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Serie – Globale Konkurrenten im Check (8) Telekomriese Telefónica kämpft gegen die Schuldenlast

Der spanische Telekomkonzern hat früh in wachstumsstarke Länder expandiert. Doch jetzt kämpft er mit hohen Schulden und Währungsschwankungen.
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Nach Jahren des Aufschwungs schwächelt das Unternehmen massiv. Quelle: Reuters
Telefónica

Nach Jahren des Aufschwungs schwächelt das Unternehmen massiv.

(Foto: Reuters)

MadridVor zehn Jahren galt der spanische Telekomkonzern Telefónica in der Branche als das Maß aller Dinge. Der Konzern war durch zahlreiche Zukäufe in Zentral- und Südamerika zu einem globalen Spieler aufgestiegen mit heute über 350 Millionen Kunden.

Seine Töchter in den spanischsprachigen Emerging Markets boten vor allem im Mobilfunk weit mehr Wachstumspotenzial als Anbieter im zunehmend saturierten Europa. Viele Konkurrenten beneideten die Spanier damals um ihre gute Strategie.

Doch inzwischen sind diese Vorteile zu Problemen geworden. Kernthema sind die Schulden, die aus der Zeit der Einkaufstour stammen. Sie betragen derzeit 43,6 Milliarden Euro. Das entspricht dem 2,7-Fachen des Gewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda).

In der europäischen Telekombranche sind dagegen Werte von 2,2 normal. Allerdings womöglich nicht mehr lange: Übernimmt die Deutsche Telekom wie geplant den US-Rivalen Sprint und Vodafone den deutschen Kabelnetzbetreiber Unity Media, läge die Verschuldung der beiden ebenfalls deutlich über dem bisherigen Schnitt.

Telefónica hat mehrfach versucht, die eigenen Verbindlichkeiten auf einen Schlag durch Verkäufe zu reduzieren, jedoch ohne Erfolg. Der folgenschwerste Rückschlag war das Veto der EU-Kommission gegen den geplanten Verkauf der britischen Tochter O2 an den Wettbewerber Hutchison für 10,3 Milliarden Pfund (aktuell 11,6 Milliarden Euro) im Mai 2016 – just am ersten Arbeitstag von José María Álvarez-Pallete als neuem Telefónica-Chef.

Ein angedachter Börsengang der argentinischen Tochter scheiterte jüngst wegen der wirtschaftlichen Turbulenzen in dem Land. Der einzige Deal, der gelungen ist, war der Verkauf von 40 Prozent an seiner Funkmasten-Tochter Telxius für 1,3 Millionen Euro Anfang vergangenen Jahres sowie die Veräußerung von weiteren zehn Prozent für 379 Millionen Euro in der vergangenen Woche.

Die Verkaufsversuche haben potenziellen Käufern signalisiert, dass Telefónica Tafelsilber veräußern will – das drückt den Preis. Deshalb wartet Pallete vorerst ab. Zwar hat er für die britische Tochter als Plan B nun einen Börsengang oder einen Teilverkauf ins Auge gefasst.

Doch auch die sollen nur stattfinden, falls sich ein guter Preis erzielen lässt. Experten gehen allerdings davon aus, dass der nicht mehr so hoch sein wird wie das gute Angebot von Hutchison.

Pallete baut die Schulden vorerst organisch ab. Und hat damit durchaus Erfolg: Vor einem Jahr waren sie mit 48,5 Milliarden noch um fast fünf Milliarden höher als heute. Möglich wird der Abbau, weil der digitale Umsatz des Konzerns mit neuen Diensten wie Fernsehen oder hohen Bandbreiten wächst und dadurch auch Gewinn und Barmittelüberschuss steigen.

„Die Schulden sind heute kein so großes Problem mehr wie noch vor einem Jahr“, sagt Allen Nichols, Analyst beim Ratinghaus Morningstar. Auch Nicolás López, Chefanalyst beim spanischen Broker M&G Valores, hält die Schulden angesichts des Abbautrends für „tragbar“.

Investoren allerdings überzeugt das noch nicht: Das Papier befindet sich seit Jahresanfang auf Talfahrt. „Die internationalen Fonds suchen eine attraktive Dividende ohne finanzielles Risiko“, erklärt López. Immerhin hat sich die Telefónica-Aktie besser geschlagen als der Branchenindex, der noch stärker absackte. „Der Markt bevorzugt Wachstumsaktien, und die europäischen Telekomkonzerne haben Mühe, mit dem Wachstum mitzuhalten, das andere Branchen zeigen“, sagt Keval Khiroya, Analyst bei der Deutschen Bank.

