Öffentlich-rechtlicher Rundfunk Die Sendung mit den Mäusen

Siebeneinhalb Milliarden Euro Rundfunkgebühren bezahlen die Deutschen im Jahr, beinahe so viel wie Kirchensteuer. Aus der Kirche indes können sie austreten, aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen bald nicht mehr. Dabei verschwendet das System schon heute viel Geld und wird seinem Auftrag oft nicht gerecht.
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Das ZDF leistete sich ein neues digitales Fernsehstudio in Mainz. Quelle: ap

Das ZDF leistete sich ein neues digitales Fernsehstudio in Mainz.

(Foto: ap)

nel/spr/hps DÜSSELDORF/MAINZ. Vor kurzem teilte das Kölner Verwaltungsgericht Axel Hofmann in einem offiziellen Brief mit, dass er seinen Kampf gegen den Fernsehmoderator Günther Jauch und ein wucherndes System verloren hat. Doch eigentlich schrieb der Richter nicht nur Hofmann. Mit dem Brief, in dem es heißt, dass „sog. Populäranträge“ ausgeschlossen seien, teilte das Gericht 80 Millionen Deutschen mit, dass jeder Widerstand gegen das Fernsehprogramm von ARD und ZDF zwecklos ist.

Nachdem die ARD vor einigen Wochen die Verpflichtung Jauchs für angeblich 10,5 Millionen Euro pro Jahr verkündet hatte, klagte Hofmann, ehedem mit dem angesehenen Grimme-Preis ausgezeichneter Redakteur des WDR, gegen diese „Verschwendung von Gebührengeldern“, die für ihn nur eines von vielen Beispielen ist. Er fragte sich, ob ARD und ZDF ihr Geld noch wert sind.

Die Frage ist heute berechtigter denn je, denn seit Jahren steigen ihre Einnahmen. Allein 2010 überweisen die Deutschen 7,604 Milliarden Euro Gebühren, beinahe so viel wie die 9,3 Milliarden Euro, die sie den beiden großen Kirchen an Steuern bezahlen. Aus der Kirche können sie indes austreten, aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird das bald nicht mehr möglich sein.

Die für den Rundfunk zuständigen Bundesländer wollen die bisherige Gerätegebühr abschaffen. Ab 2013 soll jeder Haushalt zahlen, egal ob es darin einen Fernseher gibt oder nicht. ARD und ZDF kommt das sehr entgegen, seit die Zahl der Leute, die sich von den Gebühren befreien lassen, steigt.

Dabei fließen die vielen Milliarden heute schon in unsinnige und fragwürdige Kanäle: in Millionengehälter von Bundesliga-Fußballern, in Technik, die kaum jemand nutzt, in fünf Chöre, vier Big Bands, elf ARD-Orchester, in neun Regionalsender, die fast rund um die Uhr senden, in 64 Radioprogramme, in Schlagerpartys und eine illustre Reihe neuer Sparten-Sender, die quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Der WDR betreibt am Kölner Dom sogar ein Einkaufszentrum in bester Innenstadtlage.

In den Paragraph 11 des Staatsvertrages für Rundfunk und Telemedien, das Grundgesetz von ARD und ZDF, hatten deren Gründer einmal geschrieben: Sie haben „der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Sie haben Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten.“

Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung – das ist die Reihenfolge im Gesetz. Mit der Wirklichkeit der Programme hat das nicht mehr viel zu tun. Wenn es ums Geldausgeben geht, interessieren sich die Sender mehr für den Musikantenstadel als fürs Parlament. Für seine Berichterstattung über die gesamte deutsche Politik beispielsweise gab das ZDF 2009 laut Haushaltsplan 14 Millionen Euro aus, für die über Wirtschaft sieben, aber allein für die Bewerbung ihrer Unterhaltungssendungen neun Millionen Euro.

Doch wer mehr wissen und der Spur der Milliarden folgen will, um zu erfahren, was genau mit ihnen passiert, der bekommt kaum genaue Antworten darauf. Was beispielsweise die Auftritte eigentümlicher Musikanten beim Sommerfest der Volksmusik im Vergleich zu politischer Berichterstattung kosten, verraten die Manager der Öffentlich-Rechtlichen nicht. Sie sind in Wirklichkeit die Heimlich-Unersättlichen, Herren eines intransparenten Systems aus 24000 Mitarbeitern, das nach Umsatz der drittgrößte Medienkonzern Europas ist.

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17 Kommentare zu "Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: Die Sendung mit den Mäusen"

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  • Schuld ist der feige deutsche Michel!
    Würden die Bürger mehrheitlich diese Zwangsgebühr verweigern - was dann?
    Wollten die 43 Mio. Haushalte verklagen?

