Microsoft-Chef Satya Nadella

Partnerschaften statt Konkurrenz.

(Foto: picture alliance/ASSOCIATED PRESS)

Softwarebranche Das stille Comeback von Microsoft – Das ist die neue Erfolgsformel des US-Konzerns

Das Softwareunternehmen feiert mit Cloud-Lösungen Erfolge. Im Gegensatz zur Tech-Konkurrenz setzt der Konzern stark auf Partnerschaften – auch mit deutschen Firmen.
Kommentieren

ParisMicrosoft ist wieder da. Jahrelang hinkte der einstige Vorreiter unter Amerikas IT-Konzernen der aufstrebenden Konkurrenz hinterher. Inzwischen aber ist das Unternehmen aus Seattle an der Börse mehr als 850 Milliarden Dollar wert – und damit zuletzt sogar am Google-Mutterkonzern Alphabet vorbeigezogen.

Dabei verläuft das Comeback eher leise. Während Google oder Amazon aggressiv in neue Märkte expandieren, verfolgen Konzernchef Satya Nadella und seine Topmanager eine andere Strategie: „Wichtig ist: Wir sind Partner von Unternehmen, keine Konkurrenten“, sagt Vertriebsvorstand Jean-Philippe Courtois im Interview: „Wir haben nicht vor, im Energiemarkt anzugreifen, Autos zu bauen oder im Pharmahandel aktiv zu werden.“

Jüngst hat Microsoft mit Eon ein neuartiges Energiemanagementsystem entwickelt. Aber auch BMW oder Volkswagen, Shell und Walmart gehören zu den industriellen Partnern, die Microsoft kürzlich bei der Entwicklerkonferenz Ignite stolz präsentierte.

Der Softwarekonzern, der mit seinem Betriebssystem Windows zum globalen Giganten wurde, will die Grundlagen für die vernetzte Welt schaffen. „Unsere Rolle besteht darin, Unternehmen in die Lage zu versetzen, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Da gibt es für uns genug zu verdienen“, erläutert Courtois: „Wir müssen nicht zwingend selbst Produkte für den Endkunden anbieten.“ Ein Seitenhieb auf Amazon und Google, die Onlineshops betreiben oder selbstfahrende Autos entwickeln.

Analysten glauben an Microsofts Weg. Spätestens 2020 werde die Börsenkapitalisierung die Marke von einer Billion Dollar überschreiten, sagt Kirk Materne von Evercore ISI voraus. Wahrscheinlich noch vor Google.

Die Vertriebsvorstände von Microsoft und Eon, Jean-Philippe Courtois und Karsten Wildberger, sehen ein großes Potenzial in der Digitalisierung des Energiemarktes – und wollen den Markt gemeinsam erobern. Die Kooperation ist beispielhaft für die Expansionsstrategie des US–Softwarekonzerns. Die Top-Manager erklären im Interview, warum beide davon profitieren.

Lesen Sie hier das gesamte Interview mit Jean-Philippe Courtois und Karsten Wildberger:

Vor zwei Wochen hielt Microsoft wieder eine der weltgrößten Konferenzen für Entwickler und IT-Experten ab. Auf der „Microsoft Ignite“ präsentierte Konzernchef Satya Nadella den rund 30.000 Teilnehmern in seiner Eröffnungsrede eine Kooperation mit dem deutschen Energiekonzern Eon.

Die Unternehmen haben ein Energiemanagementsystem entwickelt – eine Softwarelösung, die die zentrale Steuerung sämtlicher Anlagen, die in einem Haus Strom verbrauchen oder produzieren, ermöglichen soll: von Heizung, Klimaanlage und Waschmaschine über Solardach und Batteriespeicher bis zum Ladegerät für das Elektroauto.

Wenige Tage später empfingen die Vertriebsvorstände von Eon und Microsoft, Karsten Wildberger und Jean-Philippe Courtois, in der Europazentrale des Softwarekonzerns in Paris das Handelsblatt und erläuterten, warum sie an den Durchbruch von Smart Home glauben und warum solche Kooperationen ein Erfolgsmodell bei der Digitalisierung sein sollen.

Der Eon-Vertriebsvorstand Karsten Wildberger (rechts) und Microsoft-Vorstand im Vertrieb Jean-Philippe Courtois (links). Quelle: Microsoft/Bernard Lachaud
Eon und Microsoft gehen Partnerschaft ein

Der Eon-Vertriebsvorstand Karsten Wildberger (rechts) und Microsoft-Vorstand im Vertrieb Jean-Philippe Courtois (links).

