Popkomm-Reportage Die Musikbranche lernt von Schwellenländern

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Robert Wawero versucht, Künstlern aus Ostafrika auch eine Basis in Europa zu verschaffen, jenseits der großen Namen, die afrikanische Musik seit Jahren in Europa dominieren. Drei der fünf Künstler seines Plattenlabels Penya touren derzeit durch Europa. "Europäische Produzenten haben eine feste Vorstellung, wie afrikanische Musiker aussehen müssen. Dabei gibt es so viele Subkulturen", sagt er. In Kenias Hauptstadt kennt er sogar Emos: Jugendliche, die sich ähnlich wie die deutsche Band Tokio Hotel die Augen mit Kajal schminken und sich emotional-nachdenklich geben. In Europa ist die Szene an schwarzgefärbten Haaren zu erkennnen. Diese Breite an neuen Trends will Wawero fühlbar machen: Unterstützt von Geldgebern, etwa aus den Niederlanden, nutzt er alle Auftrittsmöglichkeiten für seine Musiker, manchmal auch auf der Straße.

Musik im Netz nur noch gratis?

Dabei quälen die europäische Musikbranche ähnliche Probleme. Die Industrie mit noch 1,53 Mrd. Euro Jahresumsatz aus Musikverkäufen verliert seit Jahren Einnahmen, weil es die Musik kostenlos im Netz gibt. Eine schlagende Antwort drauf gibt es noch nicht. "Wir brauchen Runde Tische mit allen Beteiligten bis hin zur Politik", fordert Dieter Gorny, Ex-Viva-Chef und heutiger Vorsitzender des Verbands der Musikindustrie, lautstark, aber ratlos. "Man kann doch nicht ernsthaft verlangen, dass junge Künstler zehn Jahre nur durch die Clubs touren, um Geld zu verdienen", schimpft er. Die Vielfalt der Musik sei in Gefahr, wenn nur noch große Stars Geld mit Verkäufen verdienen können, die anderen aber auf Live-Erlöse vertröstet werden.

Der zweite prominente Provokateur der deutschen Musik-Business-Szene hält dagegen. Tim Renner, Ex-Universal-Chef und heute mit Motor Music als Musikmanager in Berlin aktiv, fordert "einen Paradigmenwechsel". "Du kannst deine Konkurrenz nur schlagen, wenn du besser bist als die Konkurrenz", sagt er und meint: Die Plattenfirmen sollen ihre Musik unmittelbar kostenlos ins Netz stellen - legal.

Geld verdient würde dann woanders. Die Ideen, die die Popkomm diskutiert, sind plötzlich den Strategien in Indien und Afrika nicht mehr so fremd. "Branded entertainment" ist eines der Schlagworte: Musik als Werbeplattform für Produkte. Oder Bandenwerbung in der Konzerthalle. Musikverkauf über neue Kanäle, etwa über mobile Flatrates, stellt ein Manager der Musikverkaufsplattform Napster vor. Und Peter Schwenkow, Chef des Berliner Konzertveranstalters DEAG verspricht steigende Umsätze mit Konzerten. Das Umsatzproblem der Branche ist jedoch bei der Popkomm unübersehbar: Der Flughafen Tempelhof ist wesentlich kleiner als die Berliner Messehallen, in denen die Branche schon vor zwei Jahren über die digitale Gefahr diskutierte. Selbst Universal Music, in einem protzigen Gebäude in er Nähe angesiedelt, ist im Flughafen-Terminal nur mit einem winzigen Tisch vertreten.

Was viele Musiker in der Krise fürchten, ist für die junge indische Musikerin Vashuda Realität. Mit Musik verdient sie längst nicht ihren Lebenunterhalt. Heute aber ist ihr das egal: Immerhin gibt es bei Popkomm und Music Week einiges an Musik zu entdecken. In einem nahe gelegenen Club spielt gleich eine junge Estin.

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