Privatsphäre-Einstellung Neue Datenpanne – Verlieren Facebook-Nutzer die Geduld?

Schon wieder sind Millionen Nutzer von Facebook Opfer einer Datenschutz-Panne geworden. Ein Vertrauensverlust mit langfristigen Folgen.
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Facebook: Wann verlieren die Nutzer die Geduld? Quelle: dpa
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Nach mehreren Datenpannen und Affären ist der Ruf des sozialen Netzwerks angekratzt: Die Nutzer verbringen weniger Zeit dort als früher.

(Foto: dpa)

DüsseldorfVor drei Wochen in Paris sah es so aus, als wäre die Anspannung von Mark Zuckerberg gewichen: Auf der Bühne und im Gespräch mit ausgewählten Journalisten wirkte der Facebook-Chef in T-Shirt, Jeans und abgewetzten Turnschuhen so, als sei der Datenskandal und die Debatte um Wahlbeeinflussung ausgestanden. Er plauderte über den Segen von künstlicher Intelligenz und warum sich Facebook als Partner der Europäer begreift.

Nur wenige Tage zuvor war das anders: Mit versteinerter Miene, blass und in dunklem Anzug, beantwortete er die kritischen Fragen von EU-Parlamentariern in Brüssel. Ob Zuckerberg sein gutes Gefühl von Paris mit zurück in die USA genommen hat, ist nicht bekannt. Vieles spricht aber dafür, dass es spätestens seit Donnerstag damit vorbei sein dürfte.

Denn da musste das größte soziale Netzwerk der Welt zugeben, dass durch eine Datenschutz-Panne im Mai mehrere Millionen Nutzer ihre Beiträge möglicherweise ungewollt mit der ganzen Welt geteilt haben – statt nur mit Freunden. Dem Online-Netzwerk zufolge könnten 14 Millionen Mitglieder von der Panne betroffen sein. Der Patzer fällt in eine Zeit, die manch ein Beobachter schon als Facebooks „Annus horribilis“ (zu Deutsch: schreckliches Jahr) bezeichnete.

Altlasten wie unkontrollierte Hassreden und die Debatte um Fake News waren noch nicht aus der Welt geräumt, da folgte die Entdeckung, dass die Plattform zum Verbreiten von Propaganda im US-Wahlkampf 2016 missbraucht wurde.

Darauf folgte der Datenskandal um Cambridge Analytica. In dieser Woche waren es dann direkt drei Meldungen, die das Netzwerk zurück in die Negativschlagzeilen brachte: So sorgte ein Bericht der „New York Times“ über den von Facebook ermöglichten Datenzugang für chinesische Hardwarehersteller wie Lenovo oder Huawei für Ärger – auch von Seiten der US-Politik.

In Europa verunsicherte ein EUGH-Urteil die Bertreiber von Facebook-Seiten. Und jetzt auch noch die Bekanntgabe der Datenpanne. Lange Zeit schien all der Ärger an dem Digitalimperium aus Menlo Park abzuperlen. Doch im Zuge immer neuer Pannen und Enthüllungen stellt sich die Frage, ob und wann die Nutzer dem Netzwerk den Rücken kehren.

Die politische Meinung, das Bild vom letzten Urlaub, die Liebeserklärung an den Partner – vielen Mitgliedern des Freundesnetzwerks ist es ein Anliegen, diese Einblicke nur einem kleinen Kreis von Freunden mitzuteilen. Doch die Beiträge von Millionen Nutzern, denen diese Beschränkung wichtig war, könnten für jeden sichtbar gewesen sein.

Die Panne ist perfekt. Sie geschah bei der Arbeit an einer neuen Funktion, wie Facebook in der Nacht zu Freitag erläuterte. Das System schaltete die Privatsphäre-Einstellung im Hintergrund auf „alle“ um. Die betroffenen Nutzer könnten dabei aber davon ausgegangen sein, dass die Beiträge wie gewohnt nur in einem engeren Kreis geteilt werden – denn sie hatten ja nichts daran geändert.

Nun korrigierte Facebook den Empfängerkreis der in diesem Zeitraum geposteten öffentlichen Beiträge wieder auf den Stand der Voreinstellung vor Auftreten des Softwarefehlers. Die betroffenen Nutzer werden informiert, auch Deutsche sollen laut dem Unternehmen betroffen sein. Erst nach zehn Tagen sei der Fehler behoben worden.

Facebook will Fehler transparenter machen

Facebook betont, dass keine bereits erstellten Beiträge oder private Nachrichten auf öffentlich umgestellt wurden. Die zuständige Datenschutz-Chefin Erin Egan sagte gegenüber US-Medien, Facebook versuche, nach der Kritik am Umgang mit dem Datenabfluss an Cambridge Analytica transparenter über Fehler zu informieren.

