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SXSW 2019

Gesundheitspolitik Google, Apple und Amazon werden zur Gefahr für deutsche Krankenversicherer

Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley preschen mit digitalen Angeboten auf den Gesundheitsmarkt. Die Krankenkassen geraten unter Druck.
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Die Digitalisierung kommt im Gesundheitswesen nur langsam voran, zu viele widerstreitende Interessen gibt es. Quelle: imago/Science Photo Library
Digitale Diagnose

Die Digitalisierung kommt im Gesundheitswesen nur langsam voran, zu viele widerstreitende Interessen gibt es.

(Foto: imago/Science Photo Library)

BerlinIm Silicon Valley arbeiten Wissenschaftler, Ärzte und IT-Ingenieure daran, die Medizin durch Algorithmen und Künstliche Intelligenz umzuwälzen. Verily heißt der Gesundheitsableger von Googles Mutterkonzern Alphabet, der datengestützte Ansätze zur Prävention und Therapie von Krankheiten entwickelt. Vergangenes Jahr etwa präsentierte das Unternehmen eine Technologie, mit der sich das Risiko eines Herzinfarkts allein mit einem Scan der Netzhaut im Auge erkennen lässt.

Noch konzentriert sich Verily vor allem auf den amerikanischen Markt. Doch es gibt bereits Pläne, international anzugreifen und die Gesundheitsmärkte auf den Kopf zu stellen. Eine Milliarde Dollar hat das Unternehmen erst kürzlich bei Investoren eingesammelt. Das Geld könnte schon bald auch in den deutschen Markt fließen.

Die Verbindung zwischen Zukunftsprojekten im Silicon Valley und dem Alltag der rund 72 Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland scheint auf den ersten Blick gering. Doch der Anspruch von Tech-Riesen wie Google, Apple oder Amazon, auch den Gesundheitsmarkt zu erobern, könnte die Versorgung hierzulande grundlegend verändern.

Das geht aus einer Studie hervor, mit der die Unternehmensberatung Deloitte im Auftrag des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) die Herausforderungen durch die Digitalisierung untersucht hat.

Das beunruhigende Ergebnis: Das gesetzliche System der Krankenkassen ist unzureichend darauf vorbereitet, den digitalen Wandel aus eigener Kraft zu gestalten. Die unterschiedlichen Akteure ziehen nicht an einem Strang, der regulatorische Rahmen ist zu eng. Ohne eine gemeinsame Vision für die datenbasierte Gesundheitswelt drohe die gesetzliche Krankenversicherung den Anschluss zu verlieren, lautet der Befund.

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„Durch Technologieplayer und Start-ups ergeben sich innovative und für Patienten attraktive Versorgungsoptionen zunehmend außerhalb des Gesundheitssystems“, heißt es in der Studie, die dem Handelsblatt vorliegt.

Der Satz beinhaltet Sprengstoff: Wenn innovative digitale Lösungen vermehrt außerhalb der regulären Krankenversorgung im sogenannten zweiten Gesundheitsmarkt angeboten würden, „könnte dieser zukünftig von Versicherten als erste Anlaufstelle wahrgenommen werden, und Patienten könnten zunehmend aus dem Verantwortungs- und Einflussbereich der GKV abwandern“.

Die Autoren der Studie sehen nicht nur das Risiko, dass die gesetzlichen Krankenversicherer es mit der Digitalisierung nicht mehr in der Hand haben, wie sich das Gesundheitssystem weiterentwickelt. Sie warnen auch vor Gefahren für die Sicherheit der Patienten.

Bislang wird der medizinische Leistungskatalog, den die Kassen bezahlen, auf der Basis einer wissenschaftlichen Nutzenbewertung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss festgelegt – ein unabhängiges Gremium, in dem Vertreter der Krankenkassen, Kliniken, Ärzte und andere Gesundheitsakteure sitzen. Angebote jenseits dieses Katalogs haben den Prüfstempel für die Qualität der Leistungen nicht.

„Deutschland hinkt bei der Digitalisierung im Gesundheitssystem sehr hinterher“

Krankheiten über immense Datenmengen vorzubeugen und zu behandeln läutet ein neues Zeitalter in der Medizin ein. Zugleich eröffnen sich Patienten neue Versorgungsangebote, von der Telemedizin bis zur Nutzung von elektronischen Patientenakten. In Deutschland kommt Digital Health aber nur sehr langsam an. Die Bertelsmann Stiftung ließ vergangenes Jahr die Digitalisierung im Gesundheitswesen in 17 Staaten untersuchen, die Bundesrepublik landete auf dem vorletzten Platz.

