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„Spiegel“-Affäre Der Fall Relotius: Journalismus – zu schön, um wahr zu sein

Der Skandal um den enttarnten Fälscher ist nicht nur ein Problem für den „Spiegel“. Er setzt der ganzen Branche zu – und verdeutlicht eine Gefahr.
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Die neue Affäre rüttelt am journalistischen Selbstverständnis. Quelle: imago/CHROMORANGE
„Spiegel“-Gebäude in Hamburg

Die neue Affäre rüttelt am journalistischen Selbstverständnis.

(Foto: imago/CHROMORANGE)

MünchenAls Konrad Adenauer 1963 ging, kam Rudolf Augstein nach ganz oben. Das politische Ende des ersten Bundeskanzlers war eng verknüpft mit dem Verleger in Hamburg, der in der „Spiegel“-Affäre ein Jahr zuvor dem Adenauer-Staat widerstanden hatte.

Weltweit entstand ein Mythos. Die „Spiegel“-Leser würden wissen, „dass sie die Wahrheit lesen, die unbequeme, aber der Demokratie unentbehrliche Wahrheit“, rühmte das „Jornal do Brazil“ aus Rio de Janeiro.

Das Nachrichtenmagazin hat seitdem enorm von der Staatsaffäre profitiert. Augsteins Gründung wurde zum „Sturmgeschütz der Demokratie“. Am vorigen Mittwoch zur Mittagszeit aber zerbrach das Ideal, das zuletzt schon unter Auflagen- und Werbeeinbußen gelitten hat.

Da offenbarte Neu-Chefredakteur Steffen Klusmann den entsetzten Mitarbeitern, dass ein angesehener Reporter, mehrfach mit Preisen dekoriert, tatsächlich ein Serientäter der Fälschung war. Ein Felix Krull der Branche, der seine Lesestücke nach freier Kunst manipuliert hat.

Und so ist der Fall Claas Relotius, 33, nicht nur ein Problem des „Spiegels“, sondern – in Wahrheit – der ganzen Branche, die sich seit einiger Zeit schon der „Lügenpresse“-Vorwürfe aus dem AfD-Milieu sowie der „Fake-News“-Spötteleien aus dem Lager des Donald Trump und anderer Autokraten erwehren muss. Die Causa weist auf sehr grundlegende Fragen hin – und auf eine nun offenbar notwendige Selbstbesinnung.

Ein Serientäter der journalistischen Fälschung. Quelle: action press
Claas Relotius

Ein Serientäter der journalistischen Fälschung.

(Foto: action press)

Die neue „Spiegel“-Affäre rüttelt so gewaltig am journalistischen Selbstverständnis, weil es eben die alte „Spiegel“-Affäre gab. Aus dem Hort der Wahrheit wurde eine Werkstatt des Virtuellen, in der ein überehrgeiziger Journalist unbehelligt vom großen Apparat Fiktion in Fakten verwandeln konnte – ein Frontalangriff auf das Geschäftsmodell Glaubwürdigkeit.

Nur so ist zu erklären, dass der „Spiegel“ mit großem Aplomb online das Unerklärliche zu erklären versucht. Der Text beginnt wie eine Novelle: „Kurz vor dem Ende seiner Karriere kamen sich Glanz und Elend im Leben des Claas Relotius einmal ganz nah.“ Das wurde in sozialen Netzwerken prompt als neuer Beleg für die Über-Inszenierung kritisiert.

Vorbild Kummer-Affäre

Eine Kommission soll nun klären, was da genau geschehen ist. So hatte es die „Süddeutsche Zeitung“ im Jahr 2000 auch gehalten, als der Autor Tom Kummer zum Thema wurde: Er hatte Interviews mit Hollywood-Größen zu Psychogesprächen frisiert, auch im „SZ-Magazin“ – bis er 2000 mit der dreisten Erfindung aufflog, die Rocksängerin Courtney Love zeige gerne ihre Brüste her.

„Wir haben sofort drei erfahrene Redakteure beauftragt, nach innen rücksichtslos zu recherchieren und zu dokumentieren“, erzählt Hans Werner Kilz, damals Chefredakteur. Für den Abdruck auf mehreren „SZ“-Seiten sei man sogar von Kollegen angefeindet worden. Die verantwortlichen Journalisten mussten gehen.

