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Risikokapital SAP: Von Löwen und Lämmern

Eine Krise bietet Chancen, gerade im Silicon Valley. Wie die kleine Risikokapitalgruppe von SAP nach Schnäppchen jagt, um Konkurrent Oracle ein Schnippchen zu schlagen. Sie fahnden nach Ideen von Startups, die unter dem Schirm von SAP aufblühen könnten. Jetzt, in tiefster Krise, schlägt ihre Stunde.
In Silicon Valley ist SAP derzeit auf Schnäppchensuche. Quelle: ap

In Silicon Valley ist SAP derzeit auf Schnäppchensuche.

(Foto: ap)

PALO ALTO. Ausgerechnet an diesem Dienstag lässt sich der Berglöwe nicht blicken. Regelmäßig schaut der nämlich auf dem SAP-Anwesen an der Hillview Avenue vorbei und sorgt für Unruhe. Die Tüftler des Softwarekonzerns wirken anziehender auf das Raubtier als die Studenten der nahen Stanford-Universität. Und der manikürte Rasen ist treffliches Terrain für den schwarzen Sprinter aus den Hügeln von Palo Alto, der Gegend, in die auch Larry Ellison, der Chef des großen SAP-Konkurrenten Oracle, seine Villa gepflanzt hat.

Doch heute riecht es auf dem SAP-Campus nicht länger nach Beute, Fang und Fraß. Sondern nach Krise. Nach schlechter Laune. Auch im Silicon Valley grassiert die Pest der Rezession. Kein Land für alte Berglöwen.

Im Konferenzsaal der Zweigstelle des Walldorfer Weltunternehmens zelebriert Aviram Branitzky sein "Townhall Meeting". Sind alle SAPler erschienen, wohnen bis zu 2000 Angestellte dieser profanen Messe bei. Jahrelang zelebrierte Branitzky, Managing Director von SAP, seine Show mit Vergnügen, klang es auf den weißen Klappstühlen doch stets nach "Oh, Happy Day" - wie überall im Silicon Valley.

An jenem Dienstag vor einigen Wochen war alles anders. Die Angestellten haben gerade erfahren, dass weltweit 3000 SAPler gehen müssen. Wer von ihnen muss dran glauben? Aus Erfolgreichen werden Betroffene. Nun sollen sie die Beute sein, gejagt von der Bestie Rezession.

Ihnen kann doch keiner was, hatten viele im Silicon Valley lange gedacht. Bis der Herbst kam. Das vierte Quartal war auch für SAP höchst unfreundlich. Nun gilt es an der Hillview Avenue, alte Buchhalterei mit strikter Ausgabenbegrenzung zu beherzigen, Personal abzubauen, Gehälter zu begrenzen. Rennen müssen sie - so als stünde der Berglöwe schon mit aufgerissenem Maul vor ihnen.

Allein sieben Männer bleiben beim Treffen der SAP-Gemeinde gelassen. Sie gehören zur Venture-Group von SAP. Sie werden dafür bezahlt, mit einem Jahresetat von 25 Millionen Dollar zukünftige Gewinne zu akquirieren. Nicht nur materielle. Möglichst schnell und aktuell sollen sie den Markt scannen, Trends entdecken und für SAP sichern. Sie fahnden nach Ideen von Startups, die unter dem Schirm von SAP aufblühen könnten.

Jetzt, in tiefster Krise, schlägt ihre Stunde. "Krisenzeiten wie jetzt sind die besten Zeiten. Da machen wir die besten Deals", sagt Nino Marakovic. Der gebürtige Kroate hat bei Morgan Stanley und Goldman Sachs gearbeitet, war Partner von Risikokapitalfirmen wie Draper Fisher Jurvetson und IVF Ventures.

Marakovic ist der Chef der SAP Venture Group. "Nein, nein!", sagt er. "Wir sind nicht die Übergescheiten mit den cleversten Visionen, die mit ihrem Super-IQ, die alles besser verstehen als andere." Ihre Stärke sei SAP, sagt Marakovic und meint die weltweite Vernetzung zwischen Walldorf, Boston, Silicon Valley, Indien und Israel, im SAP-Jargon das "Ecosystem". Was auch immer an Investitionen und Entscheidungen ansteht: Das ganze globale Räderwerk denkt stets mit.

