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SXSW 2019

SXSW 2018 Warum es deutsche Start-ups nach Texas zieht

Das Kreativfestival South by Southwest lockt jedes Jahr auch zahlreiche deutsche Gründer nach Austin. Manchmal findet sich hier der richtige Partner, manchmal die entscheidende Erfolgsidee. Vier deutsche Gründergeschichten aus Texas.
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Austin Die South by Southwest ist anders als andere Konferenzen: Hier trägt keiner Anzug, es sei denn, es ist eine ironische Anspielung. Statt Banketten im Anschluss, werden die Besucher mit Foodtrucks auf der Straße verköstigt. Alles ist mehr Festival als Geschäftsreise - nur, dass das eben nicht auf einem matschigen Platz stattfindet, sondern in einer ganzen Stadt. Zwischen Konferenzhallen und Bars, in Hotellobbys und auf Dachterrassen. Trotzdem geht es hier auch ums Geschäft, manchmal aber ganz anders, als man es sich anfangs gedacht hat.

Für den Ostwestfalen Stefan Trockel ist die South by Southwest längst zum festen Eintrag im Kalender geworden. Der Bielefelder kommt seit vier Jahren in die texanische Hauptstadt. Dabei ist der Ort auch für ihn als Gründer zum entscheidenden Wegbereiter geworden.

Trockel ist nicht der einzige Unternehmer, den es nach Texas zieht. Den langen Weg von Deutschland nehmen aber nicht nur Vertreter von Großkonzernen wie Daimler auf, sondern auch zahlreiche Gründer - von Berlin bis Bielefeld. Dabei ist die SXSW vor allem auch ein Platz zum Austausch und Inspiration: Zahlreiche Vorträge und Workshops sind auf Gründer ausgerichtet - vom perfekten Pitch vor Kapitalgebern bis hin zur richtigen Produktionsstrategie.

Aber die Konferenz ist auch eine wichtige Plattform für frisches Kapital: Denn unter den über 400.000 Besuchern finden sich nicht nur Tech-Begeisterte und Kreativfreaks, sondern auch Investoren und Unternehmer. Nicht umsonst ist mit Capital One ein großer US-amerikanischer Finanzdienstleister offizieller Sponsor der Konferenz. Das wissen auch junge Unternehmer aus Deutschland, die hier interessante Kooperationen anleiern oder vielleicht sogar die entscheidende Idee finden, die später zum Erfolg führt. Wie deutsche Gründer in Texas bei den großen Trends mitmischen wollen.

Einer der Trends der SXSW sind die sogenannten Bots, also Maschinen, die beispielsweise in der Kommunikation im Kundenservice eingesetzt werden und einfache Anfragen beantworten können. Die Visionäre der Konferenz diskutieren ihren Einsatz aber zum Beispiel auch im Gesundheitswesen, zum Beispiel als Psychologenersatz.

Auch wenn Ostwestfale Trockel mit seinem Unternehmen Mercury.ai keinen automatisierten Kummerkasten baut, setzt er doch auf die Zukunft der Chatbots. Die SXSW war dabei viel mehr als nur eine Inspiration, sie war der Moment, in dem ostwestfälische Wertarbeit auf amerikanischen Gründergeist und das richtige Netzwerk trafen. Zusammen mit ehemaligen Kollegen baute er 2015 einen einfachen Chatbot-Prototypen und stellte ihn 2016 in Austin vor. „Damit sind wir dann herumgerannt und haben ihn allen möglichen Leuten unter die Nase gehalten. Das Feedback, unter anderem von Guy Kawasaki, war so gut, dass wir uns entschlossen haben, weiter zu machen.“

Mit dieser Bestätigung durch den einflussreichen Autor und Unternehmer aus dem Silicon Valley gründete das Team Mercury.ai. Der erste Kunde war bereits drei Monate später Nestlé, erzählt Trockel: „Für Mercury.ai hat das Festival also sogar eine gewisse Geburtshilfe geleistet“

Und auch wenn die Zukunft, in der Bots Seelsorge übernehmen, noch weit weg erscheint, so ist das Thema Technologie und Gesundheit sehr nah. In zahlreichen Panels geht es auf der SXSW um die digitale Gesundheit, den Patienten der Zukunft und Geräte, die das menschliche Wohlbefinden verbessern können. Da setzt auch das Berliner Start-up Mimi Hearing Technologies an. Die App „Mimi Music“ passt Klänge an das Hörvermögen an. Der „Mimi Hörtest“ sorgt für den Einblick in das eigene Hörvermögen.