T-Systems baut Gesundheitsdatennetz

 „Ob Arztpraxen, Apotheken oder Krankenkassen – vieles läuft im deutschen Gesundheitswesen noch analog“, beschreibt T-Systems-Chef Adel Al-Saleh die Lage. Die Telekom-Tochter ist am Aufbau des Gesundheitsdatennetzes in Deutschland beteiligt, der sogenannten Telematikinfrastruktur. Immerhin erhöhe die Bundesregierung bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems mittlerweile das Tempo.

„Wir haben jetzt nicht nur die Möglichkeit, zu anderen Ländern in Europa und in der Welt aufzuschließen“, sagt Al-Saleh dem Handelsblatt. „Wenn wir uns anstrengen, können wir sie auch überholen.“

Die Politik hatte die Digitalisierung des Gesundheitswesens ursprünglich in die Hände der Selbstverwaltung gelegt. Mehr als zehn Jahre lang blockierten sich Kassen, Ärzteschaft und Krankenhäuser gegenseitig bei dem Ziel, die Patientendaten in Deutschland zu vernetzen.

Zugleich finden digitale Anwendungen nur schwer den Weg in die Regelversorgung. Die Verfahren, mit denen neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden erprobt und zugelassen werden, dauern oft Jahre. Mit der Geschwindigkeit der Innovationen können die Strukturen nicht mithalten.

Innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung herrscht nicht einmal Einigkeit, wie mit dem digitalen Wandel umzugehen sei, zeigt die Deloitte-Studie: Es sei „unklar, inwiefern digitale Lösungen auch Bestandteil der Zielbilder der gesetzlichen Krankenkassen und ihrer Verbände sowie des GKV-Spitzenverbands sind, und vor allem, wie konkrete Schritte zu einer noch schnelleren und effizienteren Integration in die Versorgung aussehen“.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat die Digitalisierung zur Chefsache erklärt. In seinem ersten Amtsjahr brachte er die Akteure im Gesundheitssystem zumindest dazu, sich auf einen verbindlichen Fahrplan für die Einführung einer elektronischen Patientenakte zu einigen. Auf sie sollen künftig auch die Versicherten mit ihren elektronischen Geräten zugreifen können.

Die Gesellschaft Gematik, in der die Selbstverwaltung den Aufbau des Gesundheitsdatennetzes steuert, will Spahn faktisch unter die Kontrolle seines Ministeriums stellen. Der CDU-Politiker setzt sich zudem dafür ein, dass digitale Innovationen schneller in der Regelversorgung ankommen. „Digitalisierung muss man nicht erleiden, sondern gestalten“, sagte er. Die Frage sei, ob es eine deutsche Lösung geben werde oder am Ende Konzerne wie Google den digitalen Gesundheitsmarkt beherrschen.

Einzelverträge statt Strategien

Angesichts der komplizierten Aufnahme von digitalen Angeboten in den Leistungskatalog schließen immer mehr Krankenkassen Einzelverträge mit E-Health-Unternehmen ab. Die Techniker Krankenkasse kooperiert etwa mit dem Berliner Start-up Ada Health, das eine auf Künstlicher Intelligenz basierende Diagnose-App entwickelt hat.

In die Smartphone-Anwendung können Patienten ihre Beschwerden eingeben und erhalten dann eine erste gesundheitliche Bewertung. Die Barmer bietet ihren Versicherten die App Mimi an, mit der Nutzer ihr Hörvermögen testen und auf dem Smartphone abgespielte Musik an ihr Hörprofil anpassen können.

Es sind kleine Schritte in einem Wettlauf gegen die Zeit. „Zahlreiche Technologieunternehmen haben das Ziel, die Strukturen des Gesundheitsmarktes langfristig zu verändern“, schreibt Studienautor Gregor Elbel. Die „Kombination aus technologischem Disruptionspotenzial und hohen Gesundheitsausgaben“ mache Investitionen in Digital Health besonders reizvoll.

Auch in Deutschland könnten diese Unternehmen „über kurz oder lang“ in direkte Konkurrenz zu Angeboten der gesetzlichen Krankenkassen treten.

„Ein sich intensivierender Wettbewerb um Daten ist zu erwarten – eine rechtzeitige Positionierung der GKV zu einer Datenzusammenführung und übergreifenden Nutzung ist daher essenziell“, heißt es in der Studie. Wenn Google und Co. im Gesundheitsbereich eine kritische Masse an Nutzern erreichten, werde es für die GKV umso schwerer, bei der datengetriebenen Medizin mitzuhalten.

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