Supermicro Chinesische Spionagesoftware auf Computerchips? US-Hersteller unter Dauerbeschuss

Supermicro steht im Mittelpunkt eines mysteriösen Spionageskandals. Obwohl die Vorwürfe ungeklärt sind, hat die Firma fast die Hälfte seines Börsenwertes verloren.
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Supermicro wegen Spionagevorwürfen unter Dauerbeschuss Quelle: Cultura/Getty Images
Chipfabrikation in China

Die Elektronikbranche produziert fast vollständig dort.

(Foto: Cultura/Getty Images)

DüsseldorfUnmittelbar nach Veröffentlichung der Nachricht krachte die Aktie ein: Der Kurs des Hardwareherstellers Supermicro mit Sitz im kalifornischen San José sackte zeitweise um die Hälfte auf unter zehn Dollar ab.

Das US-Magazin „Bloomberg Businessweek“ hatte in der Nacht zu vergangenem Freitag darüber berichtet, dass sich auf Hauptplatinen von Serversystemen, die das Unternehmen an Kunden wie Apple und Amazon verkauft hat, ein Mikrochip mit Schadcode befunden haben soll. Als Auftraggeber der vermeintlichen Spionagesoftware wollen die US-Reporter das chinesische Militär ausgemacht haben.

Die betroffenen Konzerne, allen voran Apple und Amazon, haben den Bericht vehement dementiert. Auch Geheimdienstkreise schätzen die Glaubwürdigkeit als gering ein. Das US-Magazin verteidigte seine Darstellung und legte diese Woche nach: In einem weiteren Bericht zu manipulierter Hardware von Supermicro geht es um einen Chip, der angeblich in der Netzwerkbuchse des Boards versteckt war.

Anders als beim ersten Bericht gibt es eine namentlich benannte Quelle: Yossi Appleboum, Mitgründer der auf Hardware-Security spezialisierten Firma Sepio Systems. Der Experte, so heißt es in dem zweiten Bericht, habe ähnliche Chips auch bei anderen Firmen gefunden, die in China produzieren, nicht nur bei Supermicro. „Supermicro ist ein Opfer – genau wie alle anderen“, zitiert „Bloomberg“ den Ex-Mitarbeiter des israelischen Militärgeheimdienstes.

Ob Opfer oder nicht: Supermicro steht im Mittelpunkt eines mysteriösen Spionageskandals, dessen Wahrheitsgehalt bis heute nicht geklärt ist. Der Dauerbeschuss macht dem Unternehmen massiv zu schaffen – der Aktienkurs hat sich auch nach einer Woche nicht erholt.

Supermicro ist mit einem Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar und mehr als 2.600 Mitarbeitern der weltweit fünfgrößte Anbieter von Servern und einer der Spitzenreiter in den Bereichen Enterprise-Computing und Netzwerklösungen. Die Geschäfte der hochspezialisierten Firma liefen bislang gut: Im zweiten Quartal verkaufte das Unternehmen nach Einschätzung des Marktforschers IDC 175 Millionen Server, ein Plus von fast 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der Marktanteil liegt bei knapp sechs Prozent.

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Firmen wie Supermicro entwickelten nicht nur hochqualitative Hardware, betont IDC – sie entwickeln auch flexible Software, die sich an die Zwecke der Kunden anpassen lässt, im Branchensprech „softwaredefinierte Lösungen“. Der Vorteil: Unternehmen können ihre IT-Prozesse auf Standardkomponenten laufen lassen, was einfacher und kostengünstiger ist.

Im Zeitalter von Big Data und Cloud-Computing sind Systeme gefragt, wie sie Supermicro baut. Der Markt wuchs laut IDC im zweiten Quartal um mehr als 40 Prozent auf 22,5 Milliarden Dollar. Firmen investierten in Infrastruktur, um Anwendungen der nächsten Generation zu ermöglichen, erläutert der Marktforscher. Zudem seien die großen Cloud-Anbieter dabei, ihre Rechenzentren weiter auszubauen – davon profitierten die Zulieferer.

„Vor dem Hintergrund, dass die Welt zu 5G übergeht und Unternehmen mehr KI-, maschinelle Lern- und Cloud-Anwendungen nutzen, fordert die Branche immer mehr und bessere rechenintensive Lösungen – insbesondere in Rechenzentren“, sagte Charles Liang, Präsident und CEO von Supermicro, anlässlich des 25-jährigen Firmenjubiläums vor zehn Tagen. Damals war seine Welt noch in Ordnung.

Mit der Veröffentlichung des Berichts gingen Unternehmen auf Distanz zu dem Serverspezialisten. In einer Erklärung schrieb beispielsweise der chinesische Computerhersteller Lenovo, dass Supemicro „kein Lieferant von Lenovo in irgendeiner Form“ sei und Lenovo Maßnahmen ergreifen werde, um die Integrität seiner Lieferkette zu schützen.

Die Berichte über die Infiltrierung der Server sind allerdings nicht das einzige Problem von Supermicro. Das Unternehmen reichte mehrere Quartalsberichte verspätet und unvollständig ein, der Börsenbetreiber Nasdaq drohte daraufhin, es künftig nicht mehr zu listen.

Dass der Aktienkurs so tief stürzt, hat auch mit Supermicros geringer Marktkapitalisierung zu tun – große Verkäufe schlagen dann umso stärker durch. Der Börsenwert erreichte in der Spitze 1,9 Milliarden Dollar, vor den „Bloomberg“-Berichten lag er bei 1,04 Milliarden Dollar. Derzeit ist die Firma nur etwas mehr als 600 Millionen Dollar wert.

Besonders bitter: Die Berichte, die zum Absturz der Aktie geführt haben, sind unter IT-Sicherheitsexperten umstritten. Die Infiltrierung von Hardware gilt als zwar möglich, aber umständlich. Weitere Belege für die These sind bislang nicht bekannt geworden.

Der Fall erinnert indes daran, dass die Elektronikbranche ihre Produktion fast vollständig nach China verlagert hat. Selbst wenn nur Teile der Berichte stimmen sollten, wären die Folgen weitreichend.

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