(Foto: Microsoft/Bernard Lachaud)

Herr Courtois, Herr Wildberger, ist Ihr Zuhause schon ein Smart Home?
Wildberger: Ich lebe in einem 140 Jahre alten Haus. Für das Alter ist es schon recht smart. In einigen Räumen werden Temperatur und Licht mit einem Smartphone gesteuert. Musik, Filme und Content aus der Cloud nutze ich seit Jahren. Im neuen Jahr werde ich auf jeden Fall unser neues Energiesystem einbauen.
Courtois: In meinem Haus gibt es einige Sensoren, die beispielsweise die Temperatur messen. Und das Home Entertainment steuere ich digital – Filme und Musik spiele ich vom Smartphone ab. Aber ein volles Energie-Management-System habe ich noch nicht.

Damit sind Sie typisch für den Status quo im Smart-Home-Markt: Bislang ist der Durchbruch nicht gelungen. Warum sollte sich das ändern?
Courtois: Es kommen jetzt einige Dinge zusammen. Erstens sind die Verbraucher zunehmend aufgeschlossen für digitale Produkte. Zweitens gibt es technologische Fortschritte wie die Cloud und das Internet der Dinge. Drittens erhoffen wir uns von unserer Partnerschaft einen Schub. Eon kennt sich bestens mit dem Energiemanagement fürs Zuhause aus. Microsoft hat die technische Kompetenz, beispielsweise bei künstlicher Intelligenz, damit Eon das anbieten kann. Wir sind jedenfalls überzeugt, dass die Zeit reif ist.

Wie wird denn das Zuhause der Zukunft aussehen?
Wildberger: Smart Home ist ein weiter Begriff und betrifft viele Lebensbereiche. Wir bieten das an, was wir am besten können: Mit dem Energiemanagementsystem kann der Kunde aus einer Hand alle Geräte, die Energie verbrauchen oder produzieren, zentral steuern, von der Heizung bis zur Solaranlage auf dem Dach und dem Batteriespeicher im Keller. Und auch das Elektroauto lässt sich einbinden. Ich glaube, wenn jemand ein Haus baut, wird so eine zentrale Steuerung in Zukunft ein Standard sein wie bisher der Einbau einer Zentralheizung.

Wie lassen sich Kunden von Smart-Home-Produkten überzeugen – mit Einsparungen, die sie realisieren können, oder dem zusätzlichen Komfort?
Wildberger: Natürlich kann man mit so einem System beides tun: seine Energiekosten senken und den Komfort steigern. Ganz wichtig sind aber auch emotionale Aspekte. Die Menschen wollen unabhängig werden, autark und frei. Das sehen wir beispielsweise bei der hohen Nachfrage nach Solaranlagen und Batteriespeichern. Viele Haushalte erzeugen schon selbst Strom. Jetzt wollen sie auch mehr Kontrolle, wie und wann der Strom verwendet wird. Elektrizität wird in unserem Leben einfach immer wichtiger.

Welche Rolle soll Microsoft im Smart-Home-Markt spielen? Wollen Sie mit dem Sprachassistenten Cortana direkt an den Kunden, ähnlich wie Amazon mit Alexa?
Courtois: Unsere Rolle besteht darin, Unternehmen in die Lage zu versetzen, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Da gibt es für uns genug zu verdienen. Wir müssen nicht zwingend selbst Produkte für den Endkunden anbieten. Die digitale Transformation steht im Mittelpunkt moderner Unternehmensstrategien. Das Marktforschungsunternehmen IDC schätzt: Bis 2021 wird mindestens die Hälfte der globalen Wertschöpfung digitalisiert sein, und bis 2020 werden sich 60 Prozent aller Unternehmen im Prozess der Umsetzung einer unternehmensweiten Plattform-Strategie für ihre digitale Transformation befinden.

Und mit dieser Strategie kann Microsoft genug Geld verdienen?
Courtois: Die digitale Transformation findet ja auf mehreren Ebenen statt. Erstens müssen die Unternehmen ihre Mitarbeiter mitnehmen. Sie müssen die Unternehmenskultur darauf ausrichten. Zweitens muss die Organisation digitalisiert werden, die Prozesse müssen digital werden. Drittens geht es darum, die Customer Journey zu verbessern, die Kundenansprache und den Kundenservice. Und viertens geht es darum, neue digitale Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Es gibt also viele Bereiche, in denen Microsoft Unternehmen helfen kann, mit unseren Produkten digitale Geschäfte aufzubauen.