Durch diese viellinsige SAP-Brille durchleuchten Marakovic & Co. 700 bis 800 Unternehmen pro Jahr. Alle Firmen werden bis ins Budget für Dienstwagen, Sekretärinnen und Geschäftsessen observiert. Ausgabenkontrolle! Viele Startups fühlen sich entmündigt - aber sie haben keine Wahl, nun erst recht nicht mehr.

Denn Marakovics Mannen haben kaum noch Konkurrenz. Den Geldnehmern gehen die Geldgeber aus. Banken? Börsengang? Jungen Firmen bleiben oft nur noch die VCs, die Venture-Kapitalisten. "Diese Krise ist schlimmer als alles, was ich in den letzten 18 Jahren erlebt habe. Viele Firmen haben sich verschätzt", sagt Mark Heesen, Chef der "National Venture Capitalist Association".

Die Rezession schafft einen idealen Käufermarkt für Firmen mit genug Barem. Der Wert vieler kleiner Tech-Firmen ist um die Hälfte oder mehr gesunken. Nicht nur SAP lauert. Cisco-CEO John Chambers sagte unlängst: "In der Rezession ist Cash alles - König, Königin und die ganze königliche Familie zusammen." Chris Liddell von Microsoft sekundiert: "Die Kaufgelegenheiten waren wahrscheinlich nie besser als jetzt."

Das gilt natürlich auch für Oracle, den Erzrivalen von SAP. Larry Ellison, dessen schillernder Chef, hat in den vergangenen zwölf Monaten zehn Firmen für insgesamt eine Viertelmilliarde Dollar geschluckt. Doch Ellison kauft größere, etabliertere Unternehmen, er kauft fertige Produkte und Kunden und geht so das Risiko ein, seinen Konzern mit dem Integrieren der neuen Familienmitglieder zu überlasten. SAP geht einen anderen Weg und sucht nach den kleinen Perlen, die dann erst im Konzern zu Ertragsbringern heranwachsen.

Das Schöne für Marakovics acht VC-SAPler in Palo Alto: Immer mehr Startups klopfen direkt an. "Jeder will einen Großen, einen Marktführer, einen internationalen Konzern als Partner", sagt Marakovic. "Denen erscheint dies als einziger Rettungsanker für ihr Unternehmen."

Was SAP im Großen ist, ein über alle staatliche Grenzen agierender Konzern mit Software für große und kleine Unternehmen, ist Marakovics Truppe im Kleinen: weltumspannend. Acht Mitglieder, acht Muttersprachen aus allen Kontinenten der Welt sitzen am Konferenz-Tisch. Sie stammen aus den USA, der EU, Indien, Israel.

Da ist Doug Higgins. Adrett mit den exakt gelegten Haaren, blauem Hemd, Khakihose, ist er der Extrovertierte der Gruppe. Charmant, witzig, gut drauf, durch und durch Optimist - wie so viele Amerikaner. Früher arbeitete er für Starregisseur George Lucas und als Risikokapitalist bei Intel. Er spielt gerne unfair, und damit meint er keine miesen Tricks, sondern den Wettbewerbsvorteil namens SAP. Denn: "Sie würden doch auch lieber mit einem Ferrari als mit ihrem Toyota Corolla über die Rennbahn preschen, oder?"

Investiert wird nur nach einem komplizierten, globalen Hochgeschwindigkeits-Prozedere. SAP-Experten aus Palo Alto und Walldorf, Boston, Mumbai oder Tel Aviv konsultieren einander und ziehen auch die Konkurrenten des Ziel-Unternehmens zu Rate. Selbst die Universitäten Stanford und Berkeley werden eingespannt - mit einer Venture-Fellows-Gruppe, eine Art Stipendiaten-Programm. Resultat des Ganzen für SAP: Expertisen über Expertisen.

