Microsoft im Umbruch Nadellas große Windows-Wette

Der Rekordverlust zeigt es: Bei Microsoft ist derzeit alles im Umschwung. Trotz der roten Zahlen sieht die Zwischenbilanz gar nicht so schlecht aus. Für die Neuausrichtung zählt aber vor allem eines: Windows 10.
Kommentieren
Der Microsoft-Chef wettet darauf, dass das kostenlose Windows-Upgrade seinem Konzern viele Einnahmen mit Zusatzdiensten beschert. Quelle: Reuters
Satya Nadella

Der Microsoft-Chef wettet darauf, dass das kostenlose Windows-Upgrade seinem Konzern viele Einnahmen mit Zusatzdiensten beschert.

(Foto: Reuters)

Eine krachende Überraschung ist es nicht, dass Microsoft im zweiten Quartal einen Rekordverlust verzeichnet – ein deutliches Signal aber allemal. Bereits vor zwei Wochen hat der Software-Konzern angekündigt, die Handysparte von Nokia vollständig abzuschreiben. Und doch ist es ein historischer Einschnitt, wenn eine hochtourig rotierende Gelddruckmaschine plötzlich stottert. 3,2 Milliarden Dollar Verlust stehen beim sonst so profitablen Software-Hersteller unter dem Strich. Die Nokia-Abschreibung von insgesamt 8,4 Milliarden Dollar fraß die Überschüsse auf.

Damit macht Microsoft-Chef Satya Nadella deutlich, dass der Konzern kein großer Gerätehersteller ist, der ähnlich wie Apple aufeinander abgestimmte Hardware und Software aus einer Hand liefert: Das Betriebssystem steht im Mittelpunkt. Nadella hat angekündigt, nur noch Vorzeigeprodukte mit Windows zu bauen, auf dass andere sich davon inspirieren lassen – ob mit seiner Datenbrille Hololens oder dem Riesen-Tablet Surface Hub. Falls niemand mitzieht, besetzt Microsoft wichtige Märkte selbst, etwa mit seinen Lumia-Smartphones. Die Masse sollen aber andere bedienen.

So sieht das neue Windows 10 aus
Nach 8 kommt 10
1 von 9

Auf 8 folgt 10: Microsoft überspringt bei der Benennung seines Betriebssystems Windows eine Nummer. Damit wolle der Konzern den großen Entwicklungssprung verdeutlichen, sagte Microsoft-Manager Joe Belfiore bei der Präsentation im Herbst 2014.

Neues Startmenü
2 von 9

Windows 10 bekommt ein Startmenü, wie es Nutzer von Windows 7 kennen. Daran docken sich die aus Windows 8 bekannten Apps mit ihren rechteckigen Kacheln an. Sie aktualisieren sich selbständig und zeigen etwa neue E-Mails, Nachrichten oder das aktuelle Wetter an.

Tauglich für alle Geräte
3 von 9

Ein Betriebssystem für alle: Der Kern von Windows 10 soll nicht nur auf PCs laufen, sondern auch auf Tablets, Smartphones und der Xbox. Die Benutzeroberfläche wird an das jeweilige Gerät angepasst, wie Microsoft-Manager Terry Myerson hier erklärt.

Datenbrille Hololens
4 von 9

Auch die Datenbrille Hololens soll sich mit Windows 10 ansteuern lassen – das Gerät blendet virtuelle Informationen über das Bild der Realität.

Alles auf einer Oberfläche
5 von 9

Apps aus dem Windows Store werden künftig in Fenstern auf dem Desktop geöffnet – nicht auf der Kacheloberfläche, wie es in Windows 8 der Fall ist. Die zwei unterschiedlichen Oberflächen sorgen derzeit bei vielen Nutzern für Verwirrung. Die App-Fenster lassen sich verschieben, größer oder kleiner machen und mit einem Klick minimieren oder schließen.

Geöffnete Anwendungen
6 von 9

Mit einem Klick bekommen Nutzer einen Überblick, welche Anwendungen gerade laufen, fein säuberlich nebeneinander aufgereiht – ähnlich wie man es beispielsweise von iPhone und iPad kennt.

Unterschiedliche Desktops
7 von 9

Eine Übersicht für die Arbeit, eine für Spiele, eine für private Bankgeschäfte: Mit Windows 10 können Nutzer mehrere Desktops einrichten und ohne großen Aufwand dazwischen hin- und herschalten.

Nadella setzt sich noch mehr von seinem Vorgänger Steve Ballmer ab, der die im Vorstand umstrittene Nokia-Übernahme durchgeboxt und Microsoft als Anbieter von Geräten und Diensten definiert hatte. Dessen Leitbild – „devices and services“ – ersetzte der neue Chef schon vor einem Jahr und rückte stattdessen die Produktivität in den Mittelpunkt der Strategie.

Privatleute, Büroarbeiter und IT-Fachleute sollen mit Microsoft besser arbeiten können, egal welches Gerät sie nutzen. Die Cloud ermöglicht das reibungslose Umschalten.

Es ist ein spätes Eingeständnis an die Realität. „Wenn wir in der Vergangenheit überhaupt einen großen Fehler gemacht haben, dann, dass wir den PC als Dreh- und Angelpunkt für alles gehalten haben“, sagte Nadella kürzlich dem IT-Portal ZD-Net. Heute sei natürlich das Sechs-Zoll-Smartphone der meistverkaufte Computer. Eine Zahl illustriert diesen Trend: In diesem Quartal sind erstmals genauso viele Geräte mit dem mobilen Apple-System iOS verkauft worden wie PCs. Android ist ohnehin enteilt, es ist das Windows der mobilen Welt.