Die Energiebranche steckt wie keine zweite in der Transformation. Wie wichtig ist dabei die Digitalisierung?
Wildberger: Technologie ist für die Energiewende essenziell. Die Energieerzeugung wird sauberer und dezentraler, gleichzeitig werden immer mehr Geräte elektrisch betrieben. Das wird immer schwieriger zu managen. Strom wird ja zunehmend von privaten Haushalten selbst produziert und ins Netz eingespeist – und die Stromproduktion von Erneuerbaren hängt stark von wechselnden Wetterbedingung ab. Um dieses dezentrale und volatile System in Echtzeit zu orchestrieren, um das effizient zu organisieren, brauchen wir die Digitalisierung. Gleichzeitig ergeben sich immer neue Möglichkeiten, was man mit Energie machen kann. Denken Sie an Batteriespeicher oder Elektroautos. Die werden wir so intelligent machen, dass ihre Besitzer damit am Strommarkt teilnehmen können.

Haben Sie genügend IT-Experten, die sich beispielsweise mit künstlicher Intelligenz auskennen?
Wildberger: Wir haben rund um unser Team aus spezialisierten Data-Scientists viel Know-how aufgebaut – aber es kann niemand sagen, dass er hier genügend Experten hat. Der Bedarf wächst ja weiter. Deshalb sind Partnerschaften so wichtig. Wir würden nie denken, dass wir alles alleine können. Eine Kooperation mit dem weltgrößten Softwareunternehmen ist für uns eine tolle Chance. Wir können die Fähigkeiten von Microsoft nutzen, etwa bei Cloud-Services oder Sicherheit. Es hilft uns auch, in unserem Geschäft über den Tellerrand hinaus zu blicken, denn Microsoft denkt immer global.

Eon benutzt die Microsoft-Plattform Azure. VW hat jüngst auch eine Kooperation angekündigt. Welche Rolle spielen Partnerschaften für Microsoft im Cloud-Business?
Courtois: Wir wollen es Unternehmen wie Eon oder VW ermöglichen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Wir versuchen, mit unseren Kunden zu lernen, wie eine Branche funktioniert, und ihnen dann die bestmöglichen Lösungen zu bieten.

Andere Technologiefirmen wie Amazon und Google gehen in neue Märkte rein, um den etablierten Firmen Konkurrenz zu machen. Microsoft geht also einen anderen Weg?
Courtois: Das Führungsteam von Microsoft hat vor einigen Jahren eine klare Entscheidung getroffen: Microsoft ist eine Firma, die anderen dabei hilft, die digitale Transformation erfolgreich zu bewältigen. Wir investieren fast 15 Milliarden Dollar, um das zu erreichen. Diese Klarheit hilft uns, starke Partnerschaften mit Kunden zu schließen.

Sie wollen nicht mit Ihren Kunden konkurrieren – heißt das auch, dass Sie exklusiv nur mit einem Energieversorger arbeiten?
Courtois: Eon hat eine klare Vision und Strategie für seine digitale Transformation, und wir helfen ihm, das umzusetzen. Wird es auch andere Energieversorger geben? Sehr wahrscheinlich – diese können sich mit ihren ganz eigenen Ideen und Stärken im Markt differenzieren. Wichtig ist: Wir sind Partner von Unternehmen wie Eon, keine Konkurrenten. Wir haben nicht vor, beispielsweise im Energiemarkt anzugreifen, Autos zu bauen oder im Pharmahandel aktiv zu sein. Unsere Partner wissen, woran sie bei uns sind.

Viele Menschen sorgen sich um ihre Daten – gerade im vernetzten Zuhause…
Wildberger: Datenschutz und Datensicherheit sind zentral! Die Kunden brauchen maximales Vertrauen, dass ihre Daten geschützt sind. Der Kunde muss und wird die Hoheit über seine persönlichen Daten behalten.

Microsoft stellt seit einiger Zeit Cloud-Computing und künstliche Intelligenz in den Mittelpunkt. Was heißt das für den Vertrieb?
Courtois: Da ist ein massiver Wandel im Gange, der noch nicht abgeschlossen ist. Im Mittelpunkt steht der Erfolg unserer Kunden, der sich in der Nutzung unserer Dienste widerspiegelt – das ist etwas ganz anderes, als einem Unternehmen alle paar Jahre Softwarepakete zu verkaufen. Wir müssen uns den Erfolg jeden Tag verdienen.

