Ausbau des Monilfunkstandards

Das Netz reicht für künftige Hochgeschwindigkeitsanwendungen längst nicht aus.

(Foto: Imago/Westend61)

Mobilfunkstandard Kampf um 5G – Ausgerechnet bei der Zukunftstechnik droht Deutschland zurückzufallen

Mit 5G könnte die vernetzte Wirtschaft durchstarten. Doch der Ausbau des Mobilfunkstandards kommt nur schwer in Gang. Mehr als 20 CEOs fordern nun ein radikales Umdenken.
Kommentieren

Timotheus Höttges hat seinen Anzug gegen Jeans und eine schwarze Jacke mit dem Logo seines Unternehmens getauscht. „Ohne uns – ohne die Infrastruktur – funktioniert nichts in der digitalen Welt“, sagte der Chef der Deutschen Telekom vor wenigen Tagen auf der Digitalmesse Dmexco in Köln.

Der kommende Mobilfunkstandard 5G sei die Zukunft. „100-mal mehr Kapazität, zehnmal mehr Geschwindigkeit und Datenübertragung in Echtzeit“, schwärmte Höttges. Die neue Technik bringe bahnbrechende Veränderungen. In die Lobeshymnen stimmten auch die Netzbetreiber Vodafone und Telefónica mit ein.

In den Ohren der Topentscheider der deutschen Wirtschaft klingen diese Ankündigungen jedoch mehr nach Bedrohung denn als Chance. Der Vorwurf: Die Netzbetreiber sprechen zwar viel über 5G, unternehmen aber zu wenig. Anstatt konkrete Pläne für den Ausbau der Zukunftstechnik vorzulegen, versuchten sie sich gegenüber der Politik bei den Ausbauverpflichtungen herauszuwinden. Und die Bundesregierung lasse sich zu stark davon beeinflussen.

Die deutsche Wirtschaft fordert daher nun ein radikales Umdenken. Mit deutlichen Worten bekräftigen mehr als zwei Dutzend Führungskräfte, dass die Bundesrepublik alles unternehmen müsse, um den Anschluss bei der Spitzentechnik nicht zu verlieren. Von VW, Audi über die Deutsche Bank und die Commerzbank bis hin zu Mittelständlern und Start-ups sind sich die Firmenchefs einig: Es muss etwas passieren.

Besonders groß ist die Sorge in der Automobilwirtschaft. „Eine rasche und möglichst flächendeckende Bereitstellung von 5G als schnelles, breitbandiges und zuverlässiges mobiles Datennetzwerk ist für die Zukunft in der Automobilindustrie ein Faktor von zentraler Bedeutung“, sagt Helmut Matschi, Vorstand des Automobilzulieferers Continental.

Grafik

Branchenkollege Wolf-Henning Scheider, der ZF Friedrichshafen leitet, äußert sich ähnlich: „ZF will in Deutschland die Mobilitätslösungen von morgen entwickeln. Ein 5G-Netz mit kurzen Latenzzeiten und Abdeckung in der Fläche ist dafür Pflicht.“

Die Autofirmen und deren Zulieferer sind auf ein schnelles und flächendeckendes Netz angewiesen, damit vernetzte Autos überall gut fahren können. Schon vor zwei Wochen stellte der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, im Handelsblatt den Plan für die Vergabe der 5G-Frequenzen für 2019 vor. Die letzten Details werden bis Ende des Monats festgelegt.

Doch schon jetzt ist klar, dass der Plan hinter den Forderungen nach harten Versorgungsauflagen aus der Politik zurückbleiben wird. Anstatt alle Straßen zu versorgen, will die Behörde bis Ende 2022 nur Autobahnen und Bundesstraßen mit mindestens 100 Megabit Datengeschwindigkeit pro Sekunde ausstatten. Zudem sollen lediglich 500 5G-Funkstationen bis Ende 2022 in Betrieb gehen. Zum Vergleich: In China sollen bereits 2020 mehr als 10.000 Masten arbeiten.

Im Maschinenbau wächst die Sorge, dass Firmen vor allem in der Provinz vom mobilen Highspeed-Netz ausgeschlossen bleiben könnten. Johannes Gernandt, Leiter des Kompetenzzentrums für wirtschaftspolitische Grundsatzfragen beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA), sagt: „Der Vorschlag der Bundesnetzagentur sieht zwar vor, dass 98 Prozent der Bevölkerung Zugriff auf schnelles Internet erhalten sollen. Doch auf die Fläche der Bundesrepublik umgerechnet, bleiben hier erhebliche weiße Flecken und viele kleinere und mittlere Industriebetriebe und auch die Landwirtschaft abgekoppelt.“

Entsprechend groß ist die Skepsis auch in anderen Branchen. Commerzbank-Vorstand Martin Zielke warnt: „Andere Länder gehen entschlossen voran, Deutschland droht zurückzufallen.“ Mit Blick auf die Investitionen, die ihr Unternehmen derzeit in moderne Infrastruktur stecke, stellt die Deutsche-Bahn-Technikvorständin Sabina Jeschke die Frage: „Was nützt die beste Technik in den Zügen, wenn wir anschließend in Funklöcher fahren?“

Besonders harte Vorwürfe erhebt Stefan Dohler, Vorstandschef der EWE AG aus Oldenburg, gegen die Telekom, Vodafone und Telefónica: „Das derzeit bestehende marktbeherrschende Oligopol im Mobilfunkbereich ist schädigend für die Verbraucher und für den Wirtschaftsstandort.“ Die Netzbetreiber verfolgten eigene Geschäftsinteressen, die Zukunft des Standorts Deutschland hätten sie nicht im Blick. EWE ist als Energieversorger auch in das Festnetzgeschäft mit Glasfaserkabel eingestiegen und strebt eine Partnerschaft mit der Telekom an.

