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Projekt „Dragonfly“ Plan für „Zensurmaschine“ in China entsetzt die Google-Mitarbeiter

Das Google-Motto lautete einst „Don't be evil“. Viele Mitarbeiter sehen nun in den Plänen für eine zensierte App in China diese Prinzipien in Gefahr.
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Google-Projekt Dragonfly: Mitarbeiter entsetzt über China-App  Quelle: Bloomberg
Sundar Pichai

Ein Comeback der Suchmaschine in China wäre sein bisher mutigster Schritt und würde dem Konzern seinen Stempel aufdrücken.

(Foto: Bloomberg)

San Francisco, HongkongFür viele Google-Mitarbeiter kam die Nachricht überraschend: Laut Medienberichten entwickelt ihr Arbeitgeber eine spezielle Suchmaschinen-App für China – inklusive Zensur. Das Projekt mit dem Codenamen „Dragonfly“, in das angeblich nur wenige Teams und Manager eingeweiht sind, hat eine flammende Debatte bei dem Internetriesen ausgelöst.

Dabei kommt der Schritt nicht völlig unerwartet. Sundar Pichai, der den Konzern seit 2015 leitet, hat kein Hehl daraus gemacht, dass er Google zurück in die Volksrepublik führen will. 2010 hatte sich der Suchmaschinenriese aufgrund der Zensur aus dem Land zurückgezogen.

Google-Chef Pichai hat in den vergangenen Jahren in chinesische Firmen investiert, sich mit Spitzenpolitikern getroffen und die Pläne vorangetrieben, die Google-Technologien für künstliche Intelligenz in dem Land zu verbreiten. Aber ein Comeback der Suchmaschine in China wäre sein bisher mutigster Schritt und würde dem Konzern seinen Stempel aufdrücken.

Larry Page und Sergey Brin hatten Google gegründet, um die „Information der Welt zu organisieren und sie universell verfügbar zu machen.” Firmenmotto war lange Zeit „Don’t be evil” – „Sei nicht böse”. China galt ihnen als Bedrohung für die Freiheit des offenen Internet.

2010 hatte Brin, heute Präsident der Google-Holding Alphabet, in einem Interview gesagt, die Zensur und Überwachung in China hätten „dieselben Merkmale des Totalitarismus” wie in der Sowjetunion, wo er geboren wurde.

Sundar Pichai dagegen sieht das Land als Nährboden für Entwicklertalente und als verlockenden Markt. Sein Führungsstil kommt dabei nicht bei jedem im Konzern gut an. Wenige Stunden, nachdem das China-Projekt bekannt wurde, kritisierten mehrere Mitarbeiter die Pläne vertraulich.

Mitarbeiter mit ethischen Bedenken wurde versetzt

Der Finanzdienst Bloomberg zitiert zwei Angestellte, die den Vergleich zum „Project Maven” zogen – ein KI-Auftrag für das Pentagon, der in diesem Jahr intern für große Unruhe gesorgt hatte. Google verlängert den Vertrag nun nicht.

Ein weiterer Mitarbeiter, der frühe Prototypen für die chinesische Such-App gesehen hat, bezeichnete sie als „Zensurmaschine“. Die Menschen würden darauf vertrauen, dass Google korrekte Informationen teile – Dragonfly sei ein Verrat daran.

Ein Angestellter wurde sogar in eine andere Abteilung versetzt, weil er ethische Bedenken bei dem Projekt hatte, berichtet Bloomberg unter Berufung auf eine interne Nachricht. Ein Manager habe darum gebeten, Details zu der App vertraulich zu halten, damit die Öffentlichkeit nicht informiert werde.

Google erklärte am Mittwoch, man kommentiere „Spekulationen über zukünftige Pläne” nicht. Chinesische Staatsmedien bezeichneten die Berichte als unwahr, schrieb am Donnerstag die Zeitung „Securities Daily“ unter Berufung auf „relevante Abteilungen“.

