Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Kult um Online-Spiele

Tencent macht mehr als die Hälfte seines Umsatzes mit Zockern.

(Foto: Imago)

Serie – Globale Konkurrenten im Check (12) Wie aus Tencent ein globaler Tech-Angreifer wurde

Ma Huateng hat von China aus einen internationalen Techkonzern aufgebaut. Onlinespiele und soziale Netze sind seine Gewinnbringer.
Kommentieren

PekingDer junge Offizier Liu Bin war so vertieft ins Handyspiel „Honor of Kings“, dass er noch nicht einmal den Anruf seines Vorgesetzten hörte. Wenig später fand dieser ihn auf der Toilette – dorthin hatte sich Liu nämlich verzogen, um in Ruhe daddeln zu können. Als Strafe für die Pflichtvergessenheit wurde der junge Mann degradiert und einer anderen Einheit zugewiesen.

China ist vom Spielefieber erfasst. Dahinter steht ein findiger Geschäftsmann: Ma Huateng. Der 46 Jahre alte Unternehmer hat mit Tencent einen Technologiekonzern aufgebaut, der sich mit Apple, Facebook, Amazon und Co. messen kann. Onlinespiele und soziale Netzwerke treiben Umsätze und Gewinne des Unternehmens.

Als erstem chinesischem Unternehmen war es Tencent sogar gelungen, in den erlesenen Klub der mit mehr als 500 Milliarden Dollar bewerteten Technologiekonzerne aufzusteigen – sonst sind da vor allem US-Konzerne zu finden. Doch auch wenn Tencents Wert an der Börse in Hongkong zuletzt wieder etwas nachgegeben hat, ist klar: Tencent wächst weiter – zu Hause wie auch global.

Dafür ist das starke Geschäft mit Onlinespielen verantwortlich. 2017 wurden allein mit Spielen auf Smartphones 17 Milliarden Dollar umgesetzt. PC-Spiele kamen auf 9,5 Milliarden Dollar. Tencents Marktanteil im Onlinegaming liegt bei 56 Prozent, wie der Branchendienst iResearch ausgerechnet hat. Der heimische Konkurrent, Netease, kommt mit 14 Prozent abgeschlagen auf Platz zwei.

Doch Tencent hat mehr zu bieten als nur Onlinespiele. Der Messenger WeChat war anfangs WhatsApp nachempfunden. Mittlerweile hat sich der chinesische Klon aber weiterentwickelt zu einer Plattform mit der Allzweck-App WeChat, die Messenger-, Bestell- und Mediendienst zugleich ist. „Auf dem chinesischen Markt kann es niemand mit Tencents sozialer Plattform aufnehmen“, meint Gaming-Experte Ben Wu von der Beratungsfirma Pacific Epoch.

Grafik

Das beliebteste Handyspiel mit 50 Millionen täglichen Nutzern ist „Honor of Kings“. Seit es 2015 auf den Markt kam, hat sich eine eigenständige Industrie darum gebildet. Wer gleich als „Supreme King“, also auf einer höheren Stufe, anfangen möchte, kann professionellen Spielern bis zu 1 000 Dollar zahlen, damit sie einen erst einmal dahin zocken.

Zudem hat „Honor of Kings“ eine Besonderheit: Während viele Onlinespiele besonders bei Männern beliebt sind, begeistern sich vor allem Frauen für Fantasiespiele. Mehr als die Hälfte der Nutzerschaft sind Frauen.
Wie zum Beispiel die 26-jährige Buchhalterin Cheng Rongrong, die nach der Arbeit täglich mindestens eine Stunde zockt, wie sie unumwunden einräumt.

Seit sie vor einem Jahr anfing zu spielen, hat sie schon etwa 30 Euro für Produkte ausgegeben, die sie während des Spielens erwerben kann – die Haupteinnahmequelle im Mobile Gaming. „Wenn sie im Ausverkauf sind, muss ich einfach zuschlagen“, gesteht sie.

Die chinesische Spielsucht ist ein Segen für Tencent. Die Gamingsparte machte mit 3,7 Milliarden Dollar Umsatz mehr ein Drittel der Quartalseinnahmen von April bis Juni aus. Doch sie ist auch ein Fluch. Denn kurz nachdem der Offizier bestraft worden war, beschwerte sich die chinesische Volksbefreiungsarmee, dass „Honor of Kings“ das Leben der Soldaten so tief „infiltriert“ habe, dass es inzwischen die Kampfkraft der Truppen beeinträchtige.