Und auch, da staunt manch deutsche Marktwirtschaftler, die großen Risikokapitalgeber tauschen sich offen untereinander aus. Selbst Matadore der VC-Branche wie Sequoia oder Kleiner Perkins treffen sich regelmäßig, werden zu Begutachtungen oder zu Investitionen eingeladen. "In vielen Fällen bringt der Austausch gerade das letzte Bisschen Erkenntnisvorteil, das gefehlt hat", sagt Andreas Weiskam, der Deutsche in Marakovics Team.

Denn das Silicon Valley lebt nicht nur von erbitterter Konkurrenz. Das Tal der Hi-Tech-Firmen ist auch deswegen so außerordentlich geworden, weil es "Co-Optition" beherzigt, also die Melange aus Kooperation und Wettbewerb, "competition". Diese Zauberformel ist der Milliarden-Dynamo, der Generator von Ideen und Trends, das Perpetuum Mobile der IT-Branche.

Planscht man allerdings im gleichen Pool wie SAP und Erzrivale Oracle, gönnt man einander nur wenig. Zwar verdient Oracle-Chef Ellison sein Geld mehr mit Datenbanken, SAP-Boss Léo Apotheker hauptsächlich mit Business-Software. Aber Ellison greift SAP permanent an, wenn es sein muss auch vor Gericht.

Im Streit um die ehemalige SAP-Tochter TomorrowNow gibt es immer noch keine außergerichtliche Einigung. Eine vom Gericht in San Francisco angesetzte Anhörung Ende Februar verlief ergebnislos. Das Gericht wird nun voraussichtlich einen weiteren Anhörungstermin Ende 2009 festlegen. Gibt es auch dann keine Einigung, dürfte der Streit im Frühjahr 2010 vor Gericht kommen.

Oracle wirft SAP vor, mit Hilfe der früheren US-Tochter TomorrowNow Software aus Computern von Oracle-Kunden heruntergeladen zu haben. Der Walldorfer Konzern hat "umfangreiche" und "unangemessene" Downloads eingeräumt und TomorrowNow eingestellt. Klein beigeben mag er aber noch nicht.

Umso mehr müssen Nino Marakovic und die Seinen für den Wettlauf mit Oracle die richtigen Investitionsschnäppchen finden. Jede ihrer Arbeitswochen hat einen vierstündigen Höhepunkt. Dienstags sichten die acht gemeinsam die spannendsten Projekte. Wer ein Investment vorschlägt, muss zwei Drittel der Stimmen gewinnen. Dann wird der größte Skeptiker beauftragt, die betreffende Firma zu durchleuchten.

Sobald sich die Gruppe auf eine Investition geeinigt hat, setzt Marakovic SAP-Finanzvorstand Werner Brandt in Walldorf mit einem 15 bis 20 Seiten langen Exposé ins Bild: Unternehmensprofil, Marktchancen, Konkurrenten, Profitprognosen. So ging es auch bei LinkedIn, als sich SAP im Herbst mit ein paar Millionen bei dem sozialen Netzwerk einkaufte. Im vergangenen Jahr hat sich SAP auf diese Art - prinzipiell übrigens als Minderheitseigner von bis zu 20 Prozent - in acht Firmen eingekauft, darunter Loglogic und Imprivata sowie in Indien Newgen und Connectiva.

Im Grunde, sagt SAP-Risikokapitalchef Marakovic, haben sie mit ihrer Zielsetzung in Palo Alto nichts anderes vor als SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp mit der TSG Hoffenheim. "Fußball schön spielen und gewinnen ist das eine", sagt Marakovic. "Doch mit jedem Tor und jedem Sieg stellt sich wie nebenbei ein materieller Gewinn ein. Auch wir schöpfen vor allem den Mehrwert ab, der sich scheinbar nebenbei aus der Investition ergibt - wie in Hoffenheim."

Für jeden Dollar, den die Risikokapitalmänner in Palo Alto ausgegeben haben, kamen bisher zwei wieder rein.

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