Einige Google-Mitarbeiter äußerten auf internen Plattformen aber auch Zustimmung für das Projekt. Bei der Mission, die Information der Welt zu organisieren, sollte China nicht ausgelassen werden, schrieb ein Angestellter. Ein weiterer erklärte, ein China-Boykott würde an der Politik in Peking nichts ändern und „keinen positiven Wandel“ befördern.

Ein Mitarbeiter in China beklagte, dass sämtliche Google-Dienste im Land derzeit nicht verfügbar sind. „Als ein chinesischer Bürger ist es demotivierend, für ein Unternehmen zu arbeiten, zu dem meine Eltern und Verwandten keinen Zugang haben.“

Dragonfly ist auch ein großes Thema auf Memegen, einer internen Fotoplattform bei Google, die als Stimmungsbarometer gilt. Ein Beitrag zitierte das Google-Motto „Stelle den Nutzer an die erste Stelle“ und erweiterte es mit dem Zusatz „Chinesische Nutzer ausgeschlossen, da wir mit eurer Regierung nicht einverstanden sind.“

Konzernchef Pichai hat sich noch nicht direkt zur Zensur in China geäußert. Aber er und sein Team erwähnen oft die globalen Ambitionen Googles. Diane Greene, die für das Cloud-Geschäft zuständig ist, sagte in der vergangenen Woche in einem Interview zum Thema China: „Wir wollen eine globale Cloud. Die Nutzer wollen, dass wir eine globale Cloud sind.“

Der chinesische Markt hat sich gewandelt

Im März hatte Pichai das kurz zuvor eröffnete KI-Labor des Konzerns in Peking besucht und erklärt, er freue sich darauf, die Forschung dort auszubauen. Zwei Jahre zuvor hatte er bei einer Konferenz gesagt, Google sei „für jeden“ da. „Wir wollen in China sein und den chinesischen Nutzern dienen.”

Die Suchmaschine ist dabei nicht der einzige Weg, um die Präsenz in China auszubauen. Google entwickelt laut einem Bericht des Portals „The Information“ eine Nachrichten-App, die den Zensurbestimmungen des Landes unterliegt.

Aber selbst wenn die Google-Suche jetzt in China an den Start ginge, wäre unklar, ob sie überhaupt genutzt würde. Seit dem Rückzug im Jahr 2010 dominiert Konkurrent Baidu die klassische Internetsuche. Die Chinesen nutzen außerdem verstärkt spezifische Apps, wie etwa Meituan für Restaurants, Alibaba für Online-Handel, Toutiao für Nachrichten und WeChat für fast alles andere.

„Während Google blockiert war, hat sich der chinesische Markt weiterentwickelt”, sagt Brock Silvers, Geschäftsführer von Kaiyuan Capital in Schanghai. „Google mag jetzt seine Prinzipien beiseiteschieben, um Zugang auf den chinesischen Markt zu bekommen – aber sie werden ihn wohl kaum beherrschen.“

Pichai arbeitet wahrscheinlich seit Jahren an der Rückkehr nach China und setzt dabei auf Partnerschaften. So gibt es eine langfristige Patent-Partnerschaft mit dem Internetkonzern Tencent, Eigentümer von WeChat. Google hat ein Spiel exklusiv für WeChat entwickelt und 550 Millionen Dollar in die E-Commerce-Plattform JD.com investiert.

Trotzdem bleibt die Beziehung zwischen den US-Konzernen und China schwierig, nicht zuletzt wegen dem Handelsstreit. Facebooks jüngster Versuch, ein Innovationslabor zu starten, wurde zurückgewiesen. Qualcomm sagte den größten deal der Chipbranche ab, weil die chinesischen Wettbewerbsbehörden nicht zustimmten.

Die Behörden in Peking dürften daher auch eine Rückkehr von Google vom politischen Klima abhängig machen, sagt Politikberater Charles Mok aus Hongkong. „Alles, was mit großen amerikanischen Unternehmen zu tun hat, hängt jetzt auch mit dem Handelskrieg zwischen den USA und China zusammen.“

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