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SAP-Zentrale in Walldorf

Der Konzern stellt sich auf neue technische Trends ein.

(Foto: imago/R. Wittek)

Softwarehersteller SAP steht vor dem nächsten großen Personalumbruch

Der Softwarehersteller will sich von rund 4400 vornehmlich älteren Mitarbeitern trennen. Parallel arbeitet SAP jedoch an einer Einstellungsoffensive.
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WalldorfDie Gerüchte waren schon seit der Weihnachtszeit in Kaffeeecken und auf Fluren zu hören: SAP plant eine große Umstrukturierung. „Wir müssen sicherstellen, dass wir die richtigen Qualifikationen haben“, sagte Vorstandschef Bill McDermott Ende Januar, als er bei der Vorlage der Jahreszahlen das Programm ankündigte.

Es gehe nicht darum, die Kosten zu senken, sondern neues Wachstum zu finanzieren, betonte der Manager. Dafür brauche der Softwarehersteller, der für betriebswirtschaftliche Programme bekannt ist, Technologien wie Cloud-Computing, das Internet der Dinge und Künstliche Intelligenz.

Dass sich SAP immer wieder an technische Neuerungen anpassen muss, ist unstrittig. Und dass der Konzern eine großzügige Regelung anbieten will, nimmt den Mitarbeitern die Angst. Allerdings dürfte das Programm große Veränderungen mit sich bringen, gerade in der Konzernzentrale in Walldorf. Wenn der Aufsichtsrat ab diesem Mittwoch tagt, dürfte der Plan daher auf der Tagesordnung stehen.

Mit dem Programm will SAP die Belegschaft umfangreich umbauen. 800 bis 950 Millionen Euro plant der Konzern ein, um Mitarbeiter in den Vorruhestand zu verabschieden oder ihnen Abfindungen anzubieten. Unabhängig davon gibt es ein neues Altersteilzeitprogramm, auf das sich Management und Konzernbetriebsrat jüngst einigen konnten.

SAP geht aufgrund früherer Erfahrungen davon aus, dass weltweit bis zu 4 400 Mitarbeiter das Unternehmen verlassen, davon 1000 bis 1200 in Deutschland. Sollten es mehr sein, würde das Management das aber akzeptieren, wie es anklingen lässt. Die Resonanz hängt indes von der konkreten Gestaltung ab, über die der Vorstand derzeit mit dem Konzernbetriebsrat verhandelt.

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Gerade in der Zentrale in Walldorf gibt es viele Mitarbeiter, für die das Programm infrage kommen könnte: Sie heuerten ab den 1990er-Jahren an, als SAP zu einer globalen Größe wurde. Arbeitnehmervertreter berichten, dass in der Altersklasse ab 55 zahlreiche Kollegen hoffen, sich mit einer großzügigen Regelung in den Ruhestand verabschieden zu können.

Bereits 2015 hatte der Konzern älteren Mitarbeitern üppige Abfindungsangebote gemacht. Bei zehn Jahren Betriebszugehörigkeit wurden 18,5 Monatsgehälter gezahlt, bei 20 Jahren 33,4 und 30 Jahren 43,5.

Gleichzeitig sucht SAP in den Wachstumsbereichen weiter Mitarbeiter. „Wir gehen davon aus, dass wir Ende des Jahres mehr Mitarbeiter haben werden als jetzt“, so Cawa Younosi, Personalchef von der deutschen Gesellschaft, gegenüber dem Handelsblatt. Da das Prozedere langwierig sei, habe die Personalabteilung bereits Pläne entwickelt. Im März soll eine Rekrutierungsoffensive beginnen.

Analysten fordern Verbesserung der Profitabilität

Der erste Grund für das Programm: Das Geschäft von SAP verändert sich derzeit stark. Technologien wie Künstliche Intelligenz und Blockchain verändern den Umgang mit Unternehmenssoftware. Zudem ist der Wettbewerb so intensiv wie in kaum einer anderen Branche, zahlreiche Wettbewerber, zumeist aus den USA, treten in den verschiedenen Feldern gegen den deutschen Konzern an – ob Oracle, Salesforce, Workday oder die vielen Start-ups.