Risiko Zentralamerika

Im Fall von Telefónica verunsichern die Anleger zudem die Töchter in Zentral- und Südamerika. 46 Prozent des operativen Gewinns von Telefónica stammen aus der Region, allein 28 Prozent vom wichtigen brasilianischen Markt, wo die Spanier mit der Marke Vivo Marktführer sind.

Ökonomische und politische Krisen vor allem in Brasilien und Argentinien sorgen dafür, dass die Währungen deutlich nachgegeben haben. Das führt dazu, dass das organische Umsatz- und Gewinnwachstum konzernweit ins Minus dreht. So hat Telefónica für das erste Halbjahr einen Umsatz von 24,3 Milliarden Euro ausgewiesen – 6,7 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Ohne die Wechselkurseffekte wäre er dagegen um zwei Prozent gewachsen.

Allerdings hat der Währungsverfall nicht nur negative Seiten: Er reduziert auch den Aufwand in Euro für Investitionen, Steuern und Zinsen, die der Konzern in lokaler Währung begleicht. Der operative Gewinn (Ebitda) ist deshalb im ersten Halbjahr nur um 0,9 Prozent gesunken.

In Brasilien hat der Konzern 2015 den Kabelanbieter GVT übernommen, realisiert jetzt Synergien und hat im zweiten Quartal dieses Jahres eine Gewinnmarge von sagenhaften 50,5 Prozent erzielt. In den übrigen mehr als zehn Ländern der Region sind die Spanier entweder zweit- oder drittgrößter Anbieter.

Für die Analysten von Goldman Sachs sind das zu viele Märkte in der Region. Das Geschäft werde dadurch komplex, ohne dass die Größenvorteile das Risiko rechtfertigten. Sie raten deshalb zum Verkauf von Töchtern. Doch Experten sind sich in dem Punkt uneins: Morningstar-Analyst Nichols meint: „Die südamerikanischen Märkte von Telefónica sind sehr gut, und der Konzern kennt sie genau, weil er schon 20 oder 30 Jahre dort vertreten ist. Die Währungen werden sich wieder erholen.“

M&G-Analyst López erinnert daran, dass die Schwellenmärkte in Auf- und Abschwüngen der Konjunktur stets heftiger ausschlagen als entwickelte Märkte. „Langfristig wird das Wachstum dort höher sein als in den Industrienationen“, ist er überzeugt.

Neue Netze kosten viel

Allerdings wird es nicht mehr so rasant sein wie vor einigen Jahren: Inzwischen besitzt die Mehrheit der Bevölkerung in Zentral- und Südamerika ein Handy. Wachsen können Telekomkonzerne nur noch über neue Dienste wie Fernsehen und immer schnellere Anschlüsse.

Telefónica erzielt inzwischen 54 Prozent des Umsatzes damit. Da die neuen Netze weniger Wartung benötigen und die Kunden die Tarife zunehmend selbst online buchen, rechnen die Spanier damit, bis zum Jahr 2020 durch die Digitalisierung eine Milliarde bei den operativen Kosten einzusparen, 300 Millionen davon in diesem Jahr.

Allerdings kostet der Bau der neuen Netze zunächst einmal viel Geld. Telefónica investierte im ersten Halbjahr dafür 3,9 Milliarden Euro – davon 588 Millionen Euro für neue Mobilfunkfrequenzen in Großbritannien. Nichols geht aber davon aus, dass die Spanier die wichtigsten Investitionen bereits gestemmt haben.

„In Spanien haben sie schon einen Großteil der Haushalte mit Glasfaser versorgt, in Deutschland und Großbritannien besitzen sie nur Mobilfunknetze, und in Zentral- und Südamerika wird das Festnetz ohnehin nur punktuell ausgebaut werden“, sagt er. Das mache die künftigen Investitionen überschaubar.

Vorbild Spanien

Am weitesten fortgeschritten ist der Netzumbau auf dem spanischen Heimatmarkt, der 31 Prozent zum Gewinn beiträgt und damit immer noch der wichtigste Markt ist. Einer der Lieblingssätze von Telefónica-Chef Pallete lautet: „In Spanien gibt es heute mehr Glasfaserleitungen als in Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien zusammen.“ Das ist möglich, weil Telefónica in Spanien bereits unterirdische Kabelkanäle gebaut hatte, durch die der Konzern ohne großen Aufwand neue Glasfaserkabel ziehen konnte.