  • Sehr guter und super interessanter Artikel!
    Ein Aspekt, den der Autor meiner Meinung nach anspricht aber nicht hinterfragt ist: Warum unterwirft sich denn der ÖR dem Quotendiktat? Wäre hier nicht ein möglicher Ansatzpunkt für die Verantwortlichen? ist diese Art der Erfolgskontrolle nicht kontraprodutiv?

  • Jeder soll gucken was er will. Wenn man aber nicht will, soll man auch nicht zahlen müssen.
    ich habe keine Lust für das Sommer/was-auch-immer-Fest der Volksmusik, Musiker bei Wetten dass (die einen großen Teil der Sendezeit ausmachen), das Musikantenstadl oder anderes Geld zu zahlen.
    Und die privaten Sender haben auch gute informationen. beispiele:
    Sat.1: Spiegel TV, Akte 10
    N24: Kronzuckers Kosmos, N24 Wissen, diverse weitere Dokumentationen, die jeweils einen eigenen Titel haben (z.b. Hochsicherheitsgefängnisse, Verliebt in den Führer - Eva braun (Hitler, wie er privat war), Germania - Hitlers Größenwahn - eine information zu dieser interessanten Dokumentation findet sich hier: http://www.das-tv-programm.de/fernsehen/2419891200/Germania--Hitlers-Gro-enwahn-Hitlers-Gro-enwahn.html )

  • Wie mir scheint, haben wir hier wieder einen klassischen Fall von ÖR-bashing. Denn die Probleme, die zweifelsohne bestehen werden mit Fragen der Grundversorgung (die wie von ihnen beschrieben durch das Rundfunkrecht festgelegt sind) vermischt.

    Natürlich werden Millionen in Lizenzen z.b. von Fußballspielen investiert. Geht man davon aus, dass mit Sportereignissen die höchsten Quoten erzielt werden, und nebenbei außerdem eine breite bevölkerungsschicht angesprochen wird, dann frage ich mich schon, ob nicht dies ein elementarer bestandteil der Grundversorgung ist. Darüber lässt sich aber natürlich trefflich streiten. Die ÖR jedenfalls stehen vor folgendem Problem:

    Entweder, sie bieten nur einen absoluten Grundstock an info, bildung, Kultur, etc. (was aber politisch offensichtlich nicht gewollt ist), oder sie machen konkurrenzfähiges Programm (das Geld kostet) und sind damit gezwungen, der Quote nachzurennen, da sie sonst keinerlei Legitimation für ihr Handeln vorweisen können. Die Grundversorgungsthematik begründet letztendlich (leider) auch, warum ein Florian Silbereisen zur besten Sendezeit singend durchs ZDF spuken darf: Schließlich gehören auch die Rentner zu unserer Gesellschaft und die Quoten von Musikantenstadl und Konsorten stimmen nunmal (dank der Rentner).

    Was ich damit zeigen will, ist, dass es schwierig ist, für eine dermaßen heterogene Masse wie den deutschen TV-Zuschauer eine "Grundversorgung" herzustellen, die allen bedürfnissen gerecht wird.

    Was aber sicherlich richtig ist, und das möchte ich unterstreichen, ist eine stärkere Transparenz der Finanzierung einzelner bereiche des ÖR, die unbedingt geschaffen werden muss. Da zeigt sich der ÖR allerdings vielen anderen (staatlichen od. halbstaatlichen bzw. non-profit-) Organisationen ebenbürtig.

  • Das nicht mehr genau zu beziffernde Angebot; 100 Fernshekanäle, 200 Radikanäle und 1000 Digitalkanäle (PS: ich weiß es nicht genau, weil ich kein Fernsehen und Radio höre) haben mit einer Grundversorgung, welche nach dem ii. WK eine "unabhängige politische Meinungsbildung" sichern sollte nichts zu tun. Unabhängig kann man auch getrost löschen, da es bei allen wirtschaftlichen Fragen/Problemen (bundesbank, EU, usw.) ohne Mitgliedsausweis keine Karriere gibt (sieh auch DDR / SED / blockflöten).

    Die bundesregierung wird hier die nächste Lunte für eine Vergrätzung der Wähler liefern, wenn alle verstanden haben, worum es genau geht.

    Jeder muß zahlen, ob er das Programm nutzt oder nicht. Man kann die "Abgabe" auch Rundfunksteuer nennen, da der politische Einfluß nicht mehr zu leignen ist wie wir ja bei vielen Problemen im Moment sehen. Die ehemaligen DDR-bürger erleben wohl gerade ein Déjá-vu und die ehemaligen bRD-bürger haben wohl das Gefühl übernommen worden zu sein.

    Als ob es in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten nichst wichtigeres gibt als den ÖR die Einnahmenseite noch komfortabler zu gestalten und den bürgern höhere Abgaben zu bescheren.