Nennen Sie ein Beispiel.
Courtois: Wir haben zum Beispiel neue Rollen im Engineering geschaffen: einerseits für Entwickler, die sich mit einzelnen Branchen auskennen, andererseits für welche, die auf bestimmte technische Themen spezialisiert sind, wie IoT oder künstliche Intelligenz. Wir haben auch eine neue Organisationseinheit geschaffen, die Customer Success Unit. Hier arbeiten unsere Teams ganz eng mit unseren Kunden zusammen, um sie dabei zu unterstützen, den größtmöglichen Nutzen aus den Microsoft-Technologien zu ziehen, die sie einsetzen. Wir organisieren hier beispielsweise Hackathons, um gemeinsam mit unseren Kunden Ideen zu entwickeln oder konkrete Projekte voranzutreiben.
… also gemeinsam in konzertierten Aktionen an Projekten zu arbeiten. Ist der Energiemarkt nur einer von vielen oder ein spezieller?
Courtois: Es ist ein sehr aufregender Markt. Es gibt neue Bedürfnisse der Kunden und neue Technologien, die diese bedienen. Der Kunde konsumiert nicht mehr nur Energie, er kann sie auch selbst produzieren. Er kann sogar den Strom, den er nicht selbst verbraucht, am Markt verkaufen. Es ergeben sich also im Energiemarkt viele neue Geschäftsmodelle.

Hat das bei Eon den Ausschlag gegeben, sich für Microsoft zu entscheiden?
Wildberger: Es ist auf jeden Fall wichtig, dass eine Partnerschaft von einer gemeinsamen Überzeugung und gemeinsamen Werten geprägt ist. Bei uns stehen Kundennutzen und Sicherheit im Fokus. Es spielt auch eine Rolle, wie pragmatisch man miteinander umgeht und wie einfach die Zusammenarbeit fällt. Dies war in unserem Fall von Anfang an gegeben, und das auf allen Ebenen. Darüber hinaus bietet unsere Partnerschaft noch weiteres Potenzial, zum Beispiel im Energielösungsbereich für Industrie- und Geschäftskunden oder in unserem wichtigen Netzgeschäft.

Und Microsoft?
Courtois: Wir profitieren davon, dass Eon als ‚early Adopter‘ der Energiebranche unsere Cloud- und IoT-Dienste nutzt. Darüber hinaus lernen wir in der Zusammenarbeit auch viel über die globalen Herausforderungen der Energiebranche und arbeiten gemeinsam an Lösungen, um diese zu bewältigen.

Welche Branchen hat Microsoft noch als wichtig identifiziert?
Courtois: Die digitale Transformation krempelt jede Branche um. Zum Beispiel die Finanzindustrie: Jede Woche haben wir mit großen Banken und Versicherern zu tun, deren Welt sich verändert. Und natürlich der Handel. Wir haben vor einigen Monaten eine große Partnerschaft mit Walmart angekündigt, die Amazon als Bedrohung sehen. Wir helfen bei der Bereitstellung der IT-Infrastruktur und vernetzen die Lieferkette, helfen aber auch bei der Entwicklung von E-Commerce-Systemen, die der Konkurrenz überlegen sind. Kurzum: Wir unterstützen Unternehmen in allen Branchen bei der Transformation ihres Geschäfts.

Welche wirtschaftlichen Ziele haben Sie sich für das Energiemanagementsystem gesetzt?
Wildberger: Wir bringen das Produkt nächstes Jahr in Deutschland und Großbritannien auf den Markt. Details kann ich noch nicht nennen, wir sind noch mitten in der Planung. Aber es gibt eine wachsende Nachfrage nach dezentralen Stromspeichern und Photovoltaikanlagen in ganz Europa, die wollen wir bedienen. Und natürlich wollen wir das profitabel tun – wir sehen ein solides Geschäftsmodell dahinter.

Herr Courtois, Herr Wildberger, vielen Dank für das Interview.

Startseite

Mehr zu: Softwarebranche - Das stille Comeback von Microsoft – Das ist die neue Erfolgsformel des US-Konzerns

0 Kommentare zu "Softwarebranche: Das stille Comeback von Microsoft – Das ist die neue Erfolgsformel des US-Konzerns"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%