Zwischenbilanz sendet positives Signal

Hassobjekt, Marktbeherrscher, Nachahmer
Gründertruppe
1 von 21

Die Belegschaft von Microsoft im Jahr 1978 mit den beiden Microsoft-Gründern Bill Gates (erste Reihe, links) und Paul Allen (erste Reihe, rechts). Gegründet wurde die Firma am 4. April 1975 in Albuquerque, New Mexico. (Foto: Microsoft/dpa)

Gründer Bill Gates (r.) und Paul Allen
2 von 21

Im Jahr 1981 posieren Bill Gates (rechts) und Paul Allen.

Bill Gates hat sich mittlerweile auf eine Beraterrolle im Unternehmen zurückgezogen und ist als Philanthrop tätig. Paul Allen hat ebenfalls Milliarden mit Microsoft gemacht, spendet einen Teil seines Vermögens. Er investiert aber auch etwa in Sport-Mannschaften. Ihm gehören die Seattle Seahawks (American Football) und die Portland Trail Blazers (Basketball).

MS DOS
3 von 21

Die Basis für den Firmenerfolg legten Allen und Gates mit dem Betriebssystem MS-DOS, das Computern Leben einhauchte. Die grafiklose Bedienoberfläche war lange ein Weg, um auch das spätere Betriebssystem Windows aus dem Hause Microsoft zu konfigurieren. In Abwandlungen hat die grafiklose Bedienoberfläche bis heute überlebt.

Windows 1.0
4 von 21

Die Packung der ersten Version des Betriebssystems Microsoft Windows. Das damals als Erweiterung zu MS-DOS veröffentlichte Programm kam erstmals 1985 auf den Markt. In den Folgejahren sollte Windows das Fundament für ein Milliardenimperium werden. Es war allerdings nicht das erste Betriebssystem mit grafischer Benutzeroberfläche – IBM und Apple hatten bereits vorher die Idee umgesetzt. (Foto: Szilveszter Farkas)

Der junge Bill Gates
5 von 21

Ein undatiertes Foto zeigt den jungen Bill Gates in seinem Arbeitszimmer. Zum Start von Windows 1.0 gab es weltweit lediglich sechs Millionen Personal Computer. Erst rund fünf Jahre später, im Jahr 1990, gelang dem Software-Entwickler aus Redmond ein durchschlagender Erfolg mit Windows 3.0.

Windows 95
6 von 21

Bill Gates bei der Präsentation der Version 95 des Betriebssystems im Jahr 1995. Vor allem die dafür entwickelten Büroprogramme wie Word, Excel und Powerpoint helfen Microsoft, den Marktanteil Mitte und Ende der 90er-Jahre auf über 90 Prozent auszubauen.

Apple versus Microsoft
7 von 21

1998 präsentiert der mittlerweile verstorbene Apple-Chef Steve Jobs „Microsoft Office Macintosh Edition“. Damals hauchte die Microsoft-Software dem darbenden Konkurrenten Apple Leben ein. Doch mittlerweile stellt Apple den Rivalen aus Seattle in vielen Belangen in den Schatten.

Diese Strategie ist nachvollziehbar, aber nicht ohne Risiken. Denn das Smartphone wird bis auf weiteres die wichtigste Plattform bleiben, Microsoft überlässt der Konkurrenz mit dem halben Rückzieher weitgehend das Feld. Der Software-Entwickler hat zwar längst schicke Apps für die anderen Betriebssysteme entwickelt – auf dem iPad sieht Office mindestens genauso gut aus wie auf einem Windows-Tablet.

Er muss aber darauf hoffen, dass die Nutzer die Programme überhaupt herunterladen, anstatt sie im Paket zu bekommen. Diesen Vermarktungsvorteil haben Apple und Google jetzt exklusiv.

Die Zwischenbilanz sendet jedoch auch ein Signal, das eindeutig positiv ist: Das Geschäft mit dem Cloud Computing kommt richtig in Fahrt. Der Umsatz mit Geschäftskunden hat sich fast verdoppelt, rechnet man ihn auf das gesamte Jahr hoch, dürften acht Milliarden Dollar zusammenkommen. Im Geschäftsjahr 2018 will Nadella bereits 20 Milliarden Dollar umsetzen.

Echte Überraschungen – ob positiv oder negativ – könnten in den nächsten Monaten bekannt werden. Ende Juli führt Microsoft Windows 10 ein, das Privatnutzer kostenlos erhalten. Nadella hofft, dass möglichst viele das Upgrade installieren und dann die Abodienste von Microsoft beziehen, etwa das neue Office 365 oder den Online-Speicher. Es drosselt also die Gewinnmaschine Windows, damit die Gewinnmaschine Office auf Touren kommt. Anfangs wird das mit großer Sicherheit zulasten von Umsatz und Gewinn gehen. Geht es nach Nadella, wird das Cloud-Geschäft diese Einbußen aber wettmachen.

„Unsere Branche respektiert keine Tradition, sie respektiert nur Innovation“, sagte der Microsoft-Chef vor einigen Monaten. Den Mut, etwas Neues zu probieren, hat er jedenfalls.

Startseite

Mehr zu: Microsoft im Umbruch - Nadellas große Windows-Wette

0 Kommentare zu "Microsoft im Umbruch: Nadellas große Windows-Wette"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%