Die Zeitung „People’s Daily“, das Sprachorgan der Kommunistischen Partei Chinas, brandmarkte das Spiel als „Droge“. Tencent musste prompt reagieren, indem die tägliche Spielzeit für Jugendliche auf zwei Stunden beschränkt und Kindern verboten wurde, sich nach 21 Uhr anzumelden.

Ma Huateng: News zum Tencent-Gründer Quelle: AFP
Tencent-Gründer Ma Huateng

„Steve Jobs ist mein Vorbild.“

(Foto: AFP)

Regulatorische Risiken sind eine besonders große Gefahr für Tencent. So musste der Unternehmensgründer Ma Huateng im Quartalsbericht mitteilen, dass die Einnahmen dieses Mal von „vorübergehenden Faktoren“ beeinträchtigt worden seien. Gemeint damit ist zum einen der Lizenzvergabe-Stau, der sich durch den chinesischen Behördenumbau gebildet hatte, zum anderen musste Tencent ein beliebtes Spiel wegen exzessiver Gewalt kurz nach Veröffentlichung wieder aus dem Markt nehmen.

Diese beiden Monetisierungsprobleme führten dazu, dass der Erlös aus dem Mobile Gaming im Vergleich zum ersten Quartal um 19 Prozent auf 2,6 Milliarden Dollar zurückging. Bei PC-Spielen schrumpfte der Umsatz nur um acht Prozent auf 1,9 Milliarden Dollar. Insgesamt fiel der Gewinn nach Steuern gegenüber der Vorjahresperiode um zwei Prozent auf 2,7 Milliarden Dollar.

Das erste Problem dürfte jedoch nicht unerwartet gekommen sein: Schon bei der Verkündung der ersten Quartalszahlen im Mai hatte Tencent davor gewarnt, dass hohe Marketingaufwendungen und eine schleppende Monetisierung die Gamingerträge bremsen könnten. Wu geht davon aus, dass spätestens im Oktober wieder neue Lizenzen vergeben werden, wenn auch nicht unbedingt für ausländische Spiele. „Das wird wohl erst nächstes Jahr wieder beginnen“, meint er.

Zweifel an Wachstum

Die Analysten schauen Tencents Gamingzukunft jedoch gemischt entgegen. Der Markt sei gereift, fast jeder Chinese besitzt inzwischen ein Smartphone, das Branchenwachstum wird nicht weiterhin so explosiv sein, meint Experte Wu. „Honor of Kings“ ist zwar noch immer das beliebteste Spiel, aber die Zahlen hätten ein Plateau erreicht, und irgendwann würden Nutzer ihr Interesse verlieren und abwandern.

Doch das Vorgehen der Regierung ist nicht nur schlecht für Tencent. Peking werde vermutlich internationale Wettbewerber aus dem chinesischen Markt halten, glaubt Wu. „Regulatorische Risiken gehören in China dazu“, sagt er. „Politische Kontrolle ist sogar noch wichtiger als die Regelung von Sex und Gewalt.“

Tencent ist sich seiner Spielabhängigkeit bewusst. In einer Schalte mit Investoren gestand Tencent-Präsident Martin Lau vergangene Woche, dass dies „eine Schlüsselschwäche“ sei. Auch deswegen hat das Unternehmen sein Portfolio stärker diversifiziert. 2015 stammten noch 55 Prozent der Einnahmen aus diesem Bereich. Nun investiert Tencent verstärkt ins Video- und Musikstreaming-Geschäft wie auch in Cloud-Dienstleistungen.

Video, Musik, aber auch WeChat sind die Lichtblicke bei Tencent, das immerhin einen 30-prozentigen Wachstum beim Quartalserlös verzeichnen konnte. So konnte WeChat die Zahl seiner monatlich aktiven Nutzer um fast zehn Prozent auf 1,06 Milliarden erhöhen. Die über WeChat generierten Werbeeinkünfte stiegen um 39 Prozent. Die Herausforderung sei nun, Werbung darauf zu schalten, ohne das Nutzererlebnis zu stören, sagt Jack Kent, der den Mobilmarkt für das Analysehaus IHS Markit beobachtet. Die Zahl der Nutzer auf dem Messengerdienst QQ fiel zum Vorjahr zum Beispiel um 7,7 Prozent auf rund 700 Millionen Nutzer.