    "Stars" werden durch den ÖR aufgebaut, dann verschwinden die ÖR-Stars für höhere Gagen zu den Privaten und wenn sie dort verbraten sindkommen sie wieder zum Staatsfernsehen gekrochen oder werden noch durch attraktive Gagen "gelockt".

    Der Vergleich der Gagen der Senderchefs mit den Privaten war schon ein Hohn. Wie kann man nur die Verantwortung für den WDR (läuft doch eh immer so weiter) mit Sat1Pro7 vergleichen? Der Vergleich ist doch absurd, da dort ständig Erfolgskontrollen stattfinden und den Aktionären Rechenschaft abgelegt werden muß. beim WDR auch? Und dann verdienen die noch mehr als eine FDJ-Kanzlerin, die Höhe schlechthin. Da hat man schon das Gefühl, dass die "Mächtigen" von den Senderchefs abhängig sind.

    in Deutschland wird eh bald das Licht ausgeknippst und wenn die sich mit der Steuer nicht beeilen, dann hat sich das Problem von alleine erledigt.

  • "Ein Vergleich mit anderen Ländern (mit allen Vor- und Nachteilen) wäre mit sicherlich sehr Aufschlussreich"

    Üblich ist, daß Staatsrundfunk steuerfinanziert wird. Damit tragen diejenigen, die ihn mehr beeinflussen, die Reicheren und besserverdienenden des Landes, mehr zu ihm bei.

    in Deutschland mit der Haushaltsabgabe geht es im Vergleich mehr zu Lasten der Kleinverdiener, über die in eben diesem von ihnen finanzierten Fernsehen nur abfällig geredet wird.

    Da ältere Menschen mehr fernsehn gucken, ist das auch nicht dem Nutzungsverhalten angepasst.

    Unsere benachbarten Länder, die Abgaben haben, die Österreich, Schweiz, Schweden, sind teurer, zumindest pro Sender, allerdings auch kulanter was das Eintriben dieser Abgaben anlagt.

    Die GEZ ist in ihrer kriminellen Anmassung "Sie haben zwar keinen, könnten sich aber einen geeigneten Fernseher kaufen, also zahlen sie jetzt" einzigartig.

  • ich schließe mich Kommentator #10 an. interessant wäre dabei auch das die ÖR hierzulande ein attraktives Pay-TV wie etwa in Frankreich oder Gb durch die horrenden Gebühren verhindern.

  • Ein sehr wichtiges Thema das hier aufgegriffen wird. Es sollte über eine längeren Zeitraum weiter verfolgt werden. Es geht mir hier nicht um die Abschaffung sinnvoller beiträge, sondern vielmehr darum, deutlich zu machen, wo der Staat seine Machtgrenzen überschreitet.... und dieses ist hier meines Erachtens in selbstherrlicher Weise der Fall. Ein Vergleich mit anderen Ländern (mit allen Vor- und Nachteilen) wäre mit sicherlich sehr Aufschlussreich.

  • Es kann schon seit langem kaum klarer sein,
    das hier etwas mächtig schief läuft und der ÖR seine Pflichten rigoros verletzt.
    Ein wirklich guter Artikel, sachlich und ohne Polemik wird alles auf den Punkt gebracht.
    Ab 2013 sind wir also - wenn wir es für nötig halten einen Wohnsitz in Deutschland zu haben - gezwungen von unserem Lohn Abgaben für Silbereisenstadl, GeldmachtLiebe, laue Sportmoderatoren und Fußballmillionäre zu leisten?
    Und wenn ich sehen will was dem Auftrag des ÖR entspricht könnte ich ja den nächsten Tag frei nehmen und nachts TV sehen?
    Auch wenn klar ist das man verliert - ich glaube diesmal lasse ich es drauf ankommen, es geht wirklich ums Prinzip.

  • Nett gewählte Überschrift, gute Einleitung.

    Wenn jeder bürger im Monat 2.50 statt 17.50 zahlen müsste, wäre die Kritik an der GEZ nicht so gross und man würde gar für die Ferienwohnung extra zahlen. Auch hätte niemand was dagegen, wenn statt 23 öffentlich-rechtlichen Sendern nur 3 auf meiner Fernbedienung wären die nur die besseren Sendungen bringen und sich ständige Widerholungen sparen, aber das Geld steht in keinerlei Verhältnis zur Leistung: ich kann in meinem lokalen Kino damit jede Woche einen aktuellen Kinofilm gucken, und bekommen einen beheizen Kinsosessel dazu.

    Klar, dann müssen 90% der Sesselfurzer im ÖR gehen, die altgedienten Parteikollegen die man dorthin abschiebt.

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