Die Zeit drängt. Früher als bislang angenommen wird das derzeitige Netz an seine Kapazitätsgrenzen stoßen, argumentiert die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) in einer dem Handelsblatt vorliegenden Studie. „Das aktuelle 4G-Netz kann den Datenbedarf in großen Städten wie Berlin nur noch bis 2021 decken“, prognostizieren die Experten.

„Jetzt entscheidet sich, welchen Platz wir in 5, 10 oder 20 Jahren in der Weltwirtschaft einnehmen“
Christian Sewing
1 von 18

„Jetzt entscheidet sich, welchen Platz wir in fünf, zehn oder auch in zwanzig Jahren in der Weltwirtschaft einnehmen. Dafür müssen wir heute in die neuesten, besten Technologien investieren. Und 5G ist eine der Schlüsselinfrastrukturen, quasi eine Basis für die Wirtschaft. Es geht um Geschwindigkeiten, die beim Vielfachen dessen liegen, was wir heute kennen.“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank.

Nicola Leibinger-Kammüller
2 von 18

„Ich habe das Gefühl, dass es viel zu langsam geht. Ich fürchte, dass Deutschland hier wieder den Anschluss verliert“, sagt die Vorsitzende der Geschäftsführung des Werkzeugmaschinenbauers Trumpf.

Herbert Diess
3 von 18

„Automobile werden voll vernetzt und damit schon bald echte Internet-Devices. Dafür ist ein schnelles und flächendeckendes 5G-Netz Voraussetzung. Dieser Entwicklungsschub muss uns auch in Deutschland gelingen“, sagt der VW-Chef.

Klaus Fröhlich
4 von 18

„Der zügige Ausbau der nächsten 5G-Mobilfunk‧generation ist entscheidend für das autonome Fahren. Andere Weltregionen – zum Beispiel einige asiatische Märkte – sind da aktuell schneller unterwegs“, sagt der BMW-Entwicklungsvorstand.

Sabina Jeschke
5 von 18

„Unsere ICE-Flotte hat die notwendige Technik für einen stabilen Empfang bereits an Bord, um unseren Kunden neue und komfortable Services zu bieten. 100 Millionen Euro wurden hierfür investiert. Aber was nützt die beste Technik in den Zügen, wenn wir anschließend in Funklöcher fahren“, fragt sich die Deutsche-Bahn-Technikvorständin.

Martin Zielke
6 von 18

„Andere Länder gehen entschlossen voran, Deutschland droht zurückzufallen. Das gilt nicht zuletzt für den Netzausbau. Wenn wir bei Zukunftstechnologien wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir hier schneller vorankommen“, sagt der Commerzbank-Vorstand.

Stefan Dohler
7 von 18

„Das derzeit bestehende marktbeherrschende Oligopol im Mobilfunkbereich ist schädigend für die Verbraucher und für den Wirtschaftsstandort“, sagt der EWE-Chef.

Doch die Telekommunikationsfirmen scheuten die Investitionen, da sie trotz steigender Datenvolumina kaum mehr Gewinne machten. Doch nur ein entschiedener Ausbau des 5G-Netzes sei die ökonomisch beste Entscheidung, argumentiert BCG. Zwar stehen die drei Netzbetreiber in Deutschland eigentlich im Wettbewerb, doch eint sie die Kritik an den Plänen der Bundesnetzagentur.

So werfen sie Behördenchef Homann vor, zu harte Auflagen anzustreben – und das, obwohl der mit seinem Plan deutlich hinter den Forderungen der Politik zurückgeblieben war. Erst am Dienstag hat die US-Tochter der Telekom einen 3,5 Milliarden Dollar schweren Vertrag mit dem Mobilfunkausrüster Ericsson unterschrieben, kurz zuvor hatte T-Mobile US einen genauso teuren Vertrag mit Nokia abgeschlossen. In Deutschland hingegen will der Konzern erst Angaben zum 5G-Ausbau machen, sobald alle Details der Frequenzvergabe feststehen.

So auch Vodafone und Telefónica: Die südafrikanische Vodafone-Tochter hat in Lesotho das erste 5G-Netz Afrikas errichten lassen, doch Deutschlandchef Hannes Ametsreiter hält sich mit Ankündigungen für den Ausbau in Deutschland genauso zurück wie Telefónica-Deutschlandchef Markus Haas.

Grafik
Startseite

Mehr zu: Mobilfunkstandard - Kampf um 5G – Ausgerechnet bei der Zukunftstechnik droht Deutschland zurückzufallen

0 Kommentare zu "Mobilfunkstandard: Kampf um 5G – Ausgerechnet bei der Zukunftstechnik droht Deutschland zurückzufallen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%