Kent hält es jedoch für unwahrscheinlich, dass WeChat Facebook den Rang ablaufen könne. Der amerikanische Konkurrent sei in vielen internationalen Märkten noch immer die dominante Marke. Zudem seien viele Apps und ihre Inhalte mit Google und Android verbunden. „Tencents Stärke in China ist, dass es seine Inhalte und Dienstleistungen über die eigene Plattform integrieren kann. Um das im internationalen Kontext zu wiederholen, sind andere Strategien mit diversen Partnern in unterschiedlichen Märkten nötig“, so Kent.

Vor allem im Video- und Musikstreaming-Sektor können sich die Ergebnisse sehen lassen. Mehr als eine halbe Milliarde Nutzer zählt Tencent Video. Inzwischen ist die Zahl der Abonnenten, die sich für 2,50 Dollar pro Monat den Dienst leisten, um 30 Prozent zum Vorjahr auf 154 Millionen geklettert. Auch deswegen, weil Tencent in den vergangenen drei Jahren das fast Dreifache in die eigene Programmentwicklung für Serien, Filme und Dokumentationen investiert hat.

2017 verkündete das Unternehmen, 1,5 Milliarden Dollar für die Produktion von originellem Inhalt ausgeben zu wollen. IHS Markit geht davon aus, dass der Tech-Gigant noch dieses Jahr der Marktführer im Onlinevideobereich sein wird und mit 200 Millionen zahlenden Abonnenten die Vier-Milliarden-Dollar-Umsatzgrenze überschreiten wird. Für die nächsten fünf Jahre, so Kent, wird das Wachstum weiterhin „zweistellig“ bleiben.

Den Musikstreaming-Markt dominiert Tencent ohnehin schon. Zusammen mit seinen Apps QQ Music, Kuwo und Kugou besetzt das Unternehmen 76 Prozent des Marktes – auch weil es seine Plattformen wie WeChat und QQ gezielt zur Verbreitung und zum Austausch einsetzte. Zwar würde das Video- und Musikstreaming-Geschäft nicht so schnell wie der Gamingsektor wachsen, so Kent, aber es gebe weiterhin Wachstumspotenzial in diesem Sektor, vor allem als Umsatzgenerator.

Sorge wegen Behörden

Auch beim Zahlungssystem für Smartphone-Transaktionen (Tenpay) und bei den Cloud-Diensten ist das Wachstum stramm. Der Quartalserlös stieg um 80 Prozent auf 2,6 Milliarden Dollar. Doch auch hier droht ein regulatorisches Risiko. Obwohl das Volumen der Transaktionen um 40 Prozent zum Vorjahr wuchs und der Offlinegebrauch sich fast verdreifachte, ist der Nettogewinn durch die neuen Anforderungen der Zentralbank beeinträctigt worden. So stieg die Mindestreservepflicht von 42 ‧Prozent im April auf 52 Prozent im Juli‧.

Im Mai veröffentlichte der Tech-Blogger Pan Luan – ironischerweise – auf seinem offiziellen WeChat-Konto einen Kommentar mit dem Titel „Tencent hat keine Träume“, der gleich hunderttausendfach geteilt wurde. Darin kritisierte er, dass das Tech-Unternehmen seine Vorreiterstellung in der Produktentwicklung und Innovation verloren habe und stattdessen zu einer Investitionsgesellschaft geworden sei.

Tatsächlich ist Tencent inzwischen auch in verschiedenen Bereichen als Risikokapitalgeber aktiv. So führte es zum Beispiele einige Konsortien an, die mehrere Milliarden Dollar in das Auto-Start-up NIO, die E-Commerce-Plattform Pinduoduo oder die Kundenservice-Plattform Meituan Dianping investiert haben.

Neben 100 Prozent bei Riot Games, dem Betreiber des globalen E-Sport-Hits „League of Legends“, ist Tencent für zehn Milliarden Dollar zu 93 Prozent am finnischen Spiele-Entwickler Supercell beteiligt. Außerdem hält es zehn Prozent an Spotify und hat gerade in den indischen Musikstreamingdienst Gaana investiert. Die Hoffnung: Selbst wenn sich das Wachstum zu Hause verlangsamt – irgendwo anders geht es immer nach oben.

Der weltweite Kampf der Konzerne um Marktanteile war noch nie so hart wie heute. Das Handelsblatt stellt in loser Folge wichtige internationale Akteure vor und analysiert ihre Stärken und Schwächen.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

0 Kommentare zu "Serie – Globale Konkurrenten im Check (12): Wie aus Tencent ein globaler Tech-Angreifer wurde"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.