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Öffentlich-rechtlicher Rundfunk Tom Buhrow will die ARD ostdeutscher machen – und stößt auf Widerstand

Im Gespräch ist ein Umzug der Degeto an den MDR-Standort Leipzig. Die Bereitschaft der ARD-Filmtochter dazu ist aber offenbar gering. 
01.03.2020 - 11:11 Uhr Kommentieren
„Wir müssen weiter am Gleichgewicht zwischen Ost und West arbeiten.“ Quelle: dpa
ARD-Vorsitzender Tom Buhrow

„Wir müssen weiter am Gleichgewicht zwischen Ost und West arbeiten.“

(Foto: dpa)

Wien Der seit Jahresbeginn amtierende ARD-Vorsitzende und WDR-Intendant Tom Buhrow hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt. Der frühere „Tagesthemen“-Moderator will Deutschlands größte Rundfunkanstalt ostdeutscher machen. Nach jahrelangen Diskussionen um die Verlagerung von ARD-Gemeinschaftseinrichtungen, intern GSEA genannt, in die neuen Bundesländer, sollen jetzt endlich Taten folgen.

„Wir müssen weiter am Gleichgewicht zwischen Ost und West arbeiten. Seit Jahren überprüft die ARD auch dahingehend ihre gesamten Strukturen“, sagte Buhrow dem Handelsblatt. „Wenn man sich die Landkarte der Gemeinschaftseinrichtungen der ARD anschaut, sind wir mit diesen sogenannten GSEAs in den ostdeutschen Bundesländern zu wenig vertreten und müssen dort präsenter sein. Der Verantwortung sind wir uns bewusst.“

Seit Jahrzehnten schaut der für die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verantwortliche MDR weitgehend in die Röhre. Von den 50 Gemeinschaftseinrichtungen der ARD befinden sich derzeit 49 in Westdeutschland. Im Osten gibt es bislang nur den in Erfurt angesiedelten Kinderkanal (Kika). „Das Verhältnis von 49 Gemeinschaftseinrichtungen im Westen zu einer im Osten geht nicht mehr“, kritisierte ein Vertrauter des ARD-Vorsitzenden.

Es gilt als offenes Geheimnis, dass auch die sächsische Regierung unter Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) auf eine andere Politik drängt. Buhrow suchte deswegen bereits vor seinem Amtsantritt als ARD-Vorsitzender das Gespräch mit Kretschmer.

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    Gerade in Ostdeutschland sieht sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk scharfer Kritik ausgesetzt. Insbesondere die AfD greift dort ARD und ZDF immer wieder an. Aber auch aus dem konservativen Lager kommt mittlerweile Protest. Erst vor kurzem hatte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Rainer Haseloff (CDU) Buhrow aufgefordert, sein Gehalt an die deutlich niedrigeren Bezüge des Bundespräsidenten anzupassen. Der WDR beschäftigt über 4000 festangestellte Mitarbeiter, sowie mehr als 10.000 feste Freie Angestellte und ist mit Gesamteinnahmen von jährlich 1,4 Milliarden Euro die größte ARD-Anstalt.

    Die fehlende Unterstützung der ostdeutschen Länder könnte für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk jetzt zum Problem werden. Denn um die von der Finanzkommission KEK empfohlene Erhöhung der monatlichen Rundfunkgebühren von derzeit 17,50 auf 18,36 Euro ab dem kommenden Jahr durchzusetzen, brauchen ARD, ZDF und Deutschlandradio die Zustimmung in den Landtagen aller 16 Bundesländer – ausnahmslos.

    Eine Erhöhung des Rundfunkbeitrages ist aber gerade in Ostdeutschland heftig umstritten. DIe Teilverlagerung einer prominenten ARD-Institution wie der Degeto nach Leipzig wäre daher eine wichtige politische Geste.

    Am 12. März soll die Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin beschließen, ob sie der Gebührenerhöhung zustimmen will. „Es ist allen Ministerpräsidenten klar, dass es zu einer Beitragserhöhung kommen muss“, sagte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, Malu Dreyer (SPD), zuletzt.