Dass der „Spiegel“, dessen Redaktion Kilz zuvor leitete, nun ähnlich vorgeht, findet er gut: „Journalisten sind schnell dabei, den Rücktritt von Ministern zu fordern, wenn in deren Ressort etwas Gravierendes schiefgelaufen ist. Dann müssen sie, wenn sie selbst betroffen sind, auch zu ihrer Verantwortung stehen. Dafür sind sie gut bezahlte Ressortleiter oder Chefredakteure.“

Der Autor frisierte Interviews mit Hollywood-Größen. Quelle: imago/Gerhard Leber
Tom Kummer

Der Autor frisierte Interviews mit Hollywood-Größen.

(Foto: imago/Gerhard Leber)

In fünf Jahren „Spiegel“ hatte sich Relotius aus dem diffusen Gesellschaftsteil heraus immer mehr Freiraum erarbeitet. Er galt als Edelfeder mit Erfolgsgarantie, Automatismen breiteten sich aus. 55 Artikel entstanden, 14 sind schon als gefälscht entlarvt. Auch für andere Medien schrieb der Dichter. Es sei ein „Tiefpunkt in der 70-jährigen Geschichte“ des „Spiegels“, bilanziert Ullrich Fichtner aus der Chefredaktion.

Es ist noch mehr. Claas Relotius steht für einen Boom-Zweig: den literarischen Journalismus, der ins Romanhafte abgleitet, manchmal ins Rosamunde-Pilcher-Artige. Diese Spielart führt das „Ich“ und die Emotion ein, sie liebt das blumige Narrativ mehr als den trockenen Tatsachenstand und verdrängte zusehends das Brot-und-Butter-Geschäft mühsam erarbeiteter Newsstorys.

Richtig gefährlich wird das Genre, einst aus dem „Gonzo-Journalismus“ in den USA entstanden, wenn es Pädagogisierung leistet – das Erziehen der Leser, weil man die Welt vorsortiert hat. So sollte Relotius in Fergus Falls, Minnesota, Relevantes über Trump-Fans finden. Er fand nichts und textete ein Schild am Ortseingang herbei: „Mexicans keep out“.

Auch Geschichten über eine Bürgerwehr an der Grenze zu Mexiko oder eine alte Frau, die als Zaungast zu Hinrichtungen fährt, schmückte Relotius mit ganz viel Lametta, wie bei einem prallen Weihnachtsbaum.

Zu schön für den Wahrheits-Tüv

Man liebe im Publikum eine „fast märchenhafte Geschichte“, sagt Bernd Gäbler, Professor für Medien an der Fachhochschule für Mittelstand in Bielefeld. Bei seinen Studenten registriere er oft ein Spiel zwischen Fakt und Fiktion.

Es fehle am Bewusstsein, wie wichtig recherchierte Wahrheiten seien. Man beschränke sich auf „Wahrhaftigkeiten“ – genauso könnte es ja passiert sein. Insgesamt, so Gäbler, sei die neue „Spiegel“-Affäre eine „Katastrophe für den deutschen Journalismus“.

Natürlich, solche Hochstapeleien hat es immer gegeben. Janet Cooke gewann 1981 für die „Washington Post“ einen Pulitzer-Preis mit einer Story über einen schwarzen, heroinabhängigen Jungen, der gar nicht existierte. Bei der „New York Times“ wiederum fiel 2003 Jayson Blair mit gefälschten Storys auf, heute berät er Leute mit bipolarer Störung.

Aber die Causa Relotius ist doch von besonderer Güte. Viermal erhielt er allein den „Deutschen Reporterpreis“, die Preise gab er nun zurück. Es war alles zu schön, um wahr zu sein. Zu schön auch für „Spiegel“-Dokumentare, die mit ihrem Wahrheits-Tüv überfordert waren. Erst ein Kollege, der als Koautor bei einer Story auftrat, entwickelte jenes Misstrauen, das der Führung des Blattes fehlte – und wies den Betrug nach.

In der Eingangshalle des „Spiegels“ in Hamburgs Hafencity ist weiter groß zu lesen, was man für des Verlegers Vermächtnis hält: „Sagen, was ist.“

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