In Deutschland dagegen muss die Telekom alle Straßen aufreißen, um darunter erst einmal diese Kabelschächte zu verlegen. Das macht den Ausbau deutlich teurer: Goldman Sachs rechnet mit 100 bis 200 Euro pro Haus für einen Glasfaseranschluss in Spanien und 1000 Euro in Deutschland.

Der spanische Regulierer hat Telefónica zudem nicht verpflichtet, die superschnellen Bandbreiten auch den Wettbewerbern zur Verfügung zu stellen. Das hat zusammen mit den billigen Baukosten dazu geführt, dass auch die beiden Rivalen Orange und Vodafone eigene Kabel verlegt haben – vor allem in dicht besiedelten Gebieten.

Für Telefónica bedeutet das allerdings, dass der Konzern da, wo Leitungen mehrfach verlegt wurden, seine eigene Infrastruktur nicht an die Rivalen vermieten kann. Ihm entgeht damit nicht nur Umsatz. Die starke Konkurrenz birgt zudem die Gefahr von Preiskämpfen.

Dennoch ist Spanien für Telefónica so etwas wie der Showcase für die Zukunft. Hier haben 72 Prozent der Privatkunden Pakete aus Internetanschluss, Mobilfunk und zum Teil Fernsehen gebucht. Solche Bündel bringen nicht nur mehr Umsatz, sondern sorgen auch dafür, dass die Kunden seltener kündigen.

Die Spanier garnieren ihre Pakete mit Extras wie einem digitalen Sprachassistenten und Inhalten. So hat Telefónica für eine Milliarde Euro die Übertragungsrechte der Champions League und der UEFA Europa League für die drei Saisons bis 2021 gekauft.

 Zudem investiert der Konzern 70 Millionen Euro pro Jahr in die Produktion von eigenen, spanischsprachigen Serien, die auch in Zentral- und Südamerika gezeigt werden. Den Fernsehsender Netflix haben die Spanier in ihr Netz integriert und bieten den Zugang dazu als Teil ihres Anschlusspakets an. Die Strategie scheint zu fruchten: Der Umsatz pro Nutzer (ARPU) stieg im zweiten Quartal um 5,5 Prozent auf 89,5 Euro, die Kundenanschlüsse legten um zehn Prozent auf 21,2 Millionen zu.

Probleme in Deutschland

Weniger erfreulich läuft dagegen das Deutschlandgeschäft. Die Spanier haben 2014 für insgesamt 8,5 Milliarden Euro den Mobilfunker E-Plus übernommen und das Geschäft mit ihrer deutschen Tochter O2 zusammengelegt. Dadurch sind sie nun – gemessen an den Kunden – der größte Mobilfunkanbieter. Die Gewinnmarge ist mit 27,2 Prozent trotzdem deutlich geringer als die der Telekom (39,1 Prozent) und die von Vodafone Deutschland (37 Prozent).

Das liegt daran, dass die Spanier in Deutschland kein eigenes Festnetz besitzen und deshalb kaum Bündelangebote schnüren können. Zudem sind sie in Deutschland kein Premiumanbieter, sondern locken Kunden mit günstigen Tarifen.

Das Netz liegt in Qualitätstests auf dem letzten Platz hinter der Telekom und Vodafone. Telefónica investiert weniger pro Jahr in die Aufrüstung des Netzes als seine beiden Wettbewerber, sodass bereits Gerüchte die Runde machten, die Spanier wollten sich von ihrem Deutschlandgeschäft trennen.

Pallete erklärt die Qualitätsprobleme dagegen mit Störungen infolge der Zusammenlegung der beiden Netze. „Wir haben für den Umbau länger gebraucht, als wir intern dachten“, räumte er Anfang Juni im Interview mit dem Handelsblatt ein. Bis zum Jahresende werde die Integration aber abgeschlossen sein.

Von einem Verkauf der Tochter oder auch nur von weiteren Anteilen könne keine Rede sein. „Deutschland ist strategisch wichtig für uns“, sagte Pallete – auch um das Risiko der volatilen Märkte in Zentral- und Südamerika auszugleichen.

Deshalb will er weiter investieren und sich ohne Partner an der anstehenden Auktion von neuen Mobilfunkfrequenzen in Deutschland beteiligen.

Der weltweite Kampf der Konzerne um Marktanteile war noch nie so hart wie heute. Das Handelsblatt stellt in loser Folge wichtige internationale Akteure vor und analysiert ihre Stärken und Schwächen.

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