Der zweite Grund ist finanzieller Art. Analysten und Aktionäre fordern nach den hohen Investitionen der vergangenen Jahre eine deutliche Verbesserung der Profitabilität. Das Management betont, dass das Cloud-Geschäft mit dem Wachstum immer effizienter wird – aber auch, dass eine „stärkere Fokussierung auf strategisch wichtige Bereiche“ geplant sei. Die Restrukturierung soll ab 2020 jährlich 750 bis 850 Millionen Euro an Einsparungen bringen.

Es ist ein wichtiges Argument, um die Investoren davon zu überzeugen, dass der SAP-Aktienkurs weiter steigen kann. Der Softwarehersteller ist zwar mit einer Marktkapitalisierung von gut 115 Milliarden Euro der wertvollste Konzern im Dax, Vorstandschef McDermott sagte aber im vergangenen Jahr, dass 300 Milliarden Euro realistisch seien. Da war das Börsenklima aber noch deutlich besser.

Das Management profitiert zudem von einem buchhalterischen Effekt: Die Personalkosten fallen niedriger aus, weil bald mehrere Tausend ältere, vornehmlich hoch eingestufte Mitarbeiter gehen. Der Restrukturierungsaufwand wird in den operativen Aufwendungen nicht berücksichtigt.

Die Profitabilität steigt, zumindest auf dem Papier. Das hilft dem Vorstand, die gegenüber der Börse ausgegebenen Ziele zu erreichen, die auch bei der Vergütung des Topmanagements eine wichtige Rolle spielen. Denn SAP verwendet für die Planung und Berichterstattung primär bereinigte Kennziffern.

Der Vorstand spricht in der Öffentlichkeit von einem „Fitnessprogramm“. Was harmlos klingt, bedeutet für SAP aber große Veränderungen. So sind Veränderungen am Portfolio unumgänglich. Insider gehen davon aus, dass der Konzern Nischenprodukte und Speziallösungen nicht mehr weiterentwickelt, so dass Programmierung, Vertrieb oder Beratung entfallen. Eine Alternative besteht darin, Produkte an Partner oder Kunden zu verkaufen. SAP äußerte sich auf Anfrage dazu nicht.

Diskussionen unter den Mitarbeitern

Einen konkreten Plan hat der Vorstand noch nicht vorgelegt. Die Prioritäten lassen sich aber aus einer E-Mail an die Belegschaft ablesen, die dem Handelsblatt vorliegt: Sie listet auf, welche Mitarbeitergruppen und Organisationen am Abfindungsprogramm nicht teilnehmen dürfen.

Dazu zählen die Bereiche „Machine Learning“ und „Analytics Cloud“, die für die intelligente Datenauswertung wichtig sind, aber auch Datenschutz und -sicherheit.

Bereiche, in denen SAP stabil sei oder wachse, „sind ausgeklammert“, betont Personaler Younosi. Spezialisten für Künstliche Intelligenz sollen beispielsweise bleiben – „da suchen wir händeringend nach Personal“, betont der Personalchef.

Trotz der großzügigen Konditionen gibt es unter Mitarbeitervertretern einige Diskussionen. Zum einen geht es um Weiterbildungen: Die Unsicherheit müsse möglichst gering gehalten werden – „dazu braucht es eine klare Aussage der SAP, dass jeder Mitarbeiter eine berufliche Zukunft im Unternehmen hat“, erklärt der Betriebsratsvorsitz der SAP SE. Dafür seien „großzügige Investitionen in die Weiterbildung“ der Belegschaft nötig.

Zum anderen geht es um den Wissenstransfer: SAP hat Know-how über die Abläufe in Unternehmen aufgebaut, das als Alleinstellungsmerkmal gilt. Es müsse einen Plan geben, „bei dem ältere Mitarbeiter ihr businesskritisches Know-how in angemessener Zeit weitergeben und dann in Vorruhestand gehen können“, erklärt Aufsichtsrat Andreas Hahn gegenüber dem Handelsblatt. „Bei der Restrukturierung 2015 habe ich diesen Wissensabfluss leider zu oft beobachten müssen.“

Mehr: Konzernchef McDermott hat kürzlich im Handelsblatt-Interview über die Jahresbilanz gesprochen. Lesen Sie hier seine Aussagen: „SAP wächst schneller als die Konkurrenz.“

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