Cambridge Analytica oder Fake-News-Debatte zum Trotz: Facebook wächst kontinuierlich. So stieg der Umsatz im ersten Quartal 2018 auf über 11,96 Milliarden US-Dollar, bei den Nutzern knackte das Unternehmen bereits im vergangenen Jahr die Marke von zwei Milliarden.

Noch lassen sich die Mitglieder des Netzwerks nicht beirren: So fragte der Düsseldorfer Marktforscher Innofact im April in einer Erhebung, ob die Befragten ihren Umgang mit Facebook ändern würden. Rund 53 Prozent antworteten damals im Schein des Skandals um Cambridge Analytica, sie würden das Netzwerk nach wie vor nutzen.

Zuckerberg vor EU-Parlament: „Werde Antworten schriftlich nachreichen“

Auch eine Umfrage der Jugendzeitschrift Bravo und des Marktforschers Yougov unter Jugendlichen kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Zwar war den Befragten Datenschutz wichtig, aber immerhin 38 Prozent gaben an, der Änderung der Nutzungsbedingungen im Zuge der Datenschutzgrundverordnung zugestimmt zu haben, ohne sie zu lesen. Immerhin 16 Prozent meinten, dass sie die Änderung nicht gelesen hätten, weil sie Diensten wie Instagram, Facebook oder Snapchat vertrauen würden.

Doch gerade die Sache mit dem Vertrauen ist eine fragile Angelegenheit, meint Christian Thunig, Markenexperte und Partner beim Marktforscher Innofact: „Die Marke Facebook leidet unter den jüngsten Skandalen und Pannen – und das beschädigt auch das Vertrauen der Nutzer.“

Schon jetzt zeige sich, dass Menschen sich zwar nicht abmeldeten, wohl aber weniger Zeit auf der Plattform verbrächten, erklärt Thunig: „Und das ist ja entscheidend für die Werbekunden – je länger Nutzer auf der Plattform verweilen, desto besser sind sie durch Werbung zu erreichen.“

Thunig verweist auf eine Untersuchung der Markenberatung Prophet, nach der rund 80 Prozent der Befragten misstrauisch gegenüber Facebook seien. „Das ist ein wenig wie mit dem Plastikmüll: Noch konsumieren wir alle fleißig, obwohl wir darum wissen, dass es besser wäre, es nicht zu tun. Wir haben noch keine Alternative.“

Auch Stefan Heumann, Vorstandsmitglied des Think Tanks „Stiftung Neue Verantwortung“, glaubt, dass sich das Vertrauensproblem eher langfristig auf Facebook auswirken werde: „Nutzer werden weniger Intimes dort posten und dafür eventuell auch auf andere Plattformen wechseln, denen sie mehr vertrauen. Die Nutzerzahlen von Facebook werden zwar nicht sinken, aber Facebook wird weniger intime Informationen über seine Nutzer sammeln können.“ Das werde dann auch Auswirkungen auf die Möglichkeiten zum Profiling und gezielter Werbeausspielung haben, glaubt der Medienforscher: „Das trifft damit auch langfristig den Kern des Geschäftsmodells.“

Doch noch scheinen auch die Analysten keine Sorge zu haben: Der Aktienkurs fiel im Zuge der Enthüllungen um Cambridge Analytica zwar auf ein bisheriges Jahrestief von knapp 122 US-Dollar, stieg dann aber Anfang Juni bis auf einen Höchstwert von 166 US-Dollar. Bislang halten auch die Werbekunden bis auf wenige Ausnahmen dem Netzwerk die Treue – auch weil es schlicht keine Alternative gibt, die eine derartig gezielte Ansprache eines so großen Publikums möglich macht.

Zudem tut Facebook alles, um seine Nutzer dauerhaft an sich zu binden: In dieser Woche gab der Konzern bekannt, dass künftig Nutzer ihre Videos mit Musik unterlegen können sollen. Dafür hatte das Unternehmen mit Vertretern der Musikindustrie über entsprechende Lizenzen verhandelt.

Eine Karaoke-Funktion für Videos soll zudem junge Nutzer von Plattformen wie Snapchat oder Musical.ly weglocken. Für die Videosparte des Netzwerks bestellt Facebook Inhalte von CNN, ABC oder Fox-News. Die Idee des „Walled Gardens“ , also einer Welt, in der Nutzer alles finden und deshalb lange verweilen, hat Zuckerberg noch lange nicht aufgegeben.

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