    Die Filmtochter Degeto mit einem Etat von rund 400 Millionen Euro könnte mit einer teilweisen Verlagerung nach Leipzig ein Leuchtturmprojekt für die ARD werden, sich stärker in Ostdeutschland zu verankern. Seit Jahrzehnten ist der Produzent von Serien und Filmen („Babylon Berlin“, „Terror“, „Unsere wunderbaren Jahre“) beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt angesiedelt. Innerhalb der ARD fungiert aber MDR-Chefin Karola Wille als Filmintendantin.

    Degeto-Mitarbeiter sind kritisch

    Die Widerstände der Degeto gegen einen Teilumzug nach Leipzig sind nach Angaben von ARD-Insidern jedoch gewaltig. Aber Buhrow macht Druck. „Entsprechende Überlegungen zu Verlagerungen sind also ein ganz normaler Vorgang, auch in Bezug auf die Degeto“ sagte Buhrow. „Eine Komplettumzug ist aber nicht geplant“, beschwichtigt der ARD-Vorsitzende.

    Noch vor seinem Amtsantritt im Herbst hatte Buhrow in seiner Funktion als WDR-Intendant einen Brief geschrieben. Darin setzte sich der frühere Korrespondent kritisch mit ARD-Gemeinschaftssendungen, -einrichtungen und -aufgaben auseinander. Unter die GSEAs fallen neben der Degeto in Frankfurt auch ARD-Töchter wie der Beitragsservice in Köln und ARD-Aktuell in Hamburg.

    In erster Linie geht es Buhrow darum den öffentlich-rechtlichen Rundfunk besser in Ostdeutschland zu verankern. Ziel ist aber auch durch eine Verschlankung der Einrichtungen Geld zu sparen.

    Die Degeto fühlt sich am Standort Frankfurt allerdings sehr wohl. „Das denkmalgeschützte Ensemble mit Wasserturm ist so gemütlich, dass da will wirklich keiner weg“, fasst ein ehemaliger Degeto-Mitarbeiter die Stimmung zusammen. „Die Bereitschaft, nach Leipzig zu gehen, ist 0,0“, bestätigt auch ein ARD-Insider.

    An der Sinnhaftigkeit einer Teilverlagerung wird bei der Degeto gezweifelt. „Das ist eine völlig absurde Idee, die nur 90 Mitarbeiter große Degeto zu trennen“, sagt ein früherer Mitarbeiter. Degeto-Chefin Christine Strobl wollte sich auf Anfrage zu ihrer Haltung eines möglichen Umzugs in den Osten nicht äußern.

    Die Produktionsfirma wird bereits seit 2012 von der Tochter des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble (CDU) geführt. Die Ehefrau des stellvertretenden Ministerpräsidenten in Baden-Württembergs Thomas Strobl, wechselte nach einem Finanzskandal unter ihrem Vorgänger Hans-Wolfgang Jurgan als Krisenmanagerin vom SWR in Baden-Baden zur Degeto in Hessen.

    Sie gilt auch als Anwärterin auf den Posten der ARD-Programmdirektorin als Nachfolgerin des 62-jährigen Volker Herres, der zuletzt seinen Vertrag um drei Jahre bis 2021 verlängert hatte. Auf eine Kandidatur für den Intendantenposten beim SWR verzichtete die 48-jährige Strobl zuletzt.

    Die Degeto hat für die ARD die sehr wichtige Aufgabe, Serien und Spielfilme zu produzieren sowie Lizenzen zu besorgen. Die GmbH ist der größte Auftraggeber für Film- und Fernsehproduktionen in Deutschland. 2018 gab die Degeto für die Programmbeschaffung 398 Millionen Euro aus.

    Der Gewinn nach Steuern betrug zuletzt 318.000 Euro. Die Produktionen der Degeto sind unter anderen bei ARD, in den Dritten Programmen, aber auch beim Kinderkanal, Arte, 3Sat oder Phoenix zu sehen.

    Die Degeto spielt für die künftige Entwicklung der ARD eine Schlüsselrolle. Denn deren Chefin Strobl will die produzierten Serien und Spielfilme sehr viel stärker auf das Streaming ausrichten, um die von der ARD dringend benötigten jungen Zuschauer wider zu gewinnen. „Es gibt Kinder und Jugendliche, die nicht mehr wissen, was die Öffentlich-Rechtlichen sind“, sagte die Degeto-Managerin zuletzt beim traditionellen Degeto-Empfang vor 900 Gästen auf der Berlinale.

    Mehr: Haseloffs Attacke auf Tom Buhrow ist billiger Populismus

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