „Die Menschen wollen mehr Jobs und weniger Arbeit. Die Technologie kann das liefern.“

Arbeitsnachfrage steigt

Ganz so euphorisch wie der Silicon-Valley-Ökonom wird sich von den anderen Vortragenden und Diskutanten kaum jemand geben. Zu bekannt sind die möglichen Schattenseiten der „Gig Economy“, wie sie im Silicon Valley vorangetrieben wird.

Das ist ein Modell, in dem die Arbeitnehmer nicht mehr fest angestellt sind, sondern gegen Geld einzelne Aufgaben erledigen, die über digitale Plattformen vergeben werden. Ein Grundeinkommen sorgt in diesem Modell dafür, dass niemand hungert.

Clemens Fuest, Chef des Münchener Ifo-Instituts, sieht darin auch Vorteile für Geringqualifizierte. So ermöglichten Fahrdienstvermittler wie Uber Niedriglohnbeschäftigten ihr Einkommen aufzubessern, indem sie zusätzlich Passagiere beförderten.

Drei Wirtschaftsforscherinnen und -forscher des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung stellen unter dem Titel „Technology and the Future of Work“ eine Studie zu den Arbeitsmarktwirkungen der Digitalisierung vor. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Automatisierung per saldo einen geringen positiven Effekt auf die Nachfrage nach Arbeitskräften in Deutschland hat.

Deutschland profitiere gerade wegen seiner hochtechnologischen Industrie und seinem hohen Handelsbilanzüberschuss von der Automatisierung. Dies gehe allerdings einher mit großen Umschichtungen zwischen Branchen und Berufen. Insbesondere verlagert sich Beschäftigung aus dem industriellen in den Dienstleistungsbereich.

Das Besondere an der Untersuchung ist, dass das ZEW-Team die Investitionen der Unternehmen in fortgeschrittene Automatisierung, gemeinhin Industrie 4.0 genannt, anhand einer großen Umfrage direkt gemessen und diese Information mit Daten über den beruflichen Werdegang der Beschäftigten dieser Unternehmen verknüpft hat.

Anders als bei vielen anderen ökonomischen Fragen gibt es bei diesem Thema keine Spaltung zwischen angebotsorientierten, arbeitgebernahen und nachfrageorientierten, gewerkschaftsnahen Ökonomen. So äußerte sich der Chef des gewerkschaftsfinanzierten Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, der in Freiburg mitdiskutiert, jüngst gelassen, was die Bedrohung angeht.

Bei Twitter schrieb er: „Horrorgeschichten über vermeintlich gewaltige Arbeitsplatzverluste durch Digitalisierung sind falsch. Bei hohen Produktivitätszuwächsen entstehen hohe Gewinne und auch hohe Einkommen, die Nachfrage und damit Beschäftigung erzeugen.“ Allzu viel Streit darf man also nicht erwarten, wenn die Institutschefs zu ihrem traditionellen Diskussionspanel zusammenkommen.

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