Man sei halt nicht die x-te Sound-Engineering-Bude, die Klang verändere, sondern besitze eine zutiefst wissenschaftliche Vorgehensweise, sagt Geschäftsführer und Mitgründer Henrik Matthies: „Unsere Hörtest-Technologie haben wir zusammen mit der Charité Universitätsklinik entwickelt; und unsere Technologie ist mittlerweile sogar als Medizinprodukt in Europa CE-zertifiziert.“

Die Mimi-Technologien sind nicht nur Basis für ein gemeinsames Präventionsprogramm mit der Barmer-Krankenkasse, sondern sie werden mittlerweile auch in einem kabellosen Kopfhörer von Beyerdynamic integriert, dafür gab es bereits mehrere Preise. Auf der SXSW geht das Start-up nun auf die Suche nach weiteren Partnern - man sei bereits vorab in Gespräche getreten, sagt Matthies: „Dieses Jahr sind wir vor allem an Smartphone-, Auto- und TV-Herstellern interessiert, die unsere Sound-Personalisierungstechnologie in ihre Produkte integrieren wollen, um so auch den Sound auf den individuellen Nutzer anzupassen.“

Dabei ist Mimi Hearing Technologies einer von 170 Akteuren, die die deutsche Hauptstadt Berlin in Austin präsentiert. Denn in Texas buhlen nicht nur Gründer um die Aufmerksamkeit der Besucher, sondern auch Standorte. Über das Start-up-Programm Start Alliance von Berlin Partner, dem Hauptstadt-Förderprogramm, sollen ausgewählte Gründer vor internationalen Investoren pitchen. Und dabei natürlich auch die Werbetrommel für den Standort Berlin rühren. Die Präsenz wirkt: Dass Berlin inzwischen eine feste Größe sei, mit der internationale Investoren rechnen, sei auch solchen Auftritten zu verdanken, mit denen die Hauptstadt Eindruck hinterlasse, sagt der Geschäftsführer von Berlin Partner, Stefan Franzke.

Doch auch andere deutsche Regionen sind nicht untätig: Nordrhein-Westfalen schickt ebenfalls eine Start-up-Delegation nach Austin. Claudia Nussbauer vom Landeswirtschaftsministerium sieht in den Unternehmen vielversprechende Vertreter des Kreativ- und Digitalstandorts NRW: „Sie treffen bei einem eigenen NRW-Matching-Event potenzielle Kunden und Partner aus aller Welt und zeigen ihre Geschäftsmodelle. Zum Beispiel aus den Bereichen Künstliche Intelligenz, Virtual Reality, Handel oder Mobilität.“

Teilnehmer der Delegation ist unter anderem das Bonner Start-up Skymatic, das sich auf die Entwicklung von Verschlüsselungs- und IT-Sicherheitslösungen spezialisiert hat. N: In Zeiten der allumfassenden Vernetzung ist Datensicherheit das Thema der Stunde, das weiß auch Gründer Christian Schmickler. Auf Basis der quelloffenen Verschlüsselungssoftware Cryptomator entwickelt Skymatic sogenannte Cloud-Tresore, zuletzt für 1&1, GMX und WEB.DE, erklärt Schmickler: „Wunsch des Kunden war es, für die Nutzer seiner Online-Portale eine Ende-zu-Ende verschlüsselte Cloud anzubieten.

Unternehmen sehen sich täglich mit Angriffen auf Daten konfrontiert, so dass es generell einen sehr hohen Bedarf an Sicherheits- und Verschlüsselungslösungen gibt.“ Die Sicherheit von Daten ist auch in Austin in zahlreichen Panels Thema, entsprechend sieht Schmickler auch Potenzial für seine Lösung: „Konkret bieten die großen Cloud-Anbieter in den USA ihren Nutzern bislang keine Ende-zu-Ende Verschlüsselung an. Gerade diese Art der Verschlüsselung eignet sich allerdings besonders, um Daten mit hohem Schutzbedarf gegen ungewollte Zugriffe abzusichern.“ Die Tech-Konferenz scheint da die richtige Plattform, um Schmicklers Software an den Kunden zu bringen.

Dabei hat ein anderes Start-up aus NRW hier schon Erfolgsgeschichte geschrieben: Dear Reality, ein Softwareentwickler für die Audioproduktion von Inhalten zum Beispiel in Virtual und Augmented Reality. 2016 wurde das Unternehmen vom Bundeswirtschaftsministerium ausgezeichnet und fuhr zur SXSW. Vor Ort fanden dann zwar einige Gespräche mit Investoren statt, aus denen dann jedoch nichts wurde, erzählt Mitgründer Christian Sander: „Aber haben wir dort ein Unternehmen kennen gelernt, die zu dem Zeitpunkt auch eine kleine Audio-Startup-Bude waren und einen Prototypen für eine UploadVR-Party in einer alten Lagerhalle zusammengebaut hatten.“

Ungefähr vier Monate später hätten die mehrere Millionen Venture Capital eingesammelt und damit gezeigt, dass VR, Musik und Audio zumindest etwas ist, an das Investoren glauben, so Sander: „Das hat uns motiviert, dass wir auf dem richtigen Weg.“ Manchmal hilft die SXSW auch einfach beim Mutmachen.

Und die Investoren sind gekommen: Das Potenzial hat zum Beispiel das deutsche Unternehmen Sennheiser erkannt, das in das Düsseldorfer Start-up investiert hat, was am Donnerstag bekannt gegeben wurde. Auf dessen Stand präsentiert Dear Reality nun seine Software. Das passt zur SXSW: Die hat schließlich mal als Film- und Musikfestival angefangen.

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